Regimewechsel!

Wir hören im Evangelium, wie die Jerusalemer Jesus als König begrüßen. Die Szenen begeisterten Jubels verschmelzen vor unseren Augen mit den Fernsehbildern aus Bagdad. Auch dort Jubel, Gedränge, eine Explosion der Gefühle. Die Parallele ist offenkundig: damals in Jerusalem und heute in Bagdad feiern Menschen einen Regimewechsel. Eine Stunde Null.

Die Jerusalemer rufen Jesus als neuen König aus. Damit haben sie Jesus nach Meinung des Evangelisten ganz falsch verstanden. Johannes sagt, Jesus wollte kein irdischer Herrscher sein. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Jesus geht den Weg der Gewaltlosigkeit und des Leidens. Aber die begeisterte Menschenmenge interessiert sich nicht für das, was Jesus selber will. Die lange unterdrückten Menschen wollen Regimewechsel, sie wollen ihn jetzt und gleich, und sie feiern ihn, als wenn die verhasste römische Besatzungsarmee schon in die Flucht geschlagen wäre. Das Hosianna der Freiheitslieder hat die römische Garnison in Jerusalem sicher in höchste Alarmbereitschaft versetzt.

Die Nervosität der römischen Besatzer spielt eine wichtige Rolle in den verwirrenden Vorgängen der folgenden Tage: eine Miliz, eine bewaffnete Bande also, nimmt Jesus gefangen und verschleppt ihn im Schutz der Dunkelheit. Dann ein Kompetenzgerangel mächtiger Jerusalemer Kreise, die Jesus aus unterschiedlichen Gründen hassen, darin verquickt die Römer mit ihrer brutalen Interpretation von Law and Order, ein Schnellprozess und zuletzt die Hinrichtung. Das ist der historisch wahrscheinliche Hergang der ganzen Sache, und Jesus erscheint in diesem Licht als hilfloses und willenloses Opfer einer politisch explosiven Situation.

Solche Opfer kennt die Geschichte zu allen Zeiten. Unschuldige und friedliche Menschen laufen ahnungslos in ein Kreuzfeuer, ein Auto mit Frauen und Kindern wird von Salven zerfetzt, eine Präzisionsbombe schlägt auf einem Markt ein.

Die militärisch Mächtigen wollen normalerweise Zivilisten schonen, auch die Römer wollen Zivilisten schonen, aber alles was die Sicherheit der eigenen Truppen gefährdet, muss rücksichtslos ausgeschaltet werden. Die Römer können sich nicht leisten, einen eventuell für sie gefährlichen Jesus frei herumlaufen zu lassen. Darum muss Jesus weg. Die Jubelszenen bei seinem Einzug in Jerusalem haben Jesus in den Augen der Römer zum Sicherheitsrisiko gemacht. Das Hosianna der feiernden Menge hat ihn ans Kreuz gebracht.

Stellen wir uns einmal vor, es hätte im Jerusalem vor 2000 Jahren schon so ein Hotel Palestine mit Journalisten aus aller Welt gegeben. Stellen Sie sich Kamerateams vor, die Jesu Einzug in Jerusalem live verfolgen. Nahaufnahmen von johlenden Orientalen; wildes Gedränge und unverständliches Geschrei. Reporter husten ihre Kommentare in die Mikrofone: „Die Situation in Jerusalem spitzte sich heute nachmittag gefährlich zu, nachdem ein bislang weitgehend unbekannter Volksführer aus Galiläa hier eintraf. Der bisher nur als Prediger hervorgetretene Mann wurde sogar als neues Staatsoberhaupt ausgerufen. Kenner der politischen Szene bezweifeln allerdings, ob der Galiläer zur Stunde eine reale Machtbasis in Jerusalem hat.“

Der Sicherheitsberater von Pontius Pilatus würde vielleicht auf einer hastig einberufenen Pressekonferenz den Journalisten diktieren: „Der unter dem Namen Jesus von Nazareth auftretende Prediger ist unseren Geheimdiensten seit längerem bekannt. Er versucht allerdings, sich der Überwachung durch häufigen Ortswechsel zu entziehen. Eine Analyse seiner Predigten ergab, dass dieser Jesus eine Gottesherrschaft propagiert, die angeblich jetzt angefangen haben soll. Es ist bekannt, dass terroristische und fundamentalistische Gruppen ihre Untaten mit ähnlichen Behauptungen begründen.“

