Niemand ist ausgeschlossen

Liebe Gemeinde!

Wie tröstend und aufbauend vom Reich Gottes geredet werden kann, das sagt uns der Wochenspruch für die vor uns liegende Woche: ‚Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen‘.

So also geht es im Reich Gottes zu, dass Gott selbst seine Menschen sieht. Er nimmt sie wahr und erkennt, wie geknickt sie sind, wie sie leiden: unter ihrem Leben, unter Krankheiten und Behinderungen, unter Schmerzen, Angst und Sorgen.

Reich Gottes bedeutet: Gott kommt zu seinen Menschen und macht heil, worunter sie leiden, er richtet auf und lässt neu aufstrahlen.

Die Welt ist in den Augen Gottes wie ein riesiges Krankenhaus. Mit ihren unterschiedlichsten Belastungen sind sie da – und er selbst, der Arzt – kommt, um sie gesund zu machen.

An den dreieinigen Gott zu glauben, das ist etwas anderes als sich einer Weltanschauung oder Ideologie anzuschließen, es geht auch nicht darum, Lehrsätze für wahr zu halten, sondern zu glauben, dass Gott unsere Leiden beendet. Er, der zu seiner Schöpfung am Anfang selbst gesagt hat, sie sei sehr gut, der wird diese seine Schöpfung auch so vollenden, dass sie wieder dieses Prädikat verdient. ‚Er hat alles wohlgemacht‘. So sagen es die, die sein Wunder beobachtet haben, und sie helfen uns damit zu einer Zielrichtung, nicht nur für diese Predigt, sondern für unseren christlichen Glauben in dieser Welt.

Weil es auf dieser Erde niemanden gibt, der nicht sein Bett in diesem Krankenhaus stehen hat, weil es niemanden gibt, der sein Leben lang frei wäre von Krankheiten und Sorgen, darum gibt es auch niemanden, den das Reich Gottes nichts angeht. Es gibt keinen Menschen zu welcher Zeit und in welchem Ort auch immer, der für das Reich Gottes ungeeignet wäre. Dass ich ein Mensch bin, dass ich sterben muss, heißt: ich brauche die Hilfe des Herrn, das macht mich fähig, ein Bürger der neuen Welt zu werden.

Ganz bewusst nimmt Jesus seinen Weg in von Heiden bewohntes Gebiet. Das lässt unseren Blick weit werden. ‚Ach, es hat ja keinen Sinn; die wollen es gar nicht hören; die fragen ja gar nicht nach der Kirche, …‘ und was Stoßseufzer der Resignation sonst noch sein mögen. Fragen haben sie alle, die ihnen keiner beantwortet; Sorgen, die niemand löst. Und genau dafür ist das Reich Gottes da.

Manch einer meint, für ihn sei kein Platz in diesem Reich, er sei nicht fromm genug, habe zu viele Fragen, zu wenig Antworten, könne und wisse zu wenig. Das Reich Gottes hat Helden ohne Namen und einfache Mittel. Es geht nicht um große Gaben und Fähigkeiten; es sind nicht deine Hände, die heilen müssen, nicht deine Worte, die beruhigen, nicht deine Gebete, die trösten. Namenlose Menschen werden hier erwähnt, die einen Kranken zu Jesus bringen. Mehr wird über sie nicht berichtet; nicht, was oder wie stark sie geglaubt haben, was sie gesagt und erhofft haben. Nur, dass sie einen Kranken zu Jesus bringen. Vielleicht hatten sie gehört, dass er Kranke gesund machen kann. Sie können es jedenfalls nicht, und ihm trauen sie es zumindest zu.

Es ist sehr viel, wenn Menschen das tun: andere in ihrer Not zu Jesus bringen. Sie denken nicht an sich, sondern bloß an den Kranken und was ihm helfen könnte. Und so kommt er zu Jesus.

Das ist die Aufgabe der Kirche, dass sie Menschen nicht an sich und ihre Überzeugungen bindet, sondern an den Herrn der Kirche, dass sie Fürbitte tut und alle Not und alles Leid im Gebet zu ihm bringt. Von uns und unseren Fähigkeiten müssen wir nicht viel erwarten, aber von ihm alles; und zu dieser Quelle des Lebens gilt es, Menschen hinzuführen.

