… nicht aus uns selbst …

Liebe Gemeinde,

welch strahlendes Wort tritt uns hier entgegen! Gestern haben wir – wie man so schön sagt – den Geburtstag der Kirche gefeiert. Pfingsten, das Wirken des Heiligen Geistes, der fünfzig Tage nach Ostern auf die Jüngern niedergekommen ist, damit sie fähig würden, Gottes gute
Botschaft in allen Landen in aller Sprache weiterzusagen. Ja, mit dieser von Gott geschaffenen Möglichkeit hat Kirche überhaupt erst angefangen. Und heute hören wir diese Zusage: die Pforten
der Hölle sollen diese Kirche nicht überwältigen. Und die Kirche wird mit einer einzigartigen Vollmacht ausgestattet: alles, was ihr auf dieser Erde bindet, soll auch im Himmel gebunden sein und alles, was ihr auf dieser Erde löst, soll auch im Himmel gelöst sein.

Es gibt Tage, liebe Gemeinde, da will einen die Alltagswelt überwältigen und zuweilen schafft sie
das ja auch. Und das meine ich nicht nur innerlich oder in einem übertragen Sinne, sondern ganz konkret und real: dieser Tage werden Sparbeschlüsse gefasst, Kündigungen geschrieben, Menschen einer harten Prüfung unterzogen: bist du noch fähig und leistungsstark genug, damit du eine
Existenzberechtigung hast? Kaum eine Familie gibt es z.Zt., die in Deutschland nicht von dieser Entwicklung betroffen wäre: der Job unsicher geworden, die Ausbildungsplätze immer rarer. Gleichzeitig wird an allen Ecken und Enden offenbar, dass dem wirtschaftlichen Wachstum Grenzen
gesetzt sind: Sparen ist das neue Leitmotiv – bei den sozialen Leistungen, bei der Gesundheit usw. usf. Auf diesem immer kleiner werdenden Markt sinnt man nach allerhand Strategien, um noch
überleben zu können.

Kundenbefragungen sind ein Mittel, um herauszubekommen, ob die Konkurrenz vielleicht nicht schon weiter ist, als man selber und man vielleicht etwas verbessern müsste und könnte. Auch unsere Kirche, die evangelisch-lutherische Landeskirche in Bayern ist davon betroffen: 100 Millionen Euro müssen eingespart werden. Vorschläge kursieren, eine sogenannte Giftliste, auf der alles Einzusparende notiert worden ist. Auf was können wir verzichten, was ist unserer Auftrag, was steht nur am Rande? "Was sagen die Leute?" so fragt auch Jesus. Er veranstaltet gewissermaßen eine Mini-Umfrage, nicht besonders repräsentativ und auch von keinem renommierten Institut durchgeführt, aber immerhin bekommt er ein paar klassische Antworten, die es
heute auch noch gibt. "Johannes der Täufer" sagen einige: das sollte unsere Kirche sein: ein Bußprediger in der Wüste, radikale Umkehr, Verzicht auf Luxus und materielle Absicherung – täte es nicht auch der Kirche gut, sich von Heuschrecken und wildem Honig zu ernähren und den Menschen eindringlich ins Gewissen zu reden: "Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!"? Andere sehen Elia, den großen Streiter gegen den Fremdgötterkult – wäre das nicht die zentrale Aufgabe der Kirche: sich zu engagieren, wenn andere Götter
an die Stelle des einzig Einen gesetzt werden sollen? Gegen Gentechnik, gegen Krieg, gegen Leistungsgesellschaft! Gegen die Baalspropheten unserer Zeit: das wäre eine wahre Elia-Kirche! Wieder andere sehen Jeremia: das Leid der Welt versammelt sich in dieser Jeremia-Kirche: soziales Engagement: die, die am Rande stehen gehören in den Blick der Kirche. Sie selbst sollte Vorbild
sein – ihre Diener sollen ein Zeichen setzen mit ihrem eigenen Leben. Jeremia war gehorsam bis zum Tode – sein Schicksal war es, schlussendlich mit der Geschichte zu verschwinden. Seine Spuren verlieren sich. Er hat geglaubt, gekämpft, sich engagiert: ein Vorbild für unsere Arbeit gegen den
Strom. Noch mehr Antworten gibt es auf diese Mini-Umfrage: noch andere Propheten – vielleicht Ezechiel mit seiner Vision vom glanzvollen Gotteshaus: Macht, Herrlichkeit und Ruhm dem Namen Gottes: Liturgie und ein sichtbares Ansehen der glanzvollen Majestät des Herrschers der Welt. Sollte so Kirche sein? Oder vielleicht Joel: das Wirken des Geistes in den Mittelpunkt stellen? Schließlich haben wir Pfingsten: nur die wahren Charismatiker, die einzig-wirklich-geisterfüllten Christen: das soll unsere Kirche sein. Die lauen, die nicht-bekehrten, die Kartei-Karten-Christen
sollen bitte-schön draußen bleiben!

