Reicher oder ärmer?

Liebe Weihnachtsgemeinde!

Der Heiligabend und die Bescherung liegen hinter uns. Sind Sie nun reicher oder ärmer?

Die Kinder haben sicher mehr Spiele, Bücher und sonstige Geschenke. In diesem rein materiellen Sinn sind also die Kinder reicher und diejenigen, die ihnen die Geschenke gemacht haben, die Eltern, Paten und Großeltern, Tanten und Onkel, die sind ärmer, denn sie haben ja das Geld nicht mehr.

Aber wir wissen, dass das nur die Hälfte der Wahrheit ist.Wer die Freude in den Augen und Mienen der Kinder gesehen hat, der ist reicher geworden, reicher im Herzen, reicher an Erfahrung, reicher an Freude und Hoffnung. Der ist reicher geworden, auch wenn auf dem Konto weniger ist an DM bzw. Euro.

Wir wissen und spüren also, dass die Frage von Reich und Arm nicht nur eine Frage der Oberfläche ist, nicht nur des Geldes und Besitzes. Obwohl diese Frage sicher sehr wichtig ist und für uns eine Frage der grundlegenden Sorge und auch der Angst, dass es einmal zu wenig sein könnte. Nicht umsonst sind Fernsehen und Zeitung gefüllt mit der Sorge, ob der Euro stabil ist, ob die Konjunktur wieder anzieht, ob die Rente reicht und um wieviel die Krankenversicherungsbeiträge ansteigen und ob die Arbeitslosigkeit spürbar zurückgeschraubt werden kann. Selbst in unserem reichen Land mit Jahrzehnten des Friedens und Wohlstands und der angehäuften Vererbunsmasse sind diese Fragen noch sehr drängend, sehr tiefgehend, sehr grundlegend. Wir alle kennen die Sorge, was wäre wenn, im schlimmsten Falle, wie könnte ich dann einen Lebensstandard halten, der so halbwegs den Gepflogenheiten meiner Umgebung entspricht. Und wir würden gerne diese Sorge abmildern und deshalb spielen wir Lotto und bewerben uns bei „Wer wird Millionär?“

Wir wissen, Reichtum macht nicht glücklich, aber er beruhigt. Und zugleich wissen und spüren wir, dass es auch seelischen Reichtum gibt und Reichtum, der vor Gott gilt. Und am schönsten wäre es natürlich, wenn ich Geld hätte und Aktien und außerdem noch seelischen Reichtum und Reichtum, der vor Gott gilt.

Unser Predigttext für heute ist ein Wort des Apostels Paulus aus 2. Korinther 8,9:

[TEXT]

Also zunächst einmal: nach Gottes Willen sollen wir reich sein.

Es ist nicht so, wie viele das denken, dass man in der Kirche immer nur spenden muss, und wenn man reich ist, kriegt man ein schlechtes Gewissen gemacht und alles muss man teilen und immer nur an die Armen denken. Als wenn die Armen die besseren Christen wären!

Nein, wir sollen reich sein. Denken wir nur an Abraham, der mit Reichtum gesegnet war. Seine Schafherden wuchsen, seine Ziegenherden wurden immer größer, seine Kamele und Esel waren fruchtbar und alle wurden vor Krankheit, Krieg und Katastrophen bewahrt. Weil Abraham Gott glaubte, wurde er nicht nur mit innerer Zufriedenheit und geistiger Größe und Edelmut gesegnet, sondern eben auch ganz handfest mit Reichtum. Und diese selbstverständliche Verbindung gibt es an sehr vielen Stellen der Bibel. Dass Gott es gut mit uns meint, dass zeigt sich oft ganz konkret, als Beschützen und Bewahren und eben auch im Segnen mit Gütern. Nicht umsonst finden wir auf den ersten Blättern der Bibel das Paradies und in dem herrschten eben paradiesische Zustände. Da waren Adam und Eva nicht nur so grade karg versorgt, sondern sie lebten im Überfluss eines wunderschönen Gartens. Gut, sie hatten keine Kleider, aber sonst waren sie rundum versorgt.

Das ist das grundlegende Bild: Gott meint es gut mit uns und will, dass es uns gutgeht, will auch unseren Reichtum.

