Nahrung für unsere Träume

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

Schlagzeilen aus den letzten Wochen:

Der französische Gesetzgeber will verhindern, dass Eltern behinderter Kinder Ärzte auf Zahlung von Schmerzensgeld und Entschädigung für das behinderte Kind verklagen können.

Die deutsche Bahn – AG überlegt auf ihren großen Bahnhöfen der Bahnhofsmission die Ausgabe von Speisen an Bedürftige zu untersagen, um das Image und das Erscheinungsbild der Bahnhöfe zu verbessern.

In Holland tritt das neue Sterbehilfegesetz in Kraft. Es gibt Schwerkranken die Möglichkeit über das Ende ihres Lebens mit ärztlicher Hilfe selbst zu entscheiden.

In einer Kirchenzeitung wird darüber diskutiert ob die Spendensammlung für ein Findelkind, das in einem Bahnhof gefunden wurde zugleich schon die moralische Verurteilung der Mutter ist, obwohl ihre Beweggründe und womöglich ihre Verzweiflung noch gar nicht kennt.

Es wird über das Los einer pflegebedürftigen Frau ohne Familienagehörige diskutiert, die in einer Pflegeeinrichtung ein eigentlich unzumutbares Mehrbettzimmer bekommt, weil niemand ein Einzelzimmer bezahlen kann.

Immer schneller wächst die Zahl junger Menschen aus den Bandregionen Brandenburgs, die auf der Suche nach einem Arbeitsplatz und besseren Lebensbedingungen die ländlichen Gegenden verlassen oder aber einfach nur resignieren.

Unter den Todesanzeigen finde ich die eines fünfjährigen Mädchens, die ihren Kampf gegen Leukämie nach zwei Jahren verloren hat.

Lichter gehen aus, verglimmen und das mitten unter uns. Und wir könnten uns wahrscheinlich von unseren enttäuschten Hoffnungen und Plänen, von unserem verloschenen Elan und Optimismus viel erzählen. Vor langer Zeit lebte ein Volk gefangen und gefesselt, boden- und heimatlos, fremd wohin es auch blickte und an sich zweifelnd. Was ihnen im Augenblick so etwas wie ein zu Hause bot, war nicht freigewählt, sondern war schmerzvolles Exil: Gefangenschaft eben oder Verbannung trotz relativer Bewegungsfreiheit. Wie oft mögen sich die Menschen gefragt haben, was ihnen denn die Zukunft noch bringen soll, oder was einmal aus den Kindern werden soll? Sie könnten sich anpassen, um nicht aufzufallen, um aufzugehen in dem großen fremden Volk, das sie ins Exil geführt hat. Sie könnten versuchen auch in der Fremde ihre Identität zu bewahren, festzuhalten an den alten Bräuchen, Festen, Geschichten und Liedern. Es muss doch Gerechtigkeit in dieser Welt geben – konnte man aus jedem Seufzer heraushören, Gerechtigkeit für dieses Volk, von dem es heißt es sei Gottes Volk. Es muss doch einen Platz zum Leben für uns geben, eine Zukunft, die vor uns liegt und kann doch nicht nur Vergangenheit hinter uns sein. Es ist ein alter und zeitloser und darum brennend neuer Traum in unserer Mitte ebenso wie in Afghanistan oder Somalia oder Palästina oder sonst wo auf dieser weiten, so klein gewordenen Welt. Es ist ebenso der Traum der Frau, die nicht wusste wohin mit ihrem Kind und der Traum der verzweifelten, abgrundtief traurigen Eltern und der Frau, die abgeschoben nun nur noch auf ihren Tod wartet, wie der Traum des alten Volkes Israel, das in seinem Herzen noch immer die Bilder der Zerstörung und Verwüstung trug und sich so sehr nach Heilung sehnte und zugleich am verzweifeln war. Und da mit einemmal erklingt ein schwacher, leiser Ruf, eine Stimme, wie von ganz weit her, von ganz weit oben, oder wie tief aus einem heraus: das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Sicherlich wäre es einfaches: nur eine kurzen Handbewegung und das Rohr oder der Halm in meiner Hand sind zerbrochen. Nur ein kurzer Hauch aus meinem Mund, und das letzte Glimmen der Flamme ist erloschen. Nur noch ein Schlag und der letzte Funken Hoffnung ist erloschen. Ich brauche nur die Tür zuzuschlagen, die Augen zu verschließen, mich hinter Anstand und Moral zu verstecken, die ja genau wissen, was man tut und was nicht, jemanden endgültig abschreiben oder mir selbst nur ganz nüchtern sagen: sei doch ehrlich, es hat keinen Sinn . Aber wieder klingt es leise und doch deutlich zu hören: das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Die Hoffnung wird nicht sterben und erlöschen.

Ich kann mir die ungläubigen, staunenden Gesichter gut vorstellen: Wer sagt denn so etwas, wer kann das wissen, dass die Hoffnung recht behält und nicht der vermeintliche Realismus. Der Prophet geht von Haus zu Haus, von Mensch zu Mensch: er ermutigt, hört zu, tröstet und erzählt; erzählt von einer Zukunft, in der die Häuser wieder aufgebaut werden, die Äcker wieder Frucht bringen; erzählt wie die Tränen versiegen und geschehenen Unrecht wieder gut gemacht wird, weil allen die gleiche Würde und die gleichen Rechte zugesprochen bekommen – denn so will es Gottes Wahrheit und Gottes Gerechtigkeit. Er erzählt von einem langen Zug nach Hause, von einem Weg, der erst durch die Wüste führt – heiß, trocken, lebensfeindlich. Aber sie werden es schaffen, weil Gott mit ihnen ist, ja , weil Gott selbst ihr Geschick in die Hand nehmen wird. Nur deshalb kann wahr werden, was der Prophet an Träumen weitergibt und weckt. Sie entspringen nicht seiner Phantasie, Gott mit seinem Geist weckt sie in ihm. Und wovon träumen wir? Nur noch davon, dass alles noch schlimmer wird? Oder träumen wir mit dem, der hören durfte: du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen? Ja, da ist einer, der Geknicktes aufrichtet, Verlorenes wiederfindet, Traurige tröstet. Die Stimme am Jordan nannte ihn Gottes Sohn, Gottes Wohlgefallen. Wir nennen ihn Jesus Christus, den Gesalbten, auserwählt und gesandt, Bote der Gerechtigkeit und Menschenfreundlichkeit Gottes zu sein. Er hätte den Eltern des behinderten Kindes gezeigt, was Zärtlichkeit und Liebe in ein kleines , hilfloses Leben hineinbringen kann, er hätte die Suppe an den Bahnhöfen allein ausgeteilt, die verzweifelte Mutter in den Arm genommen und so der Hoffnung neue Nahrung gegeben, dass es gut werden kann. Ja – er ist Nahrung für diesen Traum. Ich glaube, wir alle zusammen können nicht genug nachsehen und dem nachgehen, was Jesus im Alltag in das Leben der Menschen gebracht hat – alles Nahrung für unsere Träume. Und mit einem Mal können wir auch begreifen, wie wichtig der Prophet, wie wichtig Jesus ist. Und heute, heute können wir diese Boten, diese Träumer, diese leisen und eindringlichen Stimmen sein, die von Haus zu Haus und von Mensch zu Mensch gehen und weitersagen: das geknickte Roher wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Gott nimmt auch unser Geschick in seine Hand.

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