Nicht von unseren Maßstäben, sondern von der Gnade Gottes hängt es ab, wer zum Reich Gottes tauglich ist.

Der Kranke war bestimmt untauglich. Das Evangelium konnte ihm nicht gesagt werden, denn er war taub. Wir wissen ja, dass der Glaube durch das Hören entsteht. Wer nicht hört, kann also auch nicht glauben. Und er könnte die Botschaft auch nicht weitersagen, ist er doch auch noch stumm. Ein solcher Mensch lebt wie auf einer Insel, abgeschlossen, in sich eingeschlossen; voller Angst, denn alle warnenden Rufe gehen an ihm vorbei. So fühlen sich manche ältere Menschen und meiden dann auch den Gottesdienst, weil sie ja doch nichts verstehen. Ausgeschlossen – gemieden. Aber der Arzt geht an dem hoffnungslos Kranken nicht vorbei. Wer ganz weit draußen zu sein scheint, den holt er zu sich. Es gibt ihn nicht, den hoffnungslosen Fall. Die Gnade Gottes lässt keinen Menschen aus dem Blick fallen, sie gibt niemanden auf. Sie hat auch den schärfsten Christenverfolger nicht aufgegeben, sondern ihn zum großen Christuszeugen gemacht, wie die Epistel vorhin erzählt hat. Menschen, mit denen keiner rechnet, die man längst abgeschrieben hatte, die kann Gottes Gnade bewegen, kann Ohren und Herzen für das Evangelium öffnen.

Das Reich Gottes bedeutet, als Einzelner vor Gott zu stehen.
‚Und er nahm in aus der Menge beiseite‘. Das ist der Umgang Jesu mit uns Menschen. Einmal geht es ihm nicht um den Beifall der Menge für das, was er tut; seine Heilung ist keine Zirkus-Attraktion. Die Menge ist in diesem Moment nicht nur unwichtig, sondern auch störend. Was da geschieht, das geht nur den Kranken und seinen Arzt etwas an. Das ist etwas sehr Persönliches, Intimes. Das ist das Andere: Jesus hat ein persönliches Verhältnis zu seinen Menschen, zu jedem einzelnen. Es geht nicht um anonyme Massen, nicht um die Menge, die bekehrt werden soll, sondern um den einen, der geheilt wird. Wie jeder persönlich und mit Namen getauft wird, so wird jeder persönlich von Gott angesprochen, geheilt, gerettet. Ich stehe mit meinem Leben auch allein vor Gott. Ich kann meine Beichte auch nur so sprechen: ‚Ich armer, elender, sündiger Mensch‘ – und es ist meine persönliche Geschichte und meine persönliche Beziehung zu Gott, die hier zur Sprache kommt. Die Ohren und das Herz zu öffnen, die Zunge zu lösen – um so in ein Menschenleben einzugreifen nimmt Jesus ihn beiseite.

Wie er das hier tut, scheint sehr befremdlich: ‚er legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel‘. Diese beiden Aktionen kannte man zur damaligen Zeit, man schrieb ihnen magische Bedeutung zu. Man vertrieb damit böse Mächte. Aber ich denke, hier wird etwas ganz anderes deutlich. Die Berührung mit dem Finger und mit dem Speichel drücken eine ganz dichte Nähe aus; wie ich eben schon einmal sagte, eine fast intime Nähe. Jesus Christus kommt diesem Kranken, der aus der Gesellschaft und dem Volk Gottes ausgeschlossen war, mit dem keiner etwas zu tun haben wollte, sehr nah, körperlich nah. Er lässt ihn seine Nähe spüren, er berührt ihn im Ohr und an der Zunge, an sehr empfindlichen Stellen. Um jemanden so dicht an sich heran zu lassen ist Vertrauen nötig, aber jemanden so zu berühren schafft auch Vertrauen. Es entsteht und wächst, weil Jesus so nahe kommt und Menschen erleben an ihm die Kraft des Reiches Gottes. So nah kommt uns Gott, wir vertrauen und ahnen, was Glauben bedeutet, der Vertrauen heißt. Gott kommt in Jesus Christus zu uns Menschen, als ein Arzt für uns Kranke. Da geht es nicht um leere Behauptungen oder Worte, sondern um spürbare Zeichen seiner Nähe, um Körperkontakt. Nichts steht zwischen uns und ihm, wir sind uns ganz nah. So geschieht Heilung, dass der große Gott den verlorenen Menschen nah kommt.

