Nur ein Abglanz

Liebe Gemeinde!

Wenn ich die Worte von Jesus über das Sorgen höre, fallen mir als erstes eine Menge Widersprüche ein, und es reizt mich, mit Jesus zu streiten: Die Ernte ist eingefahren, und dass sie mal gut und mal schlecht ausfällt, hängt nicht allein von uns ab, und deshalb gibt es genug Grund zum Danken – das ist richtig. Doch auf der anderen Seite müssen sich die Landwirte sorgen und plagen, denn ohne deren Zutun wächst auch nichts auf dem Feld. Oder zumindest so wenig, dass es nicht für alle reichen würde. In allen den Dingen, die hier liegen – ob es Früchte oder Getreide sind, ob es sich um unmittelbare Erträge aus der Landwirtschaft oder um weiterverarbeitete Produkte handelt: In allem steckt viel Arbeit, Mühe, Sorge. Viele von Ihnen kennen die Arbeit in der Landwirtschaft. Sie ist schwer und steckt voller Sorgen und Schinderei. Von nichts kommt nichts. Ohne Fleiß kein Preis. Selbst in der Bibel kommt die Erfahrung vor, dass die Beschaffung der Existenzgrundlagen eine sorgenvolle Angelegenheit ist. Denn nachdem Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben wurden, setzte Gotte fest, dass das tägliche Brot von nun an mühsam verdient werden müsse: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden … So redet er zu Adam. So ist es bis heute.

Es gibt viele Sorgen, denen wir uns einfach nicht entziehen können: Eltern müssen für ihre Kinder Sorge tragen. Wer keine Arbeit hat, muss sich gleich mit mehreren Sorgen herumplagen: Wie kann der Lebensunterhalt abgesichert werden? Wozu lebe ich eigentlich noch, wenn die Gesellschaft mich nicht braucht? Auch zu Krankheit und Alter gehören Sorgen. Ja selbst die Vögel, auf die Jesus hinweist, tragen Sorge für ihr Leben: Sie bauen Nester, sie füttern ihre Jungen. Der Vergleich mit den Vögeln könnte auch genau andersherum erfolgen: Seht, wie fleißig sie sind! Liegt Jesus hier nicht etwas daneben? Wäre es nicht verantwortungslos, ohne Sorge in den Tag hinein zu leben? Schade, dass Jesus nicht greifbar ist, denn es wäre sicher interessant, mit ihm eine Pro- und Kontra-Diskussion über das Sorgen zu führen.

Aber Jesus steht nicht so ohne weiteres als Diskussionspartner zur Verfügung. Wir haben die Worte, die uns überliefert sind, und wir müssen mit ihnen fertig werden. Ich reibe mich an ihnen, und vielleicht ist es gerade das, was sie wollen. Sie provozieren. Sie bohren in uns hinein und stellen kritische Fragen. Wie ist das mit den Sorgen? Klar, haben wir welche. Jedoch: Machen wir manchmal nicht auch viel Wind um nichts? Manche – ich möchte sogar behaupten: viele – Sorgen, unter denen wir stöhnen, sind doch Ausdruck dafür, dass es uns gut geht – zu gut. Die Börsennachrichten, die mittlerweile durch alle Medien geistern, sind ein Beispiel für solche Scheinsorgen: Wie lege ich mein Geld am besten an? Oder auch: Was essen wir zu Weihnachten? Oder: Welche Sonderausstattung darf es beim neuen Auto sein? Vielen Menschen bereitet das Kopfzerbrechen. Ein Ausdruck für unseren Wohlstand. Sorgen sind nicht gleich Sorgen. Wenn ich die Worte Jesu lese oder höre, bin ich angehalten zu überlegen, welche Sorgen wirklich drücken, und was einfach nur Schall und Rauch ist. Und dann komme ich ganz schnell dahin, dass ich eigentlich gar nicht so viele Sorgen habe – ein Grund mehr, meinem Schöpfer zu danken.

