Neu geortet

Liebe Passionsgemeinde;

wie bei der Fahrt in einer Achterbahn muss sich Elia fühlen. Sein Leben ist spannend und bewegt. Die Höhen und Tiefen dabei sind gewaltig. Die Wechsel zwischen Todesgefahr und neuem Mut, zwischen Bedrohung und Erfolg, zwischen Niederlage und Sieg wechseln sich sehr heftig ab. Irgendwann wünscht er sich, dass die Spannung aufhört, dass eine gewisse Ruhe einkehrt, die ihn atmen und leben lässt. Aber kaum hat Gott seine Gnade und Macht erwiesen, hat er es regnen lassen und damit das Leben gefördert, da werden dem Propheten alle Illusionen auf Ruhe genommen.

Mag der König Ahab das Gottesurteil auf dem Berg Karmel und den Tod der 450 Baalspriester hingenommen haben, die Königin Isebel tut es nicht. Die Niederlage reizt sie und provoziert ihren Zorn und ihre Rache herauf. Den Tod ihrer Propheten soll Elia mit seinem Leben bezahlen. Bis dahin war ja alles gut gegangen, aber wo ist die Garantie, dass er auch das wieder überstehen wird? Auch, wer viele gute Erfahrungen mit seinem Gott gemacht hat, kann sich nie ganz sicher sein, dass ihm nichts ernsthaft Schlimmes passieren kann. Dem Frieden traut er nicht und darum nimmt er sein Leben, genauer gesagt: seine Beine in die Hand und läuft. Er läuft einmal längs durch ganz Israel. Vom Norden, in dem Ahab und Isebel regieren, bis runter in den Süden, in die Wüste. Die wenigen Worte lassen die atemlose Flucht nur erahnen, an deren Ende Elia sich unter einen Ginsterbusch setzt und um seinen Tod bittet. Was muss in einem Menschen vorgehen, dass er so läuft und dann so redet?

Natürlich ist es zunächst die Angst vor dem Zorn und der Macht der Königin. In deren Hände will er nicht fallen. Aber leben will er auch nicht mehr. Dies ständige Auf und Ab, dies Hin und Her, die Spannung und die Entspannung, die Angst und die Rettung, der Erfolg und die angedrohte Gewalt. Wie soll er das ertragen? Er kann es nicht mehr ertragen. Er bittet Gott, sein Leben zu beenden. Die Müdigkeit ist zu groß geworden. Die grundsätzliche Erschöpfung in seinem Leben sieht keinen Hoffnungsschimmer. Verständlich, nicht wahr?

Auch wenn wir die Situation in ihrer Realität nicht mehr nachempfinden können, von Lebensmüdigkeit wissen viele Menschen. Und nicht nur zu erzählen. ‚Ich weiß nicht mehr, wie es noch weitergehen soll. Ich weiß auch nicht, was ich noch tun soll. So jedenfalls kann es nicht mehr weitergehen. Ich habe keine Kraft mehr, wirklich etwas zu verändern. Ich weiß ja auch nicht, was oder wie. Es hat alles keinen Sinn mehr. ‚Und – um mit einem Liedtitel des Berliner Liedermachers der 70er Jahre, Ulrich Roski, zu reden – ‚am liebsten wär ich tot.‘

Lebensmüde im wirklichen und ehrlichen Sinn; zu müde, um leben zu wollen. Der Tod scheint erstrebenswerter, als weiter leben zu müssen; er wirkt in solcher Situation wie eine Erlösung, wie die Befreiung von einer Last, einem Druck, der Angst, der Überforderung. Wenigstens habe ich dann meine Ruhe. Und es sind nicht nur die Alten, deren Leben körperlich zunehmend eingeschränkt wird, in denen der Wunsch zu sterben hochkommt. Es sind Menschen in der Mitte ihres Lebens, es sind statistisch gesehen zu einem guten Teil Jugendliche. Müdigkeit ist keine Frage des Alters. Sie hat mit mangelnder Zukunft zu tun. Wer keine Hoffnung hat, dass es ein sinnvolles Leben gibt, der wird seine Müdigkeit allein auch nicht wieder los.

