Parkhaus oder Phantasialand?

Liebe Gemeinde!

Die Adventszeit ist die Zeit der verschlossenen Türen, die sich nach und nach öffnen. Am schnellsten und einfachsten kann man sich das am Adventskalender klarmachen. Für jeden Tag ist ein Fensterchen vorgesehen, das geöffnet werden soll. Manchmal befinden sich kleine Bilder dahinter – manchmal Süßigkeiten. Und es gehört schon ein bisschen Disziplin dazu, dass ein Kind nicht gleich alle Fenster öffnet und die Süßigkeiten auf einen Ritt vernascht, sondern Tag für Tag gespannt ist und Tag für Tag ein Türchen öffnet. Im Advent probieren die Kinder das Warten.

Ich weiß nicht, wer den Adventskalender erfunden hat – aber ganz sicher bin ich mir, dass es einer war, der die Adventserwartung der Christen kannte und darin zu Hause war. In viele Liedern singen wir davon, dass sich uns Türen öffnen werden. "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit…" / "O Heiland reiß die Himmel auf…" / "Seid unverzagt ihr habet die Hilfe vor der Tür …"

Im Advent geht es ums Warten – es geht darum, dass sich Türen öffnen.

Der Adventskalender ist für unsere Kinder aber erst die Vorfreude oder eine Art Hinführung. Der Adventskalender übt sozusagen erst "das kleine Warten" ein. Am 24. ist dann am Adventskalender die Tür besonders groß – d.h. dahinter versteckt sich das größte Geschenk. Die große Tür weist auf Weihnachten hin. Eigentlich brauchen die Kinder dafür keine Erinnerung – dass wissen sie: Am 24. oder 25. Dezember stehen sie dann vor der verschlossenen Wohnzimmertür, sind ganz aufgeregt und gespannt – bis dann der erlösende Moment kommt. Die Tür geht auf, sie dürfen in die Weihnachtsstube und ihre Geschenke sehen und haben. Im Advent geht es darum, das wir erinnert werden, das noch einmal etwas ganz Großes auf uns zukommen wird.

So ist das aber auch in unserem Leben geblieben – als wir erwachsen wurden. Wir sind Wartende geblieben. Das Leben ist wie ein großer Warteraum, in dem wir uns befinden.

Immer wieder einmal stehen wir in unserem Leben vor verschlossenen Türen und warten darauf, das sie sich öffnen.

Da ist ein Mensch, zu dem wir gerne Zugang bekommen würden. Da ist eine Lehr- oder Arbeitsstelle, um die sich viele beworben haben. Da ist ein Problem in der Familie, das wir gerne gelöst sehen möchten. Es sind verschlossene Türen, an denen wir rütteln. Manche Türen werden sich öffnen – andere aber auch nicht.

Und auch die gegenteilige Erfahrung gibt es: Türen, die wir für fest verschlossen hielten, beginnen sich plötzlich wie von selbst zu öffnen. Wir wissen also was gemeint ist. Adventszeit ist die Zeit der verschlossenen Türen, die aufgetan werden sollen.

Es geht darum, dass uns – von höherer Stelle her – Türen geöffnet werden.

Die genannten Beispiele zeigen, dass es für die Adventserwartung genug Anknüpfungspunkte in unserem Leben gibt. Und doch müssen wir noch einmal etwas genauer hinschauen und hinhören. Wir Christen warten darauf, das Gott uns eine letzte große Tür öffnen wird, durch die wir in die Herrlichkeit Gottes eingehen dürfen – aber steht diese Tür sozusagen einsam im Warteraum der Zukunft?

Wir wissen wohl darum, das Gott für uns noch etwas bereit hat, was wir jetzt noch nicht haben. Wir dürfen und müssen ganz toll gespannt darauf sein, das Jesus wiederkommt und endgültig alles in Ordnung bringen wird – sowohl in unserem Leben, als auch in unserer Welt.

Aber wir warten nicht ungewiss darauf. Mit Ungewissheit meine ich zweierlei. Wir warten nicht als solche, die sich dessen ungewiss sind, was da kommen wird – die hl. Schrift sagt uns das Kommende an und beschreibt uns den Kommenden. Und wir warten nicht ungewiss in dem Sinne, das wir Angst haben müssten, das sich uns diese Tür nicht öffnet.

Vielleicht sage ich es einmal in einem Vergleich. Zwei Modelle stehen mir dabei vor Augen: zum einen das neue Parkhaus unter dem Annaberger Markt – zum anderen der Freizeit- und Erlebnispark Phantasialand in Brühl bei Bonn.

