Nicht mehr – noch mehr!

Liebe Gemeinde!

Zunächst ist es mir wie den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus gegangen, denen eine ganze Welt der Hoffnung zusammengebrochen war: Was für ein seltsamer rätselhafter Ostertext, in dem die Auferstehung beschrieben wird als ein großes Festmahl für alle Völker auf dem Berg Zion. Doch je länger ich darüber nachgedacht habe, fiel es mir wie Schuppen von den Augen:

Ostern – das ist kein Tag, an dem spekuliert wird über das Leben nach dem Tod. Ostern ist nicht gemacht für Wissenschaftler und Parapsychologen, die sich mit interessanten Naturereignissen oder mit transzendenten Erscheinungen befassen. Ostern ist für Menschen, die Streit, Feindschaft, Krieg und Unterdrückung kennen und darunter leiden und sich nach Frieden sehnen. Ostern ist für Menschen, die weinen, die traurig sind, auch für Menschen, die Hunger haben und keinen Grund zum Feiern, für Menschen, die immer allein essen müssen und gerne mit anderen zusammen fröhlich wären. Ostern – das soll uns heute mit diesem Text aus dem Buch des Jesajas nahegebracht werden, ist das Überraschungsgeschenk Gottes. Er bereitet ein Freudenfest, für alle Menschen, die sich voher geschämt haben, die geweint haben und einsam waren, für Menschen, die vorher erbitterte Feinde waren, die einander verletzt und gedemütigt haben, auch einander getötet haben. Nun bringt Gott selbst Freude und Frieden inmitten unserer Welt, sichtbar für alle auf dem Berg Zion.

Und ich staune: So alt der Text ist, er hat bis heute an Aktualität nicht verloren. Gerade in Jerusalem, das ist dem Wortsinn nach die "Stadt des Friedens", scheint Frieden heute weiter entfernt als je. "Jerusalem ist eine goldne Schale, gefüllt mit Skorpionen", hat schon vor tausend Jahren sarkastisch der Araber Muqadassi bemerkt. Er wird seine Gründe dafür gehabt haben. Heute trifft dieser Ausspruch immer noch zu, vielleicht sogar mehr noch als damals. Denn golden erscheint zwar die alte Stadt im Licht der späten Nachmittagssone. Das liegt an dem Sandstein, aus dem die meisten Häuser, Kirchen, Synagogen und Moscheen gebaut sind. Golden schwebt die Kuppel des Felsendoms über dem Tempelberg. Aber so wie Skorpione sich tückisch in finsteren Winkeln, manchal in Schuhen, verstecken und den Ahnlungslosen mit ihrem giftigen Stachel anfallen, so lauern offenbar hinter jedem Stein und jeder Straßenwindung in der Davidsstadt die gefährlichen Stacheln des Hasses, der Vergeltung und der Verdächtigungen. Und nochmals ich staune: inmitten der Skorpione geschieht das Wunder: ein friedliches Mahl aller Völker. So heißt es in Luthers Osterlied: "Christ lag in Todesbanden …" voller Überschwang:

Es war ein wunderlich Krieg,
da Tod und Leben ‚rungen;
das Leben behielt den Sieg,
es hat den Tod verschlungen.
Die Schrift hat verkündet das,
wie ein Tod den andern fraß,
ein Spott aus dem Tod ist worden.
Halleluja. (EG 101,4)

Was für ein Tod ist gemeint? Und ich anworte: Ostern heißt: Der Tod der Beziehungslosigkeit ist überwunden. Gott wendet sich wie eine Mutter den Menschen – allen ohne Ausnahme – zu. Er nimmt den Trauerschleier weg. Er wischt die Tränen ab. Er beseitigt alle Skorpione des Hasses, der Rache und Vergeltung. Und ich höre die Fragen: Wie sollen wir das verstehen? Wo ist diese Welt ohne Tod und ohne Leid? Auf unserer Welt und in unserer Geschichte findet sich dafür kein Ort. Ein Land, das keinen Ort hat, heißt auf lateinisch UTOPIA. Und deshalb halten viele die Vision des Propheten für eine Utopie, für einen Ort ohne Land. Und ich antworte: Solange wir nur in unsere Verhältnisse sehen, stimmt das. Da herrscht überall der Tod. Er tritt ja nicht erst dann ein, wenn das Leben aufhört. Er ist schon längst in unser Leben eingetreten und treibt sein tödliches Spiel. Überall dort, wo menschliche Beziehungen zerbrechen, wo man kein Wort mehr für einander übrig hat, wo man am selben Tisch beziehungslos neben einander sitzt und vielleicht sogar im selben Bett beziehungslos beiander ist, dort schleicht der Tod sich ein. Und der Lebenslauf eines jeden Menschen zeichnet diese Herrschaft nach.

