Nicht euer Tun bestimmt euer Leben

Wir werden heute morgen in einen ganz handfesten Streit der alten Christenheit hineingenommen, einen Streit zwischen den Aposteln Paulus und Petrus. Es ist ein Streit, der ausgelöst durch ein ganz alltägliches Geschehen, die grundlegendsten Aussagen des christlichen Glaubens betrifft.

In der Gemeinde in Antiochien saßen Christen beieinander und aßen. Das ist eigentlich nichts besonderes, auch wir sitzen ja gern beieinander und essen und trinken. Das besondere dieser Tischgemeinschaft war: es aßen Christen miteinander, die vormals Juden bzw. heidnische Griechen waren. Und den Juden wurde durch ihr Gesetz der Umgang mit Heiden besonders bei den Mahlzeiten verboten. Der Grund war, sie könnten sich durch diese Gemeinschaft im religiösen Sinne verunreinigen, da ja auch Dinge gegessen werden, die für einen frommen Juden verboten waren. Das rituelle Gesetz der Juden wurde so also aufgehoben in Antiochien, man setzte sich darüber hinweg, weil man doch eine viel wichtigere Verbindung untereinander hatte, nämlich den Glauben an Jesus Christus und die Taufe. Dann kam es aber, dass Leute aus Jerusalem kamen, die auch als Christen das Gesetz der Juden noch sehr ernst nahmen und eine solche Gemeinschaft nicht duldeten. Und diese sogenannten Judenchristen hatten wohl auch viele Argumente für ihre Meinung aufzubringen, so dass Petrus und ein Weggefährte des Paulus, ein gewisser Barnabas, sich bald von den sogenannten Heidenchristen zurückzogen und die Gemeinschaft miteinander brachen.

Die Gemeinschaft unter den Christen in Antiochen, die sich ja besonders in der gemeinsamen Mahlzeit ausdrückte, wurde von Petrus und Barnabas also an bestimmte Bedingungen geknüpft: Forderungen des Gesetzes, Forderungen religiöser Frömmigkeit wurden zur Bedingung für die christliche Gemeinschaft gemacht, die Heidenchristen sollten jüdische Reinheitsgebote einhalten. Paulus, der selber vor seiner Bekehrung ein ganz strenger Jude war, der von sich sagt, dass er die Forderungen des Gesetzes immer eingehalten hat, stand daraufhin auf und hielt seinem Glaubensbruder eine wichtige Rede. Sie steht im Galaterbrief im 2. Kapitel und ist der heutige Predigttext:

[TEXT]

Paulus ist dem Petrus in heftiger Weise entgegengetreten, weil es hier nicht allein um die Gemeinschaft geht, die Petrus gebrochen hat, sondern weil mit der Forderung, dass die Heidenchristen bestimmte Reinheitsgebote einhalten müssten, die Frage im Raum stand, was macht uns denn vor Gott zu einem rechten Menschen, der mit seinem Leben vor Gott bestehen kann. Und das ist ja doch eine Frage, die auch wir uns in unserem alltägliche Leben immer wieder, direkt oder indirekt stellen und beantworten: wodurch wird mein Leben recht und richtig? Und wer von uns möchte nicht alles richtig und recht machen? Wer will nicht ein rechter Vater oder eine rechte Mutter sein, ein rechter Ehemann oder Ehefrau, ein rechtes Kind und Schüler, eine rechte Oma? Wer möchte nicht im Berufsleben gut sein oder bei seinen Hobbys? Wer möchte nicht, wenn er aus dem Berufsleben ausscheidet, auf das verweisen können, was er geleistet hat? Und wer möchte nicht auch bejaht und anerkannt werden, beliebt und geliebt sein? Suchen nicht auch diejenigen nach Anerkennung, die sich in radikalen Gruppierungen sammeln und auffällig werden? Wer aber entscheidet darüber? Wer sagt mit Gültigkeit, ob wir gut sind; ob wir es recht gemacht haben und ob wir rechte Menschen sind? Das sind zunächst die Mitmenschen um uns herum, der Lebenspartner, die Eltern, die Nachbarn und Freunde, sie urteilen durch ihr Zuneigung und ihre Abneigung über uns und machen uns deutlich, ob wir in ihren Augen recht sind. Die Anerkennung unserer Leistungen und dessen, was wir im Leben vorzuweisen haben, wird durch andere bestimmt und sie bestimmen damit auch unser Lebensgefühl und den Wert unseres Lebens.

