Neue Hoffnungen

Liebe Gemeinde!

Es muss den Menschen, an die sich diese Sätze des Timotheus-briefes richten, nicht besonders gut gegangen sein. Sie waren die Kinder und Enkel jener Generation, die Jesus noch erlebt hatten. Das Christentum stand nicht hoch im Kurs, es gab bereits Verfolgungen, viele hatten sich zurückgezogen von denen, die zuerst begeistert mitgejubelt hatten und den Anbruch einer neuen und besseren Welt erwarten hatten. Es gab einiges an Resignation, weil so viel Negatives nach dieser Phase des Aufbruches zu erleben war.

Andere, besonders viele Christen, begannen, in der Zurückgezogenheit ein asketisches Leben zu führen, sie wollten der Welt entfliehen, verboten deshalb den Genuss bestimmter Speisen, meinten auch, dass das Heiraten nicht mehr geboten sei und fürchteten, in der so negativ erlebten Umwelt, Gott zu verlieren. So sahen sie in dieser besonderen mönchischen Lebensform die einzige Möglichkeit, Gott näher zu kommen.

Diesem Weltentsagungsgeist tritt der Verfasser des Briefes, – vielleicht ein Schüler des Apostels Paulus – massiv entgegen, indem er einen lebens- und weltbejahenden Satz in den Mittelpunkt stellt, der nun auch unseren Widerspruch hervorlockt. Er sagt: Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut. – Damit hat er zwar jene Aussage aus dem ersten Buch Mose auf seiner Seite, in der es heißt: Und Gott sah an, alles, was er gemacht hatte und siehe, es war sehr gut. Doch können wir das angesichts der Nöte und Probleme, in den Tagen, in denen in der dritten Welt so viele Menschen unter Hunger und Elend leiden noch so sagen? Können wir das so sagen, wenn in unserem Land man als ausländischer Mensch, ob Kind oder Erwachsener, in ständiger Angst und Gefahr leben muss?

Das Geschehen in dieser Welt, mit dem wir täglich konfrontiert werden, lässt uns zu anderen Erkenntnissen kommen. Die Welt ist verdorben, der Mensch ist schlecht. Kriege, Hunger, Seuchen,Krankheiten bedrohen die Schöpfung und den Menschen. Die Leiden schreien zum Himmel. "Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut." – Wie kommt der Verfasser zu solcher Aussage. Ist er ein Schwärmer? Ein Fantast? War jener fromme Jude ein Illusionär, weil er vor rund 2.700 Jahren das so bekannt hat: Und Gott sah an, alles, was er gemacht hatte und siehe, es war sehr gut. – War er ein Träumer? Gewiss war seine Welt vor über 2 1/2 Jahrtausenden anders als die unsrige heute, aber viel besser wird es auch da nicht gewesen sein, weil Leid und Krankheit und Tod und Kriege und Not damals wie heute die Welt in Schach hielten. Aber vielleicht können wir den Satz, ohne seine Aussagen zu verdrehen verändern, damit er für uns verständlicher wird.

Der Verfassser will seinen Christen die Augen öffnen für die richtige Sichtweise und meint: Diese Welt ist Gottes Welt. Und weil Gott hinter ihr steht, muss sie gut sein, denn Gott ist gut. Alles – auch die verunstaltete und missbrauchte und gequälte Welt bleibt Gottes Welt. Und in dieser Welt werden nach Gottes Willen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Wo jetzt Menschen verzweifeln und sich überflüssig fühlen, weil sie keine Arbeit haben, oder unter Kriegseinwirkungen leiden, oder den Seuchen hilflos ausgeliefert sind, ihre Kinder und Enkel werden einmal ein sinnvolles Leben führen. Haben wir nicht schon solche Erfahrungen machen dürfen, dass sich auch etwas zum Guten ändern kann, wenn Menschen diese Welt nicht aufgeben. ich glaube schon, dass das fürchterliche Wettrüsten, dass die 80iger Jahre an den Rand des Todes brachte, nur endete, weil Menschen den Mut gefasst haben, aufeinander zuzugehen, miteinander zu reden und vertrauen zueinander gefasst haben.

