Mut zum kleinen Schritt

Liebe Gemeinde,

diese Geschichte ist uns von mehreren Evangelisten unterschiedlich überliefert. Es ist noch nicht lange her, da war die Geschichte vom barmherzigen Samariter Predigttext, und da stellt Jesus die Frage, und der Schriftgelehrte ist derjenige, der antwortet. Er hatte vorher sozusagen scheinheilig gefragt, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erben. Und Jesus führt ihn an die Quellen zurück, die er als Schriftgelehrter eigentlich durchaus kennt. Spielt das eine große Rolle? Für uns hier und heute vielleicht nicht. Obwohl die alttestamentliche Lesung für heute die Zehn Gebote vorsieht. Ich habe überlegt, ob ich sie als erste Lesung in diesen Gottesdienst einbringe, dann bin ich aber davon ausgegangen, dass Sie das noch kennen, zum Beispiel aus Ihrer Konfirmandenprüfung.

Auch damals ging es denSchriftgelehrten, den Sadduzäern, also der jüdischen Amtskirche darum, etwas zu prüfen. Zu überprüfen, ob Jesus wirklich die Befähigung hatte, zu lehren. Aus heutiger Sicht eine ungeheuerliche Vorstellung, dass Menschen den Gottessohn theologisch abfragen. Wirklich so ungeheuungeheuerlich? Manchmal stelle ich mir vor, wenn Jesus heute hier in der Landeskirche lehren wollte, würde ihm möglicherweise Ähnliches widerfahren. "Ohne zweites theologisches Examen dürfen Sie hier nicht selbständig die Schrift auslegen", ich denke mir, mancher Konsistorialrat würde den Sohn Gottes gar nicht mal auf seine "Kenntnisse" prüfen, sondern ihm schon von vornherein unmissverständlich klar machen, dass er die Voraussetzungen für den seelsorgerischen Dienst nicht mitbringt, dass ihm die nötigen Scheine und Stempel fehlen. "Da könnte ja jeder kommen". Und dann kommt in mir dieses Bild auf, wie Jesus am Ende der Diskussion einem Kirchenoberen, vielleicht dem Propst, der ein Votum abgeben soll, sagt: "Du bist nicht fern vom Reich Gottes". "Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen" – ob das heute auch so wäre? Ich fürchte fast, es würde letztendlich ausgehen wie damals ganz am Ende. Die Theologen würden Jesus beweisen wollen, dass er nicht sein kann, wer er ist. "Die Offenbarung ist abgeschlossen", "es ist uns nichts davon überliefert, dass Jesus ein zweites Mal wiederkommt", "was unter dem Reich Gottes zu verstehen ist, ist ein für allemal festgeschrieben" – mühelos wäre eine Argumentationskette zusammenzubringen, ihn theologisch als Betrüger und Sektierer zu stempeln. "Du bist nicht fern vom Reich Gottes", die Aussage würde nicht als großartige Verheißung, sonden als ungeheure Arroganz missverstanden.

Die Geschichte über das Doppelgebot der Liebe, so haben es Textforscher herausgefunden, gehört zu den allerersten Stellen der Überlieferung über Jesus, die man schriftlich festgehalten hat. Ein Zeichen dafür, wie zentral das für die erste Gemeinde gewesen sein muss. Gottes- und Nächstenliebe waren und sind bis heute für jeden rechtgläubigen Juden das Wichtigste in seinem Glaubensleben. Im Gespräch zwischen Jesus und dem Schriftgelehrten machen ja beide auch deutlich, dass eines ohne das andere nicht funktioniert. "Das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer", sagt der Schriftgelehrte. In die heutige Situation innerhalb der Kirchen übertragen, könnte das bedeuten: "Das ist mehr als die ganze Theologie, als alle Wissenschaft und alle Kirchengesetze zusammen."
In der Theorie sind wir alle sehr gut. Es ist uns gesagt, was gut ist und was der Herr von uns fordert, um mit dem Propheten Micha zu reden. Aber in der Praxis gestaltet sich beides schwierig. Gott über alle Dinge lieben: Es gibt so viele Dinge, an die wir unser Herz hängen und die dann unversehens zu unserem Gott werden. An Angeboten fehlt es wirklich nicht. Ich denke da nicht nur an Auto, Haus, an ein Hobby – mancher räumt auch der Arbeit einen Platz ein, der unangemessen ist.
Wer keine Arbeit hat, ist nichts wert – mit dieser tief verinnerlichten Überzeugung quälen sich diejenigen herum, die keine Arbeit haben. "ich bin Bergmann, wer ist mehr?" hieß einmal ein Wahlspruch dieser Region – ein Satz, der den Beruf auf einen unangemessenen Sockel hebt. "Sein Leben war die Wasserversorgung", stand vor einiger Zeit in einer Todesanzeige!

Dieser Tage wurden im Religionsunterricht Schüler der siebten Klasse gefragt, was sie bei der Berufswahl ganz oben ansetzen. Die meisten nannten das Einkommen und die Sicherheit. Auch Vermögen kann zum meistgeliebten Ding werden, an das wir unser Herz hängen.

Gott über alle Dinge lieben, das allein wäre ziemlich schwer. Es wäre eine sehr theoretische Angelegenheit. Gott ist so perfekt, er hat keine Fehler – und ich bin so unbvollkommen, wie kann so etwas gehen? Der Abstand ist doch unendlich groß.Ich denke, da ist diese zweite Hälfte des Gebotes Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« eine Hilfe und Erleichterung. "Niemand hat Gott je gesehen", wusste schon Paulus. Wie kann ich jemanden lieben, den ich nie gesehen habe? Nur dann, wenn ich ihn mir doch irgendwie vorstellen kann. Aber von Gott soll ich mir doch auch kein Bildnis machen. Nun wissen wir zum Glück, dass in Jesus Christus Gott Mensch geworden ist, und wir wissen, wie er war. So sind wir in einer ungleich glücklicheren Lage als dieser Schriftgelehrte, der da Jesus auf die Probe stellt. Wir wissen schon, was der gerade verstehen soll.

