Pharisäer und Zöllner zugleich

<i>[Die Predigt wurde konzipiert unter Verwendung von Material aus "Gottesdienstpraxis"]</i>

Liebe Gemeinde, die Geschichte vom Zöllner und vom Pharisäer gehört wohl zu den bekanntesten im Neuen Testament. Gleichzeitig, so finde ich, führt sie auch auf ein sehr dünnes Eis. Da kommen zwei Menschen zum Gebet in die Kirche, einer, für den sein Glaube eine Selbstverständlichkeit ist, er ist sozusagen damit groß geworden, stammt aus einer Familie, in der es dazugehört, sich in der Heiligen Schrift auszukennen und alle Glaubensregeln gewissenhaft zu befolgen. Und eigentlich will er nur seiner Dankbarkeit Ausdruck geben dafür, was ihm da so mitgegeben worden ist. Das ist allzu verständlich. Ich war manchmal auch meinen Eltern dankbar dafür, dass sie mich, auch wenn mir das als Kind und als Jugendliche nicht immer die reine Freude war, ziemlich hartnäckig christlich erzogen haben. Dass es letzlich Gott ist, dem Dank gebührt dafür, dass es einem möglich ist, ein einigermaßen geordnetes Leben zu führen, daran denkt man fast zu selten. Dieser Schriftgelehrte in unserer Geschichte hingegen ist sich dessen bewusst, und es kann durchaus sein, dass er nicht nur seiner Glaubenspflicht nachkommt, sondern einem tiefen inneren Bedürfnis, als er da im Tempel betet. Trotzdem fänden wir ihn – wohl auch ohne die Worte, die Jesus an den Schluss seiner Erzählung stellt – möglicherweise ziemlich unsympathisch. So viel Frömmigkeit, so viel Fasten und Spenden, das hat schon fast etwas Unnatürliches, ist man geneigt, zu denken – und vielleicht spielt da auch etwas Neid mit, weil wir alle ja unsere offenen und heimlichen Schwächen kennen. Irgendwie können wir spontan mit dem Zöllner, einem Gauner auch aus der Not heraus, besser mitfühlen. Sein Beruf bringt es mit sich, dass er ein bißchen korrupt ist, er muss mit der Bestzungsmacht kooperieren, aber er drückt auch mal ein Auge zu, und nimmt seine Pflichten nicht so genau, wenn dafür für ihn und seine Familie was rausspringt. Mehr oder weniger sind wir alle so, mag man denken. Dass auch dies nicht ungefährlich ist, darauf macht der Dichter Eugen Roth in einem Vers aufmerksam:

„Ein Mensch betrachtete einst näher
die Fabel von dem Pharisäer,
der Gott gedankt voll Heuchelei,
dafür, dass er kein Zöllner sei.
Gott lob! rief er in eitlem Sinn,
dass ich kein Pharisäer bin!“

Gemischte Gefühle nach dem Hören dieses Gedichtes? Die sind durchaus berechtigt. Irgendwie fühlt man sich hin- und hergerissen. Mir ist es zum Beispiel durchaus schon so gegangen, dass ich mich bei dem Gedanken ertappt habe: "Wie gut, dass ich, trotz aller Brüche in meinem Leben, so weit heil geblieben bin." Bis dahin ist das bestimmt nicht falsch. Gefährlich wird es, wo ich mit dem Vergleichen beginne. Da fange ich an, Pharisäer zu werden. Aber im Grunde steckt wohl in mir, wie in jedem Menschen, ein Stück von beidem.

Ich bin zugleich Pharisäer und Zöllner,
bin voller Stolz auf meine Leistungen:
Ich kann mich sehen lassen.
Keiner hat das Recht,
mich einen Verbrecher oder gottlos zu nennen;
voller Unzufriedenheit mit mir selbst.
Was hat wirklich Bestand?
Ich kann mich selbst nicht ausstehen
und bin überglücklich über mich.

Ja, manchmal ist das so: Ich kann mich selbst nicht ausstehen, genau dann, wenn ich nicht verhindern kann, dass ich mich innerlich über andere erhebe und wenn mir sofort meine Versuche, mir zu sagen, ich bin doch wirklich ein winzig kleines Licht und kann nur bitten "Gott sei mir Sünder gnädig" , aufgesetzt, falsch und hohl und halbherzig vorkommen. Ich bin aber überglücklich, wenn ich mir sage, dass Gott das weiß und mich trotzdem liebt.