Und dann gibt es die Erfahrung: gerade die, die ungerecht sind, werden reich. Und die, die reich sind, werden geizig und ungerecht, falls sie es nicht schon vorher waren. Und deshalb gibt es die Hoffnung derer, die unter der Ungerechtigkeit leiden müssen, dass Gott die Machtverhältnisse umkehrt, wie es Maria in ihrem Lobgesang ausdrückt, dass er die Gewaltigen von den Thronen stößt und Niedrige erhöht, dass er Hungrige mit Gütern erfüllt und die Reichen leer hinwegschickt, kurz dass er Hochmütige zerstreut.

Das ist ein Grundzug der Weihnachtsgeschichte: die armen Hirten bekommen es als erste mit, dass Gott die Welt rettet, das arme unbedeutende junge Mädchen Maria aus der Provinz wird zur Mutter des Retters und sie glaubt der Botschaft des Engels (im Unterschied zum Priester Zacharias, dem Vater des Johannes). Kaiser Augustus und König Herodes befehlen dies und das und lösen damit Leid in der Bevölkerung aus – aber das Wesentliche, das Neue, das Rettende das geschieht woanders, an den Rändern, unten, bei den Armen und Unbedeutenden.

Diese Kritik des Reichtums, die uns im reichen Deutschland alle betrifft, die ist erst das zweite. Dahinter steckt die Erfahrung, dass der Reichtum eine zerstörerische Seite hat, und diese Erfahrung kennen auch wir sehr gut. Ein paar Beispiele: Was nützen die besten Tonträger und Stereoanlagen, wenn die Fähigkeit, unsere musikalische Tradition zu verstehen, immer mehr abnimmt? Was nützen viele Fernsehsender mit immer klarerem Bild und besserem Ton, wenn die ausgesendeten Programme nicht die Sprachfähigkeit und Denkfähigkeit fördern, sondern nur Klatschsucht und Gemeinheit fördern? Was nützt der Reichtum in den Familien, wenn das dazu führt, das die Nachkommen sich nicht mehr anstrengen müssen und deshalb unter ihren Möglichkeiten bleiben? Was nützt immer mehr Wohnraum, wenn immer mehr Menschen vereinsamen? Was nützen immer mehr und immer schnellere Autos, wenn die Straßen immer mehr verstopft sind? Was nützt es mir, wenn ich mir immer mehr leisten kann und dabei nur von Termin zu Termin hetze?

Die Weisen aller Kulturen sagen: es kommt nicht darauf an, möglichst viel zu haben und möglichst viel zu sehen und möglichst viel zu erleben, sondern ich kann den ganzen Reichtum der Welt in einem Kieselstein haben. Ich kann die Fülle der göttliche Gnade erleben, wenn ich ein Kind in mein Herz lasse. Ich kann das Leben selbst in mich aufnehmen, indem ich Stück Brot esse und einen Schluck Wein trinke.

Durch seine Armut können wir reich werden – nicht durch die Vielfalt seines Reichtums, sondern indem wir uns einlassen auf das arme Kind in der Krippe. Die Gefahr des Reichtums für die Seele ist ja gerade, dass er erstickt durch die Vielfalt der Sorgen: ist das Geld auch richtig angelegt? Sind Aktien oder Bundesschatzbriefe besser? Wie kann ich möglichst viel an Lebensqualität rausholen? Mach ich das auch geschickter als mein Nachbar?

Wir wissen, das was wesentlich ist, das eine, das nottut, wir können es gerade in den einfachen Momenten erleben, wenn unser Herz sich öffnet, wenn unsere Seele sich ausstreckt nach dem Einen, der Himmel und Erde umfaßt. Dies sind Momente des Gebets und der Versenkung und wir können sie erleben in der Zuwendung und Menschenfreundlichkeit, die wir geben und annehmen, wir können sie erleben im Gottesdienst und persönlichen Gebet, im Hören und Singen, im Konzert oder im Wald und auch im Kino. Wichtig ist es, diesen Momenten Raum zu geben und den Spuren Jesu zu folgen, damit der Reichtum Gottes in unserem Leben Raum und Zeit hat, Früchte zu tragen.

