Nicht von oben nach unten, sondern von Mensch zu Mensch

Liebe Gemeinde,

„wann kommt denn endlich die bestellte Sendung?“ höre ich mich selbst vor mich hinmurmeln. „War denn nicht MittwochMittwoch der versprochene Liefertermin und heute haben wir schon Freitag!“ Dann endlich am Samstag trifft die Ware ein. Gott sei Dank, denke ich, denn sonst hätte ich noch ein ganzes Wochenenden warten müssen.

Um Geduld geht es in unserem Bibelwort und Geduld ist das Thema der Predigt.

Für jemanden wie mich, ist es nicht einfach über Geduld zu predigen denn ich bin manchmal ein ungeduldiger Mensch, vor allem wenn ich warten muss. Wenn ich dann lese: „So seid geduldig, liebe Brüder und Schwestern“, da beginne ich gleich nervös zu werden.

Aber obwohl ich eher ein ungeduldiger Mensch bin, so bin ich doch auch ein guter Zuhörer und möchte mich erst einmal in die Lage hineinversetzen; erst einmal dem Schreiber des Jakobusbriefes zuhören, bevor ich kritisch nachfrage.

Jakobus schreibt Ende des ersten Jahrhunderts an „die 12 Stämme in der Zerstreuung“. So lesen wir es im Vers 1 des 1. Kapitels. Damit ist klar, dass er die ganze Christenheit meint.

Direkt vor Augen hat er aber wahrscheinlich Christen und Christinnen aus dem palästinisch-syrischen Raum, wofür gerade der heutige Bibeltext ein Indiz ist, es wird auf den Früh- und Spätregen hingewiesen ein besonderes Kennzeichen dieser Gegend.

Nachdem über mehrere Jahrzehnte hinweg in den Gemeinden eine lebendige Hoffnung bestand, dass der ermordete und auferstandene Jesus wieder sichtbar auf die Erde zurückkommen wird und seine Königsherrschaft errichtet, begannen nun die Christen sich damit abzufinden, dass man nicht täglich mit der Rückkehr Jesu zu rechnen habe.

Während in den ersten Zeiten nach Jesu Tod der Apostel Paulus noch meinte, dass angesichts des baldigen Kommens Jesu die Zeit nicht mit heiraten und Familie gründen verschwendet werden sollte, haben sich die Gemeinden, an die sich Jakobus richtet, endgültig in dieser Welt eingerichtet.

Mehr noch. Anscheinend ist ihnen der Gaube verloren gegangen, dass Jesus in diese Welt zurück kommen könnte und damit auch der Glaube daran, dass sich in dieser Welt überhaupt noch etwas ändern lässt.

Und so verstehe ich gut, dass Jakobus seinen Mitchristen in Kap. 2, 24 ins Stammbuch schreibt: „So sehet nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein“.

Dieser Satz hat natürlich Martin Luther überhaupt nicht gefallen und so hat er den Jakobusbrief mit einer vernvernichtenden Kritik, bedacht in dem er ihn eine „stroherne Epistel“ nannte die „stracks widder“ Sankt Paulus und alle andere Schrift ist. Und Luther hat auch dafür gesorgt, dass der Jakobusbrief von seiner ursprünglichen Stelle im Neuen Testament, fast ganz ans Ende gestellt wurde, knapp vor die Offenbahrung. In der katholischen Bibel hingegen steht der Jakobusbrief gleich hinter dem Hebräerbrief.

„So seid nun geduldig, liebe Brüder und Schwestern“!

Die Frage nach der Geduld und was wir überhaupt noch von Gott erwarten, ist eine wichtige Fragestellung,für die ich dem Schreiber des Jakobusbriefes dankbar bin. „So seid nun geduldig, liebe Brüder und Schwestern, bis auf den Tag, da der Herr kommt.“

Wegen diesem zweiten Satzteil, der das Kommen des Herrn anspricht, ist dieser Bibeltext auch für die Adventszeit ausgewählt worden. Er will uns anregen, darüber nachzudenken, wie wir das Kommen Jesu verstehen und was wir dazu tun, dass Jesus in diese Welt kommt.

Liebe Gemeinde, aus der Erziehung von Kindern weiß man, dass man nie etwas versprechen oder androhen soll, was sowieso nicht möglich ist. Unerfüllte Versprechen machen unglaubwürdig, führen zu dauernden Enttäuschung und zur Frustration.

Ich glaube, dass es der Christenheit so mit der Botschaft von der Wiederkunft geht. Zumindest mit einer falsch verstandenen Botschaft von der Rückkehr Jesu.

Sicher hat der Schreiber des Jakobusbriefes noch ganz konkret mit dem baldigen Kommen Jesus gerechnet und daher die Gemeinde zu Geduld aufgerufen, doch dieser konkreten Erwartung und diesem Aufruf zur Geduld möchte ich eine andere Deutung geben.

Ich glaube nicht, dass wir geduldig auf das Kommen Jesu als ein Eingreifen von außen, oder vielleicht sogar auf ein Weltende warten sollen, in der Hoffnung, dass sich dann in dieser Welt etwas zum Guten verändert.