Zuerst ist man jung, voll von Hoffnung und Zukunft, knüpft Beziehungen an und sucht Verhältnisse, schafftt sie und erhält sie und pflegt sie – bis dann zum erstenmal nicht mehr geht. Und am Ende geht es überhaupt nicht mehr, dann sagen nicht wir, sondern der Tod sagt selber als letztes Wort sein "Nichts mehr". Das ist unsere Geschichte, eine alte Gesschichte, eine Todesgeschichte. Demgegenüber hat Gott sein göttliches: "Noch mehr" gesprochen. Was der Prophet als Zukunft verkündet, ist keine Uotpie geblieben. Sie hat einen Ort in unserer Welt. Das leere Grab. Das äußere Zeichen: "Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden."

Der Tod hat nicht mehr das letzte Wort. Christus lebt. Er verheißt uns sein göttliches "Noch mehr", wenn er sagt: "Ich lebe, und ihr sollt auch leben." (Joh. 14,19) Er schafft neue Beziehungen inmitten unserer Welt. Er hilft uns beim Sterben. Er hilft uns im Tod. Er allein. Darum Ostern heißt: Leben in Beziehungen. Denn der auferstandene Christus ist nicht nur für das letzte Stündlein da. Er ist für alle Stunden unseres Lebens da. Wer im Tode hilft, der hilft erst recht im Leben. Und wir werden von ihm gefragt: ob wir aufhören, Handlanger des Todes zu sein.

Jesus ist auferstanden – und wir töten weiter mit Gedanken und Worten, mit Schüssen und Spritzen. Das bleibt ein Widerspruch. Dem Auferstandenen folgen bedeutet, überall in der Welt die Handlanger des Todes aufspüren, damit der Tod sein trauriges Handwerk allein und ohne jegliche menschliche Hilfe besorgen muss. Wer mit dem Tod konspiriert, verschwört sich gegen das Leben: Der politische Galgen, die Bombe im Flugzeug, das brennende Altersheim, die aktive Sterbehilfe auf Verlangen sind die makabren Endpunkte eines Weges, der mit vernichtenden Worten – oft scheinbar sehr harmlos – beginnt. Die Auferstehung Jesu Chrstsi erklärt diesen Weg für ungangbar. Ostern heißt: Leben in Beziehungen, das Rudolf Otto Wiemer in seinem Gedicht "Entwurf für ein Osterlied" so beschreibt:

Die Erde ist schön, und es lebt sich
leicht im Tal der Hofnung.
Gebete werden erhört. Gott wohnt
nah hinterm Zaun.

Die Zeitung weiß keine Zeile vom
Turmbau. Das Messer
findet den Mörder nicht. Er
lacht mit Abel.

Das Gras ist unwelklicher
Grün als der Lorbeeer. Im
Rohr der Rakete
nisten die Tauben.

Nicht irr surrt die Fliege an
tödlicher Scheibe. Alle
Wege sind offen. Im Atlas
fehlen die Grenzen.

Das Wort ist verstehbar. Wer
Ja sagt, meint Ja und
Ich liebe bedeutet: jetzt und
für ewig.

Der Zorn brennt langsam. Die
Hand des Armen ist nie ohne
Brot. Geschosse werden im Flug
gestoppt.

Der Engel steht abends am Tor. Er
hat gebräuchliche Namen und
sagt, wenn ich sterbe:
Steh auf.

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