Plädoyer für die Liebe

Liebe Gemeinde,

gerade haben wir gemeinsam unseren Glauben bekannt. Wir tun dies mit den ausführlichen Worten des Apostolischen Glaubensbekenntnisses. In der Bibel finden sich zahlreiche kurze Bekenntnisse: in den Psalmen, den Evangelien, den Briefen.

Im 5.Buch Mose steht das Bekenntnis Israels schlechthin, bis heute das jüdische Glaubensbekenntnis. Es fällt knapper und eindringlicher aus als unseres. Es sind die Worte Moses zu seinem Volk in der Wüste: "Höre, Israel, Jahwe ist unser Gott, Jahwe allein. Und du sollst Jahwe deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft."

Und als konkrete Ausführungsbestimmung werden folgende Sätze hinzu gefügt: "Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie als Zeichen auf deine Hand binden, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore."

Liebe Gemeinde, wir sollen Gott lieben. Wir sollen ihn so intensiv und leidenschaftlich lieben, wie Mose das von seinem Volk fordert. Doch seine Aufforderung steht nicht mehr am Beginn einer romantischen Partnerschaft Gottes mit den Menschen. Sie wird vielmehr nötig, weil diese Ehe schon einseitig vom Menschen gebrochen ist. Gott fordert von den Wüstenwanderern nicht Liebe wie ein frisch Verliebter von seiner Angebeteten. Er verlangt endlich Treue in einer bereits angeknacksten Ehe.

Der Bund fürs Leben, den Gott mit Israel schloss, er hielt auf Seiten der Menschen gerade so lange, wie der Reiz des Neuen bestand, wie der eine Gott etwas Einmaliges war zwischen all den Göttern der Nachbarvölker. Sobald sie ihren Gott erlebten als jemanden, der auch durch Wüsten führen kann, war es mit ihrer Treue und Monogamie nicht mehr allzu weit her.

Die Erfahrungen deckten sich nicht mit der hohen Glückserwartung am Anfang des Lebensbundes – also aus dem gleichen Grund, aus dem heute auch die meisten Ehen scheitern, wenn sie scheitern.

Wenn aus dem Gefühl der Verliebtheit etwas anderes wird – etwas, bei dem man noch nicht sagen kann, ob es sich zu einer ernsthaften, tiefen Liebe oder auch zu einer Trennung entwickelt, wenn das romantische Gefühl, das uns so leicht schweben lässt, dem Alltag weicht, dann wächst die Unsicherheit.

Die Wüstenerfahrung stellt eine harte Bewährungsprobe dar – für den Glauben, für die Liebe und Treue – in der Partnerschaft zwischen Mann und Frau ebenso wie in der Beziehung zwischen Gott und den Menschen. Die jahrelange Eintönigkeit des Tagesablaufs, der zuweilen am Horizont vermisste Silberstreif, die trockene Luft, der Mangel an erfrischenden Quellen und die verlockende Fata Morgana, das alles kann einen Partner im lebenslangen Bund auf falsche Gedanken und Abwege treiben.

Gott bleibt bei seinem Bund. Er will kein anderes Volk als eben sein Volk. Ein für allemal hat er seine Wahl getroffen. Auch Israels Untreue kann seine Liebe nicht erschüttern. Sie intensiviert sie höchstens. Und so fordert Gott auch: "Ich bin dein Gott – ich allein! Liebe mich mit allem, was dir zur Verfügung steht. Keine Halbherzigkeiten bitte! Meine Liebe fordert dich mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele. Keinen einzigen Gedanken sollst du an andere verschwenden!"

Aber, liebe Gemeinde, ist es überhaupt menschenmöglich, GOTT zu lieben, Gott, der die Liebe selbst ist, neben dem menschliche Liebe wie ein Sandkorn in der Wüste wirkt? Kann ein Blindgeborener die Farbenvielfalt des Regenbogens beschreiben? Kann ein Gelähmter Freudensprünge machen? Steht sich der Mensch nicht selbst im Wege, wenn er Gott lieben will?

