Norm und Form

Liebe Gemeinde,

wie konkret sind Gottes Weisungen für unser Leben? Das ist mehr als eine rhetorische Frage, denn
sie ist weder mit einem klaren: "ganz deutlich" noch mit einem "sie sind nur bildlich, also in einem übertragenen
Sinne gemeint" zu beantworten. In der Heiligen Schrift, wie sie uns durch Christus vermittelt entgegen tritt, geht es weniger um die Norm, als vielmehr um die Form. Ich will Ihnen das kurz erläutern.

Wir haben in der alttestamentlichen Lesung das "Schema Israel", das Höre-Israel, eines der größten Gebote im Judentum und für uns Christen gehört. Du sollst deinen Gott lieben von ganzem Herzen. Das ist keine Norm, kein Gesetz im juristischen Sinne, denn wie bitte sollten die Kriterien dafür lauten, wie sollte es messbar sein, wer Gott richtig liebt oder zu wenig? Sondern es geht um die Form: die Form der Beziehung zu Gott.

Uns Christen treibt daher kein Regelwerk mehr in dieser Welt. Paulus schreibt: alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist erlaubt heißt, dass wir der Normen, der starren Regeln entbunden sind. Ein Christ ist frei. Er ist frei, weil er nur noch seinem Gott verpflichtet ist. Stellen Sie sich die Sprengkraft eines solchen Glaubens damals vor: hier gilt nicht Jude noch Grieche, nicht Freier noch Sklave, nicht Mann oder Frau. Gott hat die Menschen befreit. Es bleibt die Forderung der Form, der Beziehung zu Gott – dieses Gebens und Nehmens: Rufen und Antworten. Es ist das, was wir sinnbildlich im Gottesdienst vollziehen: Gott spricht zu uns durch sein Wort und durch die Sakramente und wir antworten ihm in Gebet und Lied.

Ich hoffe so sehr, dass wir Christen nicht vergessen, dass wir frei von einem Regelwerk sind: wenn wir über Dinge reden, die gesellschaftlich gebunden sind: die Institution der Ehe z.B. – ein Beispiel vielleicht, an dem es am besten zu sehen ist: die Ehe – ich sage es deutlich: die bürgerliche Institution der Ehe, wie wir sie seit einigen Jahrzehnten kennen ist kein göttliches Gesetz – das heißt nicht, dass wir sie einfach abschaffen sollten, aber wir dürfen sie nicht verwechseln mit Gottes Geboten.

Dieses und anderes kann heute nicht mehr als angedeutet werden – es wird uns sicher an einem anderen Sonntag stärker beschäftigen. Gott fordert also nicht in
Normen, sondern er fordert eine Form: er will, dass wir ihm antworten, uns ihm zuwenden, uns ihm anvertrauen. Er will, dass wir ihm in Jesus Christus nachfolgen. So ist unser Leben nicht beliebig und vor allem ist es nicht
individuell. Der christliche Glaube ist keine Erlösungsreligion für Einzelne. Es geht nicht um die Erleuchtung, der jeder auf seinem individuellen Wege näher kommt. Christlicher Glaube ist elementar verbunden mit dem Gemeinschaftsgedanken, mit dem Solidargedanken. In der christlichen Gemeinde soll sich diese Gemeinschaft
exemplarisch verwirklichen.

Gemeinschaft jedoch bedeutet, dass jedem das Lebensnotwendige zugedacht wird, dass jeder und jede die Möglichkeit bekommt, aus Schuld und Not wieder herauszukommen, um anerkannt in die
Gemeinschaft zurückzukehren. Unser Predigtwort aber spricht mit der Schärfe eines schneidenden Schwertes in
unsere heutige Zeit: der Reichtum Einzelner zerstört diese von Gott geforderte Gemeinschaft, weil er die Armen zerstört und ihnen das von Gott zugedachte Lebensrecht verweigert. Der Reiche, der solches tut wird in der Hölle
schmoren und, noch schlimmer: es gibt für ihn kein zurück: "Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde."

Unsere Welt, in der wir leben, ist nicht die von Gott gemeinte Gemeinschaft: zu unvollkommen sind wir als tägliche Sünder, um einen Himmel auf Erden auch nur andeutungsweise aufleben zu lassen. Dennoch haben wir gut gelebt die letzten vierzig Jahre, denn es ging aufwärts mit der Wirtschaft und es war Geld vorhanden, um Solidarsysteme und Sozialsysteme einigermaßen zu finanzieren. Nun aber geht es bergab, liebe Gemeinde: sind die Renten noch sicher? Wer weiß es! Wie soll ich mich in der Kranken- und Sozialkasse versichern? Es wird doch täglich gestrichen und umstrukturiert. Die Verunsicherung ist enorm, die Zukunftsängste der jungen Generation werden bedrohlich.

