Nicht die Dummen

Liebe Gemeinde,

kennen Sie das Gefühl: Eigentlich müsste ich jetzt etwas sagen. Aber ich weiß, ich stoße nur auf Ablehnung. Soll ich reden, um der Wahrheit die Ehre zu geben und um der Gerechtigkeit willen? Soll ich reden, auch wenn es keine offenen Ohren gibt? Was nützt das denn? Sie kennen das sicher, wenn schlecht geredet wird über Abwesende. Wenn über Ausländer und Juden schlechte Witze gemacht werden. Wenn über Gott und Kirche gelästert wird. Wenn eine Gruppe einen Einzelnen fertig macht. Wenn mutwillig Dinge beschädigt, gemeinsame moralische Werte mit Füßen getreten, anderen die Würde abgesprochen wird. Wenn geleugnet wird, dass bestimmte Entwicklungen für uns alle schädlich sind, wenn sie einfach so weitergehen. Sie haben sicher eine Situation, an die Sie sich erinnern. Und Sie könnten diese Aufzählungen von Situationen fortsetzten. Von Situationen, in denen unser Bekenntnis zur Wahrheit erforderlich ist. In manchen öffentlichen Situationen ist einfach Zivilcourage erforderlich. Wenn Gewalt angedroht wird, dann muss ich etwas tun. Ich muss mich nicht selbst gefährden. Aber im Zeitalter des Handys kann ich dafür sorgen, dass Hilfe herbeigeholt wird. Außerdem zeigt die Erfahrung, dass Gewalttäter, die zu mehreren einen Einzelnen schlagen, ziemlich feige sind und sofort abhauen, wenn jemand brüllt und eine Öffentlichkeit herstellt. Unser Predigttext für heute handelt von einem Menschen, der sehr viel Mut aufbringen musste, weil das, was er als göttliche Wahrheit zu verkündigen hatte, nur Wut auslöste. Trotzdem konnte er nicht anders, als der Wahrheit treu zu bleiben, auch als er verhaftet und bedroht wurde. Um der Wahrheit und der Gerechtigkeit willen musste er weiter das sagen, was die göttliche Stimme ihm eingab. So ist er uns zum Vorbild für aufrechten Gang und Zivilcourage geworden. Und weil er so sehr er selbst blieb und damit Gott treu blieb, deshalb konnten später die, die ihn verfolgt hatten, von diesem aufrechten und unverbogenen Leben zehren und daran anknüpfen.

[TEXT]

Jeremia hatte im Auftrag Gottes in der Öffentlichkeit Jerusalems einen Krug zerschmettert und dazu das Gerichtswort Gottes verkündet: So sollt auch ihr zerschmettert werden wegen eurer religiösen Armut und eurer daraus folgenden sozialen Ungerechtigkeit. Er sagt dies kurz vor dem Jahre 600 vor Christus. Das Großreich der Babylonier, das Jerusalem 597 und 587 erobern wird, ist schon entstanden. Es ist schon abzusehen, was geschehen wird. Jeremia stößt auf taube Ohren und auf Verfolgung. Vielleicht weil seine Zuhörerinnen und Zuhörer diese Angst, die er ausdrückt, ja haben und verdrängen.

In unserem Predigttext hören wir nun, dass Jeremia nicht der einsame und starke Held ist, der bei der Wahrheit bleibt und wenn auch alle gegen ihn sind. In seinem tiefsten Inneren sieht er überhaupt nicht so stark aus. Voller Verzweiflung ist er. Er klagt Gott sein Leid, ja er klagt sogar Gott an. Du hast mich verführt zu diesem Prophetenamt, sagt er. Und ich habe nichts als Ärger davon. Nicht nur ein paar Anfeindungen habe ich, sogar meine Freunde warten darauf, dass ich mich verplappere und sie mich bei König als Vaterlandsverräter anzeigen können. Es ist gut, dass er so klagen und anklagen kann, dass er so mit Gott reden kann, wenn er sonst nur taube Ohren und Ablehnung findet. Und in diesem Prozess des Betens findet er wieder zum Vertrauen zurück. Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Auch mit seinem Wunsch nach Rache findet er bei Gott Gehör und v.a. kann er die Rache Gott überlassen. Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen; denn ich habe dir meine Sache befohlen.