Das ist nicht von selbst geschehen, das bestätigt uns: weil diese Welt Gottes Welt ist, haben wir eine sinnvolle Perspektive.

Und 2.: In dieser Welt ist nichts verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird, sagt der Briefschreiber.

Es ist gut, dass wir am Erntedankfest etwas von den Früchten und Blumen unserer Felder und Gärten hier in die Kirche gebracht haben. Damit wollen wir doch unsere Dankbarkeit zum Ausdruck: das alles hat Gott für uns wachsen lassen. Und so singen wir es in einem schönen Kinderlied: es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott. Und was hat Gott nicht noch alles durch unsere Hände gehen lassen, in der Wirtschaft, im Kulturleben, im Handel, im Gesundheitswesen? Alles, was mit Danksagung empfangen wird, wird sinnvoll. Eine dankbare Grundhaltung verdrängt Unzufriedenheit, Neid und Egoismus. Alles, was ich staunend und dankbar empfange, darf ich genießen, darüber darf ich mich freuen. Ich darf mich freuen an dem Ehepartner, an den Kindern und Enkelkindern, an dem, was meiner Hände Arbeit hervorbringt, ich darf mich freuen an dem, was meinen Weg an guten Erinnerungen vergangener Tage begleitet, an den Fotos aus Urlaubstagen, an die Gemeinschaft mit inzwischen lieben Verstorbenen, weil ich das alles als Gottes gute Gabe ansehe und verstehe.

Ich darf mich freuen an Gottes Welt, trotz der schlimmen Dinge, die in dieser Welt geschehen.

Und 3.: Mit solcher dankbaren Haltung beginne ich nämlich auch etwas zum Guten zu verändern. Unsere Welt braucht Menschen, die staunen können wie Kinder über die Schönheit einer Blume, sie braucht Menschen, die nicht aufhören, sich zu bedanken bei Gott und den Menschen über die alltäglichen und besonderen Überraschungen in unserem Leben. Denn eine dankbare Grundhaltung führt zu einem verantwortlichen Umgang mit Gottes Gaben, eine dankbare Grundhaltung führt dazu, dass uns auch der Nächste nicht egal ist, weil wir möchten, dass auch er sich mit uns freuen kann. Wenn wir uns freuen an den Früchten unserer Arbeit, können wir nicht darüber schweigen, dass neben uns so viele Menschen keine Arbeit haben. Wenn wir uns freuen an dem, was wir ernten konnten, dann denken wir an die, die keine reiche Ernte einbringen konnten.

Vielleicht ist unter ihnen manch ein Rumäne, der bald nach Erntedankfest ein Paket in sein Haus bekommt, weil wir sehr sichtbar an ihn dachten.Weil diese Welt Gottes gute Welt ist, fühle ich mich herausgefordert, gegen das Unrecht anzugehen und mich nicht in die Weltabgeschiedenheit des eigenen Egoismus zu verdrücken. Weil wir daran glauben, dass unsere Welt Gottes Welt ist, halten wir unseren persönlichen Einsatz im Berufsleben, in der Gesellschaft oder wo immer wir leben und arbeiten nicht für überflüssig.

Unser Erntedankfeiern heute in unserer Welt, wie immer sie sich auch für uns darstellt, ermutigt uns, mit neuen Hoffnungen aller Bedrohung entgegen zu treten. Wir können gewiss nicht, heile Welt herbeizwingen. Aber wir können etwas mehr für fair gehandelten Kaffee bezahlen und für ökologisch verantwortbare Produkte, ohne dabei arm zu werden. Wir können uns angesichts unseres sehr reichlichen täglichen Brotes ohne unser persönliches Budget allzu sehr schmälern zu müssen, in unseren Kirchengemeinden und anderen Gruppen, uns dafür einsetzen, dass die Reichtümer der Schöpfung gerechter unter alle Menschen dieser Erde geteilt werden und so besser erkennen, dass diese Welt Gottes Welt ist, die gut war und gut ist und gut werden soll, weil ER als der Schöpfer und Erhalter, hinter uns, über uns und vor uns steht.

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