Osterengel

<i>[Das in der Predigt angesprochene Bild ist zu finden in der Bildmeditation: „Meine Engel werden dich tragen“, hg. von Erika und Friedrich Haarhaus, Verlag Bergmoser + Höller, Aachen. – Grundlage für die Predigt ist das Gedicht von Lothar Zenetti: Welcher Engel wird uns sagen.]</i>

Liebe Gemeinde,

„welcher Engel wird uns sagen, dass das Leben weitergeht … so dichtet L. Zenetti in einem Ostergedicht.
Welcher Engel nimmt uns mit hinein in die Wirklichkeit von Ostern? Gott sei Dank, sage ich, sind die drei Frauen einem Engel begegnet. Gott sei Dank erscheint dieser Engel Maria von Magdala und Maria, der Mutter Jesu und Salome. Ein Engel der sagt: Das Leben geht weiter, im Sinne Jesu. Ein Engel der den Frauen Ostern nahe bringt. Denn alles was wir von Jesus wissen, wissen wir nur, weil es diese Geschichte gibt, und weil es bei den Frauen zuerst, durch diesen Engel Ostern geworden ist. Alles andere, was von Jesus überliefert worden ist, seine Wunder, die Gleichnisse, seine Worte, die die Mächtigen herausgefordert haben, besonders die in der Bergpredigt,
auch all das was wir über sein Leiden, seinen Weg ans Kreuz in der Passionszeit gehört und bedacht haben, all das wäre damals zu Ende gegangen, zu Ende gegangen mit der verzweifelten Flucht einiger Anhänger eines jüdischen Wanderpredigers um die Zeitenwende.
Und mit all dem wäre uns die Herzenserkenntnis über die wirklich wesentlichen Fragen und Wirklichkeiten unseres Lebens verloren gegangen, die Herzenserkenntnis über die Liebe und den Tod. Und genau mit der Angst, dass der Tod etwa die Macht hätte, die Liebe zu besiegen, genau mit dieser Angst haben sich die drei Frauen auf den Weg zum Grab Jesu gemacht.

Matthäus erzählt nicht, dass die Frauen hingehen, um den Leichnam Jesu zu salben, sie gehen hin, um das „Grab zu
schauen“. So wie wir das ja auch kennen. Für „schauen“ steht da das griechische Wort „theorein“. Das bedeutet so viel wie: betrachten, meditieren, anschauen. Sie kommen schon am späten Abend. Denn nach der Abenddämmerung beginnt schon der
neue Tag. Die ganze Nacht über möchten sie am Grab bleiben, um Jesus zu betrauern und über ihn nachzudenken und zu meditieren. Da – kommt eine ganz andere Kraft ins Spiel: Ein starkes Erdbeben entsteht, eine Erschütterung. Da – wird alles durcheinander geschüttelt, das kommt Bewegung hinein in die Grabesstarre. Der Engel des Herrn, bringt diese Bewegung mit
sich, mächtig, kräftig.

Auf ihrem Liedblatt haben sie den Engel dargestellt. Er findet sich im Perikopenbuch Heinrichs II. von etwa 1007. Er ist gemalt von einem Mönch der sogenannten Reichenauer Schule: Der Maler lässt den Engel auf dem Grabdeckel thronen, wie einen Herrscher, seinen Sitz umrahmt er mit Säulen und Schmuckgiebel, als säße er im Tempel. Der Engel sitzt zwar
ruhig, groß und aufrecht da. Aber von ihm gehen gewaltige Bewegungsströme aus. Einer seiner Flügel steigt und fällt im
engen Bogen. Der andere schwingt sich hoch bis an das Dach. „Begraben, aber auferstanden,“ das sagen diese Flügel in der Sprache ihrer großen Bewegung. Als ginge ein Sturm von der Gestalt aus, wehen auch die Enden seines Mantels von Körper fort. Zwischen Flügel und Mantelzipfel schwingt weit in das leere goldene Feld der Arm mit der übergroßen Hand. Diese Gebärde des Engels und der intensive Blick seiner geöffneten Augen bezeugen: „Ich habe ein große Botschaft!“

Das ist der Engel des Ostermorgens: Majestät und gewaltige Kraft der Verkündigung:
Gottes ganz andere Kraft der Bewegung, der Erschütterung. Der Engel wälzt den Stein vom Grab. Der Engel setzt sich auf diesen Stein. Er enthüllt eine Wirklichkeit, die jederzeit besteht, aber die wir mit den Augen der Tränen und mit dem Herzen der Verzweiflung nicht sehen.