Frage eines Journalisten: „Stellt der Aufenthalt des unbewaffnet und ärmlich auftretenden Predigers in Jerusalem ein Sicherheitsrisiko dar?“ Antwort: „Sie können davon ausgehen, dass für uns die Sicherheit der Touristen und natürlich die Sicherheit unserer eigenen Soldaten oberste Priorität hat. Wir werden zu einem uns passenden Zeitpunkt eingreifen, wenn die Situation es erfordert.“

Vielleicht würde uns auf einer Sondersendung ein betreten wirkender Exil-Jerusalemer präsentiert, der sich in komplizierten Erklärungen windet, dass das „Konzept der Gottesherrschaft“ nicht politisch, sondern religiös verstanden werden müsste. Nein, er sei nicht glücklich über die Jubelbilder vom Einzug in Jerusalem. Die wirklichen Lehren dieses Jesus von Nazareth gingen in eine ganz andere Richtung. Und er fängt an, Sätze aus einem Gebet zu zitieren: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden.“ Aber ob dieser Mensch mit seinen offensichtlichen Sympathien für Jesus ein skeptisches Fernseh­publikum überzeigen würde, das weiß ich nicht.

So oder ähnlich würde es zugehen, wenn die Geschichte von Palmsonntag mit den Mitteln der Mediendemokratie erfasst werden könnte. Und es läuft auf die Frage hinaus: War Jesus überrascht über den Tumult um seine Person? Oder hat er solch einen Auftritt geplant und gewollt? Im ersten Fall müssten wir sagen: er ist von den Ereignissen überrollt worden, hilfloses Opfer einer explosiven politischen Lage. Im zweiten Fall würden wir feststellen: Jesus hat die politischen Kräfteverhältnisse falsch eingeschätzt. Er wollte sich an die Spitze einer Massenbewegung setzen, aber stattdessen wurde er isoliert und starb am Kreuz.

Es ist wichtig, dass wir uns ganz klar machen: solange wir auf dieser Ebene bleiben, verstehen wir die Botschaft des Evangeliums nicht. An Palmsonntag wird von uns persönlich ein Regimewechsel verlangt, ein Regimewechsel in den Köpfen. Wir sollen Jesus als Herrn unseres Lebens anerkennen, als Herrn unseres Lebens und als Herrn der Welt. Und in diesem Licht sehen wir dann allerdings etwas anderes: Wir sehen, dass Jesus bewusst und mit voller Absicht auf seine Verhaftung auf seinen Tod am Kreuz zugeht. In königlicher Souveränität bestimmt er das Gesetz des Handelns, und alle anderen Akteure – die schreiende Menge, die Lobbyisten, die Realpolitiker und die knallharten Militärs – sie alle sind Statisten. Ihre Pläne laufen ins Leere. Gottes Wille geschieht auf Erden. Darum stirbt Jesus im Johannes­evange­lium mit den Worten: „Es ist vollbracht!“

Die Perspektiven kehren sich also vollständig um: der Ohnmächtige ist in Wahrheit der Allmächtige, und die Mächtigen dieser Erde entlarven sich als ohnmächtig. Das ist der Regimewechsel, den Palmsonntag in unserer Wahrnehmung vollzieht. Ich weiß nicht, ob diese Umstellung schwer oder leicht ist, manche würden sagen: das ist eine Zumutung für den gesunden Menschenverstand, andere haben die Erfahrung gemacht, dass ihnen die neue Perspektive einfach so geschenkt wurde – dass sie Jesus jetzt so sehen können, als Herrn der Welt.

Daraus ergeben sich Konsequenzen für unsere Wahrnehmung von Macht und Ohnmacht. Der alte Bauer, der auf der Brücke in Nahariya versehentlich ins Feuer der Marines geriet, der junge britische Soldat, der durch friendly fire aus dem Leben gerissen wurde, die Vierjährige, die mit schwersten Verbrennungen in einem Krankenhaus in Bagdad liegt: aus der Perspek­tive des Unglaubens sind das alles Pechvögel, arme Tröpfe. Aus der Perspektive des Glaubens sind sie Brüder und Schwestern Jesu. Jesus Christus hat sich zum ohnmächtigen Gewaltopfer machen lassen, damit wir niemals die Leiden unschuldiger Opfer achselzuckend hinnehmen.

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