Revolution

"Jesus ist auferstanden, Freude und Dankbarkeit sind die Begleiter dieses
Tages; die Revolution, die entscheidende Revolution der Weltgeschichte ist
geschehen, die Revolution der Welt durch die alles überwindende Liebe.
Nähmen die Menschen voll die offenbarte Liebe im Fürsich-Sein an, die
Wirklichkeit des Jetzt, die Logik des Wahnsinns könnte nicht mehr
weiterbestehen".

Liebe österliche Festgemeinde!

So schrieb Ostern 1963 Rudi Dutschke in sein Tagebuch, der Vordenker und Sprecher der außerparlamentarischen Opposition in den sechziger Jahren, Studentenführer in unruhigen Zeiten, voller Visionen eines gewaltfreien und gerechten Sozialismus und Kommunismus für die ganze Welt. Seiner christlichen Prägung war er treu geblieben, wie dieser Eintrag zeigt. Er
wollte seine politischen Visionen mit dem christlichen Glauben auf einer
Linie verstehen.

Das Stichwort ‚Revolution‘ zeigt wohl an, wie er dachte. Mir scheint, er ist nah dran an dem geschehen, von dem der Evangelist
Markus erzählt.

Ein Umsturz ist das allemal, von dem da die Rede ist. Lieber Christ, das kriegst du in deine Lebenserfahrung auch nicht rein.
Wie auch? Das entwickelt sich keineswegs logisch aus sich selbst heraus. Klares, Bekanntes, Sicheres wird schlicht umgedreht, auf den Kopf gestellt – im wahrsten Sinn eine Revolution. Das passt nicht, das ist aus einer anderen Welt, das fügt sich nicht einfach ein, als könne man es gelangweilt zur Kenntnis nehmen und dann zur Tagesordnung übergehen. Es hinterlässt Spuren – welche auch immer.

Die Tagesordnung, die kennen wir; Dinge, an die wir uns gewöhnen müssen, ob wir wollen oder nicht. Wir werden ja nicht danach gefragt, wie wir das finden und ob wir es so wollen. Die Frauen gehen zur Tagesordnung über. Bis zum letzten Moment haben sie in der Nähe des Kreuzes ausgeharrt. Aber nichts ist geschehen, was ihre Trauer und ihren Schmerz verhindert hätte. Es ist gekommen, wie es eben kommt. Wenn einer da oben hängt, dann gibt’s keinen Ausweg mehr. Dann kommt der Tod, früher oder später. Und wenn er
gekommen ist, dann kannst du weinen, deine Gefühle brechen vielleicht aus
dir heraus – aber dann nehmen die Dinge ihren Lauf. Es gilt, diesen Abschied zu akzeptieren, dich mit der neuen Situation zu arrangieren, die Beerdigung vorzubereiten. Für den Toten tun, was am Lebenden nicht mehr möglich war.

Die gebührende Pietät ist jetzt gefragt, die braucht ihre Zeit und ihr Recht und ihren Platz. Die Würde des Totes muss auch ihm zuteil werden, ihre Liebe und Zuneigung muss sich äußern können. Mehr können sie nicht mehr tun.

Sie haben ihre Erfahrungen mit dem Leben – und mit dem Tod. Sie wissen sicher auch, dass etwas tun immer gut ist. Solange du etwas tust, musst du nicht so viel nachdenken, du bist abgelenkt, wenn du dich mit wohlriechenden Ölen und Blumen beschäftigst, vor allem: wenn du mit anderen etwas gemeinsam tust. Solange etwas zu tun ist, geht es den Hinterbliebenen ganz gut; richtig schwer wird es, wenn alles getan, die
Beerdigung vorbei ist und alle Verwandten abgereist sind. Dann kommt das Loch und mit der Zeit die Einsamkeit und das Unverständnis und die Trauer, die weh tut und die Versuche, die Situation anzunehmen.

Jetzt ist das noch weit weg, an schöne Dinge wollen sie denken, den Tod
schön machen mit ihren Ölen, damit er gut riecht. Sie nutzen dazu den
anbrechenden Tag. Wie schön. Neuer Tag, neues Glück. Ob der neue Tag alles
in einem neuen Licht scheinen lässt? Ob die Sonne zeigt, es war alles nur eine Täuschung, alles wird doch wieder gut? Das Leben geht weiter. Die
Herrgottsfrühe mit ihrer Ruhe und der erwachenden Natur bringt einem den
Schöpfer vermeintlich näher. Da ist die Welt noch in Ordnung. Wirklich? In
Ordnung? Und welches Leben überhaupt soll weiter gehen?