Ich meine wir sollten vielmehr darauf vertrauen, dass Gott schon mitten unter uns ist, wie er verheißen hat: „Siehe ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende“.

Die frohe Botschaft, das Evangelium darf doch kein Vertrösten sein, in dem Sinne „das Beste kommt erst danach“.

So spricht mir auch Kurt Marti mit seinem Lied aus dem Herzen:
„Das könnte den Herren der Welt ja so passen, wenn erst nach dem Tode Gerechtigkeit käme, erst dann die Knechtschaft der Knechte, erst dann die Herrschaft der Herren, zu Ende wäre für immer.“

In diesem Sinne verstehe ich Advent auch nicht als die Erwartung von etwas Zukünftigem, sondern als Hinweis, dass mit dem Kommen Jesu in unserer Welt etwas ganz Konkretes angebrochen ist, etwas, das unaufhaltsam wächst. Dessen sollen wir uns an Advent erinnern, dieses Ziel nicht aus den Augen lassen.

Dieses unaufhaltsame Wachsen drückt für mich sehr schön das Gleichnis aus der Landwirtschaft aus, das Jakobus verwendet.

„Siehe, ein Ackermann wartet auf die köstliche Frucht der Erde und ist geduldig darüber, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig.“

Liebe Gemeinde, es ist tatsächlich nicht einfach, geduldig auf die Ernte zu warten, wenn man eine Saat ausgebracht hat. Und manchmal denkt man auch, die Saat war vergebens. Doch Gott sei Dank wer Saat ausbringt wird immer wieder eines besseren belehrt. Und das habe ich in meinem Leben immer wieder erlebt:

Ich erinnere mich noch sehr gut, als ich vor ungefähr zehn Jahren in der Nürnberger Innenstadt an einem Infostand vor einem Teppichgeschäft Unterschriften für „Teppiche ohne Kinderarbeit“ gesammelt habe.

Wir standen erst wenige Minuten, als die Polizei kam, gerufen von einem Teppichhändler, um unsere Erlaubnis zu überprüfen. Natürlich war alles in Ordnung. Noch in der gleichen Woche, mussten wir uns dann vom Geschäftsführers dieses Ladens wüste Beschimpfungen am Telefon anhören und der Kirchenaustritt wurde angekündigt.

Wenige Jahre später war dieses Geschäft eines der ersten in Nürnberg, das Teppiche ohne Kinderarbeit angeboten hat und inzwischen ist das Rugmark-Siegel ein Qualitätsmerkmal, das bundesweit für Teppiche ohne Kinderarbeit große Akzeptanz im Handel und bei Käufern genießt.

„Siehe, ein Ackermann wartet auf die köstliche Frucht der Erde und ist geduldig; und wenn die Frucht aufgeht, dann ist große Freude, weil Gott mitten unter den Menschen ist.“

Noch ein anderes Beispiel, das mir sagt Geduld lohnt sich:

Am 24. März 1976 wurde der 24-jährige Student der Münchner Universität Klaus Zieschank in Buenos Aires, Argentinien von Militärs entführt, gefoltert, ermordet und später aus dem Flugzeug über dem Meer abgeworfen. Die mit Drähten gefesselte Leiche wurde zufällig Jahre später an Land gespült und identifiziert.

Ein Beispiel wie es vielen Menschen in der damaligen Militärdiktatur erging.

Diese Woche nun hat die Nürnberger Justiz zum ersten Mal in der Geschichte, Haftbefehl gegen den damals verantwortlichen argentinischen Staatspräsidenten und Chef der Militärjunta erlassen.

Noch vor ein paar Jahren hieß es, man könnte in allen diesen Fällen doch nichts mehr machen und als 1998 die ersten Strafanzeigen im Beisein des argentinischen Friedensnobelpreisträgers Adolfo Perez Esquivel übergeben wurden, wurde die Menschenrechtsinitiative von Fachleuten belächelt.

Heute sind viele überrascht, welche juristischen Erfolge möglich waren.

„Siehe, ein Ackermann wartet auf die köstliche Frucht der Erde und ist geduldig; und wenn die Frucht aufgeht, dann ist große Freude, weil Gott mitten unter den Menschen ist.“

Liebe Gemeinde, Advent erinnert uns daran, dass Gott den Menschen nahe kommt. Nicht von oben nach unten, sondern von Mensch zu Mensch, so wie er auch in Jesu den Menschen als Mensch nahe gekommen ist.

Gott ist da wo Menschen lieben, wo Menschen teilen und hoffen, so lautet ein Lied, das eigentlich ein Adventslied sein könnte.

Immer da glaube ich „kommt der Herr“, immer da ist Gott lebendig unter uns. Immer da ist Advent.

Liebe Gemeinde, Gott ist uns viel näher als wir vermuten und wer das Kommen Jesu erst noch erwartet, der bemerkt vielleicht nicht das Wunder, das neben ihm geschieht.

Seid geduldig, ist für mich ein Wort der Hoffnung. Gott ist in dieser Welt am Werk, ihr werdet es sehen.

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