Gott lieben können wir nur, weil wir von seiner Liebe leben, weil er sie in uns und unter uns stiftet. Denn Liebe ist mehr als Zuneigung, mehr als Vertrauen, mehr als gegenseitige Anziehung, mehr als Verantwortung für den anderen, mehr als Gefühl und gleiche Interessen. Gottes Liebe zeichnet sich durch weit mehr Dimensionen aus als die menschliche.

Was Liebe betrifft, sind wir Menschen noch unterentwickelt. Zu diesem Schluss kommt Erich Fromm in seinem Werk "Die Kunst des Liebens". Denn wir beherzigen Gottes Gebot nicht, das Jesus dem israelischen Glaubensbekenntnis angeschlossen hat: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Wir lieben uns selbst gar nicht wirklich. Entweder haben wir Minderwertigkeitskomplexe und überdecken sie, oder wir sind selbstsüchtig und kreisen nur um das eigene Ich und das eigene Wollen. Wir schlagen zu leicht ins eine oder andere Extrem. Die goldene Mitte, nämlich andere zu lieben wie auch uns selbst, fällt uns von natur aus schwer, erst recht die Liebe zu Gott.

Ehrlich gesagt, glaube ich kaum, dass wir Gott aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und mit all unserer Kraft lieben. Das schaffen wir ja nur mit Mühe bei unserem Partner. Das Haus, das wir unserer Liebe zu Gott gebaut haben, ist viel zu eng geraten. Fast bin ich geneigt, es einen Käfig zu nennen. Wir sind halbherzig. Unsere Stimme und erst recht unser Herz laufen beim Glaubensbekenntnis nur mit halber Kraft. Doch welcher Wagen vermag lange mit halber Kraft oder auf nur drei Rädern zu laufen?

Oft lieben wir Gott aus Gewohnheit – aber welche Aussichten, liebe Ge-meinde, räumen wir einer Partnerschaft ein, die nur aus Gewohnheit besteht? In der Regel übernehmen wir den Glauben durch die Kindertaufe von den Eltern. Doch welche Partnerschaft hat heute noch eine Chance, nur weil sie von den Eltern gewollt war? Also müssen wir selbst unsere in die Wiege gelegte Beziehung zu Gott pflegen und reifen lassen.

Wenn wir uns klar machen, wie lebensentscheidend Glaube und Gottesliebe sind, dann klingt es ziemlich ernüchternd, was Mose dem Gebot der Nächstenliebe an konkreten Hinweisen folgen lässt: Wir sollen dieses Gebot zu Herzen nehmen, sollen es unseren Kindern einschärfen, es bei jeder Gelegenheit aufsagen und den aufgeschriebenen Wortlaut aufhängen.

Da frage ich mich doch: Sollte eine Liebe aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und mit aller Energie tatsächlich einen läppischen Hinweiszettel nötig haben? Sollte Mose seinem Volk wirklich einen "Denkzettel" verpassen? Israel soll sein Bekenntnis wie ein Zeichen umhängen: wie eine Armbanduhr, die mich stets an die Zeit erinnert, wie einen Kalender für das Datum, wie einen Ehering, der mich stets an meinen Partner erinnert. Ich frage Sie: Wie weit muss es gekommen sein, wenn man einen Ehering braucht, um sich selbst an die Existenz des Partners zu erinnern?

Bis heute tragen fromme Juden kleine Kapseln am Handgelenk, an der Stirn und an den Türpfosten des Hauses, Kapseln, in denen Zettel mit dem Glaubensbekenntnis stecken. Dieses Gebot der Gottesliebe ist Teil des jüdischen Morgen- und Abendgebetes. Vielleicht belächelt mancher diese Erinnerungshilfen, aber sicherlich nur derjenige, der gegen die schleichende Epidemie der Vergesslichkeit immun ist – und wer kann das schon von sich behaupten? Wer von uns denkt zu jeder Tageszeit daran, Gott zu lieben mit ganzem Herzen – zuhause und unterwegs, tagsüber wie nachts? Manchmal mit ich für einen läppischen Hinweis sehr dankbar.

