Noch sehe ich undeutlich

Liebe Gemeinde,

eine ebenso kurze wie rätselhafte Geschichte, die dort von Jesus überliefert ist. Rätselhaft nicht etwa deshalb, weil Jesus einen Blinden heilt oder weil Jesus mit anderen Worten ein sogenanntes Wunder vollbringt; rästelhaft deshalb weil uns in unserem Predigtwort nichts weiter vorgegeben ist: kein Wort vom Glauben etwa, der nötig ist, um gesund zu werden. Kein Wort von der Anerkennung Jesu als Christus, die irgendwo mit verborgen wäre – zwar spricht Jesus im Markusevangelium vor und nach unserem Predigtwort mit seinen Jüngern und fragt sie etwa "Habt ihr Augen und seht nicht?" oder "Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei?" – beides also ein Hinweis auf eben diesen fehlenden Glauben oder eben jene Anerkennung als Christus – in unserem Predigtwort aber nichts dergleichen. Jesus kommt in ein Dorf, findet dort einen Blinden, bringt ihn vor das Dorf, heilt ihn und schickt ihn wieder weg. Ja, sogar mehr noch: Jesus braucht zwei Anläufe, um den Blinden zu heilen: denn beim ersten Versuch sieht der gute Mann noch unscharf. Außerdem – und das sei hier nicht verschwiegen – braucht Jesus Hilfsmittel, um zu heilen: Speichel, ein damals nicht unbekanntes Hilfsmittel. Von einem römischen Kaiser, Vespasian, wird eben dies auch überliefert: er heilt einen Blinden mit Speichel. Vielleicht ist dann diese Geschichte nur das, was viele von ihr behaupten: eine unnütze Doppelung von Jesu Heilungsberichten oder gar nur eine Aufnahme und damit versuchte Überbietung von heidnischen Wundertaten. Ich möchte jedoch gerne glauben, dass noch mehr unter unserem Predigtwort verborgen ist.

Jesus kommt zu einem Menschen, der durch seine Blindheit von vielen Dingen des Lebens abgeschnitten ist – wenn wir das so sagen, klingt es banal, denn auch wir kennen Blindheit – ja auch wir, die wir sehen können, kennen Formen von Blindheit an uns: blind sein vor Hass oder blind vor Liebe – jede von uns weiß z.B. um jenes "blind vor Liebe sein", wenn sie an die Anfangszeit ihrer Liebe zurückdenkt: egal, ob er eine schiefe Nase hatte oder eine ungeschickte Art sich auszudrücken – dennoch war der Auserwählte der Schönste im Dorf und hatte eine ungemein anziehende Ader, wenn er sprach. Vielleicht kennen wir auch Menschen, die blind im Sinne von "nicht mit den Augen sehen können" sind und vielleicht haben wir daher eine im wahrsten Sinne des Wortes dunkle Ahnung, was es heißen könnte, blind zu sein. Diese Arten von Blindheit hatte wohl auch unser Blinder, der im Predigwort keinen Namen bekommen hat. Aber seine Blindheit versperrte ihm noch mehr: in Palästina zur Zeit Jesu war Blindheit ein Makel, der den Menschen unfähig zum Kult machte: er war unrein, nicht zugelassen, in den Tempel zu kommen und dort zu Gott zu beten. Ein Zustand also, den wir als gute Protestanten nicht mehr nachvollziehen können, denn was ist diese Kirche hier mehr als nur ein Versammlungsort, zwar einer mit Tradition, aber an sich nur ein Behelf, denn um zu Gott zu kommen ist Zeit und Ort nicht ausschlaggebend. Wir verstehen den Ausschluss aber besser, wenn wir an unsere Beziehung zu unserem Schöpfer denken: wie oft legt sich dort etwas dazwischen – wie oft sind wir genau dort, wo wir nicht sein sollten: im Nachfolgen von falschen Wegen, die zu begehen uns abgeraten wurde – wie oft lenken wir unseren Verstand zu Gott hin und sind doch im Herzen nicht bei ihm: ein Zustand der Gottes-Blindheit würde ich es nennen. Das Neue Testament nennt es Sünde. Und Sünder sind wir geblieben trotz der Taufe: Sünder, denen vergeben wurde, aber dennoch angewiesen auf die immer neue Vergebung in Gott. Und dieser Blinde sitzt in einer Stadt mit Namen Betsaida: vielleicht kennen wir sie noch aus den anderen Geschichten, die wir dieses Jahr schon von hier oben gehört haben: dort geschah z.B. die Speisung der 5000, wo Jesus den Jüngern und den ihn besuchenden Menschen ein Zeichen des sichtbaren Wortes: Brot und Wein zum Troste gab. In und bei dieser Stadt geschahen also viele Zeichen, die die Menschen aufforderte, umzukehren, innezuhalten, Jesus als den von Gott gesandten Christus zu erkennen, sich zu demütigen und zu sprechen: Gott sei mir Sünder gnädig. Auch das in unseren Ohren schwer zu hören, weil zu oft gehört: kehrt um, bereut, besinnt euch auf euer Tun: bekennt, was ihr Falsches getan! Und bekennen heißt mehr als nur sagen: ja, ich war schuld und ich werde schuldig: bekennen heißt erkennen, dass man selber nicht mehr weiter kann, erkennen, dass man sich verstrickt tagtäglich in die Unmöglichkeiten des Lebens, keinen Weg findet an den Anfang des Weges zurückzukehren und egal in welche Richtung man rudert, sich dennoch nur im Kreise dreht. Seine Schuld bekennen heißt, sich vor sich selber im tiefsten Herzen eingestehen, dass die Leistungen, die man meint bisher erbracht zu haben keine echten Reichtümer darstellen: sie verblassen, erscheinen unzulänglich, oft genug zufällig gelungen, aber im Grunde nichts, was ich auf meine Fahne schreiben könnte: da schaut her: das bin alleine ich! Seine Schuld bekennen heißt daher sich ohne Ausflüchte eingestehen, dass man alleine verloren wäre. Dort beginnt dann der Glaube, liebe Gemeinde. Denn darum geht es, wenn es in unserem Predigtwort heißt: "und Jesus nahm den Blinden bei der Hand". Dort, wo er sich jetzt befindet, kommt er nicht weiter – nicht von alleine kann er sich wegbewegen, denn er kennt weder Weg noch Richtung. Darin besteht ein wesentlicher Teil von Jesu Kommen: er nimmt die Menschen bei der Hand, nicht die Unmündigen oder die Versager, wie manche spöttisch behaupten – nein Jesus nimmt die an die Hand, die unmündig geworden sind und die, die versagt haben und es sich eingestanden haben: die, die wissen, dass sie nicht mehr weiter wissen. Christsein bedeutet auch eben dies: zu wissen, dass man alleine nicht mehr weiter weiß und sich deshalb an die Hand nehmen lässt.

