Öffne dich!

<i>[In Gebärden] Wir wollen die Predigt verstehen. Gott, schenke uns gute Gedanken.]</i>

Liebe Gemeinde, was ich ihnen gerade vorgemacht habe, entstammt der Gottesdienstliturgie für Gehörlose und Taubstumme. Da betet der Pfarrer vor der Predigt mit den entsprechenden Gesten (wieder mit Gebärden): „Gott, wir wollen die Predigt verstehen. Schenke uns gute Gedanken.“

Es ist für Taubstumme und Gehörlose nicht leicht, sich in unserem Alltagsleben zurecht zu finden. Unser Alltagsleben ist ausgerichtet für Menschen, die miteinander sprechen und sich verstehen können. Alles, was für uns in unserem Tagesablauf selbstverständlich ist, kann für einen Gehörlosen vielerlei Probleme aufwerfen.
· Telefonieren: Wie kann ich mit einem Gehörlosen Kontakt aufnehmen, der in einer anderen Stadt wohnt. Anrufen geht nicht – er hört ja das Klingeln des Telefons nicht.
· Besuche: Wie mache ich mich an der Wohnungstür eines Gehörlosen bemerkbar, damit er öffnet? Er kann ja die Klingel nicht hören.
Nur zwei kleine Schwierigkeiten im Alltagsleben eines Gehörlosen. Man könnte tausend weitere hinzufügen.

Heute hören wir in der Predigtgeschichte von einem Taubstummen, einem Behinderten. Aber Stop! Lassen sie uns vorsichtig sein mit der Bezeichnung `Behinderter´. Wer bestimmt, was ein Behinderter ist? Was ist der Maßstab, nach dem entschieden wird, was ein Behinderter ist? Ganz einfach: Wir sind der Maßstab. Wir machen uns zum Maßstab. Wir, die wir sprechen können, hören, riechen, gehen, bezeichnen uns als `die Normalen´, die `Nicht-Behinderten´. Wer nicht kann, was wir können, ist unnormal – eben behindert.

Als ich mit einem Gehörlosen über diese Einteilung von behindert und nicht-behindert sprach, regte sich der furchtbar auf und sagte mir voller Zorn in seiner Gebärdensprache: „Wir Gehörlosen sollen behindert sein? Sag doch mal mit deinen Händen, `ich will etwas essen´ oder ´draußen scheint die Sonne´!“ Weil ich nie gelernt hatte, mit den Händen zu reden, stand ich natürlich hilflos da. „Siehst Du,“ sagte er triumphierend. „Du bist der Behinderte. Du kannst zwar sprechen und hören, hast aber nie gelernt, mit deinen Händen zu sprechen. Du armes Würstchen!“

Ich habe dieses Gespräch nie vergessen. Er hatte recht. Ich, der ich sprechen kann, hören, riechen, gehen, bin eigentlich nur ein Spezialist. Ein Spezialist, der nur mit Worten, nicht aber mit seinen Händen reden kann.

Nun mag jemand darauf antworten: „Schön und gut, aber das Reden und Hören mit Worten ist viel eindeutiger als das Reden mit Gebärden!“ Stimmt das auch? Sind wir mit unserem Hören und Reden immer eindeutiger? Ich behaupte: Nein! Denn auch wenn wir uns mit Worten mitteilen können, sind wir oft taub und stumm.

1. Taub
„Kannst du nicht hören?“ sagt der Vater zu seinem Sohn. Natürlich kann er hören, was der Vater zu ihm sagt. Aber er will es nicht hören, weil der Wunsch des Vaters seine Wünsche durchkreuzt.

Auch wir Erwachsenen wollen oft nicht hören. „Wenn wir unseren Lebensstill nicht radikal ändern, werden unsere Wälder angesichts der gewaltigen Mengen von Umweltgiften, Autoabgasen und Industrieverschmutzungen anfangen zu sterben!“ So prophezeiten es Wissenschaftler in den 70-er Jahren. Und heute? Wir Erwachsenen haben uns längst an das Sterben der Wälder gewöhnt. Und unsere Kinder und Jugendlichen wachsen mit dem irrigen Glauben auf, das Waldsterben sei etwas Natürliches, etwas, was man nicht verhindern kann.

Ja, oft sind wir taub.
· Wir überhören gerne warnende und mahnende Stimmen, weil sie uns daran hindern, zu tun, was wir uns in den Kopf gesetzt haben.
· Wir schalten auf taub, wenn gewisse Argumente uns nicht in unser Konzept passen.

Aber stumm – sind wir oft auch stumm?

2. Stumm
Er hat viel geredet, aber nichts gesagt. Diese Redewendung trifft nicht nur auf manche Politiker zu, sondern oft auch auf uns. Er hat viel geredet, aber nichts gesagt. Manchmal
· tauschen wir mit einem anderen Menschen lauter Belanglosigkeiten aus, um zu überspielen, dass wir uns eigentlich nichts zu sagen haben.
· verstecken wir unser Herz und unsere Gefühle hinter einem Schwall von Worten, weil wir nicht zeigen wollen, wie es in uns aussieht.
Ja – auch wenn wir reden, sind wir oft stumm. Taub und stumm. Wie sehr wir doch dem Taubstummen aus unserer Predigtgeschichte ähneln!

