Nikodemus erinnert sich …

Liebe Gemeinde!

Heute will ich in die Rolle des Nikodemus schlüpfen und ihn selbst erzählen lassen:

"Nikodemus", Sieger über das Volk, das ist mein Name. So hat mich meine Mutter bei meiner Geburt vor über siebzig Jahren genannt. "Sieger über das Volk", das entspricht wohl auch ganz meinem Wesen, wenn ich so auf mein Leben zurückblicke. Ich habe zeitlebens zu den Oberen meines Volkes, den Juden gehört. Ich, Nikodemus, war Mitglied im Hohen Rat, dem Sanhedrin, wie wir Juden sagen, unserem obersten Machtzentrum. Unter dem Vorsitz des Hohenpriesters versammelten sich 70 gebildete, erfahrene Priester und Älteste in Jerusalem, um alle weltlichen und religiösen Angelegenheiten unseres Volkes zu ordnen. Ich, Nikodemus, saß ganz oben, über mir nur noch der Hohepriester. Es war ein edles Gefühl, Macht und Einfluss zu haben und die Geschicke zu lenken, aber halt! Ich belüge mich jetzt selbst! Denn ich gehörte zu den wenigen Oberen, die sich ihrer großen Verantwortung bewusst waren, und die immer die schwere Schuld spürten, die auf uns Einflussreichen und Mächtigen lastete. Manchen Fehler, manche Fehlentscheidung nahm ich mir sehr zu Herzen. Und einmal spürte ich mit tiefer Erschütterung meine ganze Ohnmacht, meine ganze Hilflosigkeit. Da war ich am Ende!

Damals, in jenem denkwürdigen Jahr, hatte ich gegen das Machtwort des Hohenpriesters Kaiphas, nicht wie ich es sonst wagte, Einspruch erhoben: "Es sei besser, wenn EIN Mensch stirbt, als dass das ganze Volk untergeht; denn die Römer werden kommen und uns unser Heiligtum und unser Volk nehmen." Seine Worte brannten in meinem Herzen wie Feuer, wie ein alles vernichtender Brand. Denn nun fühlte ich mich mitschuldig am Tode jenes Mannes, der mich zutiefst beeindruckt hatte, und dessen heimlicher Jünger ich bin. Ich war viel älter als er, Jesus, in dem ich den wahren Machthaber und König unseres Volkes, den wahren Befreier, ich bekenne: den Messias Gottes erkannt hatte. Ich hatte das persönliche Gespräch mit ihm gesucht, aber wie sollte ich das dem Hohen Rat klarmachen? Es war ein heimliches Gespräch mitten in der Nacht. Nur so konnte ich sicher sein, dass niemand mir folgte. In jener Nacht suchte ich die Wahrheit. Und jene Nacht hat mein Leben verändert oder besser: jene Begegnung mit Jesus.

Ich erinnere mich noch gut daran als sei es letzte Nacht gewesen. Schon meine Vorfreude war groß, ihm persönlich zu begegnen, ihn, von dem soviel im ganzen Volk geredet wurde. Den heiligen Tempel hatte er mit einer Peitsche gereinigt, um der Anbetung wieder Raum zu schaffen. Menschen hatte er von Krankheiten geheilt und einige Zeichen getan, die kein normaler Mensch tun konnte. Ich glaube, heimlich und im Stillen haben es viele gewusst: das muss ein von Gott gekommener Lehrer sein. Niemand konnte die Zeichen tun, die er getan hatte, wenn nicht Gott mit ihm war. Seine Taten sprachen schon für sich und wir Oberen wollten das nicht wahrhaben. Haben sie in ihm einen heimlichen Konkurrenten gesehen?

