Nachtschwärmer

Liebe Gemeinde,

wir haben eben in der Lesung die Worte gehört, die wir schon Hl. Abend gehört haben – jene Lesung, die uns allen so vertraut im Ohr klingt. Diese Worte aus dem zweiten Kapitel des Lukasevangelium sind zugleich heute unser Predigtwort. Wie geht es Ihnen, liebe Gemeinde? Sind sie erschöpft von den Feiertagen? Ist die Stimmung, die Weihnachten doch wohl so sehr zu Weihnachten macht, schon wieder vorbei? Ist der Alltag wieder in Ihre Familien eingekehrt, der Alltag, in dem sich vielleicht die Kinder wieder streiten, die ersten Geschenke schon wieder langweilig geworden oder zu Umtausch bereit gelegt worden sind?

Vielleicht ist es auch anders bei Ihnen und Sie haben Bräuche aufbewahrt, die man in Deutschland so nicht mehr kennt. Wie Sie wissen, feiern Menschen in anderen Ländern und Kirchen erst den 25.12. als eigentlichen Weihnachtstag, z.B. in England ist es üblich, die Geschenke auch erst an jenem Tag zu verteilen. Wie dem auch sei: die Welt bereitet sich wieder auf den nächsten event vor: ab Freitag sind die Läden wieder geöffnet, die Verkäufer und Verkäuferinnen gewappnet für die zu erwartende Umtauschwelle und die Dekorationen werden geändert werden, denn bald steht die Feier zum Jahresende an und Raketen, Masken und Feierutensilien werden die religiösen Sinnbilder der Liebe und Besinnlichkeit verdrängt haben. Für viele Menschen ist der spaßige Trubel am 31.12. wichtiger geworden als die Feier, die das Erscheinen des Gotteskindes auf Erden bedenkt. Und weil wir zu diesem Feiertag heute den gleichen Text als Predigtwort haben, wie auch schon in der Christvesper, will ich meine Gedanken von dort aufnehmen und Sie bitten, sich (noch) einmal auf einen Vergleich einzulassen, diesmal aber aus einer anderen Perspektive. Ich möchte mit Ihnen die Menschen bedenken, die in unserem Predigtwort nicht direkt benannt werden, obwohl sie doch auch dort vorkommen. Wir haben gehört von Josef und Maria, vom Christuskind, von den Engeln, wir haben die Hirten bedacht, vielleicht auch die heiligen drei Könige – allerhand Tiere und Menschen also, die sich um die Krippe versammeln und zur Anbetung gekommen sind. Blicken Sie auf Ihre Krippendarstellungen zu Hause oder auch auf unsere schöne Krippe hier an unserer Kirche: viel Volk ist dort zusammen gekommen, um das Wunder der Geburt des Gottessohnes zu bestaunen. Ich gehe davon aus, dass diese Menschen und Tiere, ja sogar die Engelwesen, die alle direkt mit dabei waren, tief ergriffen sind von dem Geschehen, was sich dort vor ihren Augen abgespielt hat. Ich stelle mir vor, dass sie einen unmittelbaren Zugang zu dem Geheimnis dieser – äußerlich so armen – Geburt bekommen haben, einen Zugang, der bei diesen auserwählten Geschöpfen einen lebenslangen Eindruck hinterlassen hat, von dem sie in Krisensituationen zehren können. So vielleicht die Hirten, die wieder zurückgekehrt sind zu ihren Herden und damit in ihr ärmliches und nicht besonders gut angesehenes Leben. Auch sie werden also wieder in einen Alltag zurückkehren und sich mit ähnlichen Problemen wie vorher rumplagen müssen: Geldnot etwa, oder der Verlust von einzelnen Schafen, nicht ausreichend Weidemöglichkeit und der Kampf gegen die wilden Tiere. Aber dennoch glaube ich, dass sie einen Funken in ihrem Herzen bewahren konnten von dem Glanz, den sie diese Nacht gesehen haben. Und ich glaube auch, dass dieser Funken gereicht hat, um ihnen ihr Leben lang wie ein kleines Licht die Richtung zu weisen und Orientierung zu geben. Nun aber werden in unserem Predigtwort noch andere Menschen erwähnt, Menschen, die nicht direkt vor Ort mit dabei sein konnten, weil sie es nicht mitbekommen hatten oder weil sie zu weit weg waren. Es sind die Menschen, denen die Hirten begegnen, als sie Bethlehems Stall wieder verlassen – es sind die Menschen, denen die Hirten von der frohen Botschaft erzählen und die sich, so sagt es Lukas, "wunderten über all das, was ihnen die Hirten gesagt hatten." Was waren das für Leute, die den Hirten da begegnet sein mochten? Bleiben wir in unserer Vorstellung und denken uns, dass die Hirten des Nachts auch wieder den Stall und das Christuskind verlassen haben – wenn wir so denken, dann mögen es z.B. Nachtschwärmer gewesen sein, denen die Hirten von ihrem Erlebnis erzählten.