Der Engel enthüllt ein Bild von Gott, das wir in uns tragen und das wir hören können in unserer Seele. Oft genug leben wir so gar nicht österlich. Oft genug liegt ein Stein auf uns, der uns vom Leben fernhält. Oft genug liegt der Stein gerade da, wo das Leben in uns aufblühen möchte. Unter dem Stein, kann das Leben sich nicht entfalten. Der Engel, nimmt den Stein gerade von dieser Stelle weg. Er verwandelt diesen Stein, in einen Stein, der uns Gottes befreiende Gegenwart zeigt.

Alle Wächter – schreibt Matthäus – sind auf einmal wie tot. Alle die den millionenfachen Tod in dieser Welt bewachen, ihn einfrieden und einzingeln, erschrecken zu Tode. Welch ein gewaltiges Bild. Denn Gott ist schon dagegen, dagegen aufgestanden. Er hat schon seine Hand dagegen erhoben. Wir merken es nur nicht immer, weil immer noch bei ihm 1000 Jahre wie ein Tag
sind, der gestern vergangen ist. Oder merken wir es darum nicht, weil wir es nicht merken wollen, ja weil wir, selber
sind, die die Wachmannschaften bestellen, um Bewegung und Unruhe zu vermeiden. Haben wir uns schon abgefunden mit der Einfriedung unserer Welt in verschiedene Reservate? Das Reich des Bösen – das Reich der Guten,
der Willigen – der Unwilligen – der Menschen alten Denkens – der Menschen neuen Denkens der Kriegstreiber – und der Friedensfreunde. Haben wir uns schon mit den todbringenden Strukturen, der schreienden materiellen Ungerechtigkeit in unserer Welt abgefunden?

Welcher Engel wird wohl kommen, der den Stein vom Grabe hebt?

Ich denke dessen bedarf es schon, dass der Engel Gottes Furcht auslöst und Betroffenheit auslöst.
Aber gleichzeitig sagt er zu den Frauen, sie sollten sich nicht fürchten. Er zeigt ihnen das leere Grab, er hilft ihnen, Jesus nicht mehr in der Vergangenheit, nicht mehr im Nachtrauern des Gewesenen zu suchen. Und er wird ihnen
vorausgehen – nicht nach Jerusalem, sondern nach Galiläa, zurück in die Welt ihres Alltags. Das ist auch
Osterbotschaft: Nicht an einem heiligen Ort, nein mitten im Alltag mit all seinen Geschäftigkeiten, werden die Frauen
sehen, dass der Auferstandene ihnen immer auf dem Weg voraus ist. Also: da wo wir leben. Da wo uns vieles vertraut ist
und manches fremd, da wo wir uns Gott manchmal nah und manchmal fern fühlen, da werden wir den Auferstandenen sehen und ihm begegnen. Mitten im Durcheinander dieser Welt werden wir Auferstehung erfahren. Mitten in allem irdischen Kampf, ein Stück Himmel, Gegenwart Gottes.

Welcher Engel öffnet Ohren, die Geheimnisse verstehen? Welcher Engel leiht uns Flügel, unseren Himmel einzusehn? Der Engel sendet die Frauen. Sie werden nun selbst zu Engeln der Auferstehung. Sie verkündigen den Jüngern, die frohe Botschaft von der Auferweckung Jesu.
Die Frauen, die nur das Grab sehen wollten, die Zuschauerinnen bleiben wollten, jetzt bekommen sie eine Aufgabe: Sie sollen zu den Jüngern gehen, ihnen bezeugen, dass das Leben Jesu von Gott ins Recht gesetzt worden ist, dass das Leben den Tod besiegt hat,
dass die Liebe stärker ist als der Hass,
dass die Steine, die das Leben abhalten, weggewälzt sind und dass das Grab offen steht. Der Engel war für sie nicht nur der Zeuge der Auferstehung, er hat auch sie zum Aufstehen gebracht. Sie sind aufgestanden und haben sich auf den Weg gemacht.

