Retten – Bergen – Löschen – Helfen

<i>[Diese Predigt wurde konzipiert für den 22. Juni 2003; Anlass: 125-jähriges Jubiläum der Freiwilligen Feuerwehr Bronn]</i>

Liebe Festgemeinde!

Der Schriftgelehrte will mit Jesus über Glaubensfragen diskutieren. Das kennen wir. Vor allem, wenn es sich herumspricht, dass einer Christ ist und zur Kirche geht, dann wird er früher oder später in Diskussionen über Glaubensfragen verwickelt, z.B. am Arbeitsplatz oder im Sportklub, vielleicht auch bei der Feuerwehr. Manche fragen da mit einem spöttischen Lächeln, manche recht ernsthaft, andere ziemlich aggressiv. Da kann man z.B. hören: „Kannst du beweisen, dass es einen Gott gibt und dass überhaupt etwas nach dem Tod kommt?“ Die einen fragen mit echtem Interesse. Hinter ihren Zweifeln verbirgt sich oft der Wunsch, dass man sie widerlegen und ihre Glaubenshindernisse wegnehmen könnte. Andere führen endlose Diskussionen über den Glauben, weil sie sich und ihren Lebensstil nicht in Frage stellen lassen wollen. Der Schriftgelehrte hatte ähnliches im Sinn. Mit seiner Frage: „Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe“, will er Jesus auf die Probe stellen, also aufs religiöse Glatteis führen. Er meint die Frage wohl nicht allzu ernst. Vielleicht will er nur in einer geistreichen Unterhaltung vor den Zuhörern glänzen. Seine Frage ist gut: „Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“ Es geht dabei um Sinn und Ziel des Lebens überhaupt. Darüber haben sich schon so viele Theologen und Philosophen den Kopf zerbrochen. Die Weltanschauungen kommen zu den unterschiedlichsten Ansichten und Meinungen. Ob da dieser Jesus etwas Wichtiges zu sagen hat? Vielleicht hat sich der Schriftgelehrte schon weitere Schachzüge zurechtgelegt, um Jesus zu widersprechen.

Jesus aber verfängt sich nicht in dem so sorgfältig vorbereiteten Netz. Er antwortet nicht auf die Frage, sondern stellt eine Gegenfrage: „Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du?“ Der Schriftgelehrte antwortet wie bei der Konfirmandenprüfung wie am Schnürchen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Uns mag es mit manchen Bibelsprüchen, die wir auswendig gelernt haben, ähnlich gehen. Wir haben sie zwar im Kopf, aber sie bewirken nichts, sie gehören nicht zu uns, sie bleiben für uns tot. In der Nähe Jesu aber bekommen diese Worte plötzlich Leben. Da kann man nicht mehr so leichthin sagen: „Gott ist ein Gott der Liebe.“ Denn dieses Wort klagt mich an. Ich höre es dann plötzlich aus dem Mund eines Durchreisenden, den ich gestern abgewiesen habe, oder von einem Arbeitskollegen, über den ich schlecht geredet habe. Es spricht mich an, weil Jesus selbst mich dabei ansieht. So mag es auch dem Schriftgelehrten gar nicht so leicht über die Lippen gegangen sein; denn jedes Wort wird zur Anklage. Dagegen wehrt er sich und rechtfertigt seine unverbindliche Haltung mit der Frage:
„Wer ist denn mein Nächster?“ Es ist ja wirklich sehr schwierig, dies eindeutig zu be-stimmen. Ich kann mich doch nicht um alle kümmern! Ich muss doch mit meinen Kräften, meiner Zeit, meinem Geld haushalten! Wo käme man denn hin, wenn jeder hergelaufene Bettler, Ausländer, Asylbewerber usw. mein Nächster wäre, den ich so lieben soll, wie mich selber? Es muss doch erst einmal klar sein, wer mein Nächster ist. Solange das nicht klar ist, kann ich ja beruhigt meine Hände in den Schoß legen und bin zu nichts verpflichtet. So, nun ist ihm leichter. Nun hat er sich aus der Affäre gezogen, meint er.