Vielleicht Menschen also, die von anderen Feierlichkeiten nach Hause zurück kehrten. Bevor das Christentum sich ausbreiten konnte, gab es natürlich bereits eine stattliche Anzahl an anderen Religionen und staatlichen Feiern: warum also nicht auch eine an jenem gedachten Abend? Vielleicht sind die Hirten damals welchen begegnet, die einen gelungenen gesellschaftlichen Abend hinter sich hatten: gut gegessen, möglicherweise wichtige Geschäftspartner getroffen und Abschlüsse angedacht, dem Wein reichlich zugesprochen und andere Annehmlichkeiten dieser Art hinter sich. Jetzt macht man sich auf den Weg, nicht mehr ganz geraden Schrittes und begegnet zu nachtschlafender Zeit ein paar zerrissenen Typen, von weitem an der Kleidung und v.a. am Geruch deutlich erkennbar als Schafhirten. Sollten die nicht eigentlich auf dem Felde sein bei ihren Herden und nicht hier in der Stadt die Luft verpesten? Schon machen die ersten aus der feucht-fröhlichen Runde die Münder auf, um ihnen etwas zuzurufen, was ihre Überlegenheit zum Ausdruck bringt. Aber da fällt es einigen bereits auf und die Rufe bleiben im Gaumen kleben. Diese Hirten sind keine normalen Hirten, zumindest keine, die wir so oft schon gesehen haben. Diese Hirten da haben etwas in ihren Augen, in ihrem Gang, ja könnte man sagen um sie herum, was sie fast strahlen lässt. Diese seltsame Atmosphäre macht sie auf ungekannte Art immun gegen die üblichen Spötteleien, ja mehr noch, es macht sie plötzlich interessant. Auch der Geruch der Schafe scheint heute Abend nicht so aufdringlich zu sein. Und so beginnt sie der erste der Nachtschwärmer, ein stattlicher Mann mit wohlgenährtem Bauch und anständigen, auf etwas Wohlstand zu schließenden Kleidern, mit rotwein-schwerer Zunge zu fragen: "He ihr da – was ist denn mit euch los? Irgendwas stimmt da doch nicht!" Keiner wendet sich ab von den Hirten, die bereitwillig stehen bleiben, sondern wie ein Kreis schart man sich um diese und hört mit offenen Mündern ihrer wundersamen Geschichte zu. Welche Worte werden die Hirten verwandt haben, liebe Gemeinde, um von dem Geschehen zu berichten, das wir alle kennen? Ich weiß es nicht, aber ich stelle mir diese Traube an Menschen vor, mitten in der Nacht: die einen äußerlich zerrissen und nicht ansehnlich, die anderen reich und alles im Leben erreicht habend – zumindest alles, von dem man so sagt, man müsse es erreicht haben. Aber dennoch herrscht ein deutliches Ungleichgewicht zwischen beiden Menschengruppen. Nicht die, die in guten Gewändern mit sattem Magen und gefüllter Brieftasche einhergehen sind die Ausgezeichneten. Nicht diese sind es, auf denen ein wundersamer Glanz liegt. Es sind die anderen, die es scheinbar zu nicht viel gebracht haben in diesem Leben.

Sie sind erfüllt von einem warmen Licht, das sie an einer elenden Krippe gesehen haben. Sie sind getränkt mit einem Trank, der keine Kopfschmerzen hinterlässt, sondern vielmehr alle Kräfte, die in ihnen stecken mobilisiert. Sie sind gespeist mit einer Speise, die nicht den Hosenbund weitet und die nächsten Tage Diätrezepte wälzen lässt, sondern vielmehr den Hunger nach echten Leben auf Dauer gestillt hat.