Ich bin zugleich Pharisäer und Zöllner,
bin überheblich gegen jene,
die nicht dasselbe geschafft haben wie ich.
Jeder kann aus seinem Leben etwas machen
– oder etwa nicht?
Ich bin unsicher gegen alle,
die erfolgreicher sind als ich.
Ich habe so viel Pech gehabt,
und Unrecht geschah mir.

Jeder kann aus seinem Leben etwas machen? Stimmt das? Ich denke an Leute, denen es geht wie dem Zöllner: Die so viel auf sich geladen haben, dass ein Menschenleben nicht ausreicht, alles wieder in Ordnung zu bringen. Ich denke an persönliches Scheitern, für das ich bestimmt selbst mit verantwortlich bin, aber dessen Folgen sich nicht mehr ausbügeln lassen. Das geht mir so – und sicher auf bestimmten Strecken jedem von Ihnen. Und wieder denke ich daran, dass Gott uns trotzdem liebt und behütet hat – und daran, dass Gott eben ganz anders ist. Dass ich ihm keine Erfolgsbilanz vorlegen muss. Und dass ich daher gar keinen Grund habe, auf materielle Dinge neidisch zu sein. Ist das nicht Grund genug, die Unsicherheit gegenüber "Erfolgreichen" hinter sich zu lassen.

Ich bin zugleich Pharisäer und Zöllner,
bin mir meiner Sache sicher
auch vor dir, Gott.
Ich weiß, was sich gehört
und bin heilig vor dir,
bin meiner Selbst ungewiss
bis in die Depression
und in die Sprachlosigkeit
ungesprochener Gebete.

Das kennen Sie sicher alle, diese Sprachlosigkeit, wenn wirklich etwas auf der Seele brennt, die Frage: Wozu soll ich überhaupt beten, Gott weiß doch, was mit mir los ist – und es sind so viele, die zu ihm sprechen. Hört er mich, will er mich überhaupt hören? So erzweifelt, so hilflos wird auch dieser Zöllner gewesen sein, als er fast zusammenbrach unter dem Seufzer: "Gott sei mir Sünder gnädig." Gott hört auch unausgesprochene Gebete, wenn sie von Herzen kommen.

Ich bin zugleich Pharisäer und Zöllner,
wird der Pharisäer in mir stark genug sein,
mich aufzustacheln, nach Gott zu fragen
mitten in meiner gottlosen Welt,
und nach seinem Willen zu handeln?
Wird der Zöllner in mir stark genug sein,
den Pharisäer zu bekehren,
sich von dir mit deiner Zukunft beschenken zu lassen,
mein Gott, Gott der Pharisäer und Zöllner?

Als ich dieses Gebet gefunden habe, kam auch gleich die Frage auf nach dem Schluss der Geschichte: Ist denn Gott wirklich der Gott der Pharisäer und Zöllner? Heißt es nicht, dass er den Zöllner erhört und den Pharisäer leer ausgehen lässt? Aber wenn beides in mir ist und auch in Ihnen allen, so dürfen wir daran glauben, dass der Pharisäer in uns eben nicht immer den Zuspruch erfährt, den wir vielleicht erhofft haben.
Nicht alle unsere Gebete gehen in Erfüllung, das erfahren wir täglich. Das kann uns nachdenklich darüber machen, wie wir denn gebetet haben. Haben wir Gott überhaupt Zeit gelassen zum Antworten – oder haben wir einfach gefordert, uns gerechtfertigt, ihn sozusagen zugetextet und haben dabei vergessen, still zu werden? Selbstbewusst sein, dass heißt doch, erst einmal bewusst erkennen, wer und wie ich selbst bin, mit allen meinen Abgründen, aber auch mit allen liebenswerten Seiten. Wer immer nur seine Sünden betont, läuft wie der Pharisäer Gefahr, sich und anderen etwas vorzumachen. Nur wer weiß, dass er, weil von Gott geliebt, auch liebenswert ist, kann wirklich aus ehrlichem Herzen bitten: "Gott, sei mir Sünder gnädig". Und er wird erfahren, dass Gott das geknickte Rohr eben nicht zerbrechen wird und aus einem glimmenden Docht eine brennende Kerze machen kann.

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