Doch Jesus antwortet nicht auf der theoretischen Ebene mit einer Definition: „Mein Nächster ist …“ Er antwortet mit einer Geschichte: „Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber …“ „Ein Mensch“, sagt Jesus, irgendein Mensch, nicht ein Volksgenosse oder Berufskollege, nicht meine Frau, mein Kind, sondern irgendein Mensch. – Der also soll mein Nächster sein? Da liegt also ein Mensch, halbtot, mit rasenden Schmerzen und entsetzlicher Angst. Plötzlich sieht er jemand in geistlicher Tracht kommen, und zwar ebenfalls von Jerusalem herunter. „Der Priester kommt doch gerade vom Tempel. Da hat er vielleicht über die Nächstenliebe gepredigt und wie sich der Gottesdienst am Sonntag im Dienst am Nächsten im Alltag fortsetzt. Der muss doch wissen, was zu tun ist.“ Da hat ihn auch der Priester schon gesehen. Der Verwundete hat es genau gemerkt, dass er ihn gesehen hat. Der Priester denkt: „Ach, der arme Mensch da! Wie gut, dass ich noch heile Knochen habe. Aber soll das heißen, dass ich dem Kerl jetzt helfen muss? Vielleicht lauern die Räuber immer noch hinter der nächsten Ecke und warten nur darauf, auch mir den Schädel einzuschlagen! Ich habe doch Verpflichtungen, ich darf mein Leben nicht in Gefahr bringen. Ich muss doch für meine Familie sorgen. Sie steht mir doch näher als der da. Vielleicht ist er ein Lump!“ Und vieles andere wird ihm eingefallen sein, um sich zu rechtfertigen. So weicht er auf die gegenüberliegende Straßenseite aus. Das ist ein Zeichen dafür, dass sein Gewissen nicht völlig zum Schweigen gebracht ist. Er macht einen großen Bogen um den armen Menschen, um ihn nicht zu sehen. Denn sein Anblick könnte ihn verklagen. Genauso verhält sich der Tempeldiener. Vielleicht will der sich nicht schmutzig machen oder hat einen wichtigen Termin. Auch er geht auf die andere Straßenseite und schaut weg.

Vom Durchreisenden aus Samaria aber können wir lernen: Er sieht hin, er schaut nicht weg. Er hat Augen für die Not. Es jammert ihn, es rührt ihn ans Herz. Er steigt ab von seinem Esel, geht auf den Verletzten zu und bückt sich. Und dann tut er ganz selbstverständlich und gründlich das Nötige. Aus seiner Reiseapotheke holt er Öl und Wein und Verbandszeug. Dann bringt er den Schwerverletzten zur nächsten Unterkunft und kommt auch noch für die Kosten der Pflege auf. „Retten und bergen“ – darin ist er Vorbild für jeden Feuerwehrmann, jede Feuerwehrfrau. Sie leisten „Samariterdienst“ für Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. „Samariter“ ist darum heute ein Ehrenname. Damals war es ein Schimpfwort wie Ossi oder Kanake.

Am Ende der Geschichte kehrt Jesus die Eingangsfrage um: nicht „Wer ist mein Nächster?“, sondern „Wer von diesen dreien ist der Nächste für den gewesen, der unter die Räuber gefallen war?“ Da muss die Antwort heißen: „Der die Barmherzigkeit an ihm tat.“ Also „Wem bin ich der Nächste?“ – Wer braucht meine Hilfe, meine Nähe, meine Zeit? Wenn ich so frage, dann kann ich nicht mehr auf der Zuschauertribüne bleiben. Da muss ich bereit sein, mitzumachen und anzupacken. „So gehe hin und tue desgleichen!“ Muss man diese Aufforderung noch weiter begründen?

Der Schriftgelehrte antwortete auf die Frage nach dem Nächsten: „Der die Barmherzigkeit an ihm getan hat!“
Ob er gemerkt hat, dass ihm in diesem Gespräch Jesus als Nächster begegnet ist, um ihm zu helfen? Jesus ist unser großer barmherziger Samariter. Er sieht unsere seelische Not, unsere Todesfurcht, unsere Probleme mit dem Ehepartner, mit den Kindern, im Beruf, mit unserer Schuld… und sieht nicht weg. Sind nicht auch wir „unter die Räuber gefallen“ und brauchen einen, „der die Barmherzigkeit an uns tut“? Jesus hat das getan, als er für uns am Kreuz Sünde, Tod und Teufel, alle Räuber von Glück und Leben, besiegt hat. Er will uns Öl und Wein in die Wunden unserer Seelen gießen und uns heilen an Leib und Seele.

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