Dabei kann mir alles mögliche zu einem Hinweis auf den Glauben werden: eine Bemerkung von Außenstehenden, ein Tischgebet, ein Bibelvers auf ei-ner Grußkarte, eine Kirche, die ich im Urlaub besichtige, das aufgedruckte "Jesus liebt dich" auf dem T-Shirt unter dem Trikot von Bundesligaspielern, das arabische Glaubensbekenntnis an den Wänden der türkischen Dönerbuden.

Ich vermag keinen Glauben zu belächeln, der sich auf Erinnerungshilfen angewiesen weiß, dem Gott zuweilen einen "Denkzettel" verpasst. Zu gefährlich ist die Krankheit der Vergesslichkeit, dass ich das Gute als selbstverständlich hinnehme und das Schlechte Gott vorwerfe, so wie Israel in der Wüste mürrisch wurde, nach greifbareren Göttern Ausschau hielt und in Ermangelung derer sich schließlich sein Glück in Form eines Götzen schmiedete.

Denn auch das zeigt die Geschichte regelmäßig: So offensichtlich im Gottesdienst das Glaubensbekenntnis scheint, so verborgen bleibt es im Alltag. Da herrschen andere Götter. Man muss nicht einmal auf die aktuelle Plakataktion der EKD zur Fußball-WM "Sind Fußballer unsere wahren Götter?" verweisen – diese Vergötzung ist leicht durchschaubar. In den letzten Jahren beispielsweise ist der Bulle in der Börse dem Goldenen Kalb gefolgt. Geld verdienen wurde plötzlich so einfach wie skrupellos. Oder der Glaube an die Allmacht der Gentechniker stellte eine "schöne neue Welt" in Aussicht, in der Versager nichts mehr zu suchen haben. Oh ja, so viele Götter herrschen unbemerkt.

Liebe Gemeinde, für mich ist es kein Widerspruch, sein Gedächtnis mit Erinnerungsstützen aufzufrischen, um den wahren Gott zu behalten und ihn mit ungeteilter Freude und aller Hingebung zu lieben. Was den Dank für Gottes Wohltaten angeht, kennt die Vergesslichkeit keine Altersgrenze – im Gegenteil: da haben ältere Menschen oft ein besseres Gedächtnis. Deshalb besser ein naiver Zettel als ein unbenutzter Glaube. Besser ein einfallslos gestalteter Ehering als gar keinen Bund fürs Leben. Besser ich sage meinen Kindern den Glauben vor, als dass Gott mir Untreue nachsagt.

Liebe Gemeinde, die Treue des jüdischen Volkes im Glauben kann uns als Vorbild dienen. Ein Glaube, der nicht nur die Wüstenzeit, sondern viele wüste Zeiten durchlebt hat – zuletzt den Holocaust -, der sollte unserem Glauben zu denken geben. Eine sentimentale oder abgöttische Gottesliebe hat sich dem Volke Gottes durch die Geschichte von selbst erübrigt. Israels Glaube, der auf Bewährung in die Wüste zog, bleibt bis heute ein erstaunliches Zeichen für uns. So lautet die Botschaft: Gott ist unser Gott und nur Gott allein. Mit ihm sind wir ein Herz und eine Seele. Ihm widmen wir unsere ungeteilte Kraft.

Für die Liebe zu Gott und zum Mitmenschen gibt es nach Erich Fromm nur einen Beweis: "die Tiefe der Beziehung und die Lebendigkeit und Stärke in jedem der Liebenden." Lassen wir uns auf diese Liebe ein! Lassen wir diese Liebe, die Gott uns schenkt, in uns ein! Das, was Gottes Wesen ausmacht, nämlich die ungeteilte, uneigennützige Liebe, sollte auch unser Wesensmerkmal als Christen sein. Seiner Liebe sollten wir als zwar schwache, aber doch von ihm gestärkte Partner treu bleiben. Dann werden wir für andere zu Denkzetteln, zu Hinweisschildern, oder – wie Paulus sagt – zu Empfehlungsschreiben für den Glauben.

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