Nicht schon wieder das alte Lied!

Liebe Schwestern und Brüder.

Es ist eigentlich immer das gleiche alte Lied. Was man auch anstellt: die Leute wollen oder können einfach nicht. Dieses Lied wird überall gesungen: Zum Beispiel letzte Chorprobe: warum können so viele nicht an diesem Probenwochenende teilnehmen oder müssen schon früher abfahren. Es steckt doch so viel Arbeit und Vorbereitung darin und die Zeit zum gemeinsamen Proben ist so wichtig. Oder eines der letzten Konzerte: warum sind wieder einige Plätze leer geblieben, obwohl das, was geboten wurde, gut und
günstig war, zu den fröhlichen Volksmusikanten gehen sie doch auch.
Oder an einem beliebigen Sonntag, damit es nicht nur die Kirchenmusik abbekommt: der Gottesdienst ist festlich, die Predigt wohlüberlegt, nur die Gemeinde könnte durchaus zahlreicher anwesend sein. Und dann wird das alte Lied angestimmt und wer muss es sich anhören: meist die, die doch eigentlich da sind und die es überhaupt nicht betrifft.

Die Geschichte, die Jesus erzählt, könnte man genau da einordnen. Auch hier eine Einladung zu einem großen Festmahl mit umfangreichen Vorbereitungen: ein Menü wurde überlegt, die Saal festlich geschmückt. Und zu guter letzt wurde der Diener losgeschickt, um allen geladenen Gästen zu sagen, dass es losgehen kann. Aber es entschuldigt sich einer nach dem anderen und ? deswegen ist mir diese Geschichte immer ein bisschen unheimlich – es haben alle gute, nicht von der Hand zu weisende Argumente:
· Der erste muss ein gerade angelaufenes Immobiliengeschäft erst noch fertig abwickeln. Der Acker muss angesehen
werden. Denn keiner kauft die Katze im Sack.
· Der zweite muss sich um seine Ochsen kümmern, die neu in seinen Stall gekommen sind. Erst die Arbeit eben, dann das Vergnügen.
· Der dritte ist frisch verliebt und verheiratet. Da hat er eh keine Zeit. Zwanzig Jahre später wäre es ihm
vielleicht leichter gefallen die Einladung anzunehmen und seine Frau zu Hause zu lassen.
Und der arme Diener muss sich das alles anhören, den Zorn seines Herrn ebenso ertragen wie die Ausreden, die am Ende doch faulen Ausreden der Eingeladenen.

Die Party hätte an der Stelle auch zu Ende sein können: die Mühe umsonst und die Laune verdorben und das alte Lied auf den Lippen , dass keiner kommt. Aber so ist es nicht, der Diener muss noch einmal los, und jetzt die am Rande lebenden einladen und holen . Die Anderen aber bleiben künftig ausgeladen. Warum erzählt Jesus das nur? Weil er Freude an dem alten Lied hat? Wohl kaum.

Ich denke eher, weil er mit seinen Jüngern diese Erfahrung verarbeiten will, dass nicht alle eingeladenen kommen und dass sie sich letztlich selber von einer wunderbaren Erfahrung ausschließen und etwas wesentliches verpassen. Das war eine Erfahrung, die machte Jesus auf seiner Wanderschaft. Es gab Leute, die waren auf seiner Seite und es gab Menschen, die wollten ihm Böses. Es war eine Erfahrung, die machte die junge Kirche ebenso wie die mittlerweile in die Jahre gekommene Kirche. Es sind bei weitem nicht alle dabei, die dabei sei könnten. Damals aus dem Volk Israel, nur wenige wurden Christen – heute von den Kindern , Jugendlichen und Familien, die eingeladen sind, mit dem Glauben gute Erfahrungen zu machen, sich im Glauben zu verwurzeln und zu entdecken, dass das wie ein großes Fest sein kann. Alle missionarischen Anstrengungen von Besuchswochen, Gesprächsabende bis hin zu Ständen auf Marktplätzen, Briefen in die Häuser oder oft auch viele normale Gemeindeangebote kommen irgendwann an den Punkt, wo die Beteiligten merken: viele nehmen die Einladung nicht an. Und ihre Ablehnung ist gar nicht mal bösartig, oft sogar verständlich: Ich habe kaum Zeit und die wenige verbleibende will ich mit der Familie nutzen. Oder: wissen sie, ich komme aus einer nichtkirchlichen Familie, ich habe zwar nichts gegen die Kirche, ich bin aber eben nicht kirchlich.
Oder: ich glaube ja auch an Gott, aber dazu brauche ich die Kirche nicht. Manche resignieren. Und finden sich damit ab, dass dann eben nur etwas mit denen gemacht wird, die da sind, die immer da sind.

Jesus findet sich nicht damit ab und deswegen erzählt er diese Geschichte. Zum einen will er wachrütteln: Ihr wisst gar nicht, was euch entgeht, wenn ihr die Einladung ausschlagt. Das denke ich über die Einladung zum Glauben auch. Ihr wisst gar nicht, was euch entgeht, wie hilfreich der Glaube ist, das Leben mit seinen Höhen und Tiefen anzunehmen und darin zu bestehen. Ihr wisst gar nicht, wie gut eine Gemeinschaft tut, in der Menschen zusammen unterwegs sind, eng verbunden, und sich gegenseitig tragen können. Und zum anderen erweitert Jesus den Kreis der Eingeladenen. Alle dürfen dazukommen. Das ist eigentlich die Geburtsstunde einer Kirche, die nicht nur für ein kleines Grüppchen Auserwählter da ist, sondern die ganze Welt und die ganze Menschheit umfassen will. Dieses Fest ist für alle da und es soll gefeiert werden, es wird nicht ausfallen! Die, die nicht dabei sein wollen, sind letztlich selber schuld und bestrafen sich so selber.

Also eigentlich ist es dann doch nicht das alte Lied, das Jesus anstimmt. Wir machen es nur oft daraus.
Man kann ganz praktische Konsequenzen daraus ziehen:
· Weiter einladen! Es werden immer welche kommen!
· Nicht resignieren, ihr werdet staunen, wer am Ende kommt!
· Nicht ärgern über die mit den Ausreden, sondern sich freuen und feiern, mit denen die da sind.
· Weitersagen und hereinholen vom Straßenrand. Es ist zuwenig darauf zu warten, dass jemand von allein kommt.

Manchmal müssen die Leute bedrängt und genötigt werden, was wunderbares zu erleben. Es ist eigentlich nur ein ganz kleiner Perspektivwechsel den Jesus vornimmt: vom halbleeren zum halbvollen Glas. Und die Wirkung und die Wahrnehmung und ich denke am Ende auch das Ergebnis sind erstaunlich.

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