Betsaida heißt übersetzt: Haus des Fischers – und in der Tat: Jesus ist gekommen, um zu fischen und an Land zu ziehen, wer sich auf seine Botschaft einlässt. Männer aus diesem Dorf Betsaida holt sich Jesus als einen Teil seiner Jünger: den Philippus, der später wegen seines Glaubenszeugnisses gesteinigt wird, den Andreas der seinem Bruder Simon, der später Petrus genannt wird davon erzählt, dass Jesus der Christus ist und schließlich Petrus, den Felsen, auf dem Jesus seine Kirche bauen wird. Das alles ist Betsaida, die Jünger und der Blinde. Aber es ist auch jenes Betsaida, welches von Jesus später verflucht wird: es wird dir schlimmer ergehen im Gericht als Sodom und Gomorrah. In dieser Spannung lebten die Jünger, in dieser Spannung lebte der Blinde, in dieser Spannung leben wir: denn es gibt eine Angst, die uns begleitet: "denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen, und ihr habt mich nicht besucht." Diese Art von Betsaida gibt es heute: es geht ein Aufruf an uns Christinnen und Christen. Wir haben ihn gehört und sind ihm vor das Dorf gefolgt – genauso wie der Blinde – aber auch an uns ergeht der Aufruf: geh nicht hinein in das Dorf: nicht wieder zurück, soweit es an dir liegt, bleibe bei dem was dich sehend gemacht hat.

Diesen Kreislauf, der unser Christsein abbildet, beschreibt unser Predigtwort: erkenne in Wahrheit deine Blindheit Gott gegenüber, lass dich an die Hand nehmen von dem, der gekommen ist, um Menschen zu fischen und vergiss nicht deine Verantwortung, die dir damit gegeben worden ist. Für viele ist es höchst unbefriedigend, dass es ein Kreislauf ist: viel lieber hätten sie doch die klare Entscheidung, den radikalen Bruch, das Wissen um die Guten und die Bösen, die Verdammten und die Geretteten, die Sehenden und die Blinden. Ihnen gilt die Warnung: wer meint, er stehe, sehe zu, dass er nicht falle, denn noch leben wir in dieser Welt, in der wir wie durch einen Spiegel ein dunkles Bild sehen: erst später werden wir von Angesicht zu Angesicht sehen. Ganz genauso wie unser Blinder ohne Namen: als er das erstmal die Augen auftat sah er die Menschen, als sähe er Bäume umhergehen.

Aber, liebe Gemeinde – und so möchte ich schließen, denn es bleibt unsere Hoffnung – aber da legte unser Herr Jesus Christus abermals seine heilenden und beschützenden Hände auf – eben die Hände, mit denen er zuvor geführt hatte – und siehe: da sah er deutlich und wurde wieder zurechtgebracht.

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