Könnte auch eine befreiende Botschaft in den Worten stecken, die so befremdlich klingen? An anderer Stelle erzählt Jesus das Gleichnis vom Sämann: Samen fiel unter Disteln und Gestrüpp und er hatte keine Chance aufzugehen, denn die Dornen erstickten die Saat. Mit diesem Bild sind die Leute gemeint, bei denen die Sorgen der Welt und die Gier nach irdischen Reichtümern alles andere überwuchert, so dass das Wort Gottes keine Chance bei ihnen hat. Sorgen, in welcher Form auch immer, gehören zum Leben dazu, aber wie weit lasse ich mich durch sie bestimmen? Ergreifen sie von meinem ganzen Leben Besitz, bin ich sozusagen von ihnen besessen, oder ist auch noch Raum für anderes vorhanden, zum Beispiel für Gott und für den Dank? Sorgt nicht! Das kann heißen: Lasst euch nicht von euren Sorgen auffressen! Der Mensch braucht das Brot zum Leben, aber er lebt nicht vom Brot allein! Bemüht euch um eine gute Ernte, vergesst aber nicht, Gott zu danken, dass er die Saat wachsen lässt.

Vor den Worten über das Sorgen vergleicht Jesus irdische und himmlische Schätze. Irdische Schätze haben es an sich, dass sie keine Sicherheiten bieten: Sie können gestohlen werden oder verfallen. Aktienkurse können steigen und fallen, das Finanzamt beteiligt sich an Erbschaften und Lottogewinnen, tolle Autos können geklaut oder zu Schrott gefahren werden, und das Schlimmste: Man kann nichts von dem, was man sich im Leben geschaffen hat, mit ins Grab nehmen. Weder Geld, noch einen guten Ruf, noch sonst irgend etwas. Statt dessen: Trachtet in erster Linie nach dem Reich Gottes! Sammelt Schätze im Himmel, die unvergänglich sind! Jesus nimmt schon die Sorgen und Nöte seiner Mitmenschen ernst. Er tröstet, er ermahnt, er heilt. Aber er setzt klare Prioritäten, denn ihm geht es in seiner ganzen Verkündigung um das Reich Gottes. Die Sorge um das Leben soll nicht den ganzen Menschen bestimmen.

Liebe Gemeinde, zum Erntedankfest kommt beides zur Sprache: Die Sorgen und Mühen der Menschen, die sich um die Sicherstellung unsere Nahrungsgrundlagen bemühen. Die Welt ist kein Schlaraffenland, in dem das Brot an den Bäumen wächst und die gebratenen Hühner durch die Luft fliegen. Unser Einsatz ist schon gefragt. Auch den Menschen, die an der Ernte ihren gehörigen Anteil haben, muss der Dank für ihre Mühe ausgesprochen werden.
Die Sorge um unser tägliches Brot soll aber nicht den Blick auf Gott verstellen, der es als Schöpfer möglich macht, dass unsere Arbeit nicht umsonst ist. Die alte Ordensregel des Heiligen Benedikt beschreibt, dass beides zusammen gehört, die eigene Arbeit und der Blick zu Gott: ora et labora – bete und arbeite! Die Sorge um unser tägliches Brot, um unser Leben können und sollen wir auch vor Gott bringen, wie wir es in jedem Vater unser tun: Unser tägliches Brot gib uns heute!

Aber vorher kommt noch eine andere Bitte: Dein Reich komme! Damit werden die Sorgen des Lebens nicht weggeredet, aber sie werden ins rechte Licht gerückt. Gott ist der Herr über unser Leben, über unsere Sorgen, über unsere Ernte. Deshalb bringen wir unsere Erträge zum Altar und danken Gott. Jesus setzt klar die Prioritäten, wenn er sagt: Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.

Und so prächtig das Erntedankfest mit den geschmückten Kirchen auch sein mag – es ist in jedem Fall nur ein Abglanz gegenüber dem Fest, das uns im Reich Gottes bevorsteht.

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