Nähe und Distanz

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde!

"Jesu Salbung durch die Sünderin" – so steht es über dem Text aus dem Lukasevangelium, der heute zur Predigt aufgegeben ist. Ein großartiger Text, der einen anrührt und zugleich kribbelig macht. Eine Geschichte von Nähe und Distanz. Aber bevor ich hier zu viel erzähle, lese ich ihn erst einmal vor:

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Ende. Es ist eine der rührendsten Geschichten im Neuen Testament. Auch wenn man hin- und hergerissen ist. Vielleicht für uns etwas fremd schiebt sich das Thema der Sünde und der Vergebung in den Vordergrund. Das ist wichtig, aber ich möchte euch und ihnen heute morgen einen anderen Zug der Geschichte näher bringen: das Verhältnis von Nähe und Distanz. Na, das klingt noch ein bisschen fleischlos, aber an den drei Hauptpersonen will ich das mal erklären:

I – Der Hausherr
Ein Pharisäer, also einer der Frommen damals, mit Namen Simon hatte Jesus zu sich eingeladen. Also den wandernden Prediger, der ein bisschen die Kirche seiner Zeit durcheinander gebracht hat. Simon möchte ihn aus der Nähe sehen und lädt ihn ein. Freundlich distanziert ist er. Kennen wir – glaube ich – meistens ist man Menschen gegenüber genau so, wenn man sie noch nicht kennt. Macht man nichts falsch, meint man jedenfalls. "Schönes Wetter heute!" – "Ja, ja, aber morgen soll´s wieder schlechter werden." – "Ach, sagen sie, na, ich muss weiter. Einen schönen Tag." Unser Simon aus der Bibel ist schon weit gegangen. Für viele seiner Freunde war Jesus schon unten durch. Ein Gotteslästerer, denn wer so offen von Gott spricht, hat sie entweder nicht alle oder führt Böses im Schilde. Aber er hat ihn trotzdem eingeladen, um ihn zu hören, um ihn zu prüfen, wahrscheinlich auch das. Aber er bleibt auf Distanz, Jesus hält es ihm auch vor. Simon ist nicht der Gastfreundschaft nachgekommen: Er hat seinem Gast kein Wasser zum Waschen gebracht, ihn nicht mit dem Kuß der Freundschaft Willkommen geheißen und hat auch nicht etwas Öl auf seinen Kopf getan, damit er wohlriechend an den gedeckten Tisch treten konnte. Aber irgendwie ist Simon uns ähnlich, glaube ich, er bleibt etwas auf Distanz. Er fällt dem Gast nicht gleich um den Hals. Und darin ist er uns nahe. Würden wir wohl auch kaum machen. Damit zur zweiten Figur:

II – Die Frau
Leider kennen wir ihren Namen nicht. Aber sie ist das totale Gegenbild zu Simon, dem Hausherrn, den Jesus genau besehen mit keinem Wort schlecht macht. Sie taucht plötzlich uneingeladen auf, weint Jesus die Füße voll, trocknet sie mit ihren Haaren und salbt sie mit duftendem Salböl. Es wird auch überhaupt nicht klar, warum sie das macht. Sie können sich ja mal fragen, wie es ihnen als Gastgeber gegangen wäre. Eine eigentlich peinliche Szene. Simon nimmt es sportlich und denkt sich, dass der Fremde – wäre er ein echter Prophet – doch wissen müßte, dass mit dieser Frau irgendetwas nicht in Ordnung ist. Damals fasste man Leute, von denen man das dachte, nicht an und ließ sich von ihnen keinesfalls berühren. Das ist ein bisschen so wie heute mit unseren Kranken und Sterbenden. In einer Zeit, in der vor allem Gesundheit zählt, passen die nicht ins Bild. Und selbst Freunde schaffen es nicht, den anderen zu besuchen. Naja, auf jeden Fall erzählt Jesus – etwas unklar warum eigentlich – die Geschichte von den zwei Schuldnern und damit etwas von Sünde und Vergebung. Ich habe mich wirklich lange gefragt, wie er darauf kommt, denn die Frau hat bislang noch gar nichts gesagt. Und ich glaube, sie weiß in diesem Moment, als sie Jesus zu Füßen sitzt, selber nicht genau, was sie will. Sie folgt einem plötzlichen Impuls. Einer plötzlichen Eingebung, dass sie diesem Mann etwas Gutes tun will, weil er etwas, irgendetwas mit ihr zu tun hat. Sie läßt sich ganz auf ihn ein, berührt ihn. Sie weiß nur: er ist wichtig für ihr Leben, inwiefern, das wird sich zeigen. Simon, wir hatten das gesehen, will prüfen, ob der Mann an seinem Tisch ein Prophet ist, dann will er auf ihn hören. Die Frau läßt sich einfach so auf Jesus ein. Was er ist, ist ihr egal.

III – Jesus
Jesus – und damit sind wir bei der dritten Hauptfigur – hat auch eine außerordentliche Rolle. Wir neigen ja dazu, biblische Geschichten einfach hinzunehmen: Der war halt so. Aber ich finde ihn schon erstaunlich bei diesem Abendessen. Stellen sie sich vor, ihnen wäre das passiert. Manchmal ist es unglaublich schwer, Nähe zuzulassen, angefasst zu werden. Jemandem, den man nicht mag, gibt man kaum gern die Hand. Wenn wir jemanden nicht kennen, haben wir schon auch gerne einen angemessenen Abstand zu ihm. Und diese Frau schmeißt sich Jesus vor die Füße – ohne erkennbaren Grund. Und er läßt es zu, hält es aus, dass sie so nah ist. Ich glaube, das hat Programm. So ist Gott. Er läßt sich nahe kommen. Wenn wir unsere Fragen, unser Vorher-Wissen-Wollen (Simon ist das Bild dafür) sein lassen und uns einfach auf ihn werfen, dann weicht er nicht zurück, sondern weiß, was wir brauchen. Weil die Frau sich einfach vor seine Füße wirft, auf ihren eigenen Stolz verzichtet, findet sie Geborgenheit und Heilwerden bei diesem Jesus. Wie oft nämlich ist es doch unter uns Menschen so, dass wir lieber still leiden, wortlos verzweifeln, weil wir keinen in unser Herz sehen lassen wollen, weil wir zu stolz sind. Die Frau wirft sich Jesus vor die Füße und findet einen neuen Stolz. Liebe Schwestern und Brüder, an diesem Abend geschah ein kleines bisschen heile Welt. Welt, wie sie sein sollte. In der Wunden geheilt werden, in dem das Niedrige, das Verletzte und Erniedrigte wieder seinen Platz bekommt. Das ist uns mitgegeben auf den Weg von Jesus. Nähe zu geben und Nähe zu suchen. Uns soll das als Beispiel dienen, die Geschichte der Namenlosen, dass durch unsere Hände Gottes Liebe gehen soll und auch wir diese Liebe spüren dürfen, wenn wir uns ins Herz sehen und uns von Jesus berühren lassen. In seinem Namen.

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