Nehmen wir unsere Matten und gehen los!

Liebe Gemeinde,

wir feiern heute einen Friedensgottesdienst, denn der Krieg ist uns nahe gerückt. Den Bürgerkrieg in Kongo und im Sudan oder den Grenzkrieg zwischen Pakistan und Indien mussten wir nicht wahrnehmen. Sie sind nach wie vor weit weg und betreffen uns nur am Rande. Etwas anders ist das mit den Anschlägen auf das World Trade Center und dem Krieg in Afghanistan. Bei dem Anschlag ist die Cousine eines Messeler Bürgers gestorben und es gibt einige hier, die jemanden kennen, der zur fraglichen Zeit in dem Gebäude war. Der Bundeskanzler hat den USA uneingeschränkte Unterstützung für den Krieg in Afghanistan zugesagt. Und nicht nur Soldaten bei der Bundeswehr auch ihre Familien fragen sich, was das für sie persönlich bedeuten wird. Dieser Krieg lässt sich anders als andere Kriege nicht so einfach auf eine Region begrenzen. Denn auch bei uns werden Umschläge mit weißem Pulver drin ängstlich beäugt und auf Milzbrandbakterien getestet.

In den Zeiten der steigenden Angst und der unklaren Bedrohung besinnen wir uns auf die alten Hoffnungsgeschichten. Zurecht hoffen wir auf Ermutigung und Trost aus der Bibel. Der heutige Predigttext aus dem Evangelium nach Johannes 5,1-16 ist eine Geschichte gegen die Verzweiflung.

Ich lese die Geschichte von der Heilung eines Gelähmten am Teich Bethesda vor den Toren von Jerusalem. Zum Fest macht Jesus wie viele andere die Wallfahrt nach Jerusalem. Er ist gekommen, um zu feiern. Dabei kommt er bei denen vorbei, die nichts zu feiern haben. In fünf Hallen liegen Kranke und warten auf ein Wunder. Sie warten auf Heilung. Unter ihnen ein Gelähmter, der seit 38 Jahren dort liegt. 38 Jahre des Wartens und Hoffens, aber auch 38 Jahre der Verzweiflung. Denn wenn der Teich sich bewegt wird bestimmt nicht ein Gelähmter der erste im Wasser sein und geheilt werden. 38 Jahre auch in denen der Mann der Konkurrenz und dem großen Rennen zusieht, wenn die anderen versuchen sich als erste in den Teich zu stürzen. Lange Jahre auch der Langeweile und wahrscheinlich des Zynismus: „Lass sie doch rennen. Was geht es mich an.“ 38 Jahre der Verbitterung: „Niemand hilft mir rechtzeitig zum Teich. Fünf Hallen voller Kranker. Um diesen Ort der Verzweiflung machen die meisten Gesunden einen Bogen.“

Sind wir diese Gesunden, die einen Bogen um die fünf Hallen der Kranken gemacht haben. Ja, wir machen einen Bogen um das Armenhaus im Süden unserer Welt. Wir haben auch einen Bogen um die Geschehnisse in Afghanistan gemacht, als sie uns noch nicht selbst betrafen. Wen hat es denn bitte interessiert, dass die Amerikaner die Taliban aufgebaut und mit Waffen versorgt haben, damit sie gegen die Russen kämpfen. Wen hat es interessiert, dass die Taliban den Frauen verboten haben zu arbeiten und sie von der Versorgung in den Krankenhäusern ausgeschlossen haben. Wann sind die Bilder von den öffentlichen Hinrichtungen in Kabul, die Menschenrechtsorganisationen unter Lebensgefahr aus Afghanistan herausgeschmuggelt haben im Fernsehen gezeigt oder doch kommentiert worden, und haben einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Das alles war vor den Anschlägen auf das World Trade Center.

In einer der Hallen am Teich Bethesda am Tag des Festes liegt ein Gelähmter. 38 Jahre hat er hinter sich in denen alles klar ist, in denen der Mann davon ausgehen kann, dass er hier in den Hallen seine Versorgung hat, und sich an seiner Lähmung wohl nichts ändern wird. 38 Jahre ohne Handlungsmöglichkeiten, 38 Jahre der Lähmung. 38 Jahre, in denen er sicher gelernt hat die Veränderung genauso zu fürchten wie sie herbeizusehnen.

Sind wir dieser Gelähmte? Oh ja, gelähmt sind wir ohne jeden Zweifel. Wir müssen zusehen wie sich die Wirtschaftsdaten verschlechtern. Hier arbeiten viele bei der Lufthansa und am Flughafen und alle fragen sich wie sich die Anschläge auf ihren Arbeitsplatz auswirken werden. Und wir werden gerade in einen Krieg hineingezogen, von dem wir überhaupt nicht wissen, wie er weitergehen wird und erst recht nicht wie lange er dauern und wie er enden wird. Für diejenigen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren sind, ist das ziemlich unheimlich. Wir konnten uns nie vorstellen, dass unser Land je wieder einen Krieg führen würde. Die Amerikaner und die Engländer werfen Bomben und fühlen sich dabei stark und aktiv. Alles um ihre wirkliche Ohnmacht zu überspielen. Denn was kann man in einem vom Krieg sowieso schon weitgehend zerstörten Land noch mit Bomben erreichen? Peter Scholl-Latour hat sehr deutlich gesagt, dass auch mit Bodentruppen die Taliban in Afghanistan nur sehr schwer und mit großen Verlusten zu bekämpfen sind. Ich fühle mich gelähmt. Ich fühle mich etwas ohnmächtig ausgeliefert, wo ich nicht erkennen kann, dass es eine Zukunftsperspektive gibt für die Menschen in Afghanistan diese brutale Regierung loszuwerden, oder für uns die terroristischen Anschläge mit biologischen Waffen wirksam zu bekämpfen, oder Anschläge dieser verrückten Islamisten in Zukunft zu verhindern.

