Pretty Women

Das Thema ist uralt, wie wir sehen werden, aber es begeistert uns immer wieder: Aschenputtel ist ein einfaches Mädchen mit einem guten Herzen – sie findet einen Prinzen, der sie wirklich liebt, der sie heiratet und mit auf sein Schloss nimmt. My Fair Lady – sie ist ein Kind von der Straße mit derben Ausdruck, herzlicher Fröhlichkeit, direkt und emotional, bis sich ein Professor ihrer annimmt und ihr Manieren beibringt. Und last not least ist Julia Roberts die Pretty Woman, eine Prostituierte, ein Niemand, die auf der Suche nach dem großen Geld schließlich die große Liebe findet.

In all diesen Geschichten wird Gewohntes durchbrochen, ein absehbarer Lebenslauf findet einen plötzlichen Wandel, wir erleben es wie ein Wunder und in uns keimt die Hoffnung: Vielleicht, vielleicht gibt es so etwas ja doch …

Ich lese aus dem Lukasevangelium die Geschichte unserer Pretty Woman, die älteste Version des bekannten Themas, den Lobgesang der Maria:

[TEXT]

Maria, Pretty Woman – sie ist ein junges Mädchen aus Nazareth, einer kleinen Stadt in Galiläa. Ihr Leben war schon bei ihrer Geburt verplant: die Eltern verlobten sie mit Josef, dem Zimmermann und das war eine gute Partie, denn Josef war aus gutem Hause und hatte ein ordentliches Auskommen, da sollte sie man zufrieden mit sein. Aber dann, noch vor der Hochzeit, noch bevor alles seinen geplanten Lauf nimmt, geschehen seltsame Dinge.

Maria, unsere Pretty Woman, sieht einen Engel, der mit ihr spricht. Sie hat Visionen, würde man sagen. Man würde sich heute auch nicht scheuen, Maria in die Psychiatrie zu stecken, das blieb ihr erspart. Aber es blieb ihr nicht erspart, dass sie schwanger wurde, ohne verheiratet zu sein – so wie der Engel es ihr gesagt hatte.

Da machte man damals nicht viel Federlesens von, liebe Gemeinde, so jemand wurde davongejagt, wenn man sie nicht sofort gesteinigt hätte. Eine junge Frau mit einem Kind in Israel vor 2000 Jahren hatte überhaupt keine Wahl: Nur als Prostituierte hätte sie sich und ihr Kleines ernähren können, das wäre für unsere Maria schlimmer als der Tod gewesen.

Maria hatte Glück. Ihr Schicksal wendete sich. Es wendete sich nicht nur zum Guten, sondern zum ganz Großen: Josef jagte sie nicht davon, sondern er stand zu ihr und rettete so ihr Leben. Das Kind in ihrem Leib wuchs und sie spürte seine Bewegungen. Und sie wusste genau: Das war kein gewöhnliches Kind, sondern mit diesem Jungen würde sich die Welt verändern. Dieses Kind würde Gottes Friedensreich aufrichten, endlich würde Gerechtigkeit regieren und alle Menschen würden satt werden. „Wo kommt dieser Mann bloß her?“ Würde man eines Tages fragen. Und dann würde gesagt werden: „Das ist Jesus, Sohn der Maria aus Nazareth.“ Maria sang: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes, denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen, von nun an werden mich seligpreisen alle Kindeskinder.

Maria ist sehr stolz und sehr glücklich, als sie ihren Lobgesang singt. Sie ist Pretty Woman: Gott hat sie ausgewählt, seinen Sohn zu gebären. Ihr Leben hat eine wunderbare Wendung genommen. Sie war ein Niemand, ein bedeutungsloses Mädchen in Israel vor 2002 Jahren – heute steht ihr Bild in jeder Kirche (abgesehen von der unseren), Himmelskönigin wird sie genannt. Unsere katholischen Schwestern und Brüder beten zu ihr. Heilige Muttergottes sagen sie zur ihr. Sie ist Fürsprecherin der Gläubigen im Himmel. Maria ist unsere Pretty Woman – sie steht heute im Mittelpunkt dieses Gottesdienstes und wir hören ihren Lobgesang als Predigttext des heutigen Sonntages.

Wo immer wir an solchen Geschichten teilhaben, entringt sich uns ein tiefer Seufzer: Ach, ist das schön! Wie ein Märchen, wie ein Traum, so eine Geschichte. Wie ein Wunder, so berückend und berauschend, das berührt uns tief und weckt ein altes, längst vergessenes Sehnen. Wir erinnern uns an unsere Kindheitsträume – Sie hatten doch sicher auch welche, oder? Haben Sie nie davon geträumt, dass in Ihrem Leben etwas ganz besonderes geschieht? Dass Sie etwas ganz besonderes vollbringen, dass Sie eine ganz besondere Bedeutung haben könnten? Haben Sie nie davon geträumt, eines Tages berühmt zu werden?

Ja, da waren wir Kinder, nicht wahr? Das ist fast vergessen, was früher einmal war. Da ist viel geschehen inzwischen. Wir sind erwachsen geworden, haben viel Arbeit getan, geheiratet, eine Familie gegründet. Da ist viel Wirklichkeit und wenig Traum gewesen. Das Leben entpuppte sich als rau und unwegsam, was gelang, war hart erkämpft. Wenn es gut war und ist, dann wogen sich Freud und Leid gegeneinander auf, dann können wir zufrieden sein und sind es auch. Wir kommen schon zurecht und klagen ja auch nicht, aber wie im Märchen, so ist es nun wirklich nicht, nein. Und unsere Kindheitsträume – naja, wir lächeln ein bisschen. Gott, wie jung wir damals waren, wie unverbraucht und unbedarft!