Ich erinnere mich gut an jene Nacht. Was wollte ich ihn alles fragen, weil die Welt um mich so unheilschwanger schien: nach der Verantwortung Gottes für unser Volk, nach der Verantwortung unseres Volkes selber. Denn die Masse dachte nur noch an sich. Wer fühlte noch persönliche Verantwortung für das Ganze? Es waren wenige, wenige Außenseiter, die sich nach Erlösung sehnten. Das Volk konnte mit den Begriffen "Sünde und Schuld" nicht mehr viel anfangen. Wenn unsere heiligen Schriften von Sünde, von Schuld sprachen, dann fühlte sich kaum einer angesprochen. Unsere Sänger in den Gottesdiensten sangen von Sünden, die anstecken, die vergiften und beflecken. "Heile mich, denn ich habe an dir gesündigt." Dem Volk kam es vor wie eine unbekannte, alte Sprache. Nur wenige spürten die wahren Zusammenhänge von Sünde und Gift, von Krankheit und Tod. Für die Not des Nachbarn fühlte man sich nicht verantwortlich. Für das Elend in der Ferne fühlte sich kaum jemand schuldig. Dabei war die ganze Umwelt schon angesteckt und vergiftet. Man wollte sogar die Sündenbekenntnisse aus den Gottesdiensten streichen, um sich auch am Feiertag aller Verantwortung zu entledigen. Als ob man die Menschen für schuldunfähig erklären wollte, wie man es mit manchen aus dem Volk – wie zum Vorbild – machte, die Anschläge auf Politiker verübt hatten.

In jener Nacht sehnte ich mich nach Wahrheit, nach Antwort auf meine Fragen, aber es kam ganz anders. In jener Nacht wurde mir buchstäblich neues Leben geschenkt. Denn ich, Nikodemus, wurde immer mehr Zuhörer. Ich ließ Jesus mehr und mehr zu Wort kommen, statt ihn zu fragen. Ich staune noch heute, dass ich mit eigenen Augen und eigenen Ohren ihm, Jesus, begegnen und ihn persönlich erleben konnte.

Der Bogen unserer Begegnung spannte sich weit, und dennoch war in jedem Augenblick eine Geistesgegenwart da, die mich erfüllte. In dem großen Bogen unseres Gespräches traf jedes seiner Worte mich genau in mein Zentrum, in mein innerstes Wesen. Schon die ganze Atmosphäre bei ihm war wie eine andere Welt: eine helle, lichte und heilsame Atmosphäre umgab uns. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass hier, in diesem stillen Raum die wahren Entscheidungen getroffen wurden, dass hier Macht und Wahrheit und Herrlichkeit verborgen waren. Ich konnte ihn plötzlich offen und ehrlich als Lehrer ansprechen, der von Gott gekommen war, was ich mir im Hohen Rat nicht getraut hätte. Ich durfte wahrhaftig und echt sein. Und er erhellte meine Seele, als ob ich das Licht der Welt neu erblickte. Ja, er spürte, was in mir vorging, er sprach von Geburt, von der Notwendigkeit der Neugeburt, einer Neugeburt von oben, aus Wasser und Geist. Seine Worte weckten in mir Sehnsucht und Durst, dass mir fast meine Zunge am Gaumen klebte. Ich merkte, dass ich ein Suchender war, der sich nicht so sicher war, wie man es von einem Lehrer Israels erwartete. In Wahrheit dürstete ich nach mehr, nach dem lebendigen Gott, wie es der Psalmenbeter sagt. Wie ein Dürstender in der Wüste einer unheilschwangeren Welt, so spürte ich die Trockenheit meiner Seele, ausgedörrt von den Zwängen des Alltages. Aber in seiner Gegenwart wurde mein Durst gestillt. Aus ihm strömten irgendwie "Ströme lebendigen Wassers", wie es im Hohelied Salomos heißt. In seiner Gegenwart atmete Erhabenheit und göttliche Fülle. "Heilig, heilig, heilig," hätte Jesaja ausgerufen, wenn er jene Nacht in unserer trauten Dreieinigkeit erlebt hätte.

Dreieinigkeit? Ja, wir saßen zu dritt beieinander, denn es gab da noch einen Menschen, einen stillen, vertrauten Zeugen jenes Nachtgespräches. Ich sah jenen Menschen erst bei der Kreuzigung Jesu wieder, als ich gemeinsam mit Joseph von Arimathäa den Leichnam Jesu salbte und begrub. Dort stand wieder jener stille Augenzeuge neben der Mutter Jesu. Jener Augenzeuge muss alles miterlebt haben aus nächster Nähe, und ich sage euch, dass jener der Zeuge für die ganze Wahrheit ist.