Damit das gelingen kann, möchte ich noch einmal einen Blick auf unseren Predigttext werfen. Christus war reich und hielt diesen Reichtum nicht fest, sondern begab sich in die Armut. Er wurde arm um unseretwillen.

So wie Christus sollen auch wir sein. Nicht festhalten dürfen wir Reichtum und Besitz. Solange unsere Hände sich um das ballen, was wir haben und nicht hergeben wollen, solange sind wir nicht offen für das, was Gott uns schenken will. Ich schließe mit einer Geschichte, die uns diese Wahrheit vor Augen stellt.

Der Weihnachtsnarr

Im Morgenlande lebte vor zweitausend Jahren ein junger Narr. Und wie jeder Narr sehnte er sich danach, weise zu werden. Er liebte die Sterne und wurde nicht müde, sie zu betrachten und über die Unendlichkeit des Himmels zu staunen. Und so geschah es, dass in der gleichen Nacht nicht nur die Könige Kaspar, Melchior und Balthasar den neuen Stern entdeckten, sondern auch der Narr.

Der Stern ist heller als alle andern, dachte er, es ist ein Königsstern. Ein neuer Herrscher ist geboren. Ich will ihm meine Dienste anbieten denn jeder König braucht auch einen Narren. Ich will mich aufmachen und ihn suchen. Der Stern wird mich führen.

Lange dachte er nach, was er dem König mitbringen könne. Aber außer seiner Narrenkappe, seinem Glockenspiel und seiner Blume be­saß er nichts1 was ihm lieb war. So wanderte er davon, die Narrenkappe auf dem Kopf, das Glockenspiel in der einen und die Blume in der andern Hand.

In der ersten Nacht führte ihn der Stern zu einer Hütte. Dort begegnete er einem Kind, das gelähmt war. Es weinte, weil es nicht mit den andern Kindern spielen konnte. Ach, dachte der Narr, ich will dem Kind meine Narrenkappe schenken. Es braucht die Narrenkappe mehr als ein König. Das Kind setzte sich die Narrenkappe auf den Kopf und [achte vor Freude. Das war dem Narr Dank genug.

In der zweiten Nacht führte ihn der Stern zu einem Palast. Dort begegnete er einem Kind1 das blind war Es weinte, weil es nicht mit den andern Kindern spielen konnte. Ach, dachte der Narr, ich will dem Kind ~ein Glockenspiel schenken. Es braucht das Glockenspiel mehr als ein König. Das Kind ließ das Glockenspiel ertönen und lachte vor Freude. Das war dem Narr Dank genug.

In der dritten Nacht führte ihn der Stern zu einem Schloss. Dort begegnete er einem Kind, das taub war. Es weinte, weil es nicht mit den andern Kindern spielen konnte.
b Ach, dachte der Narr, ich will dem Kind meine Blume schenken. Es braucht die Blume mehr als ein König. Das Kind betrachtete die Blume und lachte vor Freude. Das war dem Narr Dank genug.

Nun bleibt mir nichts mehr, dachte der Narr, was ich dem neuen Kö­nig mitbringen könnte. ~s ist wohl besser, wenn ich umkehre. Aber als der Narr zum Himmel emporschaute, stand der Stern still und leuchtete heller als sonst. Da fand er den Weg zu einem Stall mitten auf dem Feld. Vordem Stall begegnete er drei Königen und einer Schar Hirten. Auch sie suchten den neuen König. Er lag in einer Krippe, war ein Kind, arm und bloß. Maria, die eine frische Winde übers Stroh breiten wollte, schaute hilfesuchend um sich. Sie wusste nicht, wo sie das Kind so lange hinlegen sollte. Josef fütterte den Esel und alle andern waren mit Geschenken beladen. Die drei Könige mit Gold, Weihrauch und Myr­rhe, die Hirten mit Wolle, mit Milch und Brot. Nur der Narr stand da mit leeren Händen. Voll Vertrauen legte Maria das Kind auf seine Arme.

Er hatte den König gefunden, dem er in Zukunft dienen wollte. Er wusste auch, dass er seine Narrenkappe, sein Glockenspiel und seine Blume für dieses Kind hingegeben hatte. Und das Kind schenkte ihm nun mit seinem Lächeln die Weisheit, nach der er sich sehnte.

(Max Bolliger)

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