Ich weiß, dass viele von Ihnen versucht haben, für die Kinder Träume wahr werden zu lassen. Das fängt mit der Gestaltung des Weihnachtsfestes an: Voller Liebe haben Sie Geschenke für Ihre Kinder gekauft und ausgesucht, von denen Sie als Kinder nur träumen konnten. Sie haben den Weihnachtsbaum so herrlich geschmückt, dass Ihre Kinder aus dem Staunen nicht herauskamen. Sie haben vom Weihnachtsmann und seinen Wundergaben erzählt, und Ihre Kinder haben gelernt, an Wunder zu glauben. Viele von Ihnen haben versucht, den Kindern möglich zu machen, was Ihnen verwehrt blieb: Jedes sollte eine Ausbildung, einen Beruf lernen, egal ob Junge oder Mädchen. Jedes sollte seinen Traum vom Leben verwirklichen können, dazu haben Sie, liebe Gemeinde, nicht Kosten und nicht Mühen gescheut. Und doch, Sie sehen es an Ihren inzwischen erwachsenen Kindern, ist auch dort mehr Wirklichkeit als Traum, ist das Leben Arbeit und Mühe, gibt es Sorgen und Streit. Auch bei Ihren Kindern ist das Leben nicht wie im Märchen, sie sind erwachsen geworden und wenn es gut ist, sind sie zufrieden mit ihrem Leben.

Der große Traum, das große Wunder, das Ganz-Besondere, das Märchenhafte – all das ist irgendwo noch in unserem Hinterkopf, und wenn wir die Geschichte Marias, unserer Pretty Woman, hören, dann klingeln da so manche Glöckchen vergangener Sehnsucht, unser Blick verschleiert sich, ein tiefer Seufzer entringt sich unser Brust: Ist das schön! Wäre das schön! Wäre das schön gewesen, wenn ich …

Ach Maria, hast du ein Glück gehabt! … ein bisschen neidisch sind wir schon. Hat sie das denn verdient? Was hat sie denn, was ich nicht habe? Warum gerade sie, warum nicht ich, nicht meine Tochter, nicht mein Sohn? Warum wird ihr denn ein Wunder geschenkt und nicht mir, nicht meinem Nachbarn, der im Sterben liegt, nicht meinem Kind, das so krank ist, nicht unserer Welt, die sich so nach dem Frieden sehnt?

„Stop mal“, müsste Maria sagen. „So einfach war das nun auch alles nicht. Verdient hatte ich es ganz bestimmt nicht, aber wenn du aufgepasst hast, weißt du, dass ich mir nichts darauf einbilde. Ich bin eine niedere Magd meines Gottes, ich bin – ich war – ein Niemand. Aber er hat mich erwählt und darüber freue ich mich unbändig. Und dann kam diese Geschichte mit Bethlehem. Das war nicht schön. Manchmal dachten wir schon, es läge doch kein Segen auf dieser Geschichte. Manchmal waren wir beide verzweifelt, Josef und ich. Du kannst mir glauben: Ich habe mich nicht wie Pretty Woman gefühlt, als Jesus durch die Lande zog und predigte und alle Welt über ihn sprach und sie sagten, er lästere Gott, er sei ein Aufrührer und ein Verbrecher. Und dann stand ich unter seinem Kreuz und habe mich selbst für meinen Lobgesang gehasst. War das nun des Lobens Ziel gewesen? Hatte ich dafür mein Kind großgezogen, hatte ich dafür meine Hoffnungen auf ihn gesetzt? Hatte ich davon geträumt, ihn elendig am Kreuz hängen zu sehen, wie einen Verbrecher hingerichtet? War vielleicht sogar mein eigener Hochmut schuld an seinem Tod?

Ich habe erst viel später gesehen und verstanden. Ich habe erst nach Jahren begriffen, was ich damals sang: Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Bei Gott ist der Groß, der auf Erden nichts bedeutet. Seine Macht zeigt sich als Ohnmacht und seine Herrschaft zeigt sich als Frieden. Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, begriff ich, aber er erfüllt alle seine Verheißungen. Maria ist mein Name. Ich bin eine Magd Gottes, nicht mehr und nicht weniger. Und auch mein Leben war mehr Wirklichkeit als Traum, aber es wurde vom Wunder berührt, und das wünsche ich dir auch.“

Das, liebe Gemeinde, ist es, was geschehen kann. Aschenputtel ist ein Märchen, My Fair Lady ist ein Musical, Pretty Woman ist ein Kinofilm – unser Leben ist Wirklichkeit so wie das Leben der Maria Wirklichkeit war. Auch unsere Wirklichkeit kann vom Wunder gestreift werden. Da bricht manchmal etwas ein in unseren Alltag, womit wir nicht gerechnet hätten, ein Licht, ein Zauber, eine Begegnung, ein Trost. Oder: Gott selber macht sich auf den Weg uns entgegen, streift uns mit seiner Liebe, erleuchtet unseren Weg, begegnet uns auf eine seiner wunderbaren Weisen, dann, wenn wir es gerade nicht erwarteten, einfach so mitten in der Wirklichkeit unseres Alltagsgeschehens. Und manchmal vertraut er uns auch etwas an, einen Auftrag, eine Fürsorge, einen Dienst oder eine Gabe. Manchmal erhebt er auch uns und macht uns groß und sieht uns an und hilft uns auf. Das ist das Wunder, mit dem wir unbedingt immer noch rechnen sollten, solange wir leben.

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