So nah, dass er mitgenommen wird von dem Leid und dem Elend dieser Welt. Das Wunder des Reiches Gottes: Gott wird den Menschen gleich. Wenn Jesus dem Kranken so nah kommt, dann spürt er auch körperlich, was den Kranken belastet. Die Nähe lässt Christus mitleiden am Leid seiner Menschen, er seufzt. Natürlich, manchmal seufzt er auch über uns, weil wir seine Nähe nicht wollen, seine Liebe nicht spüren, dann weint er sogar; manchmal seufzt er an unserer Statt, wenn er unsere Sünde am eigenen Leibe trägt. Hier seufzt er, weil er die ganze Not und das ganze Elend der Menschen hautnah spürt. Er erlebt die Gefallenheit des Menschen, seine Hoffnungslosigkeit tief in sich und trägt sie vor Gottes Angesicht. Es ist ein Kampf gegen die Krankheit und den Tod, unter dem auch er seufzen muss. Er ist wie wir, die wir so oft seufzen und stöhnen unter den Belastungen des Lebens, das uns oft genug wie ein Kampf vorkommt. Wer seufzt, der hat ein volles Herz, der leidet und sehnt sich nach Befreiung.

Das Reich Gottes befreit von dem, was belastet und bedrückt: Hephata! Es ist kein Zauberspruch, kein ‚Sesam, öffne dich!‘ Es ist das Wort dessen, der alles Leben durch sein Wort erschaffen hat. ‚Der Herr sprach: … – und es geschah so!‘ Wie bei der Schöpfung das Wort des Schöpfers Leben schuf, so ist es hier das Wort Jesu, das löst und befreit. Das Ohr wird frei, die Zunge löst sich, die Krankheit ist besiegt, er kann richtig reden.

Das ist es, wozu Christus erschienen ist, das Reich Gottes zu öffnen. Und er tut es als ein Arzt, indem er die Menschen befreit von allem, was das Evangelium nicht an sie herankommen lässt. Er deutet an, im Reich Gottes wird es einmal keine Tauben und Stummen mehr geben, überhaupt keine Krankheit, keine Abhängigkeit, keine Besessenheit, keine Angst, keine Schmerzen und kein Tod. Aber auch jetzt schon gibt es den Zugang zum Reich Gottes, nichts steht mehr dazwischen. Die Trennung zwischen Gott und uns ist aufgehoben, Krankheit und Behinderung schließen nicht vom Reich aus, Menschen aller Kontinente aus Juden oder Heiden gehören dazu: Christus öffnet die Herzen, beendet die Trennung und vergibt die Sünde.

Natürlich: Krankheiten sind geblieben, noch immer sind Menschen behindert, leiden unter ihrem Leben. Aber das Reich Gottes breitet sich aus. Er kann es nicht verhindern, dass die Menschen sich wundern, dass sie staunen und sich freuen über den, der Taube hören und Stumme reden macht. Er schenkt die Gemeinschaft mit sich aus denen, die ihn loben und preisen, Kranke und Gesunde, Juden und Heiden, sodass wir hören (und wer nicht mehr hören kann, der nimmt die Nähe Jesu spürbar und körperlich wahr); wir fühlen, schmecken und sehen an seinem Tisch – Körperkontakt mit Jesus – alle sind beschenkt mit offenen Herzen und der Zusage des Reiches Gottes. Niemand ist mehr ausgeschlossen, alle stimmen mit ein, laut oder leise oder nur im Herzen und ohne Stimme: ‚Er hat alles wohl gemacht.‘ ‚Du, meine Seele, singe, wohlauf und singe schön dem, welchem alle Dinge zu Dienst und Willen stehn. Ich will den Herren droben hier preisen auf der Erd; ich will ihn herzlich loben, solang ich leben werd‘.

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