Ohne die Liebe, wozu leben?

Liebe Gemeinde,

einmal wird alles ein Ende haben. Das Gute wird enden. Das Leiden wird enden. Die Freude wird enden. Aber auch die Tränen werden enden. Sehr vieles wird ein schreckliches Ende vor dem Ende der Welt haben. Es wird viel mehr gut vor dem Ende der Welt enden, als wir es überhaupt zu vermuten wagen. Als Christen erwarten wir ein gutes Ende. Die neue Welt Gottes setzt nicht die Zerstörung unserer Welt, sondern die Auferstehung Jesu Christi und sein Kommen voraus. Der Seher der Offenbarung erzählt: "Gott wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben und keine Traurigkeit, keine Klage und keine Quälerei mehr. Was einmal war, ist für immer vorbei." # Offb 21.4

Wir leben in der Nähe des Endes unserer Welt. Das ist tröstlich. Leiden zieht sich nicht mehr unendlich hinaus. Sterben wird bald ein Ende haben. Denn unser Gott kommt. Die Zeit der Nähe können wir im Blick auf das Ende der Welt und dem damit verbundenen Kommen Gottes so gestalten, dass wir gemeinsam das Leben aushalten und es für alle Menschen versuchen erträglich zumachen.

Dazu bedürfen wir immer wieder der Gewissheit der Nähe Gottes durch Jesus Christus. Mit ihm im Gespräch zu bleiben, ganz gleich, was immer auch geschieht, ist für unser Vertrauen entscheidend. Die Ebene, auf der unser Gespräch mit Gott stattfindet, ist das Gebet. Modern sagen wir, die Kommunikationsplattform mit Gott ist das Gebet. Dagegen stehen aber viele unserer alltäglichen Erfahrungen und das, was an unsere Augen und Ohren kommt.

Wir kleiden das in die Frage: Warum lässt Gott das zu? Die einen finden durch schwere Schicksalsschläge zum Gebet zurück. Die anderen können nicht mehr beten. Das unendlich sinnlose tägliche Leiden und Sterben durch Hunger, Kriege, Krankheiten und Unglücke macht uns sprachlos. Manchmal bleibt uns nur das seufzend gesprochene "o Christus". Selbst das Vaterunser will nicht mehr über unsere Lippen.

Im Raum der Kirche gibt es genug schlechte Erfahrungen, die uns vom Beten abzubringen versuchen. Am meisten setzt mir der Unglaube der Gläubigen zu, zu denen ich mich ja auch zähle. Da bleibt mir nur der verzweifelte Ruf: Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben. # Mk 9.24

Es bleibt nur der Blick auf das Ziel. Das ist Jesus Christus und sein Kommen. Das ist der Weltenwechsel. Mit dem Ziel vor Augen bleiben wir besonnen und nüchtern. Nichts kann uns dann hindern zu beten.

Wer betet, der kann auch lieben. Auch dann, wenn er immer wieder schuldig wird. Die Liebe findet im Gebet immer wieder neue Kraft, weiter zu lieben, ohne je an ein Ende zu kommen. Es ist Gottes Liebe, die Schuld und Sünde überwindet. Es ist Gottes Liebe, die Jesus Christus von den Toten auferweckt hat. Es ist Gottes Liebe, die uns eine neue Welt bringen wird, in der alle Tränen von unseren Augen getrocknet werden. Es ist Gottes Liebe, die uns neues Leben ermöglicht.

Es ist Gottes Liebe, die wir trotz allem Versagen leben können. Aus ihr leben wir. Von ihr zehren wir. Paulus sagt im 1. Korinther 13: Die Liebe "erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles." # 1Kor 13.7

Die Liebe kehrt aber nichts unter den [frommen] Teppich. Sie kann aussprechen, was gegen die sie steht. Sie kann sich der Wahrheit, auch wenn es schwer fällt stellen.

Die Wahrheit aber wird uns frei machen, wie Jesus sagt. # Joh 6.32

Kein Wort davon, unsere Wahrheit anderen über den Kopf zu stülpen. Sie an unserer Wahrheit zu messen und wenn sie der nicht entsprechen, sie kalt zu machen.

Wir müssen unsere Wahrheit leben. Damit werden wir für andere glaubwürdig. Wir müssen die Liebe leben, damit werden wir für andere glaubwürdig. Es ist ein großes Zeichen der Liebe und damit der Gegenwart und Nähe Jesu Christi, wenn wir über unsere jeweiligen Grenzen hinaus die Menschen einladen. Sie in unser Leben mit hineinnehmen. Mit ihnen unser Leben in alle Höhen und Tiefen, Nähe und Weite teilen.

Als Christen, als Gemeinde und Kirche laden wir andere Menschen über die Grenzen unserer Konfession, unseres Glaubens, unserer Religion, unserer Herkunft, unserer Moral ein. Da gibt es schon viel in unserer Kirche. Zum Beispiel das Gespräch zwischen Juden und Christen oder Christen und Muslimen. In der Thomaskirche haben anonyme Alkoholiker Raum. Aber es geht auch um das Miteinander in der Hausgemeinschaft, innerhalb unserer Gemeinde von Jungen und Alten, armen und Reichen, Menschen von innen und außen.

Eine Menge Menschen haben aufgrund unserer Moral, unseren theologischen Ansichten und Einstellungen keinen Platz und keine Stimme in unseren Kirchen haben. Einander gastfreundlich aufzunehmen, bedeutet, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, Erfahrungen und das "anders als die andern zu sein" zu teilen, zu verstehen und einander beizustehen.

Wie soll das möglich sein, die vielen angestoßenen Aufgaben zu bewältigen? Einen Werbespruch abgewandelt lautet ganz klar und deutlich: "Nichts ist unmöglich!" Dank Gottes, der uns unendlich viele Fähigkeiten geschenkt hat, viel zu lieben, zu geben, auszuhalten, entgegenzunehmen und miteinander zu teilen.

Es gibt mehr, als nur jene, die gut reden oder predigen können. Es gibt unter uns jene, die auf andere offen und gewinnend zugehen können. Andere sind fähig, Brücken zwischen verfeindeten Gruppen zu schlagen. Wieder andere vermögen Versöhnung zu vermitteln. Da gibt es die große Gruppe jener, Frauen und Männer und auch junger Menschen, die zupacken können, damit z.B. ein Gemeindefest gelingt. Andere können vermitteln und tragen erfolgreich zu Lösungen bei. Wir können noch bis heute Abend aufzählen, welche vielfältigen Begabungen und Fähigkeiten Gott uns mitgegeben hat.

Gott hat sie uns gegeben, damit wir in dieser Welt, bis zu ihrem Ende hin, gut miteinander leben können. Frère Roger aus Taizé sagt zur Liebe Gottes und untereinander: "Das ist der Sinn deines Lebens: geliebt zu sein für immer, geliebt in alle Ewigkeit, damit du selber grenzenlos liebst. Ohne die Liebe, wozu leben?" (in Frère Roger, Taizé; Aufbruch ins Ungeahnte, Tagebuch Aufzeichnungen 1972-1974, Les Presses de Taizé 1984, S.130)

Dafür sind unsere von Gott geschenkten persönlichen Fähigkeiten da. Wo wir lieben, leben wir unsere Bestimmung. Wo wir lieben, geben wir damit Gott zugleich die Ehre, dem die Herrlichkeit und Macht für alle Zeiten gehört.

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