Respekt vor den Pharisäern

Sie, kommen’S amal her! Ham’S des scho g’hört? Also, der Gumpert is‘ vielleicht a Lump, Sie! Des hätt ich dem ja nie im Leem zutraut! Was der sich da erlaubt hat! Wollt‘ der Seufel na sei alds Auto abkeff und fraacht’n, ob aach alls in Ordnung is‘. Un der secht »Ja, kannst dich drauf verlass«. Und jetz sitzt der Seufel da mit dem Bock! Grad bis nach Haus is’a noch kömm damit. Na war der Karrn hi! Also der Gumpert, Sie, der ghört verklaacht! Und ganz egal, wie die Sach nausgeht, der is‘ für miich gstorm! Mit dena redt ich ka Wort mehr!

Ham S‘ des scho g’hört? Der Willibald hat die Lisbeth scho wieder sitzngelass! Auf un davo issa mit ener vom Nachbardorf! Der wenn mir unna die Nosn kemmt! Dem schmeiß ich die Tür ins Gsicht! Der brauch sich bei uns nix mehr blick lass!

Ham S‘ des scho g’hört vo dem Minister? Also des wird ja immer krasser mit dera Selbstbedienung wo da eireißt! Lässt sich der privat durch die Gegnd fliechn! Aaf unnere Kosten! Die Politiker glaam wohl, sie könna sich alles erlaubm. Dass der jetz zurücktritt is‘ ja wohl des wenigste! So a Sauerei!

Liebe Schwestern und Brüder,
so oder so ähnlich kann man uns sprechen hören. — Tag für Tag über kleine und große Leute und die Schurkereien, die die so treiben. Und wenn wir ehrlich mit uns selber sind – es macht uns Spaß, so zu reden. Es gibt uns das wohlige Gefühl, dass die anderen, denen wir solche Geschichten erzählen, uns verstehen. Denn wir sind uns ja so herrlich einig. Wo kämen wir da hin, wenn man sich gegen Unrecht nicht mehr wehren dürfte. Recht muss schließlich Recht bleiben! Sonst tanzen einem die Diebe und Gauner, die Lügner und Betrüger schließlich auf der Nase herum!

Deshalb werden auch Leute, die sich etwas haben zuschulden kommen lassen, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Mit denen redet man nicht mehr. »Die sind für uns gestorben!« sagen wir dann. Heute ist das nur noch ein Wort. Ein Wort, das an sich schon grausam genug ist. Vor gar nicht so langer Zeit wurden die vermeintlich oder tatsächlich Schuldigen mit Schimpf und Schande aus dem Dorf gejagt. Ja in extremen Fällen wurden sie sogar gemeinschaftlich umgebracht.

Man muss sich gegen das Böse im Menschen wehren, indem man den bösen Menschen fortschafft. Sonst nimmt das Böse überhand. Das ist die Denkweise, die da dahintersteckt auch heute noch, auch bei uns. Und gegen diese Denkweise ist zunächst einmal gar nichts einzuwenden. Es gibt nämlich keine Alternative zu ihr. Wenn dem Bösen nicht gewehrt wird, breitet es sich aus und nimmt überhand.

Es ist also kein Wunder, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten in heller Empörung zu Jesus kommen, als sie eine Frau dabei ertappt haben, die Gesetze der Gemeinschaft zu übertreten. »Wenn ein Mann dabei ertappt wird, wie er bei einer verheirateten Frau liegt, dann sollen beide sterben, der Mann, der bei der Frau gelegen hat, und die Frau. Du sollst das Böse aus Israel wegschaffen.« So heißt es im Gesetz des Mose, aus dem sie zitieren. Damit ist diese Sache eigentlich sonnenklar. Gott selbst will nicht, dass wir Menschen so etwas Böses in unserer Mitte zulassen.

Wer etwas böses tut, muss bestraft werden. Das meinen wir heute auch. Wir mögen vielleicht andere Dinge für sündhaft und gefährlich halten als die Leute damals. Aber auch für uns hört bei einer gewissen Grenze die Liebe doch auf.

