Ruf nach Veränderung

Evangelium das heißt übersetzt: Frohe Botschaft, gute Nachricht. Die Botschaft des christlichen Glaubens will frohe Botschaft, gute Nachricht sein für die Menschen. Sie will uns helfen unser Leben freudig zu verstehen und zu gestalten. Christen, so erwarten viele Menschen auch, sollen fröhliche und heitere Menschen sein, sie sollen eine positive Ausstrahlung haben.

Nun werden uns heute Worte vorgelegt, die man mit diesen Gedanken zum Evangelium kaum in Verbindung bringen kann. Ich kenne euch nicht, wo seid ihr her, weicht alle von mir ihr Übeltäter; und es wird Heulen und Zähneklappern sein. Das ist starker Tobak, wie wir zu sagen pflegen, da müssen wir erst einmal tief Luft holen, denn diese Worte Jesus stehen ja als Antwort auf die drängende Frage eines Menschen da: Herr, meinst du, dass nur wenige selig werden?

Auf diese Frage antwortet Jesus, aber ganz anders als wir es erwarten. Lassen sie uns den Text noch einmal ruhig durchgehen. Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem, es ist der Weg, der ihn ans Kreuz führt. Und auf diesem Weg ans Kreuz kommt ein Mann zu ihm. Ich stelle mir vor, dass dieser Mann sehr intensiv nachgedacht hat über das menschliche Leben, über die Religion, über das, was es an Vorstellungen zu seiner Zeit gab. Und dazu gehörte auch der Gedanke, dass nur wenige Seligkeit bei Gott erlangen werden. Und diese Frage hat ihn umgetrieben, denn er war in Sorge um die anderen, die wohl nicht selig werden könnten. Herr, meinst du, dass nur wenige selig werden? Das ist die drängende Frage eines Menschen, der von außen fragt, der in Sorge um andere ist. Es ist aber auch die Frage eines Menschen, der um sich selber keine Sorge hat.

Jesu Antwort ist nun aber im Grunde gar keine Antwort auf die Frage des Mannes, sondern eine Antwort auf seine Lebenshaltung. Eine Lebenshaltung, die er auch bei vielen anderen um ihn herum vermutet, eine Lebenshaltung nämlich, die sich selber aus dem Geschehen heraushält. Das aber lässt Jesus nicht zu. Genau das ist sein Zielpunkt: Ringt ihr darum, dass ihr durch die enge Pforte hineingeht; denn viele, das sage ich euch, werden danach trachten, wie sie hineinkommen und werden’s dennoch nicht können.

Nicht die Seligkeit anderer soll die erste Frage sein, sondern die eigene Seligkeit soll dieser Mann und mit ihm die Umstehenden in den Blick nehmen. Wir sind zwar eigentlich gewohnt, dass die Kirche sagt, dass das Christentum den anderen, den Nächsten an erste Stellen setzen soll, hier aber wird nun die eigene Person nach vorne gerückt. Aber Jesus tut das nicht um den Gedanken der Nächstenliebe zu verdrängen, sondern um uns Menschen auf eine falsche Sicherheit anzusprechen. Jesus spricht uns hier an auf unser Lebensverständnis vor Gott, ein Lebensverständnis, das zumeist geprägt ist davon, dass man schon dazugehört. Wir haben vor dir gegessen und getrunken und auf unseren Straßen hast du gelehrt. Du bist doch in unserer Nähe gewesen, du musst uns doch kennen. Aber Jesus sagt: ich kenne euch nicht.

Das waren sicher Menschen, die wirklich dabei gewesen waren, die sich zugehörig fühlten, weil sie an den äußeren Ereignissen teilgenommen haben. Sie haben am Straßenrand gestanden, haben zugehört, haben vielleicht auch bei einem der Feste teilgenommen, die Jesus besucht hatte. Aber dadurch ist keine Verbindung entstanden, dadurch hat man sich nicht kennen gelernt. Die Teilnahme an äußeren Ereignissen ist nicht gleichbedeutend mit der Gemeinschaft mit Jesus, ist nicht die Versicherung, dass es mit meinem Leben auch gut gehen wird. Nicht die Tauffeiern, die Konfirmation, die Trauung oder das Abendmahl machen unser Leben zu einem seligen Leben. Auch nicht, dass unsere Kirche eine so genannte Volkskirche ist, also ein Kirche, die für alle Menschen da sein will, und die deshalb auch bei möglichst vielen gesellschaftlichen Aktivitäten durch den Pastor repräsentiert sein soll. Der Weg zu einem sinnerfüllten Leben, das stellt Jesus deutlich vor Augen, geschieht nicht dadurch, dass wir bei diesen Veranstaltungen anwesend sind, ansonsten aber so leben, wie wir gerne möchten. Dazu würde Jesus sagen, ich kenne euch nicht.

