Pfingsten heute

Liebe Gemeinde!

Manchmal lasse ich im kirchlichen Unterricht, Begriffe dem Alten und dem Neuen Testament zu ordnen. Da steht z.B. auf den Karten: Erschaffung der Welt – Geburt Jesu – Turmbau zu Babel – Kreuz und Auferstehung – Abendmahl – Wüstenwanderung – Pfingsten. Und der zuletzt genannte Begriff wird stets zum Neuen Testament zugeordnet. Doch unser heutiger Predigttext berichtet vom ältesten Pfingsfest in der Bibel. Und davon wird im 4.Mosebuch berichtet. Und das gehört bekanntlich zum Alten Testament. Hören wir einmal hinein:

[TEXT: V. 11-15]

Zunächst bis hierhier. Da spürt man nichts von Pfingsten, nur nüchterner Alltag. Halten wir einen Augenblick inne und schauen uns diesen Mose an. Das ist ein Mann von klarem Verstand und klarem Blick. Den Zustand seines Volkes fasst er in ein eindrückliches Bild: Wie Kinder benehmen sie sich, sagt er, wie Säuglinge. Sie möchten, dass ich sie auf die Arme nehme und durch die Wüste schleppe, bis ans Ziel. Sie möchten, dass ich sie wie eine Amme zur Brust nehme und stille. Sie möchten, dass ich alle ihre Bedürfnisse, ihren Hunger und Durst befriedige, jetzt und auf der Stelle. Am liebsten würden sie zurückkriechen – zurück in den Mutterleib, dorthin, wo es warm und weich ist, wo einer gut aufgehoben, geschützt und versorgt, ganz eins mit der Welt und mit sich. Sie sind zwar aufgebrochen, sagt Mose, sie sind losgezogen – doch nun halten sie das Leben nicht mehr aus. Das Leben in der Wüste, den langen Weg bis zum Ziel. Nun suchen sie einen, der für sie sorgt – wie eine Mutter für sie sorgt. "Ich kann nicht mehr! Muss ich immer alles alleine machen?", so seufzt Mose. "Das geht über meine Kräfte." Die moderne Psychologie hat einen Begriff geprägt für dieses Verhalten, das Mose so treffsicher analysiert. Sie spricht von Regression und meint damit den Rück-Griff auf frührere Lebenslagen, das Rückschreiten in die Vergangenheit – in die Kindheit zum Beispiel, wo andere für einen sorgten, wo andere für einen dachten, wo andere Verantwortung trugen, wo man nur den Mund aufzumachen braucht, um ihn erfüllt zu bekommen. Oder gar – sehnlichster aller Wünsche – der Rück- Schritt zum Ursprung des eigenen Lebens, zur anfänglichen Einheit mit der Mutter vor der Geburt.

Regression: Offenbar so lernen wir aus dieser biblischen Geschichte können ganze Völker auf solche Weise zurückfallen. Da suchen sie sich einen Führer, der sie zur Brust nimmt und ihre Wünsche nach Macht und Größe befriedigt – einen Führer, der ihren Selbsthass auf andere lenkt. Oder sie verbrauchen die Welt, in die Gott sie gesetzt hat, schlingen alles in sich hinein, immer mehr, immer schneller ohne Rücksicht auf die, die neben ihnen leben, in einer wahnsinnigen immer mehr beschleunigenden Höllenfahrt. Regression: "Wissen Sie, was die schönste Zeit meines Lebens war?" sagte mir mal ein älteres Gemeindeglied. "Das war die Militärzeit.Und warum? Da brauchte ich nicht selber zu denken." Regression: In der Zeitung las ich von dem Kaufsrausch, der immer mehr Menschen befällt, weil sie Konflikte nicht aushalten können, das Leben zu schwer geworden ist, weil ihnen die Anforderungen über den Kopf wachsen. Für Mose kommt noch eins hinzu: Er weiß, dass sich Gott nicht als Amme missbrauchen lässt. Er weiß, dass Gott seine Menschen, ihre eigenen Gedanken, ihre eignen Wege gehen, ihre eigenen Entscheidungen treffen lässt. Er weiß, es gibt kein Zurück in den Mutterleib. Er sieht nur eine tiefe Sehnsucht: "so töte mich lieber, … damit ich nicht mein Unglück sehen muss." Doch die Geschichte bleibt hier nicht stehen. Sie geht weiter, hören wir in sie hinein.

