Nicht aber ich lebe, sondern Christus lebt in mir

Liebe Gemeinde,

es war einmal ein Mann, der hatte eine große Angst vor seinem eigenen Schatten – warum, das weiß man nicht genau. Vielleicht, weil er alles Dunkle von sich abstreifen wollte, damit er immer ganz hell und licht sei und somit jederman und jederfrau gefalle. Vielleicht wollte er diesen Schatten beseitigen, damit man später – nach seinem Tod – von ihm nur in hellen Farben würde reden können.

So versuchte er einiges, um seinem Schatten zu entfliehen: ganz plötzlich sprang er mit einem Ruck zur Seite, in der Hoffnung, der Schatten würde es nicht merken und ihn verlieren, aber umsonst! Ein andern Mal nahm er ein scharfes Messer und schnitt den Schatten genau an seinen Füßen ab, aber als er weiterging merkte er, dass der Schatten noch da war, also: auch umsonst! Nachdem er all seine List und Tücke angewandt hatte, dachte er bei sich: ich will schnell laufen, so wird mein Schatten mir nicht folgen können – und er lief los, aber obwohl er schon recht schnell gelaufen war, merkte er dass ihm der Schatten noch auf den Fersen war. Da sagte er bei sich: ich muss noch schneller laufen und noch weiter springen, so wird dem Schatten bald die Luft ausgehen. Also lief er schneller, er rannte so gut er konnte, er sprang weiter, als er je in seinem Leben gesprungen war und schließlich: sank er tot zu Boden. Der Schatten aber war immer noch da.

Ach, liebe Gemeinde: wäre er doch einfach in den Schatten eines Baumes getreten, so wäre sein eigener Schatten verschwunden. Aber drauf kam er in all seiner Schlauheit nicht! "Was für ein dummer Mensch!" werden die meisten von uns wohl sagen, wenn sie diese Geschichte hören: ich bin mir da aber nicht so sicher, denn zwei Dinge zeichnen unseren Mann hier aus: zum einen ist er zum äußersten darauf bedacht, gut dazustehen in seinem Leben und sogar noch darüber hinaus: er will, dass man gut von ihm denkt, sich an ihn als wertvollen Menschen erinnert und spricht: seht her: das war ein wahrer Mensch, edel und gut – so ganz ohne dunkle Stellen. Zum anderen setzt er all seine Kraft, und das ist seine Intelligenz, sein Nachdenken und seine körperlichen Fähigkeiten für die Erreichung dieses Zieles ein: "ich will es schaffen, von meinem Schatten befreit zu werden!". Und jetzt frage ich Sie (von hier oben aus): "Wie ist das in Ihrem Leben?" – Kennen Sie diese Frage: "Was sollen denn die Nachbarn denken?" – Wissen Sie um die Situation, wenn man sich selber zusammenreißt und sich sagt: "Jetzt bloß nicht schlappmachen – ich will hier noch gut dastehen!"?

Liebe Gemeinde: ich kenne diese Fragen und diese Situationen in meinem Leben – übrigens auch in meiner beruflichen Situation! Sollen nicht etwa die Pfarrers ein "besseres Leben" führen, als die anderen, müssen nicht zumindest die nach außen hin "wahrhaft christlich" sein – und: Sie können mir glauben: das lässt einen nicht unberührt, und man fängt an, sich zu fragen: wie wird es wohl wirken, wenn ich das so oder so mache. Das gleiche gilt aber wohl für uns alle: oft genug führen wir unser Leben, als ob es darauf ankäme, was die anderen über unser Leben sagten – wir lassen uns den Wert über unser Leben von anderen Menschen diktieren. Ich kenne übrigens keinen, der nicht in irgendeiner Weise davon beeinflusst ist: das Fernsehen sagt uns, was gut und schön bedeuten könnten – sehen Sie manchmal die Promi-Sendungen? In der Zeitung kriegen wir mitgeteilt, was wir eigentlich – unserem Status entsprechend – für ein Auto fahren müssten. Sie kennen diese Beispiele zur Genüge.

Und jetzt spricht zu uns ein Text von einem Menschen, der genau dies auch in seinem Leben erfahren hatte: der Mann war ein großer Eiferer – er wollte alles richtig machen und wollte glänzen mit seinen Taten und mit seiner Befolgung aller Regeln. Er hatte wohl auch viel Erfolg damit, galt als einer der besten seiner Zunft und, um mit unserer Geschichte zu sprechen: er hatte seinen Schatten beinahe getilgt. Aber dann kam ganz plötzlich – mitten in der Erfüllung seiner Aufgaben – die Wende: er wurde rausgerissen aus seinem Trott, rausgerissen auch aus seiner Anpassung an das, was man von ihm forderte: er wurde blind für ein paar Tage und war somit völlig außer Gefecht gesetzt – danach aber waren seine Feinde plötzlich seine Freunde und für ihn begann ein neues Leben. Sie wissen bestimmt, von wem ich rede – genau: von Paulus. Ich lese diesen Text aus seinem Brief an die Galater im 2 Kapitel, die Verse 16-21:

[TEXT]