Und wenn wir unser Leben vor Gott betrachten, dann sehen wir unser Leben auf ganz ähnliche Weise: wir sehen auf das, was wir in unserem Leben getan haben, was wir Gutes an Menschen oder für die Kirche getan haben und hoffen daraufhin von Gott entsprechend behandelt zu werden, auch bei ihm anerkannt und recht zu sein. So wie bei Petrus, der den Heidenchristen sagen wollte, ihr müsst bestimmte Verhaltensweisen und Regeln befolgen, dann seid ihr recht vor Gott und ich kann auch wieder Gemeinschaft mit euch haben. Und gerade diesen Vorstellungen stellt sich Paulus entschieden entgegen, wenn er sagt: vor Gott kann niemand bestehen mit dem, was er tut.(2x) Das ist ein harter Satz, denn Paulus macht mit diesem Satz unser ganzes menschliches Denken zunichte. Paulus sagt: wenn wir über den Wert unseres Lebens nachdenken, wenn wir darauf sehen, ob unser Leben recht ist, dann soll, das, was wir tun, nunmehr völlig gleichgültig sein, es soll keinen Wert mehr haben und unbedeutend sein.

Denn vor Gott gilt durch Jesus Christus etwas anderes, als unser menschliches Denken es sieht: es gilt nicht mehr, was wir getan haben, was wir vielleicht auch für Gott getan haben und vorweisen können, sondern durch Jesus Christus gilt für unser Leben allein, was Gott für uns getan hat. Und dies ist ein großer Unterschied. Wer sich den Wert seines Lebens und seine Anerkennung durch seine eigenen Werke verdienen will, der schaut nur auf sich, der lässt nur sein eigenes Tun gelten. Durch Jesus Christus aber ist uns deutlich gemacht worden: es kommt für unser Leben nicht darauf an, was wir geleistet haben, sondern dass wir darauf sehen, was Gott in Jesus Christus für uns getan hat:
dass das Leben Jesu gleichsam unser Leben war,
dass das Kreuz Jesu das Kreuz unseres Leidens war,
dass der Tod Jesu unser Sterben war,
dass es ein Sterben für unsere Schuld war und
dass seine Auferstehung unsere Hoffnung für unseren Tod ist.

Wer Anerkennung vor Gott für sein Leben sucht, der schaue nicht auf sich selber, der schaue auf Jesus Christus, denn an ihm können wir sehen, wieviel wir Gott wert sind: also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen und das ewige Leben haben, so sagt es das Johannesevangelium. Paulus ist gegenüber Petrus in so vehementer Weise aufgetreten, weil er in dem Verhalten des Petrus etwas gesehen hat, was diesem Kern des christlichen Glaubens widersprach: nicht mehr der Glaube an Jesus Christus, das Vertrauen auf das, was er getan hat und was uns in der Taufe zugesprochen wurde, sollte in der Gemeinde entscheidend sein, sondern nun doch wieder das Tun des Menschen, seine Leistung. Demgegenüber sagt aber Paulus: wenn wir als Christen vor Gott damit bestehen könnten, dass wir das Gesetz erfüllen, dann wäre ja Christus umsonst gestorben. Denn welchen Sinn hätte das Leben Jesu und sein Sterben gehabt, wenn wir uns vor Gott unser Leben weiterhin verdienen könnten oder müssten. Jesu Tod wäre sinnlos gewesen. Sein Leben und Sterben ist nur dann sinnvoll, wenn wir allein darin Gottes Gnade erblicken, wenn wir Jesu Lebensweg als ein Geschehen für uns erkennen. Nur der findet Anerkennung bei Gott, so schreibt Paulus, der Gottes Gnadenangebot annimmt und auf Jesus Christus vertraut. Allein dieses Vertrauen auf Jesus Christus, allein das Vertrauen auf Gottes Gnade macht uns Menschen zu rechten Menschen, macht unser Leben sinnvoll.

Das heißt nicht, dass unser Tun gar nichts wert ist, dass es gleichgültig ist, wie wir unseren Lebensalltag gestalten. Das sicher nicht. Aber wenn es um die Frage geht, wie wir mit unserem Leben vor Gott stehen, dann kommt es zuerst darauf an, dass wir auf Gottes bedingungsloses Ja schauen, das er in Jesus Christus zu uns Menschen gesprochen hat und nicht darauf, was wir getan oder auch nicht getan haben. Vor Gott gilt weder unser Können noch unser Unvermögen, weder unseren guten Werke noch unsere Schuld. Und so lebt auch die christliche Gemeinschaft gerade davon, dass wir alle darauf vertrauen, dass Gott uns seine Liebe schenkt, dass wir verbunden sind durch das Vertrauen auf Jesus Christus und nicht durch die Gleichförmigkeit von Leben und Frömmigkeit. Und diese Wahrheit, dieses Evangelium hat Paulus gegen Petrus festgehalten, so dass auch für uns gilt, trotz aller Unterschiede sind wir eine christliche Gemeinschaft, weil eben nicht unser Handeln, sondern Gottes Handeln an uns das einzige ist, was zählt.

Und das gilt es im Alltag, wie damals in Antiochia immer wieder zu sehen und durchzuhalten. In den kleinen Kreisen fängt das an, und geht weiter in den anderen Gemeinschaften der Kirche bis hin in die Weltkirchen überhaupt. Die gute Botschaft des christlichen Glaubens lautet: nicht euer Tun bestimmt euer Leben, sondern allein dass Gott euch in Gnade annimmt. Und diese Annahme lasst allen zuteil werden.

drucken