Wir wissen: Gott kann Mensch werden – und er liebt uns so, dass er seinen Sohn für uns durch den Tod geschickt hat. Wir wissen, mit welcher bedingungslosen Liebe Jesus auf Menschen zugegangen ist. "Du bist liebenswert", das hat er jedem von uns gesagt – und das dürfen wir glauben. Und genau in dieser Geschichte mit dem Schriftgelehrten macht uns Jesus vor, wie wir auf einen Menschen zugehen können, der uns vielleicht gar nicht so freundlich gesonnen ist, der uns möglicherweise reinlegen will: Er hätte ja zu ihm sagen können: "Was fragst du mich solche Sachen? Soll das eine Falle sein?" oder "Scher dich weg, du Spion der Schriftgelehrten" Aber er geht auf den Mann ein, macht die Tür weit auf zur Verständigung. Der andere tritt ein, so weit er kann. Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; 33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.

"Du bist nahe am Reich Gottes", sagt Jesus zu dem "Amtskirchen"-Menschen, der sich warum auch immer unter die Zuhörer Jesu gesellt hat – und alle verstummen, denn das lässt keine Widerrede zu. Jesus ist in all seinem Selbstbewusstsein von entwaffnender Liebenswürdigkeit, seine Worte öffnen Herzen. Jesus kann so sein, weil er die Liebe selbst ist. Wie aber nun Sie oder ich, ganz normale Menschen, die wir uns doch manchmal genau deshalb selbst nicht leiden können? "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst", das heißt auch, mit sich selbst Frieden schließen. Ich meine nicht, selbstverliebt zu werden. Narzissmus ist eine der am meisten verbreiteten Persönlichkeitsstörungen in unserer Zeit. Selbstverliebtheit lässt keinen Raum mehr für die Liebe zu Gott und zu anderen Menschen. Mit sich selbst Frieden schließen, heißt, sich als Geschöpf Gottes akzeptieren, so, wie man ist. An seine Schwächen arbeiten kann jeder, sicher – aber er kann auch dazu stehen, dass er nicht perfekt ist und das auch nicht von ihm gefordert ist. So, wie ich bin, kurzsichtig und unvollkommen, vergesslich, manchmal sehr wenig einfühlsam, so ist der andere, der mir so schwer wird, ganz genau. "Liebe deinen Nächsten, er ist wie du!", übersetzt Martin Buber, der große jüdische Gelehrte. Diese Übertragung der von Jesus und dem Schriftgelehrten zitieren alttestamentlichen Bibelstelle gefällt mir deshalb so gut, weil sie noch deutlicher macht, worum es geht. Es ist im Grunde widersinnig, wenn wir einander anfeinden – wir sind alle von Gott nach seinem Bild geschaffen, alle seine Kinder.

Geschwister streiten manchmal um die Gunst ihrer Eltern, weil sie befürchten, dass die ihre Liebe ungleichmäßig verteilen. Und es gibt auch Eltern, die ihre Kinder gegeneinander ausspielen. "Man kann nicht alle seine Kinder gleich liebhaben", hat einmal eine Mutter zu mir gesagt, die sehr darunter litt, dass ihre Kinder das irgendwie zu spüren schienen. Merkwürdigerweise aber haben diese Geschwister dann in einer ganz besonderen Zuneigung aneinander gehangen und den Mangel
gegenseitig ausgelichen. Gott ist anders, seine Liebe ist groß genug, um jeden von uns ganz und gar aufzunehmen. Wer also das, was an Liebe in ihm ist, mit einem anderen teilt, hat deshalb nicht weniger, sondern mehr. Das fällt uns schwer, zu begreifen und anzunehmen, vielleicht, weil wir immer die Angst in uns haben, unseren eigenen Ansprüchen an uns nicht zu genügen. Eine Angst, die uns die Freiheit nimmt und uns lähmt. Und eine Angst, die auch im Grunde Zweifel an dem ausdrückt, was uns durch Jesus Christus zugesagt ist: "Es gibt keine Verdammnis für die, die in Jesus Christus sind." Was wollen wir eigentlich mehr?

Mir fällt die Geschichte von einem Mann ein, der sehr darum bemüht war, endlich einmal aus seinem Schatten zu treten. Er ging ein paar Schritte voran – der Schatten war bei ihm, er lief, der Schatten lief mit, schließlich begann er, zu rennen – sein Schatten ließ sich nicht abschütteln. Der Mann rannte, so schnell er konnte – bis er atemlos zu Boden fiel, er hatte sich tot gehetzt, um vor sich selber davonzulaufen.

Dort, wo er losgerannt war, stand ein großer Baum mit einem mächtigen Schatten. Der Mann hätte nur zusammen mit seinem Schatten einen Schritt auf den Baum zugehen müssen, und sein eigener Schatten wäre verschwunden gewesen. Wir müssen nicht vor uns selbst davonrennen, um unseren Nächsten mit unserer Liebe zu erreichen. Wir brauchen ich nur an der Hand zu nehmen und gemeinsam mit ihm ein Stück auf Gott zugehen, um mit unserer kleinen Liebe aufzugehen in der Geborgenheit von Gottes allumfassender großen Liebe. "Du bist nahe am Reich Gottes", das ist damit gemeint – wir brauchen nur den Mut zu einem kleinen Schritt. Und den macht uns Jesus möglich, der uns vorausgegangen ist, dahin, woher er kam und wohin wir alle eingeladen sind.

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