Motiv: Liebe!

Schon öfter bin ich mit jungen Eltern ins Gespräch geraten darüber, ob sie ihr Kind taufen lassen sollen. Manche haben mir gesagt: "Eigentlich wäre ich schon dafür, aber das soll mein Kind später selbst entscheiden, ich möchte da nicht vorgreifen. Später könnte es mir Vorwürfe machen." So, als sei mit der Taufe ein Risiko verbunden, das sie nicht auf sich laden wollen, für das sie die Verantwortung übernehmen müssten. Ich werde nicht müde, solchen Eltern zu sagen, dass sie ihr Kind ja auch nicht fragen, ob es lesen lernen möchte – und es, wenn es nein sagt, nicht einschulen lassen. Was das Kind daraus macht, ist doch eine andere Sache, schließlich hat es die Möglichkeit, bei der Konfirmation selbständig zu entscheiden, ob es weiter zu einer christlichen Gemeinde gehören möchte.

Was kann eigentlich an einer Taufe gefährlich sein? Wenn wir heute ein Kind taufen, achten meist schon die Verwandten ganz gespannt darauf, ob auch wirklich das Wasser fließt. Kürzlich erzählte mir ein katholischer Pfarrer, er habe in einer evangelischen Kirche eine Taufe gesehen, die seiner Ansicht nach "gar nicht gültig" war, der Pfarrer habe nur mit nassem Finger ein Kreuzzeichen über das Baby gemacht. Und wenn wir hier ein kleines Kind taufen, wird das Wasser vorgewärmt, damit sich nur ja keine Erkältungsgefahr entwickelt. Im Heutigen Evangelium, das auch Predigttext ist, geht es indessen nicht um irgendeine Taufe, es geht um die Taufe Jesu, so, wie sie uns im Evangelium des Matthäus aufgeschrieben wurde, den Text haben Sie vorhin gehört.

Wenn wir Bilder von der Taufe Jesu im Jordan sehen, steht er meist kaum bis an die Knie im Wasser. Ich habe mich nun ein wenig geographisch belesen und dabei erfahren, dass der Jordan immerhin 30 Meter breit ist und drei bis vier Meter tief, an seiner tiefsten Stelle bei Jericho gar 6 Meter, und dass er ein großes Gefälle hat. Die Menschen, die sich zu Jesu Lebzeiten von Johannes taufen ließen, damals gab es ja vorwiegend Nichtschwimmer, mussten also doch eine gehörige Portion Mut aufbringen, sich da ins fließende Wasser zu begeben, sich gar untertauchen zu lassen.

Sie mögen sich fragen, ob das nicht das Allerunwesentlichste am heutigen Predigttext ist. Warum, so sei doch eher das Problem, lässt sich Gottes Sohn überhaupt taufen, er, der es doch gar nicht nötig hat, ein neuer Mensch zu werden, er, der doch frei von Sünden ist? Darüber haben Generationen von Theologen nachgedacht und sind zu den verschiedensten Meinungen gekommen. Auch Johannes, jener Prediger in der Wüste, der sich nur als der Vorgänger Jesu begreift, stellt ja die verwunderte Frage." Und du kommst zu mir?"

"Lass es jetzt geschehen", sagt Jesus, eine Antwort, die eigentlich den Johannes aus der Verantwortung entlässt. Er soll nur "geschehen lassen", wozu sich Jesus selbst entschieden hat. Für ihn ist die Taufe der sichtbare Schritt, den Weg anzutreten, den sein Vater ihm vorgegeben hat. Es ist vielleicht ein wenig salopp, vom "Sprung ins kalte Wasser" zu sprechen, aber immerhin ist diese Taufe der Beginn des öffentlichen Weges Jesu. Seine Kindheitsgeschichte ist uns nur von den Evangelisten Lukas und Matthäus bruchstückhaft überliefert, aber die Taufe war bereits Markus, demjenigen, der zeitlich noch am nächsten an Jesus dran ist, so wichtig, dass er damit seine Schilderung des Wirkens Jesu beginnt. Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen., so zitiert Matthäus Jesus. Nicht von ungefähr habe ich statt der Epistel für den heutigen Sonntag die alttestamentliche Lesung aus dem Propheten Jesaja ausgewählt, in der wir vom Kommen des Gottesknechtes gehört haben. Was bei Jesaja verheißen wird, erfährt in Jesus seine Erfüllung, darauf kam es Matthäus immer wieder an. Und dieses uralte Bild vom Gottesknecht muss auch Jesus, dem Schriftkundigen, durch den Kopf gegangen sein, als er sich entschloss: "Lass es jetzt geschehen", den sicheren Boden verließ und ins Wasser schritt. "Er wird das Recht unter die Heiden bringen", er wird nicht laut sein, sondern behutsam auf die Menschen zugehen, um die Augen der Blinden zu öffnen und die Gefangenen aus dem Gefängnis zu führen. Auch die, die gefangen sind in sich selbst und ihren Kerker immer mit sich herumführen.