In das Parkhaus komme ich ohne große Hindernisse hinein. Die Tür ist immer offen, es sei denn alle Stellplätze sind belegt. Am Eingang brauche ich nur ein Ticket entnehmen. Aber an der Ausfahrt geht die Fahrt nicht so problemlos vonstatten. Da befindet sich eine Schranke – eine verschlossene Tür. Und diese Tür öffnet sich erst dann, wenn ich das bezahlte Ticket vorlege. Der Entscheidungspunkt liegt hier also am Ende.

Ganz anders ist es aber in Phantasialand. Da bezahlet man am Eingang eine hübsche Summe – und dann stehen einem alle Türen offen. Ich habe bezahlt und kann ruhig durch das ganze Gelände gehen und immer noch gespannt sein, was mich hinter den einzelnen Türen erwartet. Der Entscheidungspunkt liegt hier am Eingang.

Ich weiß – alle Beispiele klemmen an einer Stelle. Wenn ich diese beiden – ich sage einmal. "Türenöffnungsmodelle" – miteinander vergleiche, dann geht es nicht um den Preis. Den Preis, der uns die Tür zu Gott öffnet, ist gezahlt. Jesus hat ihn gezahlt. Wir können nicht hinzufügen und ihn schon gar nicht ersetzen.

Hier geht es um die Frage, wo befindet sich die wichtige Tür auf unserem Weg, die mir Zugang verschafft? Liegt der Entscheidungspunkt im "ungewissen Dann" oder im "Jetzt"? Gehen wir mit Gewissheit dem Kommenden entgegen oder in Ungewissheit?

Das steht von unserem PT her fest: die Tür, durch die wir bewusst gehen müssen und wo wir uns entscheiden sollen, steht am Anfang. Der Entscheidungspunkt für den christlichen Glauben liegt am Anfang des Weges. Und die Entscheidung heißt, nehme ich das, was Jesus Christus für mich getan hat an? Lass ich es in meinem Leben gelten: Er hat für mich bezahlt!

In unserem PT werden wir auf diesen Tatbestand hingewiesen! "Weil wir denn nun durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum, den er uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist: durch das Opfer seines Leibes, und weil wir einen Hohenpriester über das Haus Gottes haben …"

Hier werden wir in atl. Begriffen auf Jesus hingewiesen. Die Voraussetzung für alles was dann kommt, lautet: "Weil wir haben!" Das ist eine vollendete Tatsache und darin schwingt eine persönliche Gewissheit mit. Weil wir haben! – Haben wir?

Haben wir Gewissheit, dass das Blut Jesu meine Sünden abgewaschen hat und das Jesu Blut, mir die Freiheit zu Gott gebracht hat? Haben wir Gewissheit, das Jesus die Verbindung zu Gott herstellt hat und sozusagen die Standleitung zu Gott ist.

Haben wir? Hat Er uns? Hat er uns ganz?

Diese Frage erinnert uns also an unsere Beziehung zu Jesus. Er ist der Preis, der gezahlt wurde. Und nun ist es wichtig, das ich es für mich gelten lasse, was Er mir erworben hat. Er – Jesus ist die geöffnete Tür, die mir alle weiteren Türen öffnet. Und nun ist es an mir, ganze Sache mit IHM zu machen – mit IHM zu leben. Die Entscheidungstür für den Glauben befindet sich immer am Anfang des Weges. Und diese Tür heißt Jesus Christus. Und durch IHN stehen mir alle Türen offen.

Drei wichtige Türen sind hier genannt:
die Tür Gott gegenüber;
die Tür zur Welt;
die Tür zur Gemeinde.

Alle diese Türen sind uns durch Jesus in einer bestimmten Weise offen.

1. Ich armer, elender, sündiger Mensch darf durch Jesus Christus zu dem heiligen, ewigen, allmächtigen und gerechten Gott kommen. Das Kreuz von Golgatha gibt mir das Recht, den Zugang dazu – die Tür ist offen! Aber nun soll das kein Wissen bleiben, das ich in der Hinterhand habe – ich soll auch kommen! Hier hören wir: "So lasst uns hinzutreten (ich übersetze) mit ehrlichen Herzen, in ganzem Vertrauen, mit gereinigten Herzen und frei vom schlechten Gewissen."

Das wäre doch eine schlechte Glaubenspraxis, wenn wir uns als Konfirmanden ein Glaubenswissen aneignen und es dann nicht ausprobieren. Ein Glaubenswissen nützt uns gar nichts. Glaubenspraxis ist gefragt! Dazu werden wir hier gerufen: "So lasst uns!" Suche Erfahrungen mit Gott!

Gott ist doch da, ich darf IHN ansprechen – ich darf ihn sogar Vater nennen. Und er, der Vater, wird und will mich behandeln wie ein Vater sein Kind. D.h. doch: es gibt viele Erfahrungen mit Gott, die da auf mich warten. Wann hast du das letzte Mal bewusst Gott erlebt? Heute morgen? Oder ist es schon lange her?