Jesus ist nicht beeindruckt von den Ergebnissen seiner Mini-Umfrage. Es ist nicht überliefert, dass er eine Liste aufgestellt hätte, auf der er all diese Ergebnisse notiert hätte um sich dann zu
fragen, was das nun für die Streichung, für die Kürzung, für das Sparen bedeutet. Immerhin: er würde ja auch bald gehen müssen – wäre es da nicht sinnvoll, schon jetzt vorzubauen und sich auf das Wesentliche (ermittelt durch die Umfrageergebnisse) zu konzentrieren? Warum hat er seinen Jüngern nicht empfohlen, nur noch auf gegenfinanzierte Stellen zu gehen – zu Petrus etwa: lass
dich doch im Verband der Fischer anstellen – deine Arbeit wird gewiss auch dort heilvolle Wirkung zeigen, etwa wenn du den Nachwuchs unterrichtest im Netzeflicken. Jesus macht erstaunlicherweise nichts dergleichen: er fragt einfach nocheinmal. Nun kommt die
Anwort, die größer ist als alle anderen zuvor, gerade weil sie alles andere mit umschließt: es ist die Kirche des Christus, welcher der Sohn des lebendigen Gottes ist. Und nun das Wesentliche: Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart – mit anderen Worten: das ist keine Menschen-Einsicht, kein menschliches Planen und Denken, kein menschliches Wollen. Es bleibt Gottes
Entschluss, sein Handeln und Bewahren lenkt und leitet die Kirche. Freilich ist diese Kirche nicht zu verwechseln mit den Institutionen, die von uns Menschen erdacht worden sind – dazu zählt auch
unsere Organisationsform in unserer bayerischen Kirche. Diese freilich werden von Menschen geleitet, organisiert, verwaltet und auch finanziert. Insofern muss ich ein wenig zurückrudern: ja, auch bei uns wird gespart werden müssen, es wird sich immer wieder etwas verändern und es wird – wie in der Welt sonst auch – nicht immer ohne Schmerzen und ohne Ungerechtigkeiten abgehen. Dazu sind wir alle allzusehr nur Menschen, aber ich wünschte mir, dass wir den Blick auf das
Gegründet-Sein der Kirche nicht aus dem Blick verlieren: sie besteht nicht aus uns, sondern nur mit uns – sie ist nicht, genau wie unser Glaube – angewiesen auf unser Entschließen und Wollen, sondern gefestigt im Ratschluss unseres Gottes. "Die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwinden." Bei allem Ärger, der uns zur Zeit umgibt, ist das doch ein großer Trost für mich in meiner Kirche: sie wird Bestand haben, in dem, was sie als Kirche ausmacht: Gottes Wort will uns erreichen in unserem Leben und es erreicht uns durch die Auslegung der Heiligen Schrift genauso
wie im sichtbaren Wort des Abendmahls und der Taufe. Und in diesen dreien durch das lösende Wort Gottes: wir erfahren im Gottesdienst seine Vergebung und seine Zusage auf eine Zeit, in der wir mit diesen weltlichen Dingen uns nicht mehr herumschlagen müssen: "was du auf Erden lösen wirst,
das wird auch im Himmel gelöst sein!"

All das entbindet uns freilich nicht, uns um unsere irdische Kirche zu kümmern und immer und immer wieder diese Mini-Umfrage von Jesus zu wiederholen, damit wir nicht vorbeigehen an unserem eigentlichen Auftrag: was steht mehr an zur Zeit: Johannes der Täufer, Elia, Jeremia oder andere
Vorbilder im Glauben? Gott-sei-Dank haben wir noch alles davon in dieser Gemeinde: Menschen, die sich für ihren Glauben einsetzen und bereit sind, Dinge um der Veränderung willen anzugehen, ja die Kirche und damit die Welt umzugestalten. Deswegen ist es gut, auch zu kämpfen, zu forschen, zu
streiten, Gelder neu zu verteilen. Aber es bleibt doch ein Vorbehalt bei allem, was wir tun oder auch lassen: die eigentliche Kirche, die Kirche, die mit Pfingsten ihren Anfang genommen hat, ist davon unberührt: ihre Existenz ist – Gott-sei-Dank – nicht von uns abhängig. Wahrscheinlich hätten wir sie sonst schon längst eingespart oder zur Unkenntlichkeit missbraucht. Die eigentliche Kirche begegnet uns allen immer wieder von außen her: dort, wo wir von Gottes Wort angesprochen worden sind. Das ist, liebe Gemeinde, beruhigend und tröstlich. Ich wünsche Ihnen dieses pfingstliche Erlebnis – gerade in dieser für uns allen schwierigen Zeit – dass Ihnen die Ruhe und Gelassenheit Gottes, was den heilsnotwendigen Fortbestand unserer Lebensgrundlage anbelangt, immer wieder geschenkt werde. "Und ich sage dir auch: du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen."

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