Mutig und offen

Liebe Gemeinde.

Die Rede des Apostel Paulus auf dem Areopag in Athen wendet sich an sogenannte Heiden, also Menschen, die nicht zum Volk Gottes gehörten und eine ganze Menge Götter verehrten. Wo immer die Menschen dieser Zeit Hilfe erfuhren, da schrieben sie diese den Göttern zu. Gab es eine gute Ernte, dann dankten sie der Demeter. Hatten sie eine glückliche Seefahrt hinter sich, dann opferten sie dem Poseidon. Waren sie krank, so wandten sie sich an Asklepios. Hatten sie Familiensorgen, dann machten sie eine Wallfahrt zum Heiligtum der Hera. Für alle Lebenslagen gab es eine Gottheit. Jede war für etwas Besonderes zuständig. Jede musste freilich auch vorher gebeten und nachher bedankt werden. Wir können uns gar nicht vorstellen, wie eng auf diese Weise die Religion mit dem Alltag verbunden war. Mit Tod und Geburt, mit Krankheit und Gesundheit, mit Handwerk und Sport. Nicht so wie bei uns, wo die Religion bei vielen in ein bedeutungsloses Abseits geraten ist, das für die wichtigen Bereiche des Lebens kaum mehr eine Rolle spielt. Sondern alles, was man tat und erlebte, war unmittelbar mit einer Gottheit verbunden. Man war überzeugt, dass die Götter eifersüchtig darüber wachten, geehrt und beachtet zu werden. Andernfalls, so fürchtete man, würden sie Schwierigkeiten machen. Deshalb durfte man keinen übersehen. Um dies zu vermeiden, errichtete man in Athen, sozusagen für alle Fälle und zur Vorsorge, auch einen Altar für den unbekannten Gott.

Jahrmarkt der Weltanschauungen
Es ist eine ferne Zeit, in der die Menschen so fühlten und dachten. Ich bin froh, dass ich nicht in dieser Zeit leben muss. Denn sie war beherrscht von dauernder Furcht, man könnte irgendeine Gottheit vernachlässigt haben und darum ins Unglück geraten. Und doch, die Menschen von damals können uns auch beschämen, wenn ich daran denke, wie wenig wir Heutigen uns an Gott, den Vater Jesu Christi, im Alltag gebunden wissen. Wer erbittet seine Hilfe vor wichtigen Entscheidungen? Wer dankt ihm nach einem Erfolg? Wer opfert von dem, was ihm geschenkt worden ist? Das habe ich mich gefragt, als ich in Athen vor den herrlichen Tempeln und Standbildern stand.

Freilich, schon zu Zeiten des Paulus gehörte der naive Götterglaube wenigstens für die Gebildeten längst der Vergangenheit an. Da hatte eine Aufklärung stattgefunden, die den Götterhimmel des Olymp als Hirngespinst verspottete. Philosophen waren aufgetreten, bedeutende Persönlichkeiten und aalglatte Schwätzer, tiefsinnige Denker und windige Haarspalter. Aber auch die Blütezeit der Philosophie war längst vorbei. Man war gelangweilt und meinte, alles schon zu wissen. „Die Athener hatten nichts anderes im Sinn, als etwas Neues zu sagen oder zu hören“, erfahren wir. Möglichst verrückt, reißerisch und unerhört musste etwas sein, dann fand es Beachtung. Da stelle ich eine gewisse Ähnlichkeit mit unseren Verhältnissen fest. Vielleicht fühlen wir uns an die Fußgängerzone einer Großstadt erinnert, wo mitten unter den Konsumgütern ein religiöser Markt veranstaltet wird. Da werben Prediger und Propheten, politische Führer und Gurus; und alle suchen um jeden Preis die Aufmerksamkeit der Passanten zu wecken. Oder standen Sie schon einmal vor der entsprechenden Sparte einer Buchhandlung über Esoterik und New Age? Was da an Büchern und Zeitschriften angeboten und verkauft wird, ist unüberschaubar geworden. Was heute als brandneu gilt, ist morgen schon überholt. Athen vor 1950 Jahren und der religiöse Markt heute: ich sehe da eine enge Verwandtschaft.