Die Frühe ist auch das Morgengrauen und das Grauen ist schneller wieder da als erhofft. Jeder Schritt am neuen Morgen dem Grab entgegen lässt die trügerische Hoffnung auf ein ‚weiter so‘ weichen.

Ach, der Stein – natürlich; da war doch der Stein. Bevor sie ihn erreichen liegt er schon auf ihren Seelen und Gemütern. Wie Steine das so an sich haben, dass sie das Leben beschweren, dass sie das Leben ersticken, einpferchen, sodass es vor lauter Sorgen gar nicht heraus kann. Was mag auf unseren Seelen und Gemütern heute morgen alles liegen, sodass Freude und Leben gar nicht heraus können. Und wir wissen zu gut, wir schaffen es nicht, wir wälzen den Stein nicht weg. Wie schnell werden wir todmüde, weltmüde, gottesmüde. Der Tod scheint doch stärker als die Liebe – es ist alles zu spät! Die Frage, wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür ist im
Grunde keine Frage, sondern ein Seufzen, auf das es keine Antwort gibt.
Ohnmacht, Schweigen – es gibt keine Sprache, der Felsen verschließt den
Mund.

Aber die Augen sind auf und sie sehen, was gar nicht zu sehen ist, was gar nicht möglich sein kann – der Stein ist weg. Was so furchtbar sicher
schien, so belastend und einengend, so lebensfeindlich, das ist weg. "mors certa, hora incerta" – so steht es geheimnisvoll in lateinischer Sprache an der Uhr des Neuen Rathauses zu Leipzig: "Der Tod ist gewiss, nur die Stunde ist ungewiss." Oder: Nichts ist gewisser im Leben als der Tod. Der kommt ganz bestimmt. So sicher wie der Stein vor dem Grab liegt und zu schwer ist um weggerollt zu werden.

Jetzt ist er weg – und jetzt gilt das alles nicht mehr. Alles ist anders, alles ist durcheinander. Der Welt ist das Sicherste genommen, was sie hatte
– dem Menschen ist das Ziel genommen.
Das Unmögliche ist mit einem mal möglich geworden. Das sehen die Frauen, als der Stein weg ist und sie den Jüngling im Grab wahrnehmen. Das Grab ist nicht leer und gegen das Grauen des Morgens hebt sich das weiße Gewand leuchtend ab. Sie werden vom Licht umflossen, dass nicht mehr ist als ein Schatten dessen, der das Licht der Welt ist. Dass sie entsetzt sind, wer wollte es ihnen verdenken? Wer bekommt die Revolution des Lebens schon auf die Reihe? Alles gerät aus den Fugen, wenn der Jüngling dies eine Wort sagt – im deutschen sind es drei: ‚er ist auferstanden‘; genauer: auferweckt.

Es reicht unsere Sprache nicht aus, ob deutsch oder griechisch, das ist mit menschlichen Worten nicht zu sagen, nicht angemessen auszudrücken: die Welt ist aus den Fugen, wenn nicht einmal mehr auf den Tod Verlass ist. Worauf soll man sich denn dann noch verlassen?

Wer hat das geahnt, als die Maria bereits vor Jesu Geburt gesungen hat: ‚Er stößt die Gewaltigen vom Thron‘, eben auch den Tod? Jetzt geschieht etwas Neues wie am Anfang der Schöpfung: aus nichts wird Leben, aus dem Tod wird Leben. Der Schöpfer ist wie am Anfang am Werk. Er weckt seinen Sohn auf, er holt ihn aus dem Tod heraus ins neue Leben.
Der französische Philosoph Voltaire, der bekannt war für seinen beißenden
Spott über den christlichen Glauben, gab zum Thema Auferstehung einmal eine
Antwort, die man kaum von ihm erwartet hätte. Eine Dame hatte ihn gefragt,
wie es möglich sei, dass es überhaupt Menschen gäbe, die an die Auferstehung glauben.