Das ist wohl die größte Wirkung, die ein Engel in unserem Leben haben kann, dass er den Stein von unserem Grab wälzt und uns aus dem Grab aufstehen lässt. Wenn ein Engel das bei uns bewirkt, dann ist das unser persönliches Ostern. Es erscheint so viel leichter, liegen zu bleiben, in den alltäglichen Missmutigkeiten, in unseren Resignationen, im Grab unserer Mutlosigkeit, aus dem heraus wir andere für unser Schicksal verantwortlich
machen. Es ist bequemer sich als Opfer der Umstände zu fühlen, seien es nun persönliche oder gesellschaftliche,
als für sich selber Verantwortung zu übernehmen. Aber wenn wir aufstehen, dann ist das Auferstehung persönlich, dann kann das Auferstehung täglich – für uns – werden. Und ich glaube, damit wir das schaffen, dazu bedarf es manchmal eines starken Osterengels.

Lothar Zenetti fragt in seinem Ostergedicht: Welcher Engel wird es sagen, dass das Leben weitergeht …? Darf man mit Ostern im Rücken sagen …? Ja, ich denke man darf es sagen: Der Engel, der dich begleitet, der wird es dir sagen. Der wird dich daran hindern, liegen zu bleiben im Grab, deiner Missgestimmheit. Er wird dir helfen, selbst aufzustehen und dich dem Leben zu stellen, im Kleinen wie im Großen. Er wird dich in Berührung bringen mit der eigenen Kraft. Und dann wirst du es selber müssen, aber auch können,
aufstehen, hinein in dein Leben.

Liebe Gemeinde, vielleicht hat Sie das überrascht, der große Raum, den der Engel, der Osterengel in dieser Predigt einnimmt. Der Engel – angestoßen durch das Gedicht von L. Zenetti – ist für mich die Entdeckung gerade im Osterevangelium nach Matthäus. Und die zweite Entdeckung war die, dass schon das irdische Leben Jesu von Engeln begleitet wird, von den Engeln, von den guten Mächten Gottes gegen alle Mächte des Todes. Das Leben Jesu, ja sein Sterben und seine Auferstehung werden begleitet von den Engeln, die ja das Wichtigste in
unserem Leben verkörpern: Die überall anwesende Sorge Gott um uns, unser Eingehülltsein in die Atmosphäre einer
sorgenden Liebe.

Lothar Zenetti schließt sein Gedicht mit den Zeilen:
„Wirst du für mich – werd ich für dich der Engel sein?“ Als Kinder, aber auch als Erwachsene brauchen wir immer wieder Engel, die uns unser Leben deuten. Im Gespräch mit einem Freund geht uns auf einmal auf, dass alles was wir bisher erlebt haben, einen Sinn hat, dass Gott
uns da einen guten Weg geführt hat.
Oder wir hören eine Predigt und auf einmal wir uns klar, was unsere momentane Situatuation bedeutet. Wir gehen anders nach Hause. Wir verstehen unser Leben und können es so annehmen, wie es ist. Wir erleben eine Beerdigung. Voller Trauer gehen wir wie die Frauen zum Grab. Da erfahren wir in der Ansprache oder in den Gebeten eine Deutung, die uns das Geschehen in ein anderes Licht hüllt. Oder wir sind gescheitert und klagen einer Freundin das Zerbrechen unseres Lebenskonzeptes. Aber nach dem Gespräch spüren wir, dass wir dennoch getragen sind. Wir erkennen sogar im Scheitern einen Sinn.

All die Menschen, die uns unser Schicksal deuten, die uns Mut machen zu eigenem Leben, die uns an unsere Möglichkeiten zu glauben helfen, erfahren wir als Engel.
Oft genug erleben wir sie als Engel der Auferstehung, die uns neues Vertrauen schenken. Auferstehung täglich – bei uns – nach Gottes Willen. Da sind die Fragen des Gedichtes beantwortet – oder? Welcher Engel leiht uns Flügel,
unsern Himmel einzusehen? Wirst du für mich – werd ich für dich der Engel sein?

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