Typisch, lieber Paulus: mit dir ist wiedereinmal deine Begeisterung durchgegangen! Versuchen wir nochmal, dem nachzugehen, was uns hier beschäftigt: "nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus in mir"! Diese Erfahrung hat Paulus als Christ machen dürfen. Wir heutigen reden in Gefolge Luthers davon als Rechtfertigung. Paulus Leben wurde nicht mehr bestimmt durch seine Tätigkeit nach außen: die Anforderungen, die er sich selbst insgeheim stellte, weil ihn andere in einer bestimmten Rolle sahen, gelten für ihn nicht mehr: er ist davon frei geworden – er ist den "Anforderungen" "gestorben", wie er sagt – und jetzt lebt Christus in ihm. Der Textabschnitt, den wir gehört haben, steht im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung mit Petrus. Folgendes ist vorgefallen: Petrus, genauso Missionar und Prediger wie Paulus, kommt in die Gemeinde nach Galatien und er geht zum Essen zusammen mit den dortigen Heiden – im damaligen Judentum durfte man das nicht. Als kurz darauf noch einige Christen aus Jerusalem kommen, die die jüdischen Bestimmungen aber weiterhin befolgen wollen, denkt Petrus plötzlich bei sich: "Was werden die Freunde aus Jerusalem über mich sagen, wenn ich hier mit den Heiden esse – ich will es daher bleiben lassen." Petrus ist schwach geworden und passt sich wieder an: er lässt sich seine Person von außen vorschreiben. Und in diesen Augenblick hinein spricht Paulus die Worte, die wir eben gehört haben: "nicht durch die Werke, sondern durch den Glauben werden wir gerecht!". Wir sehen hier: das ist keine billige antijüdische Polemik, es ist auch keine Abwertung von Bestimmungen und Ordnungen, ja, und es ist vor allem auch nicht der Freibrief zum Nichtstun, nach dem Motto: "ich lege meine Hände in den Schoß: Gott wird´s schon richten" – Nein: es ist die Aufforderung, sich auf das zu besinnen, was unsere Existenz als Christen ausmacht: wir sind gerettet in Chriti Namen – wir sind befreit durch seine Tat: in den Augen Gottes sind wir so geworden, wie wir sein sollen: darauf können wir vertrauen, daran dürfen wir glauben und – Luther würde sagen – dessen sollen wir gewiss sein. Das ist Paulus Ausruf: seid gewiss, dass Gott Euch liebt und dass ihr in seinen Augen wohlgeraten seid! Und dann – liebe Gemeinde – und dann fangt an, euer Leben zu leben und euer Tun zu verrichten. Nicht die Beine hochlegen und das Diplom: "Ich bin Christin" an die Wand hängen, sondern rausgehen zu den Menschen und dein Christsein umsetzen.

Und was das Tolle daran ist: wenn wir unser Christsein umsetzen, dann sind wir eben nicht mehr gebunden an die ganzen menschlichen Maßstäbe, von denen wir vorhin geredet haben: wir müssen kein Leistungsprofil erfüllen, nach dem Motto: "Ich habe heute 12 Leute zum Glauben bekehrt", wir müssen nicht die Welt mit einem Schlag verändern, sondern das Kleine zählt, die kleine Pflanze, wenn sie anfängt zu wachsen: vielleicht wird sie wieder umgeknickt oder wird niemals groß werden, aber sie ist da. Ich habe Freunde, die bemühen sich im Umweltschutz und ich höre sie oft klagen: wir schaffen das nicht, es gäbe so viel zu tun: beim Haus, beim Auto, im Garten, bei der Kleidung, beim Essen usw. usf.: sie werden es in ihrem Leben nie schaffen, wirklich alles in Sachen Umweltschutz perfekt zu machen, aber als Christ darf ich sagen: "das macht nichts, Ihr tut, was Ihr könnt – lasst euch nicht entmutigen! Und: macht weiter so!"

Paulus hat es übrigens nicht anders gemacht: seine Reisen sind enorm für damalige Verhältnisse, er hat viel erdulden müssen für den Glauben und seine Überzeugung – vieles wird auch nicht geklappt haben: einen Teil können wir aus seinen Briefen lesen: da bekehrt er eine Gemeinde und schon kurze Zeit darauf sind Missstände in ihr aufgebrochen: nach unseren heutigen Maßstäben müsste ich sagen: "Lieber Paulus, leider ineffiziente Arbeit, schlecht organisiert und nicht vom Erfolg gekrönt!" Aber wir Heutigen wissen es besser: aus der kleinen Pflanzung ist etwas Großes geworden – und das entgegen allen Maßstäben, die von außen an die Sache heran getragen werden. "Nicht aber ich lebe, sondern Christus lebt in mir!": das macht wahrhaft frei und wahrhaft gerecht.

Um es in dem Bild unserer Geschichte zu sagen: wäre doch der Mann in den Schatten eines Baumes getreten, so wäre sein Schatten weg gewesen und er hätte Zeit und Kraft gehabt, er wäre frei und geborgen gewesen, seine Ideen in die Tat umzusetzten – so aber verschwendete er nur, was ihm anvertraut war uns ging schließlich daran zu Grunde. Ich aber wünsche uns allen, dass wir uns immer wieder anstecken lassen von dieser tatreichen Freiheit Gottes, die uns gerecht sein lässt vor Gott: "Nicht aber ich lebe, sondern Christus lebt in mir!"

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