Neuland wartet

Liebe Gemeinde,

sie kennen die Redensart ?Ich fühle mich wie neugeboren!?, haben vielleicht selbst einmal eine Situation erlebt,
in der sie gesagt haben: ?Ich fühle mich wie neugeboren.? Wann mögen Menschen so reden?

Vielleicht wenn ein langer Streit, der wie ein tiefer Graben Menschen trennte, beendet wurde, weil einer es schaffte, dem anderen die Hand zu reichen und zu sagen: Es tut mir leid. Ich möchte mit dir ins Reine kommen.

Oder einer hat gegen die Krankheit gekämpft, hat Wochen der Ohnmacht und der Hilflosigkeit erlebt, bis der Arzt
eines Tages sagen kann: Sie sind geheilt! Ein Gefühl, als ob einem das Leben neu geschenkt wurde: ?Ich fühle mich
wie neugeboren!?

Vielleicht werden auch manche der Überlebenden des schrecklichen Schrozberger Zugunfalls sich gefühlt haben, als ob ihnen das Leben neu geschenkt worden ist: ?Ich fühle mich wie neugeboren!?

Wir kennen diese Redensart. Jesus kannte sie auch. Und er verwendete sie – wie in unserem Gespräch mit Nikodemus.
Nikodemus ist ein Pharisäer, einer, der – wie Jesus auch – Menschen einladen will, ihr Leben ganz nach Gottes
Geboten Gottes auszurichten. Als Mitglied des Hohen Rats ist er einer der oberen Zehntausend, ein bedeutender
Mann. Aber ist er auch ein Jünger Jesu? Oder ein heimlicher Sympathisant, dem der Mut fehlt, sich offen zu Jesus
zu bekennen? Sei´s wie´s sei.

Nikodemus kommt zu Jesus – im Schutz der Dunkelheit. Vielleicht will er nicht gesehen werden. Vielleicht hat er
andere Gründe, im Schutz der Dunkelheit zu kommen. Denn es ist ja meist am Abend und in der Nacht, dass wir zur
Ruhe kommen vom Lärm und der Hektik des Tages. Es ist ja meist am Abend und in der Nacht, dass uns unsere
Lebensprobleme und -fragen einholen und so sehr bedrängen, dass sie uns den Schlaf rauben. Ich denke an ein Gespräch, als es spät abends an der Pfarrhaustür klingelte: ?Tut mir leid, Herr Pfarrer, dass ich noch so spät störe, aber ich hab´ noch Licht gesehen und weil ich mir keinen Rat wusste, dachte ich …? Es
war ein Mensch, dem seine Probleme so drückend, seine Lebensfragen so brennend geworden waren, dass er sich nicht anders zu helfen wusste, als auszupacken und zu reden ? so wie Nikodemus: im Schutz der Dunkelheit.

?Meister, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, der von Gott gekommen ist, denn niemand kann die Zeichen tun, die
du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist.? Mit diesen Worten grüßt und ehrt der Gelehrte Nikodemus den Wanderprediger
Jesus. Dass Jesus mehr ist als ein Lehrer, dass er derjenige ist, in dem sich Gott offenbart hat, dass er der ist,
von dem Menschen sagen können: ?Kommt und schaut. In ihm ist Gott gegenwärtig, in ihm ist Gott mitten unter uns!?, dass Jesus das fleischgewordene Wort Gottes ist ? das hat Nikodemus noch nicht verstanden.

Jesus hält sich nicht bei der Begrüßung auf. Stattdessen kommt er gleich zur Sache und gibt das Thema vor, über das er mit Nikodemus reden möchte – das Reich Gottes: ?Nur der, der von neuem geboren wird, kann das Reich Gottes sehen.?