Ringt darum, dass ihr durch die enge Pforte hineingeht. Das heißt doch, es gibt sicherlich viele Wege sein Leben zu gestalten, es in gewisser Weise als erfülltes Leben zu leben, unsere Welt bietet uns offene Tore an. Aber, so sagt Jesus, der Weg zu Gott geht durch eine enge Pforte.

Ich stelle mir diese Pforte nicht wie eine kleine Tür vor, durch die man in ein Haus hineinkommt, sondern wie ein Tür, in deren Öffnung ein Kreuz ist, so wie bei einem viergeteilten Fenster ein Fensterkreuz sein kann. Und dieses Kreuz verkleinert natürlich diese Tür, macht sie zu einer engen Pforte. Wenn wir durch diese Tür müssen, dann müssen wir uns zunächst einmal kleiner machen, den Kopf senken, denn der Querbalken ist einem geraden Gang im Wege.

Der Weg zu einem seligen Leben im christlichen Sinne führt vorbei am Kreuz Jesu. Und an diesem Kreuz können wir nicht einfach aufrecht und gerade stehen bleiben, vor diesem Kreuz müssen wir kleiner werden. Nicht weil Gott uns demütigen und klein machen will. Nein, weil da jemand auf sich genommen hat, was eigentlich ich selber zu tragen hätte. Jesus Christus trägt unsere Schuld, in die wir immer wieder verstrickt werden, er trägt die Sünde, die wir immer wieder neu aus Eigensucht begehen. Die enge Pforte macht uns das deutlich, dass wir uns dessen bewusst werden sollen, sinnbildlich dargestellt in der demütigen Haltung.

Aber auch in der Breite engt das Kreuz den Weg durch die Tür ein. Mitten im Weg steht es, ich muss versuchen an ihm entlang zu kommen mit dem Gepäck meines Lebens, meinen Gedanken, Vorstellungen, meinen Gütern. Nicht alles wird dabei unbeschadet am Kreuz vorbei kommen, ich werde Gepäck abwerfen müssen: liebgewordene Gedanken, die aber dem Kreuz Jesu entgegenstehen, Vorstellungen, die so nicht zum Kreuz passen, Habseligkeiten, die sich angesichts des Kreuzes als Ballast herausstellen. Der Weg durch die enge Pforte wird Spuren hinterlassen, es wird Schrammen geben, Risse und Verluste. Aber nur so kommt es zu einer echten Begegnung mit Jesus Christus, nur so kommt es zu einem Kennenlernen, das auch Türen öffnet. Wo ich nur Zuschauer bleibe, wo ich nur in seiner Nähe verweile und von außen die Sache betrachte, da kommt es nicht zu einer wirklichen Nähe zu Christus. Auch beim Abendmahl nicht, wenn wir nicht bereit sind, die Botschaft Jesu anzunehmen und sein Herrschaftsrecht über uns anzuerkennen.

Liebe Gemeindeglieder! Das Evangelium als frohe Botschaft verkündigt uns Gottes Gnade, aber diese Gnade ist keine billige Gnade, ein Geschenk, das die Kirche zu Schleuderpreisen vergibt. Die Gnade Gottes ist teure Gnade, teuer, weil sie etwas gefordert hat und heute noch fordert, aber Gnade, weil sie wirklich Geschenk ist. Sie ist teuer, weil sie den Tod eines Menschen gekostet hat, sie ist teuer, weil Gottes Gnade uns in die Nachfolge ruft durch die enge Pforte, sie ist teuer, weil sie uns die Erkenntnis der Sünde vor Augen stellt und das Klare Nein Gottes zur Sünde. Aber sie ist Gnade, weil dieser Tod Jesu Christi uns Leben schenkt, sie ist Gnade, weil es die Nachfolge Jesu Christi ist, in die wir gerufen sind und dessen Joch leicht ist, und sie ist Gnade, weil in ihr Verheißung der Annahme des Sünders ausgesprochen ist, sie ist das klare Ja zum Sünder.

So werden wir am heutigen Buß- und Bettag mit harten Worten angesprochen. Sicher zum einen, weil Bußtag ja auch heißt, dass wir über unser Leben nachdenken sollen, dass wir über den Weg, den wir gehen, nachdenken sollen und auch etwas verändern sollen für uns und andere. Aber vor allem werden uns am Buß- und Bettag kritische und nachdenkliche Gedanken vor Augen gestellt, weil Gott uns nicht im Verderben sehen will, sondern unser Leben will. Ruf in die Umkehr mit harten Worten will nicht eine Beschreibung dessen sein, wie es wirklich sein wird, sondern eben der Ruf zur Veränderung, damit es nicht so kommt. Wir wissen zwar, dass Rufe zur Veränderung vor allem im gesellschaftlichen Bereich oft verhallen. Dennoch ist es nötig, sich dem Ruf nach Veränderung zu stellen. Die harten Worte sind deshalb durch und durch evangelische Worte, es sind Worte einer guten Botschaft für uns alle. Nehmen wir sie an, tun wir Buße, kehren wir um von falschen Wegen.

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