Erst als ich den atemlosen Leichnam Jesu mit meinen Händen berührte und ihn salbte, um ihn nach jüdischer Sitte zu begraben, da ging mir die Bedeutung seiner Worte aus jener Nacht auf: "Was vom Fleisch, von einer Mutter geboren wurde, das bleibt Fleisch, das bleibt vergänglich. Aber es weht etwas Unvergängliches." Jesus hatte es ganz einfach ausgedrückt "Der Wind weht, wo er will, und du hörst seine Stimme, aber du weißt nicht woher er kommt noch wohin er fährt." Jesus zeigte mir meinen Weg aus dem Gefängnis des irdischen Wissens, der weltlichen Vernunft und der politischen Verantwortung.

Frei wie der Wind atmete Gottes Geist in ihm. Die sichtbare Welt war plötzlich nur noch die halbe Wahrheit, wie eine Mutter nur die eine Seite des Menschen wiederspiegelt. Aber hatte der Ewige den Menschen nicht zu seinem Ebenbild erschaffen als Mann und Frau, weil er, unser Schöpfer selber Vater und Mutter ist?! Ist nicht sein Ebenbild aus Fleisch und Geist, aus mütterlicher und väterlicher Liebe geworden?! Damals wurde mir deutlich: Jeder Mensch hat seine Mutter, in deren Leib ein Mensch gebildet wurde. Und er hat seine Seele vom Vater allen Lebens, von Gott, denn sein Odem schenkt jedem Menschen Leben. Aber jener dritte Teil, der Heilige Geist, der den Menschen zum vollkommenen Ebenbild macht, der fehlte dem Menschen noch.

Auch mir, Nikodemus, fehlte etwas. Jenen fehlenden Teil verkörperte Jesus für mich: den Geist, die Einheit mit dem Vater. In Jesus spiegelte sich eine "Heilige Dreifaltigkeit", ich finde kein besseres Wort dafür, ich kann es nur so ausdrücken. Sein Heiliger Geist schenkt uns Menschen in einer Neugeburt die Freiheit der Kinder Gottes als seinen Ebenbildern. Wer von diesem Atem beseelt ist, der ist neugeboren.

Aber das habe ich erst nach der Auferstehung Jesu erfahren, als mir jener stille Zeuge unseres Nachtgespräches von seiner Begegnung mit dem Auferstandenen und dessen "Sieg über den Tod" berichtet hatte. Jesus blieb der "Sieger über das Volk". Denn in Jesu Tod am Kreuz starb ICH mit und tauchte ein in die Tiefen des Todes und meiner Mitschuld, als ob ich im Jordan selber untertauchte. Und ich tauchte auf als neuer Mensch, als ob auch ich diese sichtbare Welt besiegt hätte.

Ich selber habe Jesus, nachdem ich seinen Leichnam begraben hatte, nie mehr gesehen, aber ich glaube jenem stillen Augenzeugen, dass er auferstanden ist.

Ich wollte ihn noch vieles fragen. Was z.B. meinen seine Nachfolger, wenn sie vom "Seelenbräutigam" sprechen. Denn das übersteigt meine Erfahrung. "Seelenbräutigam", das verstehen wohl nur Verliebte, die jene hohe Zeit ihrer Ehe erleben, die sich gegenseitig ihre Sehnsucht nach einem Du, einem vertrauten Gegenüber, einem Ebenbild stillen. Ich habe das Ebenbild Gottes in jener Nacht gesehen. Tiefe Freude durchwehte mich, die ich auch jetzt noch spüre.

Ja, ich heiße Nikodemus. Doch das Volk hatte am Ende – scheinbar – gesiegt und nicht ich. Denn sie meinten, sie hätten Jesus aus der Welt geschafft.
Nun befürchte ich den Untergang unseres heiligen Tempels und unseres heiligen Volkes, wofür unsere Oberen wohl alles geopfert hätten. Ich fühle wieder meine Ohnmacht und warte und dürste nach dem lebendigen Gott …

Nur manchmal spüre ich in dem unvergänglichen Wind, dem "Morgenwind, der die Schatten der Nacht vertreibt", wie es so treffend im Hohen Lied der Liebe heißt, nur in dem Wind erinnere ich mich an jene ewige Geistesgegenwart, ich sehe Jesus wieder vor mir, und es durchströmt mich sein Geist, der mich die ganze Wahrheit lehrt und mich tröstet.

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