Nur keine falsche Bescheidenheit

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

Jesus hat ganz unbestreitbar eine besondere Gabe: er kann so wunderbar bildhaft und konkret reden, dass jeder, aber auch jeder seiner Zuhörer ihn sofort versteht. Eine Gabe, die nicht unbedingt jedem Theologen, also jedem professionellen „Gottesbezeuger“ zu eigen ist.

Das haben die Menschen damals nicht erst beim Hören der Bergpredigt gespürt und das können wir heute immer noch entdecken. Viele seiner Worte, obwohl sie ihm nicht nur Freunde gemacht haben, sind sprichwörtlich geworden.

Sein Licht nicht unter einen Scheffel zu stellen ist also kein Zitat Goethes oder Brechts, sondern O-Ton Jesus und das schon seit 2000 Jahren.

Als ich wieder einmal diesen Abschnitt aus der Bergpredigt las , ging mir sofort eine ganze Reihe von alltäglichen Begebenheiten durch den Sinn. Was kann man eigentlich schöneres von einer bildreichen Rede sagen, als das die Bilder sofort anfangen in einem zu arbeiten.

Das Mittagessen steht auf dem Tisch, in der Mitte steht der kleine Salzstreuer und fast schon automatisch greifen Hände nach ihm, um vorsorglich die Mahlzeit erst noch einmal nachzuwürzen. Der eine liebt es mild, der andere herzhaft und salzig. Was wäre das Essen ohne Salz doch für eine fade Angelegenheit.

Eine andere Situation: die Kinder spielen am Strand. Es ist ein sonniger Tag, so wie heute. Und zur Abkühlung wird dann immer wieder ins Meer gesprungen. Wenn da nur nicht immer das wunde Knie wäre, aufgeschlagen bei einem Sturz mit dem Fahrrad, bringt das salzige Wasser dieses Missgeschick immer wieder in Erinnerung. Es brennt und schmerzt!

Das Salz vom Toten Meer dagegen in Kombination mit der Luft und der intensiven Sonneneinwirkung hat ausgesprochen heilende Kräfte. Und jetzt könnten wir uns gewissermaßen als praktische Auslegung der Jesusworte unsere ganz persönlichen Salz-Geschichten oder auch Lichtgeschichten erzählen. Und ich glaube mit jeder würde ein bisschen mehr von dem verständlich werden, was Jesus gemeint hat.

Es würde sich lohnen, denn er hat uns gemeint, die wir hier als Gemeinde genauso zu seinen Füßen sitzen wie damals die Menschenmenge, die ihm gefolgt war und ihn genötigt hat, einen Berg zu besteigen, um sich allen zu zeigen und für alle hörbar zu sein. Dieser Menge von Zuhörern sagt Jesus: Ihr seid das Salz der Erde und ihr seid das Licht der Welt.
Ihr Christenmenschen, die ihr Hörer und Täter meines Wortes seid, – du Kirche, die meinen Namen trägt durch den Wandel und den Wechsel der Zeit, du bist Salz der Erde und Licht der Welt.

Zunächst einmal kein Appell, doch würziger oder schmerzvoller zu sein, keine Aufforderung, doch ein bissen mehr Licht als Schatten zu verbreiten, sondern nur eine Feststellung: ihr seid es bereits, Salz und Licht in und für die Welt.

Was hat Jesus doch für eine hohe Meinung von seinen Zuhörern und von uns, dass er uns mehr zutraut und zugesteht, als wir uns je zutrauen würden.

Es mag vielen, gerade kirchenkritischen Zeitgenossen nicht gefallen, aber uns ist als Kirche eine gehörige Portion Selbstbewusstsein erlaubt, uns wird zugetraut aus der Ecke, aus der Spiel- , Schmoll- oder Kuschelecke, herauszukommen, um Salz und Licht zu sein. Das ist denke ich die erste und wichtigste Botschaft an diesem Tag.

Und die zweite lautet ganz einfach: die Welt braucht uns wie das Salz und wie das Licht!