Das Reich Gottes. Nikodemus teilt mit Jesus die alte jüdische Erwartung, dass diese Welt, die so voll ist von Ungerechtigkeit, von Hass und Gewalt, – dass diese Welt nicht Gottes letztes Wort ist und er irgendwann seine Herrschaft aufrichten wird. Eine Welt, in der die Menschen nur noch nach Gottes Gesetz leben, eine Welt, in der es
keine Tränen und kein Leid mehr geben wird, eine Welt, in der wir das volle Leben haben werden.

Ja, die Hoffnung auf dieses Reich Gottes kennt Nikodemus. Und wie Jesus wartet er darauf. Aber jetzt, da der vor ihm steht, in dessen Gegenwart er erkennen kann, wie es im Reich Gottes sein wird – jetzt im Angesicht Jesu stößt Nikodemus an seine Grenze. ?Nur der, der von neuem geboren wird, kann das Reich Gottes sehen.?, hat Jesus gesagt. Er versteht nicht und fragt: ?Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist??

Ist der denn schwer von Begriff? Kapiert der denn gar nichts? – so möchte man fragen angesichts des Unverständnisses dieses Pharisäers. Aber Nikodemus ist nicht begriffsstutzig, er hat viel gesunden
Menschenverstand, sein Nichtverstehen geht tiefer. Er fragt: Wie kann denn einer von seiner bisherigen Lebensgeschichte frei werden?

Und hat er nicht recht? Gibt es denn das bei uns, das einer mit eigenen Kräften von seiner bisherigen
Lebensgeschichte frei wird und einen ernsthaften und dauerhaften Neubeginn schafft? Wir versuchen bisweilen, neu
anzufangen, fassen ernste Beschlüsse, dass jetzt alles anders werden soll:
Ich will meiner Ehe nochmals eine neue Chance geben und für sie kämpfen, mag einer sich vornehmen. Eine andere will sich am Arbeitsplatz dafür einsetzen, dass das Arbeitsklima wieder menschlich wird und keiner von den KollegInnen mit der sorgenvollen Angst ins Geschäft muss, ob er diesen Tag durchstehen wird. Ein anderer will endlich in der Schulklasse gegen den Strom schwimmen und dem zur Seite stehen, den die Klasse in die Rolle des Trottels gezwungen hat, über den sich alle lustig machen dürfen. So nehmen wir uns bisweilen vor, neu anzufangen. Was gewesen ist, soll vorbei sein. Die Vergangenheit soll nicht mehr die Zukunft bestimmen. Mit diesen guten Vorsätzen gehen wir ans Werk. Und was erleben wir? Dass wir unsere alten Fehler nicht einfach abschütteln können, dass wir uns nicht einfach lösen können von
unserer belasteten Lebensgeschichte, dass wir nicht freikommen von den Umständen, in denen wir leben, dass unsere Vergangenheit uns im Griff hat, mehr als wir es zuzugeben bereit gewesen wären.

Wie sehr uns Vergangenheit im Griff haben kann, zeigt die Wehrmachtsaustellung, die in diesen Wochen bei uns Station macht. Die Leserbriefe in der Zeitung zeigen die Emotionen, die diese Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit erzeugt haben. Die einen wollen die Vergangenheit so in den Griff kriegen, indem sie sagen: ?Lasst die Vergangenheit ruhen!? oder ?Die Nachgeborenen haben kein Recht, sich ein Urteil zu machen!? Andere sagen:
?Nein, wir müssen uns mit dieser Vergangenheit beschäftigen, sonst werden wir nie frei von ihr.?

`Vergangenheit, die nicht vergehen will´ – wir kennen das. Kennen das auch aus unserem eigenen Leben. Auch wenn
wir es probieren – es gibt Grenzen, die können wir nicht mit eigener Kraft überspringen, an denen wir nicht
vorbeikommen, die einen Menschen resigniert und mit Bitternis sagen lassen: ?Ich bin halt so, wie ich bin. Ich kann mich nicht ändern! Ihr müsst mich halt nehmen, wie ich bin!? Im Bewusstsein dieser Grenzen sagt Nikodemus: ?Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist?? Und er hat Recht. Einen ernsthaften und dauerhaften Neubeginn in meinem Leben schaff´ ich mit eigenen Kräften nicht! Das weiß auch Jesus. Jesus kennt meine Grenzen. Genau deshalb sagt er ja: ?Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.?