Selbstzweifel kommen dazu: ‚Ich tauge nichts. Ich bin zu schwach. Ich bin selber schuld‘. Elia klagt über sich selber: ‚Ich bin auch nicht besser, als meine Väter‘. Ob er das wollte, besser zu sein? Sein Auftrag war groß, aber der Erfolg eher bescheiden. Und schuldig geworden ist er auch, ungerecht gegen sein Volk und gegen Gott. Da unterscheidet er sich nicht von anderen vor ihm. So waren sie alle, ob Abraham, Jakob, Mose oder David. Alle waren begrenzt und schuldig. Gott bedient sich normaler Menschen für seinen Dienst. Das bedeutet zum Einen, dass sie schuldig werden und natürlich auch darunter leiden – wenn sie es erkennen. Es bedeutet zum andern, dass sie nicht unbegrenzt belastbar sind. Sie werden müde; sie können irgendwann nicht mehr. Der Dienst im Auftrag des Wortes Gottes geht über menschliche Kräfte.

Selbst am Sohn Gottes wird es deutlich, als er am Abend vor seiner Verhaftung im Garten betet. Allein will er nicht sein, er braucht Beistand, Freunde, die an seiner Seite bleiben, die wach bleiben, wenn er Angst hat, die mit ihm und für ihn beten. Allein zu sein in solchen Situation verschärft die Not. Elia fühlt sich allein, Jesus ist es dann tatsächlich. Und auch er möchte, wenn es irgend geht, den Kelch des Todes durch seine Feinde nicht trinken müssen. Der Evangelist Lukas berichtet in dieser Stunde der größten Anfechtung auf dem Weg Jesu: ‚Da kam ein Engel vom Himmel und stärkte ihn‘. Allein und von selbst geht das nicht; so ist weder die Angst noch die Müdigkeit zu überwinden. Und bei Elia ist es nicht anders. Der Engel des Herrn muss kommen, damit er wieder zu Kräften kommt. Neue Nahrung, neue Hoffnung, neue Kraft für die Zukunft. Da ist einmal nicht genug. Er muss ihn zweimal stärken. Doppelt war wohl auch seine Angst und seine Müdigkeit. Er braucht die Bestätigung, die Erfahrung, dass Gott bei ihm bleibt. Gerade jetzt, wo nach seiner Wahrnehmung das Leben keinen Sinn mehr hat; er sich bedroht fühlt und keine Hoffnung mehr hat. Und darum versteckt er sich. Er sucht sich seine eigene Sicherheit, verkriecht sich – vor den Menschen, vor sich selbst. Er will keinen sehen und von niemandem gesehen werden.

Und dann geschieht das Wunder: Er darf die Nähe Gottes spüren. Nein, sehen kann er ihn nicht. Und was er hört, ist nicht Gott. Aber er hört die Stille. Die lässt ihn aufhorchen, macht ihn aufmerksam. In dieser Stille wird das Wort Gottes hörbar. Sein Leben wird neu geortet. Es bekommt ein Ziel und eine Aufgabe. Es lässt ihn aufstehen, losgehen. Er ist nicht mehr allein, das ist ihm wieder neu zugesagt worden. Er hat ein gutes Stück Gewissheit und Sicherheit, nicht nur zu leben, sondern auch Aufgaben zu übernehmen. In der Nähe Gottes die schwere Aufgabe annehmen. So wurde Jesus in Gethsemane gestärkt. Er konnte den Weg gehen, den er nicht gehen wollte, der schwer genug war – auch für den Sohn Gottes. Aber die Nähe Gottes hat ihn getragen, am Kreuz, im Sterben. Von sich hat ein Mensch diese Kraft nicht.

Mit der Erfahrung der Nähe Gottes hat Elia den Mut, den Dienst im Auftrag Gottes wieder aufzunehmen. Die Zukunft wird glaubwürdig. Gott steht dafür ein. Er hat genau die Mittel, die die Menschen brauchen, wenn sie müde, wenn sie angefochten sind. Er schickt seine Engel, seine Diener. Die weisen hin auf die Kraftquellen, auf die Nahrung für Leib und Seele. Der Bissen Brot zu essen und der Schluck Wein zu trinken. Die Ruhe und die Stille, um auf sein Wort zu hören, damit es wirken kann, damit es ein Leben wirklich verändert, es wieder öffnet nach vorn, damit eine Zukunft glaubhaft wird. Das Wort von seinem Sohn Jesus Christus, der die Müdigkeit, die Angst und die Einsamkeit durchlitten hat, gibt Menschen die Kraft, die sie für ihr Leben brauchen. Keiner ist mehr allein in seiner Anfechtung, in seiner Müdigkeit. Die Passionsbotschaft rückt uns unseren Herrn ganz dicht an uns heran. Wir wissen, wo es die Kraft gibt, die Nahrung und das Wort. Gott sei Dank durch Jesus Christus.

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