Der Kapitalismus wird zunehmend seiner sozialen Abfederungen beraubt. Die Art und Weise, in der er sich entwickelt, wird für uns Christen deshalb zu einem Anlass, an dem wir endlich, endlich Widerstand leisten müssen: die Form der Gottesbeziehung, die die Gemeinschaft untereinander mit einschließt, wird immer deutlicher angegriffen. Es ist der falsche Weg, immer mehr Sozialleistungen zu kürzen und auf immer mehr
Eigenverantwortlichkeit zu setzen. Der Kapitalismus, der so entsteht, ist nur noch die Macht des Stärkeren: Jesaja und Micha und die Propheten klagen an: "sie reihen Haus an Haus, bis sie alleine wohnen im Lande." Nun ist diese Entwicklung nicht neu – sie hat schon in vorchristlicher Zeit begonnen und das Judentum hat bereits durch die Propheten und durch Gesetze dagegen geklagt und versucht, die schlimmsten Folgen einzudämmen: Schuldknechtschaft soll nicht sein – dass jemand sein Leben verkaufen muss, um Schulden zu bezahlen. Es gibt einen Art Sonntag alle sieben Jahre, in der der angehäufte Besitz in Form von Land wieder neu verteilt wird, damit die Menschen wieder Ruhe finden können und einen neuen Start beginnen können, und zwar alle: die, die mit eigener Schuld und die, die ohne eigene Schuld ins Verderben, in die Schuldenfalle geraten sind.

Blicken Sie in die USA und sie sehen eine Zukunft, gegen die die Christen ihre Stimme erheben müssen. Wir jedoch in unserem Sünder-Sein sind selbst aufs Engste verstrickt in unsere Wirtschaftsordnung, das ist völlig klar. Wir können nicht einfach aussteigen, aber wir können uns beteiligen an der Diskussion. Konzepte und Ideen, den blanken, egoistischen Kapitalismus einzudämmen, gibt es genug. Umstellung der Steuersysteme, Nachdenken über eine mögliche Grundversorgung, Anregungen über Solidarsysteme, in die alle einzahlen. Dies wird freilich bedeuten, dass die Reichen abgeben müssen, um in Gemeinschaft zu tragen, die in Not geraten sind. Es wird auch in der institutionellen Kirche nicht so weitergehen können: Wie kann es sein, dass z.B. Kirchenobere so viel verdienen, gleichzeitig aber der angestellten Putzfrau gekündigt wird, damit eine billigere Putzkolonne Geld einsparen hilft? Wie kann es sein, dass nur Erwerbsarbeit zählt, aber z.B. die Familienarbeit nicht gerechnet wird? Der Wert von Arbeit und die Verteilung von Gütern muss neu definiert werden.

Die Christen haben dazu einen klaren Grundsatz, sie haben einen klaren Beitrag. Den müssen sie öffentlich machen, sie müssen sich einmischen.
Sie werden dabei nicht die Lösung finden, die Gerechtigkeit voll verwirklichen kann, aber sie werden das Wissen einbringen können, dass der Blick auf den geringsten Bruder ein notwendiger Blick ist. Sie werden die Erfahrung einbringen können, dass der Reiche, der Lazarus, den Armen nicht im Blick hat, gegen die Form verstößt, die das Zusammenleben mit Gott und damit unter den Menschen bestimmt und die von Gott gesetzt worden ist. Eine Gesellschaftsordnung, die es propagiert, dass nur Einige nach oben kommen, dass nur Einige überleben dürfen ist keine, die dem christlichen Glauben auch nur annähernd entspricht.

Liebe Gemeinde, das Predigtwort vom Reichen, der am Ort der Qual verbleiben muss und dem Lazarus, dem Armen ist harter Tobak. Es ist so schwer zu hören, weil es uns nicht die Möglichkeit lässt, auf Jenseitiges oder auf Innerliches auszuweichen. Es geht nicht um den Reichen und um Lazarus in mir, es ist auch kein Sinnbild für die Zeit und das Leben nach dem Tode: hier wird nicht spekuliert über die Art der Hölle oder des Himmels, sondern es ist ein klarer und ein deutlicher Hinweis auf das, was ein Christenleben aus seinem Bekenntnis zu dem einzigen Gott heraus, prägen sollte.

Gott weiß jedoch um unsere Begrenztheit und unsere Angst, in diesem Leben etwas zu verändern: deswegen soll sich keiner grämen und unüberlegt alles hinwerfen. Aber jeder muss sich ansprechen lassen auf diese Hoffnung, die in ihm wohnt, ansprechen lassen auf die Zusage, dass ihr die Kinder Gottes seid: das Licht der Welt und das Salz der Erde. Und wer sich ansprechen lässt auf diese Hoffnung, der wird erklären oder auf andere Weise deutlich machen, warum Gott für ihn oder sie der Einzige im Leben ist und warum die Menschen wie Schwester und Bruder zueinander sein sollten. Und dann wird er sich einmischen in die Gestaltung unserer Welt, er wird Nein sagen, wo es ein Nein zu sagen gilt und er wird das Feld nicht denen überlassen, die für den Gott des Mammons oder der Selbstliebe arbeiten – und das selbst, wenn diese noch so viel Oberwasser zu haben scheinen.

"Da sprach der Reiche: So bitte ich dich, Vater, dass du Lazarus sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. Abraham aber sprach: Sie haben Mose und die Propheten, die sollen sie hören! Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer
von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht,
so werden sie sich nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde."

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