Voltaire antwortete: "Madame, die Auferstehung ist die einfachste Sache
von der Welt. Der, der den Menschen einmal geschaffen hat, kann ihn auch
zum zweiten Mal schaffen." Es ist so einfach – tatsächlich – und so revolutionär zugleich, denn mit der Auferstehung Jesu ist ein ewigreicher Anfang gesetzt, ein Morgenglanz der Ewigkeit; jetzt ist Schluss mit den tödlichen Schlüssen, denn sein Anfang ist stärker als der Tod.

Schluss also auch mit aller tödlichen Logik, wie Petrus sie vor der
Auferstehung noch hören muss: wer das Schwert nimmt, der soll durchs
Schwert umkommen. Das ist unsere logische und realistische Welt: dass
Gewalt Gewalt produziert; und wer nicht hören will eben fühlen muss – und
wie du mir, so ich dir und immer noch ein bisschen mehr. Und wenn ich es
nicht tue, dann tut es ein anderer. Es kommt, wie es kommen muss. NEIN,
Schluss mit den verdammten Zwangsläufigkeiten. Hier am Ostermorgen ist der christliche Neubeginn. Grundstürzendes und Grundlegendes hat sich für die Frauen ergeben, als sie in das vom Stein befreite Grab gehen, sehen und hören. Ihr Weg wird sie jetzt dem kommenden Herrn entgegen bringen. Ohne besondere Überzeugungsrede werden sie der Botschaft folgen, sie werden gehen und Jesus, den Auferstandenen sehen.

Diese Revolution hat ihre Folgen, die Welt ist nicht mehr so wie sie vor Ostern war, als die Zwangsläufigkeit des Todes das letzte Wort hatte. Das ist nicht mehr so, es ist anders: das Leben hat das entscheidende und letzte Wort. Wenn wir jetzt von Hoffnung sprechen, dann ist das nicht mehr die letzte Auskunft, es ist der prinzipielle Anfang. Das Neue hat
angefangen und schenkt uns ständig neue Anfänge. Jedes Mal, wenn ein Mensch zur Taufe gebracht wird, dann kommt dies Neue zu einem Menschen und schenkt ihm den neuen Anfang, der ins Leben führt. Jedes Mal, wenn du zur Beichte gehst und dir gesagt wird: dir sind deine Sünden vergeben; gehe hin in
Frieden, dann fängt Gott neu mit dir an und schenkt dir neue Anfänge mit
deinen Mitmenschen; jedes Mal, wenn du zum Tisch des Herrn kommst, enden
die tödlichen Schlüsse: ein neuer Anfang für deine Gemeinschaft mit Jesus
Christus und seiner Gemeinde.

Jede Stunde deines Lebens hat jetzt die neue Qualität, ein neuer Anfang zu werden. An keiner Stelle muss mehr Schluss sein, Ende, aus, tot; kein Mensch ist abzuschreiben oder aufzugeben, niemand ein hoffnungsloser Fall. Das Neue ist in dieser Welt, denn Gott hat das Entscheidende getan. Und wir sind mittendrin in diesem neuen und in dieser Welt. Jetzt kennen wir den felsenfesten Grund, warum das Beten sich lohnt, Beten für ein Ende von Gewalt und Krieg, von Ungerechtigkeit und Ausbeutung, von Hunger und Elend.
Jetzt kennen wir den tiefen lebendigen Grund von Hoffnung – dass nichts so
bleiben muss und wird, wie es ist.

Nicht, dass wir es jetzt machen müssten, nicht, dass wir etwa für die
Wahrheit des neuen Lebens einzustehen hätten und sie durch uns nun erst
wirklich würde in dieser Welt. Das alles hat Gott längst getan und ins Leben gerufen – aber dass wir den Mut haben, uns auf dies Wagnis des Neuen,
auf diese Revolution von oben einzulassen.

Den Frauen hat das Neue zuerst noch die Sprache verschlagen, sie waren erst zu Tode und dann zum Leben erschrocken. Das muss einer auch erst realisieren, was das bedeutet für das eigene Leben und für die Gestaltung dieser Welt. Der Zauber dieses wundersamen, nicht in Worte zu fassenden Anfangs hat nun kein Ende mehr. Das können wir wohl am besten nur singen: Halleluja!

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