Liebe Gemeinde, wir hier in der Kirche, wir sind sicher nicht so mutig wie Jeremia. Und doch sind wir unserer Gesellschaft diejenigen, die auf eine Wahrheit hören, die zu sehr auf taube Ohren stößt. Und deshalb gehören wir zu denen, die der Wahrheit die Ehre geben und der Gerechtigkeit Raum verschaffen. Jeden Sonntag beten wir: dein Reich komm, dein Reich, Gott, der Gerechtigkeit und der Wahrheit und des Friedens. Schüler haben ein Experiment gemacht. Sie haben einen Notfall in der Innenstadt simuliert und geguckt, wieviele Menschen zur Hilfe bereit sind. Es war erschreckend, wie wenige geholfen haben.

Liebe Gemeinde, wir haben eine Verrohung in unserer Gesellschaft. Es gibt zuviel Ellbogen und zuwenig die Hand, die sich dem anderen neben mir entgegenstreckt. Es gibt zuviel Egoismus und zuwenig die Erkenntis, dass wir nur eine menschliche Gesellschaft haben können, wenn es noch genug Menschen gibt, die Rücksicht aufeinander nehmen. Es gibt zuviel Schadenfreude, sichtbar in Spielshows in Fernsehen und Radio, wo sich Menschen zum Narren machen, um irgendwas zu gewinnen und die Zuschauermenge beklatscht das. Liebe Gemeinde, indem wir Gottesdienst feiern, bilden wir schon eine Gegengesellschaft, die für andere Werte lebt und eintritt. Indem wir unsere Ohren für Gottes Stimme zu öffnen versuchen, treten wir schon heraus aus der Masse derer, die nur an ihren eigenen begrenzten Vorteil denken und dabei die Menschlichkeit dieser Gesellschaft aufs Spiel setzen.

Ich möchte nicht, dass wir Christinnen und Christen die Dummen sind, die den sozialen Kitt herstellen, während andere sich wie die Made im Speck fühlen. Manchmal kann man das Gefühl bekommen, gerade wenn ich mit Menschen rede, die sehr frustiert sind über die sozialen Veränderungen am Arbeitsplatz, wo es nur noch Umstruktierungen gibt, die nicht mehr auf das Miteinander der Mitarbeiter achten. Ich denke, wenn wir Christinnen und Christen als die wenigen Gerechten in dieser Gesellschaft noch für Mitmenschlichkeit, Zivilcourage und die Achtung vor jedem Geschöpf eintreten, dann sind wir nicht die Dummen, dann haben wir am Ende am Meisten davon. Denn was ein Leben erreicht hat, liebe Gemeinde, das entscheiden weder Einschaltquoten noch Börsenkurse, das wir an anderer Stelle entschieden. Ich danke allen, die mit mir Gottesdienst feiern und die versuchen, nach christlichen Werten zu leben. Sie tun etwas, was unsere Gesellschaft dringend braucht. Denken wir an die Geschichte von Sodom und Gomorra, in denen es zuwenig Gerechte gab, die die Zerstörung aufhalten konnten. Und Sie werden am Ende nicht die Dummen sind, die den sozialen Kitt herstellen, während sich andere durch Rücksichtslosigkeit bereichern. Nein, was am Ende zählt, ist etwas anderes. Es bringt manchmal Leiden mit sich, wenn wir für Wahrheit und Gerechtigkeit eintreten, für Gottes Sache. Aber es ist uns eine große Belohnung verheißen: selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich.

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