Ein Spezialist in Sachen Ohnmacht ist unser Gelähmter. 38 Jahre hatte er Zeit die Ohnmacht zu lernen und mit ihr umzugehen. Und da kommt Jesus vorbei und fragt ihn: „Willst du geheilt werden?“ Und er antwortet Jesus: “Ich habe keine Chance.“ Er kennt seine Ohnmacht in und auswendig und hat sie akzeptiert. Aber Jesus zeigt ihm etwas neues. Er zeigt ihm seine Macht. Er zeigt ihm, dass er seine Lähmung überwinden kann, weil Jesus es ihm zutraut: „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“ Und unser Gelähmter hat lange genug in einer der fünf Hallen gelegen, um zu wissen: So eine Chance bekomme ich nie wieder. Und ja, ich bin bereit mein Leben zu ändern. Ich bin bereit mein Leben vollständig umkrempeln zu lassen und wieder zu gehen. Ich bin bereit, gesund zu werden und mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Die Zeit der Ohnmacht ist vorbei.

Ist die Zeit unserer Lähmung und unserer Ohnmacht auch vorbei. Nun vielleicht noch nicht ganz. Die Zeit unserer Lähmung wird erst vorbei sein, wenn wir unsere Ohnmacht akzeptiert haben, wenn wir bereit sind anzuerkennen, dass die Weltpolitik eben nicht immer nach westlichem Vorbild und westlichen Wünschen laufen kann und muss. Die Zeit unserer Lähmung wird erst dann vorbei sein, wenn wir wirklich Mitleid mit den Menschen in Afghanistan haben. Die Zeit der Lähmung wird erst dann vorbei sein, wenn wir akzeptieren: Totale Sicherheit für uns die Reichen in der einen Welt kann es nicht geben, solange für die Armen das tägliche Überleben in Frage steht. Und wenn wir noch so viele Raketen und Panzer und Polizisten und Bundesgrenzschutz und schnelle Eingreiftruppen um uns herum aufbauen, es wird nie für die totale Sicherheit reichen. Wir sind so abhängig von Stromversorgung und Wasserversorgung und allen möglichen modernen Technologien, dass zwanzig entschlossene Leute viel Schaden anrichten können. Wenn wir versuchen alle Sicherheitslücken zu schließen, werden wir uns selbst jeder Freiheit berauben. Wir werden die Lähmung erst überwinden können wenn wir unsere Ohnmacht nicht als Kathastrophe sondern als normalen Teil unseres Lebens sehen lernen. Im persönlichen Leben wissen wir es längst und in der Politik ist es nicht anders. Das Leben ist eben lebensgefährlich.

Jesus zeigt dem Gelähmten einen Weg wieder selbst zu handeln, indem er ihm zutraut die Lähmung zu überwinden. Und er nimmt seine Matte und geht.

Ja, nehmen wir unsere Matten und gehen los. Nur Mut. Milzbrandbriefe: Wenn bei uns einer ankommt, nehmen wir eben Antibiotika. In den USA hat das in den allermeisten Fällen noch gereicht. Beten wir für den Frieden, und dass der Krieg schnell vorbei ist, und beten wir dafür, dass die Politikerinnen und Politiker richtige Entscheidungen treffen und sich nicht auf etwas einlassen, dass für alle nur Schaden bringt. Und helfen wir den Flüchtlingen. Und wenn der Krieg, was ich zwar nicht glaube, was ich aber dringend hoffe, bald vorbei sein wird, dann helfen wir den Leuten beim Wiederaufbau. Und hier können wir vielleicht ein bisschen Gelassenheit an den Tag legen, und nicht eine Welle von Gesetzen über uns hereinbrechen lassen, die unsere Freiheit und die der Ausländerinnen und Ausländer die überwiegend friedlich bei uns Leben unangemessen einschränken.

Und als der Gelähmte mit seiner Matte unterwegs ist, da regen sich die Leute auf: „Heute ist Sabbat, du darfst deine Matte nicht tragen!“

Und der ehemals Gelähmte antwortet: „Der, der mich geheilt hat, hat mir das gesagt, und ich mache, was er mir gesagt hat. Schließlich hat er mich geheilt oder? und da hat er wohl recht.“

Die Normalen, Gesunden können es überhaupt nicht vertragen, wenn einer sich nicht an die Regeln hält, wenn einer aufbricht seine Lähmung überwindet und das tut, was er für richtig hält, das tut, was ihn heilt, dem vertraut, der ihn geheilt hat.

Die Geschichte zeigt uns den Weg zum Frieden und zur Sicherheit in unserem Leben. Jesus zu vertrauen, das ist der Weg. Dadurch werden wir zwar nicht unverletzlich. Aber wir gewinnen die Sicherheit, die uns vertrauensvoll mit unserer Ohnmacht leben lässt. Gott zu vertrauen, schenkt uns die Gelassenheit, auch in der Angst zu leben ohne durchzudrehen. Das können wir auch in unseren unsicheren Zeiten tun, um Frieden beten und auf Frieden hoffen.

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