Aber Gott will nicht, dass Menschen taub und stumm bleiben. Das lehrt uns diese Geschichte. Als Jesus in ihr Dorf kommt, bringen die Bewohner einen Taubstummen zu ihm. „Bitte, Herr, leg´ ihm die Hand auf und mach ihn gesund!“ Da holt Jesus den Taubstummen aus der Menge heraus und führt ihn zur Seite, um mit ihm allein zu sein.
Zwischen Jesus und dem Taubstummen entsteht eine wortlose Beziehung. Jesus bedient sich dazu seiner Finger – Zeichensprache. Er legt ihm die Finger in die Ohren und streicht Spucke auf die Zunge. Der Taubstumme versteht: Es geht um Hören und Sprechen, um Heilung. Jesus blickt in den Himmel und macht deutlich, woher seine Kraft kommt und dass er stellvertretend heilt für den Gott, der will, dass jeder Mensch heil wird.

So spricht er: „Effata – öffne dich!“ und das Unbegreifliche geschieht: Die Ohren öffnen sich, die Zunge wird gelöst. Der Mann ist geheilt. Und die Zeugen dieser Heilung brechen in Jubel aus und sprechen: „Wie gut ist alles, was er macht: Den Gehörlosen macht er hörend und die Stummen sprechend!“

Soweit die Geschichte vom Taubstummen. Und wir, die wir auch manchmal taub uns stumm sind – was nehmen wir aus dieser Geschichte mit? Was nehmen wir mit, wenn wir nach diesem Gottesdienst heimkehren in unsere Häuser und Wohnungen, in unseren Alltag?

Lasst uns den den Auftrag Jesu an den Taubstummen: „Öffne dich!“ mitnehmen. Denn wir werden Leben in Fülle erleben, wenn wir uns Gott öffnen und dem, was Gott von uns will. Unser Leben wird gesegnet sein, wenn wir uns nicht vor Gott verschließen, sondern ihm in unserem Leben Raum geben und ihn in unseren Alltag hineinnehmen.

„Öffne dich!“ heißt auch, dass wir uns unseren Mitmenschen öffnen. Dass wir uns nicht verschließen vor dem Elend und Not in unserer Welt, in unserer Stadt und Nachbarschaft. Dass wir uns nicht verschließen vor den vielen Schrecken in unserer Welt, ob sie Umweltzerstörung heißen oder Hunger, Armut, Krieg, und nicht resigniert sagen: „Elend gab es schon immer, wird es immer geben – da kann man nichts machen.“ Mit geöffneten Augen erkennen wir, dass Gott jeden von uns in diese Welt gestellt hat mit der Aufgabe, uns nach unseren Kräften und Vermögen dafür einzusetzen, dass Elen und Not bekämpft und überwunden werden.

Beispiele dafür, wie Menschen sich öffnen und sich für in Not geratene Menschen einsetzen, erleben wir immer wieder. Die Bilder der vielen HelferInnen sind uns noch vor Augen, die letzten Sommer nach Ostdeutschland eilten, um das Hochwasser zu bekämpfen und Überschwemmungsopfern beizustehen. Eine Welle der Hilfsbereitschaft ging durch unser Land. Beispiel dafür, dass Menschen nicht taub sind für das Elend ihre Mitmenschen und sich öffnen.

Zum Auftrag Jesu, uns zu öffnen, gehört auch, dass wir unser Schweigen aufgeben, zu dem wir manchmal neigen, und unsere Stimme erheben, wenn ein klares Wort von uns gefordert ist.

Ich denke an manch böse populistische Äußerung von Politikern, die uns weiß machen wollen, im Grunde gebe es nur deshalb so viele Arbeitslose, weil viele Sozialhilfeempfänger ihnen angebotene Arbeit als unzumutbar ablehnen. Deshalb müsse man die Sozialhilfe kürzen, weil es diesen Menschen scheinbar zu gut ginge. Die Argumente – auch von Seiten der Diakonie immer wieder vorgebracht -,
· Sozialhilfeempfängern ginge es alles andere als gut
· und unsere Arbeitslosigkeit gebe es nicht deshalb, weil Menschen nicht arbeiten wollen, sondern weil Arbeitsstellen fehlen,
solche Argumente wollen nur wenige hören. Hauptsache man hat einen Sündenbock gefunden, dem man die Verantwortung für die Misere in die Schuhe schieben kann. Das hat schon etwas von `Kreuzige, kreuzige´ an sich.

Jesus sagt: „Sei nicht taub und stumm. Öffne dich für das, was Gott von dir will.“ Heißt das bei diesen Beispielen nicht: „Bleib´ nicht stumm, wenn Menschen verleumdet werden! Erhebe deine Stimme, wenn Menschen zu Sündenböcken gemacht werden! Sei Gottes Sprachrohr, wenn Menschen zu Außenseitern gestempelt werden, wenn sie diskriminiert werden aufgrund ihrer sozialen Stellung, ihrer Nationalität, Hautfarbe oder Religion!“

Die Geschichte vom Taubstummen lehrt uns, dass Jesus uns frei machen will von aller Taubheit und aller Stummheit. Unser Leben soll heil werden, deshalb sagt uns Jesus: „Öffne dich!“
Von denen, die damals die Heilung des Taubstummen miterlebt haben, wird berichtet, dass sie in Jubel ausbrachen über Jesus und das, was er tut. Gott schenke uns diese Begeisterung. Die Begeisterung darüber, dass Jesus uns freimachen und heil machen will.

Oder wie es im Gehörlosengottesdienst heißt : <i>[mit Gebärden] Jesus bleibt uns immer treu.</i>

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