Predigt in der Öffentlichkeit
Ich gestehe, dass mich das alles irritiert und dass ich dankbar bin für die schützenden Wände unserer Kirche, wo man das biblische Wort nach evangelischem Verständnis verkündigen kann. Wo keiner widerspricht und dazwischenredet oder spottet. Da fühle ich mich wohl. Ich sehe aber auch, dass es der Apostel Paulus in Athen ganz anders macht. Er redet nicht nur in der geschlossenen Gesellschaft der jüdischen Synagoge, sondern auch draußen auf dem Marktplatz. Paulus bleibt nicht unter seinesgleichen, sondern sucht die Öffentlichkeit. Er lässt sich als Schwätzer (wörtlich: Korinthenkacker) verspotten und geht der Auseinandersetzung nicht aus dem Weg. Er redet auf dem Areopag. Das ist neben der Akropolis ein Hügel, wo auch der Gerichtshof tagte und Volksversammlungen stattfanden. Der Areopag, das könnte heute die Fußgängerzone oder auch die Party sein, oder der Stammtisch im Wirtshaus oder auch der Parkplatz vor dem Kaufhaus. Also ein Ort, wo es viele Menschen gibt, wo gelebt und verhandelt, gestritten und diskutiert, geschimpft und gelacht wird. Diese Öffentlichkeit braucht Menschen wie dich und mich, Menschen, die ihren Mund aufmachen, die von ihrem Glauben reden, die ihre Überzeugung sagen, Menschen, deren Christsein nicht zaghaft sondern mutig ist. Bemerkenswert ist auch, wie Paulus in Athen das Evangelium verkündigt. Sein anfänglicher Zorn über den Götzendienst der Athener scheint verflogen zu sein, er redet jetzt sehr einfühlsam und verständnisvoll. Da nimmt er die Heiligtümer sehr geschickt als Anknüpfung für seine Botschaft. Da setzt er ganz unbefangen den unbekannten Gott gleich mit dem Gott des Himmels und der Erde. Da schildert er den Schöpfer und Weltenlenker in einer Art, die den Athenern vertraut ist. Er zitiert den griechischen Dichter Aratos, der den göttlichen Ursprung des Menschen lehrt. Da fordert er zwar zur Umkehr auf, aber ohne zu drängen. Und Jesus Christus, der wichtigste und eigentlich neue Inhalt seiner Botschaft, wird nur kurz im letzten Satz erwähnt, und nicht einmal mit Namen: „Denn er hat den Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten will mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.“

Verkündigung und Dialog
Die Welt ist kleiner geworden. In der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz begegnen uns Menschen anderer Nationen und anderer Religionen. Wie sollen wir uns zu ihnen verhalten? Bei Paulus können wir lernen, dass bei den anderen nicht von vornherein alles falsch ist. Er verurteilt nicht zuerst den falschen Götzendienst, um dann die richtige Botschaft dagegenzusetzen, sondern er knüpft an bei dem, was die Leute denken, glauben und fühlen, was ihnen wichtig ist, um sie dann zu Jesus weiterzuführen. Oft gibt es in den Fremdreligionen Fragestellungen, Erfahrungen und auch Wahrheiten, die wie ein Schloss sind, zu dem das Evangelium wie der passende Schlüssel wirkt. So wie die Athener eine Ahnung hatten von dem unbekannten Gott, so hat z.B. auch ein Inkakönig etwa 100 Jahre vor der Zerstörung seines Reiches durch die Spanier über seinen Sonnengott nachgedacht: „Wie weit kann es mit der Macht der Sonne her sein, wenn schon eine kleine Wolke ihr die Kraft nimmt. Muss es da über der Sonne und mächtiger als die Sonne nicht einen wahren Gott geben?“ In fast allen sog. Naturreligionen gibt es die Ahnung von einem „höchsten Himmelsgott“, zu dem man leider den Kontakt verloren hat. Die christliche Mission war besonders dort erfolgreich und wurde als große Befreiung von Dämonenfurcht und anderen Zwängen erlebt, wo sie an diesen Punkten ansetzte und sozusagen die Antwort auf die Grundfragen brachte, die längst gestellt waren (nach Richardson: Ewigkeit in ihren Herzen, und: Fridenskind). So hat es auch Paulus gemacht, so konnte er die Menschen weiterführen – weg von den Götzen hin zum wahren Gott, zum Glauben an Jesus Christus, d.h. zum Lebensbund mit ihm. So konnte er sich verständlich machen.

Erinnern wir uns, wie die Geschichte in Athen weitergeht, nämlich ganz ähnlich wie bei uns Glaubensgespräche ausgehen. Da sind einige, die machen Witze und halten sich das Evangelium vom Leib. Andere tun das, indem sie die fällige Entscheidung aufschieben: „Wir wollen dich darüber ein andermal weiter hören“, sagen sie zu Paulus und meinen im Stillen: am St. Nimmerleinstag. Und doch ist, wie beim Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld Paulus nicht erfolglos. Einige Leute schlossen sich ihm an, sogar einer aus dem Stadtrat. Seitdem gibt es in Athen Menschen, die von Jesus Christus wissen und an ihn glauben.

Paulus in Athen. Wer heute dorthin kommt, kann auf dem Areopaghügel seine Rede in der Originalsprache auf einer Bronzetafel geschrieben finden. Was er dort gesagt hat, bleibt unsere Aufgabe und Hoffnung hier: Mutig und öffentlich mit Menschen über Jesus Christus zu reden, damit einige an ihn glauben und gerettet werden.

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