Gott der Vater wartet doch auf seine Kinder! "So lasst uns doch zu IHM gehen mit ehrlichen Herzen, in ganzem Vertrauen, mit gereinigten Herzen und frei vom schlechten Gewissen." Für mich in einer tiefen, einprägsamen Weise hat das G. Teerstegen in einem Weihnachtslied formuliert: "Hier (nämlich in Jesus) ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen. Gehet hinein, eins mit dem Kinde zu sein, die ihr zum Vater wollt gehen."

Die Tür zu Gott ist offen durch die eine Tür: Jesu! Aber nun gehet hinein! Die ihr zum Vater wollt gehen.

2. Jesus hat uns auch die Tür zur Welt geöffnet! Wie können wir uns aus der Welt zurückziehen – wir haben doch eine Hoffnung für die Welt. Weltoffenheit heißt doch nicht, ich muss alle Sünden der Welt mitmachen. Weltoffenheit heißt: ich sehe sehr wohl den elenden Zustand dieser Welt mit allen krankhaften Erscheinungen und allen entzeitlichen Entwicklungen. Und dennoch haben wir das Bekenntnis der Hoffnung. Daran gilt es festzuhalten.

Ich will es an einem adventlichen Beispiel verdeutlichen. Unsere Adventslieder sind voll von dieser Hoffnung. Johannes Tauler war einer der großen Prediger des Mittelalters. Er war Mystiker. In vielen Dingen dieser Welt sah er ein Abbild der ewigen Welt Gottes. Die Zeit, in der er in Straßburg und Basel lebte, war dunkel und schwierig: geprägt von Streit in der Kirche und von der tödlichen Pest. Tauler stand oft bei Straßburg am Rhein und sah die Schiffe kommen. Was hatten sie geladen?! Holz oder teure Schätze – oder waren es Totenschiffe, voll mit Pestleichen? Aber Tauler sah ein ganz anderes Schiff, ein Schiff, das wirklich ankommt, das vor Anker geht. Es ist das Schiff, das uns Jesus Christus bringt: "Es kommt ein Schiff, geladen bis an sein‘ höchsten Bord, trägt Gottes Sohn voll Gnaden, des Vaters ewigs Wort."

Und im letzten Vers beschreibt er unsere Hoffnung, unser Ziel: "…ewigs Leben zu erben, wie an ihm ist geschehn." Wie oft hat dieses Lied Menschen getröstet? Wie oft kam in ihm Jesus Christus zu den Menschen?

Das Bekenntnis der Hoffnung gilt es festzuhalten. Was hoffen wir? Was ist unsere Hoffnung? Wir hoffen doch nicht darauf, das die Welt zum Teufel geht. Wir warten auf den Triumph Jesu. Wir warten auf Sein Kommen: zuerst zu seiner Gemeinde, dann zu seinem Volk und den Völkern der Welt und zu seinem Himmel und zu Seiner Erde. Entrückung, Völkergericht, Friedensreich, Neuschöpfung.

An dieser Hoffnung festhalten, heißt Mut für das Leben haben, heißt fröhlich unterwegs sein auf dieses Ziel hin.

3. Darum, weil die Vollendung mit der Gemeinde Jesu beginnt, wird im Hebräerbrief unser Augenmerk auf die Gemeinde gerichtet. Er, Jesus ist die offene Tür für die Gemeinde! Das hat Konsequenzen für unser Miteinander als Christen!

Wir dürfen nicht zum "Hüter unseres Bruders" werden – also so eine Art innergemeindliche Staatsicherheit, wo wir den anderen so kontrollieren, das ihm keine Luft zum atmen bleibt. Aber hier wird uns gesagt: "Lasst uns aufeinander Acht haben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken." Wo können wir dem Bruder und der Schwester weiterhelfen, sie mitnehmen, sie einladen, mit ihnen beten – ihnen eben Glaubensgenosse sein. Jesus wird uns einmal fragen: Wo ist dein Bruder – deine Schwester?

Advent – Zeit der Türen, die geöffnet werden. Wir hatten am Anfang gefragt, welches "Türöffnungsmodell" dem christlichen Glauben zugrunde liegt und hatten uns für das Modell Phantasialand entschieden. Jesus ist die eine Tür am Anfang – die uns alle weiteren Türen öffnet. Er hat für uns den Preis gezahlt.

Aber nun haben wir durch Jesus keinen freien Eintritt in Phantasialand – wiewohl der Glaube etwas phantastisches ist – Aber er ist kein Phantasiegebilde! Gott fordert uns auf im Jetzt, im Heute, wirkliche Erfahrungen zu machen – im Umgang mit IHM, mit der Hoffnung inmitten dieser Welt und mit Seiner Gemeinde.

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