Pragmatische Konfliktlösung!

Liebe Gemeinde,

der Weg der Kirche begann mit einem großartigen Ereignis: Gott hat an Pfingsten, dem jüdischen Wochenfest, seinen Geist über die Jünger ausgegossen, und durch ihre Predigt ist mit einem Schlage eine Gemeinde mit weit über tausend Gliedern entstanden, so die Darstellung des Lukas in der Apostelgeschichte.

Die Wirklichkeit dürfte bescheidener ausgesehen haben. Kurz nach Ostern sind die Jünger mit der Botschaft Jesu hervorgetreten. Bei der Jerusalemer Bevölkerung fanden sie mit dieser ein gewisses Interesse. Und so gelang es den Jüngern innerhalb kurzer Zeit eine Gemeinde zu sammeln. Von einer Massenbewegung konnte nicht die Rede sein. Die erste Gemeinde lebte nicht von einem in Zahlen nachweisbaren Erfolg, sondern aus der Gewissheit heraus, die von Gott erwählte Heilsgemeinde aus dem ganzen jüdischen Volke zu sein, welches als einziges in der Nachfolge Jesu steht.

Hieraus erklärt sich auch, dass die ersten Christen die Zugehörigkeit zum Volk Israel aufrecht erhielten und Juden blieben. Das Alte Testament war die heilige Schrift, an der sich die junge Gemeinde orientierte und man fühlte sich sogar an die Bestimmungen der Thora gebunden, und man erwartete in Jesus den Heilsträger, und den Messias. Die Anhänger und Anhängerinnen des Jesus Christus und ebenso die "Zwölf" um Petrus, Jakobus und Johannes, sie sind Hebräer, treffen sich noch immer in den jüdischen Versammlungsorten, oder gehen zum täglichen Gebet in den Tempel.

Die Urgemeinde konnte zunächst im wesendlichen ungehindert ihr Leben entfalten und Anhänger gewinnen. Zu diesem Zeitpunkt lebten auch griechischsprachige Juden in Jerusalem, die von außerhalb zurück in ihre Heimat gekommen waren. Und unter diesen jüdischen Hellenisten gibt es ebenfalls sog. Jesusanhänger, die sich nach ihrer Bekehrung zu Jesus auch weiterhin in ihrer vertrauten Synagoge treffen.

Die griechisch sprechenden Juden sind allerdings im Unterschied zu den hebräisch sprechenden Juden, dem Tempel nur wenig verbunden. Für sie wohnt Gott nicht im Tempel und der blutige Opferkult hier wird von ihnen als Sünde gegen den Heiligen Geist bezeichnet (Apg 7, 48 ff). In der jungen Gemeinde sind noch keine klaren und endgültigen Entscheidungen getroffen, und durch diesen Unterschied von Hebräern und Hellenisten sind Probleme sozialfürsorgerischer Natur vorprogrammiert. Was Lukas uns hierüber berichtet, entnehmen wir der Apg 6, 1 – 7. Lukas schreibt:

[TEXT]

Was die ersten Christen hier als Lebensgemeinschaft beschäftigt, ist weniger ein theologisches sondern ein soziales Problem. Die "Zwölf" verkündigten nicht nur das Evangelium, sondern sie versorgten auch die Armen in der Gemeinde. Und ausgerechnet die Ärmsten der Armen, die Witwen, waren bei der täglichen Versorgung übersehen worden.

Übersehen oder gar vergessen werden, ist ganz schön hart für den oder die Betroffenen. – Will ich den Bettler am Straßenrand in der Fußgängerzone nicht sehen oder nehme ich ihn nur flüchtig wahr? Schäme ich mich dieses Menschen, weil ich ihn oder sie möglicherweise gar nicht kennen will?

Übersehen werden ist ganz schön bitter. Nehmen wir überhaupt noch unseren Nächsten und Nächste wahr, die Kranken, nach denen niemand mehr fragt; die vielen Zuwanderer, auch hier vor Ort, denen wir keine Zuwendung zu teil werden lassen, weil sie möglicherweise keine Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis haben?

Übersehen und nicht angenommen werden ist ganz schön bitter. Registrieren wir überhaupt noch die Jugendlichen in unserer Gemeinde, die mit ihren Problemen nicht zurecht kommen?

Ich frage mich allen Ernstes, wie viel Vertrauen wird zerstört und wie viele Menschen gehen verloren, wenn diese enttäuscht erkennen, dass wir nicht zu dem stehen, was wir sagen. Für jede Misere sind wir allerdings nicht verantwortlich. Aber die Verantwortung für jeden einzelnen Menschen, der uns begegnet und mit dem wir es zu tun haben, die Verantwortung nimmt uns niemand ab.

Unsere Republik bezeichnet sich gerne als Sozialstaat, in dem karitative Einrichtungen, wie Caritas und diakonische Werke flächendeckend vorhanden sind. Hier finden wir, gestützt durch das Bundessozialhilfegesetz, beeindruckende Hilfen, die den Ärmsten und Schwächsten in unserer Gesellschaft zu Gute kommen sollen.

Bedingt aber durch die schlechte Wirtschaftslage in unserem Lande wird auch bei der Kirche und ihren Einrichtungen massiv der Rotstift angesetzt. Die sozialen Aufgaben werden immer mehr und die Anzahl der Menschen, die sie umsetzen werden immer weniger, da an Personal eingespart werden muss. Da gibt es einfach keine Zeit mehr dem kranken und verzweifeltem Menschen ungestört nur ein paar Minuten zuzuhören oder mit ihm gemeinsam ein erlösendes Vaterunser zu beten. Was ist aus uns Christen geworden?

Die christliche Gemeinde sollte eine Lebensgemeinschaft sein, auch über die Grenzen der eigenen Gemeinde hinaus, so wie damals, so wie Lukas es uns berichtet hat. Dem Notstand helfen die Zwölf dadurch ab, dass sie die Gemeinde zusammenrufen und den Vorschlag machen, den praktischen Dienst der Austeilung von Lebensmitteln sieben anderen Männern zu übertragen. Diese sollten allerdings bei der Gemeinde in gutem Ruf stehen und voll des Heiligen Geistes und Weisheit sein. Um neben den praktischen Dingen, auch mal Zeit zu haben, dem kranken und verzweifeltem Menschen ungestört ein paar Minuten zuzuhören oder mit ihm gemeinsam ein erlösendes Vaterunser zu beten.

Die ganze Gemeinde wird also zur Beseitigung des Notstandes herangezogen, und damit wird jedem einzelnen und jeder einzelnen die Verantwortung für die Liebesarbeit in der Gemeinde ans Herz gelegt. Vor mehr als hundert Jahren hat Johann Hinrich Wichern die Kirche wieder zu diesem Dienst, den Dienst der inneren Mission, aufgerufen. So, wie es für die Apostel wichtig war, Menschen zu finden, die sich ausschließlich dem Fürsorgedienst widmeten, damit sie selbst frei waren für die Verkündigung der frohen Botschaft, so war es auch ein wichtiges Anliegen von Wichern, zum Liebesdienst in der Kirche aufzurufen um so die Menschen wieder in die Gemeinde hineinzuziehen, so wie damals in Jerusalem.

Im gemeinsamen Glauben an Jesus Christus versuchte die junge Gemeinde einen Konflikt ganz pragmatisch zu lösen, ohne dabei die unterschiedlichsten Meinungen und Ansichten außer Gefecht zu setzen. "Und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem." Und wo sind heute noch junge Menschen, Frauen und Männer, die sich so in den Dienst stellen lassen, wie jene Männer und Frauen in der Urgemeinde Jesu?

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