Pächterwechsel

Liebe Schwestern und Brüder

– hier in der Klinikkapelle und in den Zimmern auf den Stationen Reminiscere – „Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.“ So betet der Psalmist, so dürfen auch wir beten – immer. Jedoch Gott anzurufen, an seine Barmherzigkeit, an seine Güte zu appellieren, fällt uns oftmals schwer angesichts unserer eigenen, bedrängenden Situation, unserer Krankheit, unserer Verlassenheit. Denn wieso konnte Gott – in seiner Güte und Barmherzigkeit – uns in eine Lage geraten lassen, die sich so ausweglos, so unendlich schwierig darstellt? Existentielle Fragen, die in uns aufsteigen – besonders an einem Ort wie diese Klinik und in einer Zeit des Leidens, der Passion.

Passionszeit – Leidenszeit. Jesus ist in Jerusalem angekommen. Er weiß, warum er dort ist. Er kennt seinen Auftrag, von Gott gegeben. Und er kennt auch den Psalm 25 mit diesem 6. Vers: „Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.“ Leicht ist ihm dieser Weg nach Jerusalem, der am Kreuz auf Golgatha endete, nicht gefallen – ganz im Gegenteil: Denn kurz vor seiner Gefangennahme in Gethsemane betet er verzweifelt: „Abba, mein Vater… nimm diesen Kelch von mir …“

Doch noch ist es nicht soweit. Noch geht Jesus frei und ungehindert in Jerusalem umher, kann predigen. Und er erregt öffentliches Ärgernis: Alle Kaufleute z.B. jagt er aus dem Tempel, lauter ehrbare Männer, die den vielen Passahpilgern doch nur den Erwerb der Opfertiere ermöglichten. Heutzutage würde die Boulevardpresse mit großem Aufmacher von einer „Randale im Tempel“ berichten. Es ist nur zu verständlich, dass die Hohenpriester und Schriftgelehrten, also Israels führende Theologen und daher auch die obersten Wächter über die Ordnung im Tempel, Jesus fragen, mit welcher Berechtigung er so handelt. Mit seiner Antwort sind sie alles andere als zufrieden, sein Verhalten empfinden sie als extrem gotteslästerlich. Darum trachten sie danach, diesen Jesus unschädlich zu machen. Während sie also anfangen, hierfür Pläne zu schmieden, erzählt Jesus ihnen allen folgendes Gleichnis:

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Meine Schwestern, meine Brüder! Können wir – heute wie auch damals – diese Handlungsweise Jesu überhaupt noch nachvollziehen? Da heizt er doch tatsächlich in einer zum Zerreißen gespannten Situation die erregten Gemüter noch weiter auf mit dieser Geschichte von dem eigenartigen, merkwürdig blauäugigen Großgrundbesitzer. Sie geht nämlich allen Zuhörern unter die Haut, trifft existentiell den Nerv des Selbstverständnisses. Wer lässt sich schon gerne an die finstersten Kapitel seiner Geschichte erinnern – wir Deutsche nicht an die Zeit vor 70 Jahren und genausowenig auch Jesu Zeitgenossen in Israel. Auch mehr als 500 Jahre später leiden sie noch an ihrer selbstverschuldeten Exilszeit in Babylon. Mit diesem Gleichnis erinnert Jesus sie in fataler Weise an Jesajas Weinberglied, welches Gottes Gericht über Israel angekündigt hatte.

Darin hatte der Prophet nämlich einen wunderbar angelegten, gehegten und gepflegten Weinberg besungen. Jedoch allen Bemühungen zum Trotz brachte dieser nicht die ersehnten Weintrauben hervor. Und weil er die in ihn gesetzten Hoffnungen bitter enttäuschte, wurde der Weinberg der Verwüstung anheim gegeben.

Dabei ist Jesaja nicht Gottes einziger Prophet, sein einziger Diener gewesen, der Israel zur Umkehr von seiner bisherigen, Jahwe abgewandten Lebensführung aufforderte. Sie alle mahnten vergeblich. Ja, sie waren deswegen sogar Schikanen ausgesetzt: Einem Amos z.B. wurde Redeverbot erteilt und Jeremia sogar gefangen genommen und in einen stickigen Brunnen geworfen.

All das kommt Jesu Zuhörern in den Sinn, als er ihnen sein Weinberggleichnis mit den bösen Pächtern erzählt. Als die Theologen kennen sie sich bestens in der Hl. Schrift aus und können nicht umhin, die Parallelen zu den dunklen Kapiteln der Geschichte ihres Volkes zu entdecken – so, wie wir ja auch. Und ebenfalls haben sie die Parallele zu dem Gutsbesitzerssohn und dem „leidenden Gottesknecht“ aus Jesaja verstanden; deshalb wagen sie vorerst nicht, gegen Jesus vorzugehen. Zu groß ist sein Ansehen beim einfachen Volk.

Aber wir wissen, die Meinungen der Volksmassen sind manipulierbar. Am Freitagvormittag dann schrien schließlich alle die: „Kreuzige ihn!“, die ihm am Sonntag zuvor noch mit Hosiannah-Rufen zugejubelt hatten. An Karfreitag, am Kreuz auf Golgatha, wurde der Schluss des Gleichnisses, der gewaltsame Tod des Sohnes, bittere Realität.

„Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.“ Wenn der Beter dieses Psalms recht hat – und ich bin überzeugt davon, dass er recht hat – dann ist mit Jesu Leiden und Sterben am Kreuz nichts zuende. Im Gegenteil – mit Ostern, mit dem vom Tode auferstandenen Christus beginnt unser aller Leben neu, ein Leben in Gottes gnädiger, in seiner sich uns erbarmenden Nähe – in seinem Weinberg als die neuen Pächter.

Seit Anbeginn der Welt ist es bei Gott beschlossen gewesen, dass wir zu ihm gehören sollen, will er uns bei sich haben, wirbt er um uns. Das macht uns auch Johannes gleich zu Beginn seines Evangeliums ganz deutlich: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ heißt es da im Prolog. Jesus Christus ist dieses fleischgewordene Wort – und genau das Wort, mit dem Gott die Welt erschaffen hat. Und weiter heißt es im Prolog: „Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ Also: Ohne das Wort Gottes ist nichts geschehen, geschieht jetzt nichts und wird nichts geschehen. Bei Gott verläuft alles nach Plan. Und Jesus weiß um diesen Plan. Deshalb bleibt es im Garten Gethsemane nicht nur bei seinem flehentlichen Bitten: „Abba… nimm diesen Kelch von mir…“, sondern er betet weiter: „… doch nicht, was ich will, sondern was du willst“ soll geschehen. So ist dann mit Karfreitag auch unser Leben nicht perspektivlos zuende; sondern wir treten es als Getaufte wegen Ostern neu wieder an.

Mit dieser österlichen Gewissheit, dass bei Gott unser Leben seit jeher bestens aufgehoben ist, erschließt sich uns Jesu Gleichnis von den bösen Weinbergpächtern ganz neu: Wir sind Gott vom Anbeginn aller Zeiten an so wichtig, dass er nichts, aber auch garnichts unversucht lässt zu unserer Rettung. Dafür setzt er sogar das Wertvollste ein, das er besitzt: Er schickt seinen Sohn zu uns, lässt ihn sogar unsere Schuld mit seinem Leben bezahlen. So werden wir die neuen Pächter in Gottes Weinberg!

Aber wie sieht es nun mit unserem Pachtzins aus? Was haben wir zu zahlen? Für uns ist doch eigentlich die Pacht viel zu hoch – unbezahlbar! Wir können diesen Pachtzins nicht entrichten; aber Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, hat bereits alles für uns bezahlt. Dafür übernehmen wir die Verpflichtung, den Weinberg zu hegen und zu pflegen., Er soll für alle im Reiche Gottes ein Ort der Freude sein.

Wie sollen nun Hege und Pflege des Weinberges durch uns geschehen? Jesus hat es uns gesagt: „Folget mir nach!“ Stellt euch den Aufgaben und Pflichten eures Lebens – so, wie ich meinen Auftrag von Gott akzeptiert und übernommen habe. Seid gewiss, Gott verlangt von euch nichts, was ihr nicht leisten könnt.

Jedoch, wie erkenne ich meinen Auftrag, also die wirklichen Aufgaben und Pflichten, die mir das Leben stellt?

Wer von uns hat sich noch nie nach dem Sinn seines Lebens mit all den bedrängenden Problemen und bedrohlichen Nöten gefragt. Vermutlich keiner. Und haben uns dann die Antworten, die wir meinten gefunden zu haben, auch immer befriedigt?. Wenn wir ernsthaft unser Leben hinterfragen, dann dürfen wir wirklich darauf vertrauen, dass sich uns irgendwann – im Nachhinein – der Sinn unseres Lebens erschließen wird, dass wir trotz aller Schwierigkeiten und Nöte das Gute darin erkennen werden.

Hin und wieder erlebe ich Menschen, ganz persönlich aber auch u.a. in den Talk-Shows des Fernsehens, die z.B. an einer schweren, lebensbedrohenden Krankheit leiden oder eine solche überwunden haben. Das Besondere an diesen Menschen ist, dass sie sich trotz ihrer zwangsläufigen Depressionen nicht haben klein kriegen lassen und nun ihre Lebensaufgabe darin sehen, anderen Menschen in deren Verzweiflung beizustehen, sie stark zu machen. Diese Menschen haben ihre Krankheit als sinnstiftend für ihr weiteres Leben erkannt. Und sie akzeptierten die neue Lebensaufgabe, sie stellten sich ihrem Leben. Wenn es uns gelingt, auch in ein derart sinnerfüllendes Leben einzutreten, dann folgen wir Christi Ruf in seine Nachfolge, dann sind wir die Pächter, die Gott für seinen Weinberg sucht.

Und schließlich – diese Gewissheit dürfen wir haben: Ein sinnentlehrtes Leben lässt Gott uns nicht führen! Aber, wir müssen auch aus tiefstem Herzen ein ehrliches „Ja“ zu unserem Leben sagen.

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