Nun muss sich Jesus dieser ganzen Sache stellen. Auch unserer Sache. Denn die Frage, die die Pharisäer stellen ist gleich geblieben bis heute. Würde Jesus die Frau einfach laufen lassen, hätte er gegen alle menschlichen Sitten und sogar gegen Gottes Gesetz verstoßen. Damit wäre ganz klar, dass er unmöglich der von Gott gesandte Messias sein kann. Verurteilt er die Frau aber, dann kann er nicht mehr die Hoffnung für alle Sünder sein. Dann wäre das Reich Gottes wieder in weite Ferne gerückt. Das ist die Falle, in die man Jesus treiben will. Scheinbar gibt es hier keinen Ausweg. Was er auch machen wird, er ist erledigt.

So geht es Christen auch heute. Natürlich wäre es wunderschön, wenn wir keine Polizei, keine Gefängnisse und keine Armee bräuchten, um einigermaßen in Frieden und Sicherheit zu leben. Aber leider sind wir auf all das angewiesen. Straftäter müssen verurteilt und bestraft werden, sonst wäre unser Leben nicht mehr geordnet.

Was tut nun Jesus? Er lässt die Frau und die Ankläger aus den Augen. Er blickt sie nicht durchdringend an. Vielmehr schaut er auf den Boden und schreibt in den Sand vielleicht die Namen all dieser Leute in das Buch des Lebens, wie es in einer Legende heißt.

Jesus hat Respekt vor den Pharisäern. Das sind für ihn nicht nur Heuchler, sondern nachdenkliche Menschen, die sich um das Gesetz Gottes bemühen. Ja, so komisch es klingen mag, Jesus setzt großes Vertrauen gerade in die Ankläger der Frau. Würde er ihnen in die Augen schauen und würde er ihren Worten trotzen aus der ganzen Geschichte würde ein Machtkampf werden. Er würde sie herausfordern zum Streit über Schuld und Sühne, über geringere und größere, lässliche und unverzeihliche Sünden. Ein Streit, den gerade wir Christen untereinander oft mit dem besten Willen und mit dem besten Gewissen führen. Die Pharisäer müssten sich verteidigen, sich entschuldigen, ihre eigene Schuld kleiner und die Schuld der Gesetzesübertreter größer reden. Es würde all der Kampf und Krampf beginnen, den wir so gut kennen. Am Schluss wäre alles verdorben, jeder hat jeden bezichtigt und niemand etwas von sich selbst begriffen. Und dasselbe Spiel würde bei der nächsten Gelegenheit wieder beginnen.

Jesus lässt die Pharisäer aus den Augen. Ohne jemanden direkt anzusehen stellt er alle auf eine Stufe. »Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie.« Und so wird möglich, was so selten ist unter Menschen: dass jeder seine Schuld eingestehen kann, ohne sein Gesicht zu verlieren.

Die Pharisäer nehmen dieses Angebot an. Sie lassen sich von Jesus den Spiegel vorhalten — und sie sehen hinein. Schweigend geht einer nach dem anderen weg, die Ältesten zuerst.

Warum die Ältesten zuerst? Nicht, weil sie jenseits von Gut und Böse sind, sondern weil sie genug Lebenserfahrung haben, um Wünsche und Begehrlichkeiten zu kennen.

»Tugend ist oft Mangel an Gelegenheit.« hat mir auf dem Gymnasium eine alte Lateinlehrerin beigebracht. Wie schnell kann ein wohlanständiger Mensch durch die falsche Gelegenheit abrutschen! Auch hier können uns die Pharisäer zu Vorbildern werden. Sie sind bereit, auf ihr Urteil zu verzichten, weil sie plötzlich erkennen, dass sie im Grunde vielleicht mehr Glück gehabt haben, aber nicht besser sind als die Frau, die sie hergeschleppt haben.

Zum Schluss erst, als alle anderen gegangen sind, spricht Jesus die Frau frei. Und zugleich nennt er ihr Vergehen beim Namen. Ihr Ehebruch ist Sünde auch in seinen Augen. Jesus verdeckt und bemäntelt ihr Betragen nicht. Aber er gibt ihr eine neue Chance. Er errettet sie vom sicheren Tod und schenkt ihr das Leben neu doch nicht, dass sie so weiterleben kann wie bisher, sondern dass sie sich ändert und ihr Leben in Ordnung bringt.

Ham Ses scho g’hört? Ich red wieder mitm Gumpert. Weil ich aach net besser bin wie er. Und er hat ‚m Seufel die Reparatur ‚zahlt…

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