In der Zeit Jesu, im Alltag eines antiken Menschen z.B. in Palästina war Salz mehr als nur ein Gewürz, davon gab und gibt es in diesen Regionen viele. Salz war unentbehrlich, denn neben dem Schmackhaftmachen von Speisen war es zur Konservierung erforderlich. So wurden Lebensmittel haltbar gemacht, vor dem Verderben geschützt, in dem sie eingesalzen wurden.

Und in den Häusern, in denen es oft nur einen Raum gab, in dem alles Leben sich abspielte, da konnte man das eine Licht nicht unter einen Hocker stellen und es so gewissermaßen verbergen oder auslöschen, weil dann das ganze Haus und alle, die darin waren, im Dunkeln geblieben wären.

Also noch einmal: Ihr seid das Salz der Erde. Die Welt braucht euch zum Würzen, um nicht zu verderben, zum Entdecken und zum Heilen der Wunden.

Ich denke , dass dies in der Tat drei ganz wichtige Aufgaben oder Folgen des Glaubens sind.

Christen haben deutliche Spuren in der Welt zurückgelassen. Wer sich nur ein wenig mit den Wurzeln unserer Kultur beschäftigt, wird entdecken, dass sie ohne die christlich-jüdischen Wurzeln nicht vorstellbar ist.
Wer den Kirchen und den Christen nur Inquisition und Hexenverfolgung vorwirft, verschweigt, dass auch Menschenrechtserklärungen, Friedensbewegungen und Überwindung von Rassentrennung ohne die Botschaft der Bibel, ohne Menschen, die von ihr und ihrem Gott getroffen wurden, kaum vorstellbar sind.

Soviel nur zur Würze des Evangeliums, es ist deutlich zu schmecken, so wie dort, wo Christen sich einsetzen für die Bewahrung dieser Welt. Ökologisches Bewusstsein und intensives Gebet, um Bewahrung der Schöpfung und des Lebens, sind auch solche Folgeerscheinungen dieses Zutrauens, Salz zu sein. Es ist kein Zufall, dass ökologische Themen und Fragen des fairen Handels zwischen den verschiedenen Teilen dieser Welt gerade, wenn auch nicht ausschließlich in kirchlichen Räumen, unter Christenmenschen zu Hause sind.

Da schimmert etwas von der letzten Funktion des Salzes durch. Es kann , wo es in Wunden gerät, auch schmerzhaft sein, brennen. Manchmal aber werden Wunden so erst entdeckt.

Die Wunde sozialer Ungerechtigkeit womöglich, wenn die Schere zwischen Arm und Reich nicht mehr wahrgenommen wird, oder das Los der Arbeitslosigkeit auf die Frage der sozialen Absicherung auf Sozialhilfeniveau reduziert wird und Aspekte der Lebensqualität und des Selbstwertgefühls eines Abgeschriebenen auf der Strecke bleiben. Oder die Wunde der falschen Gottesbilder, denen viele hinterherlaufen, Erfolg, Wohlstand, Wellness , Jugend, Schönheit, Makellosigkeit, immer Spaß und dauerhafte Unterhaltung, wo kein Raum für Krankheit, Behinderung, Tod oder Nachdenklichkeit, Stille und Staunen mehr ist.

Ich frage mich manchmal schon, wie unsere Gesellschaft eigentlich sich entwickeln würde, wenn in ihr die Stimme und das Leben engagierter Christen und hörbarer Kirchen fehlen würde.

Deshalb hat doch Jesus völlig echt, wenn er sagt: Ihr seid das Licht der Welt.

Man stelle sich doch Chaos einmal vor, wenn alle Lichter ausgingen, völliges Dunkel und damit totale Orientierungslosigkeit herrschten.

Über die Orientierungslosigkeiten ganzer Generationen wird bereits jetzt geklagt, dabei gibt doch der Glaube, der sich ans Evangelium hält, Orientierung pur in Fragen des Lebens und des Sterbens.

Nein, Jesus appelliert nicht an uns, gewissermaßen mit einem ungeheuer großem moralischen Überbau: seid doch Salz und Licht, sondern er öffnet uns die Augen für das, was wir alle zusammen längst sind und bleiben als Menschen des Glaubens und dafür können wir dankbar sein und davon müssen wir auch nicht schweigen Gott zur Ehre.

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