[TEXT: V. 16-17+24-25]

Pfingsten im Alten Testament: Da geraten also siebzig Männer – ältere Männer wohl gemerkt – in Verzückung. Sie fallen aus dem Rahmen, legen ein ungewöhnliches Verhalten an den Tag. Pfingsten im Neuen Testament: In Jerusalem geraten zwölf Männer in Ekstase, die sich so aufgeführt haben, dass einige meinten, sie seien betrunken.

Das ist ja das Ungewöhnliche, was der Geist bewirkt: Ängstliche verlieren ihren Mut, Anpasser werden aufsässig, Schwätzer lernen das Schweigen, Schweigende beginnen zu reden, Schmeichler und Lügenbolde sagen auf einmal die Wahrheit, Langeweiler werden interessant, Spöttern vergeht ihr Spott, Mitläufer gehen ihre eigenen Wege. Mit einem Wort: Menschen geben ihre Gewohnheiten auf, verlassen die eingefahrenen Geleise, versuchen sich auf ungewöhnlichen Pfaden. Umgekehrt gilt: Wo nichts mehr wirklich aufbricht im Verhalten von Menschen, im Verhalten der Christen, wo sich in Kirche und Welt alles weiter in alten, festgefahrenen Bahnen bewegt, kann vom Wirken Gottes keine Rede sein, bleibt Pfingsten ein Fest der Erinnerung, bleibt das Geschehen ein Märchen: Es war einmal …

Pfingsten im Alten Testament: Die Verzückung in die die siebzig Männer geraten sind, ist prophetischer Natur. Das heißt u.a. sie sehen die Welt nicht mehr länger durch die Brille ihrer Wünsche , die Brille ihrer Illusionen, die Brille ihrer Begierden. Nichts anderes ist nämlich Prophetie: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Lichte Gottes sehen. Welt und Wirklichkeit so sehen, wie Gott sie sieht. Da bleibt die Wüste Wüste. Aber da gibt es Brot in der Wüste, das den Hunger stillt, den Hunger nach Leben und Liebe, weil es von Gott kommt, das Brot: Nahrung, an der kein Mensch erstickt, niemand sich vergiftet. Pfingsten im Neuen Testament: Der Geist öffnet den Zwölfen ihren Mund. Sie verkündigen, dass der gekreuzigte Jesus auferstanden ist. Sie erzählen von Gottes großen Taten inmitten der Welt. Sie können nicht anders als von dem Wunder zu berichten: "Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht …", wie später Jochen Klepper einmal dichten wird. Somit ist Pfingsten im Alten wie im Neuen Testament die Gegenbewegung zur Regression. Gottes Geist entführt nicht, entrückt uns nicht aus unserer Welt. Er eröffnet hier und heute neue Perspektiven. Pfingsten im Alten Testament: Mose wird entlastet. Die Arbeit auf viele Schultern verteilt.

Pfingsten im Neuen Testament: die Zuhörer und Zuhörerinnen fragten damals die Jünger: Was sollen wir tun? Und sie hörten die Antwort: "Tut Buße, und ein jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr die Kraft des Heiligen Geist empfangen." (Apg.2,38) Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen ;und an diesem Tag kamen ungefähr dreitausend Menschen hinzu. Pfingsten heute? Es beginnt wie damals in der Wüste, wie damals in Jerusalem: durch Miteinanderteilen. Miteinander murren und klagen, miteinander durch die Wüste wandern, miteinader das Brot des Lebens essen. Miteinander Mut fassen. Miteinander die Wahrheit sehen und sagen. Miteinander Gottes Welt, Gottes Wirklichkeit weissagen. Miteinander ein neues Leben beginnen.

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