Aber Jesus will Nikodemus mit diesem Satz entmutigen, will ihm nicht sagen: ?Du wirst niemals aus deiner Haut zu schlüpfen können.? Was Jesus damit meint, wird deutlich, wenn ich verstehe, was dieses ?von neuem geboren werden?
heißt. Das griechische Wort »von neuem« kann zweierlei bedeuten: Es kann heißen: noch einmal geboren werden, und es kann heißen: von oben her geboren werden. Nikodemus meint: noch einmal geboren werden. Jesus sagt: von oben her geboren werden. Nikodemus sagt: Ich kann nicht. Jesus sagt: du brauchst nicht, Gott kann. Gott kann dich von deiner Vergangenheit frei machen. Er schenkt dir einen neuen Anfang.

Wie er uns einen neuen Anfang schenkt? Durch unsere Taufe. Unsere Taufe ist das Geschenk eines neuen Anfangs. Die
Taufe ist unser Neuwerden ?durch Wasser und Geist?. Seit dem Tag unserer Taufe sind wir mit Jesus Christus
verbunden. Seit dem Tag unserer Taufe haben wir Anteil an seinem Leben, an seinem Sterben und an seinem
Auferstehen. So wie Gott Jesus am Ostermorgen auferweckt hat, so will Gott mich immer wieder neu machen und mich
immer wieder neu herausführen aus den Sackgassen und Nöten, in die ich mich selbst hineinmanövriert habe. Das
müssen wir immer wieder neu begreifen. Die meisten halten ja die Taufe für einen Ritus, durch den ein Mensch in
die Kirche aufgenommen wird und der irgendwie zu einem Christenleben dazugehört.

Aber die Taufe ist viel, viel mehr. Unsere Taufe ist die entscheidende Wegmarkierung in unserem Leben. Sie gibt uns den Weg vor, auf dem wir gehen können, damit unser Leben gelingen kann. Durch die Taufe gehöre ich zu Christus und habe Anteil an ihm. Gott will mich immer wieder neu machen, mich freimachen von meiner Vergangenheit. Er
nagelt mich nicht darauf fest, was gewesen ist und was ich getan habe. So führt er mich über meine Grenzen ins
Neuland hinein. Nicht aus eigener Kraft komme ich in dieses Neuland. Gott nimmt mich an der Hand und führt mich
hinüber. Ich darf neu anfangen. Ich darf neu anfangen.

Wie dieses Neuland aussieht? Wie´s da zugeht? Vielleicht so, dass wir von diesem Gottesdienst zurückkehren in unseren Alltag und dem Menschen begegnen, mit dem wir Not haben, wo alles Reden belastet ist von dem, was war, von Erinnerungen an Verletzungen und erlittenem Unrecht. Und dann wagen wir es als neue Menschen, das zurückzulassen, was gewesen ist. Dann wagen wir es, ein neues Kapitel im Leben mit diesem Menschen aufzuschlagen. Ja, dann wagen wir es, zu leben als Menschen, die aus Gottes Erbarmen ihre Kraft beziehen.

Liebe Gemeinde, Neuland wartet auf uns. Neuland auf der anderen Seite unserer Grenzen. Neuland, das Gott jedem geben will, ob einer am Ende seiner Kräfte ist oder noch mitten im Leben steht. Neuland, in dem es keine Tränen und kein Leid mehr geben wird und in dem wir das volle Leben haben werden.

Verpasst dieses Neuland nicht. Lasst euch von Gott über eure Grenzen führen. Gott will, dass ihr neu werdet, dass ihr zurücklasst, was gewesen ist und aus Gottes Erbarmen eure Lebenskraft beziehen. Neuland wartet auf euch. Verpasst es nicht.

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