Rasttag für die Seele

Liebe Jubilare! Liebe Gemeinde!

Ein Indianer kommt erstmals in die große Stadt und sieht die technischen Wunder unserer Zeit. Er bestaunt auf einem Gelände die dort ausgestellten Neuwagen. Ein beflissener Autoverkäufer beginnt ohne Punkt und Komma auf ihn einzureden, preist die Vorzüge des schnellen Sportwagens, die Leistungsstärke. Der Indianer sieht ungläubig drein. Darum lädt ihn der Käufer zu einer Probefahrt ein und im Nu ist der schnelle Wagen über die Ausfallstraße auf den Highway. Dort gibt der Fahrer ordentlich Gas, um zu zeigen, was in dem Wagen alles drin steckt. Nach wenigen Meilen bricht der Indianer sein Schweigen und sagt: "Können Sie bitte sofort anhalten!" "Warum? Ist Ihnen nicht gut?" Der Wagen hält an einem Rastplatz und der Indianer steigt aus. Er geht ein paar Schritte, bleibt stehen und dreht sich mit dem Gesicht in die Richtung, aus der sie gekommen sind. "Was machen Sie denn da?" fragt der Autoverkäufer ungeduldig. "Ich warte das meine Seele nachkommt."

Vielleicht schmunzeln wir über den Indianer. Er kann sich unserer schnelllebigen Zeit wohl nicht anpassen. Er gehört nicht zu den Süchtigen des Immer Schneller – immer weiter – immer höher hinaus. Er ist ein Aussteiger im wahrsten Sinne. Er bringt den Wagen zum Stehen und bleibt selbst stehen, wenn er zurückblickt. Er nimmt sich eine Auszeit. Er wartet auf seine Seele.

Klingt schon eigentümlich: "Auf seine Seele warten". Ja, auf jemanden, auf irgendetwas warten das kennen wir allemal. Das gehört zu unserer täglichen Erfahrung: Schüler warten auf die Pausenklingel, die sie von einem öden Unterricht erlöst. Eltern warten am Wochenende auf die Rückkehr ihres halbwüchsigen Sohnes oder iher über beide Ohren verliebte Tochter, der/die in der Disco ist. Sie atmen auf, wenn endlich weit nach Mitternacht der Schlüssel sich im Schloss der Haustür dreht. Ein Patient wartet auf den Arzt und bangt, welches Ergebnis er mitzuteilen hat. Ein allein lebender alter Mensch wartet oft tagelang, bis endlich eines seiner Kinder mal anruft und sich nach dem Wohlergehen erekundigt. Ja, solches und anderes Warten kennen wir zur Genüge. Aber "auf seine Seele warten" – was meint das?

Sie, liebe Jubilare/Innen, haben sich in Ihre Kirche einladen und rufen lassen. Die allermeisten von Ihnen wurden hier vor 70, 65, 60, 50 und 25 Jahren eingesegnet. Die Zugezogenen haben in den vielen Jahren ihres Hierseins ebenfalls in dieser Kirche ein Stück Heimat gefunden und sind der Einladung gefolgt. Für Sie und Ihre Angehörige markiert dieser Sonntag also ein besonderes Datum mit Rückschau und Vorschau: was war, was ist und was wird sein. Und ich behaupte nun, dass solch ein Festtag einlädt, einmal auf seine Seele zu warten. Denn Festage unterbrechen den Alltag, halten inne, wo sonst das endlose Einerlei und das stete Funktionieren sollen oder sogar müssen den Takt angeben. Auf seine Seele warten – das heißt also zunächst, zur Ruhe zu kommen, sich eine Auszeit nehmen wie der Indianer.

Was heißt eigentlich Konfirmation?

Keine Angst, ich frage Sie jetzt nicht ab wie einst meine Vorgänger, so dass Sie schwitzen müssen wie damals. Ich möchte einfach daran erinnern, was Konfirmation im ursprünglichen Sinne einst: Festmachen im Glauben. Die Zusage Gottes, die schon in der Taufe ausgesprochen wird, zu wiederholen: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!" (Jesaja 43,1)

In solchem Vertrauen auf Gott seinen Weg gehen, sind Sie eingesegnet worden. In solchem Vertrauen auf Gott, sind Sie ermutigt worden Ihren Weg zu gehen. Im Rückblick war es oft ein risikoreicher Weg. Die Älteren unter Ihnen haben den Krieg und die Gefangenschaft erlebt und erlitten. Sie haben am eigenen Leib erfahren, wohin Menschen Menschen verführen können, wenn Ideologien alles beherrschen. Die in der Kriegszeit Konfirmierten haben als Heranwachsende noch miterlebt, was es heißt, sich neu orientieren zu lernen, an einer neuen Ordnung mitzuarbeiten, das Leben geachtet und geschützt werde. Die heute auf 50 Jahre Konfirmation zurückblicken, haben gelernt, dass die eigne Kraft gefragt ist. Denn von nichts, kommt nichts, sagt man und dabei wurde oft vergessen, dass auch Gottes Segen dazu gehört. Und die Silberjubilare haben den Wohlstand kennengelernt und sind oftmals dem Glauben erlegen, alles sei machbar und erreichbar, solange der Rubel rollt.

Wie auch Ihr ganz persönlicher Lebensweg aussieht, wie er bisher auch verlaufen sein mag, es gilt die Zusage Gottes, wie sie Paulus am Schluss seines 2. Korintherbriefes beschreibt:

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!

Darauf wartet unsere Seele: auf ein gutes Wort, auf Gnade, Liebe, Gemeinschaft.

Aus Gnade bin ich, was ich bin. Das ist das Erste. Ich bin das, was ich bin als der, als die, der/die ich bin, anerkannt, ohne dass ich mir das verdienen, hart erarbeiten oder erkämpfen muss. Gnade ist da, wo ich mich für mein Dasein und Sosein nicht entschuldigen muss. Gewiss mache ich Fehler. Und dafür entschuldige ich mich. Aber ich bin kein Fehler, sondern gewollt, geliebt, in Stärke und Schwäche.

Die Liebe hört niemals auf: das ist das Zweite,eng verwoben mit dem Ersten. Denn wo anders als dort, wo ich geliebt werde, einfach für mein Dasein, erfahre ich Gnade? Gott ist die Liebe, unfassbar und doch ganz konkret zugleich. So dass sie mich über meine Grenzen hinausführt, umfassend und ganz und gar persönlich.

Vielen Gaben, ein Geist: das ist das Dritte. Die Liebe will nicht bei sich bleiben, sondern sucht die Gemeinschaft, auch mit denen, die anders sind, zwischen den Generationen. Eine Gemeinschaft, die Verschiedenheit und Konflikte aushält, weil der Geist Jesu zusammenhält.

Gnade, Liebe, Gemeinschaft: Verschieden und doch eins, untrennbar, zueinander gehörig.

Darum nahm sich der Indianer das Recht, auszusteigen und auf seine Seele zu warten, wollen wir nicht durch das Leben rasen immer -schneller – immer wieter – immer höher hinaus. Darum genießen Sie heute Ihren ganz persönlichen Rasttag. Lassen Sie Ihre Seele das Wort des Paulus zur Nahrung werden:

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!

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