Wie aber, so fragen sich die zurückgebliebenen Nachtschwärmer, nachdem die Hirten weitergezogen waren – wie aber lässt sich solch ein Trank und solch eine Speise erkaufen? Und sie bleiben noch lange stehen und wundern sich über solche Begebenheit. Und manch einem von ihnen ist es danach ein wenig leichter ums Herz, ganz so, als hätten die Hirten von ihrem Glanz etwas abgegeben.

Liebe Gemeinde, dieser Tage fand ich in einer Fernsehzeitschrift eine Doppel-Werbeseite eines Privatsenders: Titel: "Das Fest des Jahres". Ein Weihnachtsbäumchen aus Papier zum Ausschneiden und zum auf-den-Fernseher-stellen.

Auf dem Bäumchen sind vier Filme vermerkt. Die Anleitung besagt: "Den fertigen Baum auf den Fernseher stellen, (besagtes Programm) schauen und ein tolles Weihnachtsgefühl haben." Ich bin mir nicht sicher, ob das ein ironischer Scherz sein soll. Ich fürchte eher, es ist ernst gemeint. Mir sind unsere Nachtschwärmer, die den Hirten begegneten, dazu eingefallen. Bestimmt hatten jene Menschen ein "tolles Gefühl" – sie waren ja wer und gut ging es ihnen vermutlich auch. Aber ich glaube auch, dass ihnen das zu wenig war, das "tolle Gefühl". Gewusst, dass es nicht ausreichte, haben sie es spätestens, nachdem die Hirten weiter gezogen waren.

Wahrscheinlich unbewusst hat dieser Fernsehsender etwas davon preisgegeben, was diese Art zu leben bedeuten kann. Wie man im Fernsehen nur die Gefühle der anderen sehen und auch ein Stück weit miterleben kann, so wird es auch den Menschen, die unser Predigtwort nicht ausführlich beschreibt gegangen sein. Durch das Fernsehen lebt man ein Stück ein fremdes Leben: vielleicht lacht man mit, wenn dort gelacht wird, man weint, wenn dort geweint wird und fürchtet sich, wenn es dort gruselig zugeht. Aber sobald das Gerät aus ist, bleibt man selbst zurück, ebenfalls ein bisschen wie ausgeschaltet, fast ein wenig leer, denn die erlebten Gefühle sind in der Flimmerkiste verblieben. Den Hirten ging es anders: sie haben etwas mitgenommen von dem Stall, von ihrem Fest: sie hatten nicht nur ein "weihnachtliches Gefühl", nein: sie haben Weihnachten selbst erlebt. Sie haben den Herrn gesehen und den Engeln geglaubt, die ihnen Frieden angekündigt hatten.

Die Nachtschwärmer aber aus unserem Bild haben den richtigen Anfang gemacht: sie haben sich gewundert – sie haben für einen Moment lang zugelassen, dass sie angerührt werden von den Geschichten, die die Hirten zu berichten hatten. Sie haben für einen Moment lang vergessen, was sonst in ihrem Leben den ersten Platz eingenommen hat und haben gespürt, dass es noch eine andere Macht geben kann, eine andere als die, die nur "tolle Gefühle" vermittelt: eine Macht also, die echtes Leben begründet. Wir Christen, die wir heute hier in dieser Kirche versammelt sind, waren nicht wie die Hirten unmittelbar dabei, aber auch wir haben unseren Gott erfahren, mal stärker und mal schwächer, mal deutlicher und mal etwas weiter weg: den Gott, der uns das wahre Leben erst ermöglicht und uns das vollkommene Leben verheißen hat. Denken Sie daran, liebe Gemeinde, wenn um Sie herum das "tolle weihnachtliche Gefühl" nachlässt und andere tolle Gefühle produziert werden. Sie tragen – ähnlich wie die Hirten – Weihnachten in Ihren Herzen und Gott will Sie in Ihrem Leben noch benutzen, wenn Sie anderen "Nachtschwärmern" begegnen. Dann werden Ihnen Worte eingegeben werden, damit sie vom echten Weihnachten erzählen können und wenn Gott es will, dann begegnen Ihnen Menschen, die sich "wundern über all das, was ihnen durch Sie erzählt worden ist."

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