Nie mehr werde er die Welt vernichten, hat Gott versprochen, nachdem er die große Sintflut geschickt hat. Er werde immer an der Seite der Menschen sein und sie immer begleiten. Und obwohl er, wenn er wirklich "Gerechtigkeit" üben würde, die Menschheit seitdem schon Hunderte von Malen hätte vernichten können, hat sich Gott an sein Versprechen gehalten. Nicht einen Knecht hat er geschickt, sondern seinen "lieben Sohn", so ist er über seine Verheißung noch hinausgewachsen. Für Jesus öffnet sich in dem Moment, in dem er den festen Grund verlässt und den Abgrund spüren kann, folgerichtig der Himmel. Er sieht das, was auch Noah sah, als das Prasseln des Regens nachließ: Er sieht den Geist Gottes in Gestalt einer Taube. Er spürt, dass es für ihn kein "Nein" mehr geben kann, dass sich durch ihn der ewige Bund Gottes mit den Menschen erfüllen wird. Durch seine Liebe wird der glimmende Docht nicht auslöschen und das geknickte Rohr nicht zerbrechen. Jesus steht in diesem Moment an der Stelle, wo sich zwei Wege kreuzen – der, den er auf der Welt zurücklegt und der, der von ganz unten nach ganz oben führt.

Ich weiß nicht, ob Sie es bemerkt haben, deshalb lese ich die letzten Verse des Predigttextes noch einmal vor:16 Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. 17 Und siehe, eine Stimme vom Himmel.

Es ist hier davon die Rede, was Jesus selbst sieht und erfährt, also sein Empfinden bei der Taufe. Es wird nicht berichtet, ob auch die Umgebung den Himmel offen und die Taube hinabfahren sah. Wir blicken hier in das Innere Jesu hinein. Aber er wollte uns mit seiner Taufe und seinem Leben ein Beispiel geben. Und so dürfen wir selbst als Getaufte empfinden wie er, wir sind geliebte Kinder Gottes. "Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern." heißt es im Römerbrief.

Natürlich können wir nicht sein wie Jesus, aber ein Stück Himmel ist auch in uns. Wir sind getauft , und haben Gottes Geist empfangen "Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater!

So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.", heißt es ebenfalls im Römerbrief. Und auch wir sind aufgerufen, den glimmenden Docht nicht erlöschen zu lassen und das Geknickte Rohr nicht zu zerbrechen. Auch wir, die wir selbst oft am Rande der Verzweiflung stehen, können kraft der Liebe Jesu bei denen sein, die "zerbrochenen Herzens" sind. Dieser Tage hat mir ein junges Mädchen ein Gedicht in die Hand gedrückt, das sehr schön und sehr traurig ist:

Leichte Regenschauer
ziehen übers Land.
Die Wolken verdecken
den eben noch blau gewesenen Himmel.

Alles so dunkel, trübselig.

Vergleichbar mit einigen Seelen,
umherirrend von einem Ort
zum nächsten.
Immer auf der Flucht.
Leichte Regenschauer
ziehen fort.
Bald nicht mehr da,
vergessen im Universum.

Das Mädchen ist erst 16 und suchtkrank, Kind süchtiger Eltern. "Warum ist mein Körper noch hier, wo doch meine Seele längst gestorben ist?", hat sie gefragt. Ich habe versucht, ihr nahe zubringen, dass "leichte Regenschauer" nicht Weltuntergang oder Sintflut heißen, dass ihre Seele nicht vergessen im Universum ist, dass die Taube zurückkommt und ein Ölblatt im Schnabel trägt, dass es ein Licht gibt in der Finsternis. Nun bin ich nicht Jesus, und mir ist es nicht auf Anhieb gelungen, diesem Mädchen klarzumachen, dass Gottes Segen wie ein warmer Regen auf die durstige Erde fällt. Das Mädchen hat die Suchttherapie abgebrochen und ist irgendwo im Dunkel verschwunden. Sie hat mich zurückgelassen als hilflose Helferin, einen Packen Gedichte voller Not in der Hand. Ich hatte das Gefühl, hier ist ein glimmender Docht sehr nahe am Auslöschen. Und im Augenblick war ich wütend über meine Ohnmacht.

Solche Erlebnisse gibt es natürlich, und sie werden jedem von uns immer wieder begegnen. Wir werden oft erfahren, dass wir keine Wunder tun werden. Wunder werden nicht getan, zumindest nicht von Menschen. Sie sind da. Und wir können sie entweder wahrnehmen oder nicht, wir können nicht mehr und nicht weniger tun als anderen behutsam anzubieten, sie mit uns gemeinsam sehen zu lernen. So, wie Jesus den Himmel offen sieht, weil er sich selbst dafür geöffnet hat. Wir können versuchen, Licht zu sein und etwas Wärme abzugeben, aber wir sind dabei auch letztendlich immer wieder zurückgeworfen darauf, dass über allem, was wir tun, Gottes und nicht unser Wille steht. Wichtig ist daher nicht der Erfolg unseres Tuns, sondern das Motiv, das uns bewegt. Und dieses Motiv kann, wenn wir unsere Taufe wirklich als Erneuerung und Umkehr vom Weg des alten Adam begreifen, nur Liebe sein. Daran sollten wir denken, auch, wenn der Abgrund unter unseren Füßen sich zu öffnen scheint, wenn wir bis zum Hals im Wasser stehen und die Flut uns auch mal über den Kopf wächst, also dann, wenn wir glauben, auf unserem irdischen Weg gehe es nun senkrecht nach unten. Gerade dann wird der Himmel offen stehen und der Geist Gottes auf uns herabkommen. Wir müssen nur den Blick nach oben wenden. Dann werden wir begreifen, dass es nicht nur das Kreuz, sondern auch die Auferstehung gibt. Dann werden wir auch zu dem, was uns schwer und unbegreiflich scheint, was uns aber als Geschwister Jesu abverlangt wird, sagen können: "Lass es jetzt geschehen."

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