Mogelpackungen

Liebe Gemeinde!

Wohnung einrichten mit Feng Shui, Gymnastik mit Thai Chi und Meditation mit Chi Gong. Asiatische Lehren und Übungen sind in. Wer nicht asiatisch turnt, kocht und lebt, hat scheinbar etwas verpasst. Selbst vor Weihnachten machen diese Bewegungen nicht Halt. So war neulich in einem Volkshochschulheft ein Kurs angeboten: „Festliche ayurvedische Leckereien zu Weihnachten“. Klingt wie: „lasst uns froh und ayurvedisch sein“.

Wo das Problem ist, fragen Sie? Ayurveda, das ist eine alte indische Heilkunst und Selbsterlösungslehre. Und Weihnachten ist die Sache mit dem Christkind. Ich kann keine Lehre vom Bewusstsein des erfüllten Lebens aus dem Hinduismus mit der Geburt Jesu Christi verbinden, der auf die Welt gekommen ist, um uns Heil und Erlösung zu bringen. Entweder ich glaube das eine oder das andere, und kann nicht einfach esoterische oder sonstirgendwelche Heilslehren mit dem Weihnachtsfest vermischen.

Weihnachten feiern wir „das Geheimnis Gottes, das Christus ist, in welchem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig.“ So versucht es Paulus den Kolossern zu erklären.

In Kolossae, einer Stadt im Südwesten der heutigen Türkei, ist eine kleine christliche Gemeinde entstanden. Kolossae ist eine reiche Stadt an einer wichtigen Handelsroute und war außerdem bekannt für seine Tuch- und Wollindustrie. So kamen natürlich viele Fremde aus vielen Gegenden der damaligen Welt in die Stadt. Hin und wieder kamen auch manche der Reisenden in einem Haus von Christen unter. Man saß abends zusammen und tauschte sich aus über Neuigkeiten und die Sitten und Bräuche der verschiedenen Gegenden.

Eines Tages kamen ein paar Fremde, die den Christen in Kolossae erklärten: wenn ihr eure Gewohnheiten umstellt, dann wird eure gereinigte Seele in den Kosmos aufsteigen. In jedem Menschen liege noch ein Funke des göttlichen Lichtes, und wenn sich der Mensch von seinem anfälligen Körper heilen würde, könne er als halbgöttliches Engelwesen in die Lichtwelt zurückgleiten.

Einige Christen aus Kolossae, die auf diese neue Lehre mit Begeisterung abfuhren, fingen jetzt einen Streit an mit denen, die lieber fest im Glauben an Christus blieben. Ich kann mir schon vorstellen, wie das ungefähr abgelaufen ist: die einen beschimpfen die anderen als Hinterwäldler und zurückgeblieben und man müsse doch mit der Zeit gehen, man dürfe nicht so engstirnig sein, und es kann ja wohl nichts schaden, wenn man der Erlösung ein bisschen nachhilft … usw. — Paulus hat in diesen Streit eingegriffen. Er sagt: „Passt auf, dass euch niemand betrüge mit verführerischen Reden. Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegründet auf die Lehre von Menschen und nicht auf Christus.“

Uns werden heute vielerlei Mogelpackungen angeboten, die uns Heil und Leben für Leib und Seele versprechen. Viele Firmen springen auf den esoterischen Zug auf und verkaufen ihre Produkte ­ natürlich extra teuer ­ unter den Namen asiatischer Erlösungslehren wie Ayurveda, Feng Shui und anderen fernöstlichen Philosophien. Dabei ist es selbstverständlich etwas anderes, ob ich hin und wieder asiatisch esse, weil es mit schmeckt, oder ob ich konsequent meinen Lebenssinn und ?zweck auf eine hinduistische Erlösungslehre ausrichte. Wenn ich das tue, dürfte ich konsequenter Weise auch nicht mehr Weihnachten feiern. „Ayurvedisch weihnachtlich Kochen“ geht also nicht. Wie das zusammenpassen soll, weiß allein die Volkshochschule.

„Wie ihr nun den Herrn Christus Jesus angenommen habt, so lebt auch in ihm und seid in ihm verwurzelt und fest im Glauben. Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“, schreibt Paulus. „Christus ist das Geheimnis Gottes, in welchem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.“ Auf dieses Geheimnis Gottes lassen wir uns ein, wenn wir Weihnachten feiern. Und weil es ein Geheimnis ist, wie Gott in Christus auf die Welt kommt um uns zu erlösen, deshalb ist Weihnachten auch ein ganz besonders Fest. Es ist nicht erklärbar. Wir können nur wie die Hirten anbetend vor der Krippe stehen und staunen. Wir können gar nicht ermessen, wie groß diese Tat Gottes an uns ist. Wir können uns nur an dieses Geheimnis herantasten, indem wir z.B. die schönen Weihnachtslieder singen. Oder wenn wir in unseren Bräuchen und Traditionen das Ereignis im Stall von Bethlehem immer wieder lebendig und ganz nahe werden lassen.

Weihnachten bricht hervor wie ein himmlisches Licht aus der Nacht. Es ist etwas ganz besonderes. Und nicht wenige Menschen bezeugen, dass sie sich an Weihnachten als bessere Menschen fühlen. Weihnachten tut gut. Weihnachten macht sich Gott auf den Weg zu uns.

Gott setzt sich dieser Welt aus. Gott wird Mensch im Menschen Jesus Christus, dem Christkind. Das ist das Geheimnis. Gott nimmt die Bedingungen des Menschseins auf sich. Diese Bedingungen kennen wir zu genüge: dazu gehören die Freude, das Lachen, das Staunen, das Lieben ­ aber auf der anderen Seite auch das Leiden, die Krankheit, die Not und die Gewalt. Gott hat auf seine Unverletzlichkeit und seine Allmacht verzichtet, damit er uns nahe sein kann.

Christus ist als wahrer Mensch auf die Welt gekommen, ein Mensch wie du und ich. Und doch „wohnt in ihm die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“, wie Paulus schreibt. Das heißt, er ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Ganz Mensch, ganz Gott. Und an dieser Göttlichkeit Christi haben wir Anteil.

An Weihnachten selber ist das leicht nachzuvollziehen mit der Göttlichkeit Christi, in die wir mit hineingenommen sind. Wir singen mit den Engeln im Chor: „Gloria in excelsis deo, Ehre sei Gott in der Höhe“; unsere Augen leuchten im Kerzenschein; im Kreis der Familie und Freunde feiern wir stimmungsvoll. Da lässt sich überall etwas spüren von dieser Göttlichkeit, von diesem Herausgenommensein aus dieser Welt.

Aber was kommt danach? Was bleibt von Weihnachten, wenn der Rausch der Stimmung wieder verflogen ist, wenn uns die Welt wieder in ihrer Normalität einholt? Wir gehen unserer menschlichen Arbeit nach, wir leben unser menschliches Leben. Ganz normal. Meist ohne Glanz und Gloria. „Wie ihr nun den Herrn Christus Jesus angenommen habt, so lebt auch in ihm und seid in ihm verwurzelt und gegründet und fest im Glauben“, schreibt Paulus. In ihm liegen die Schätze der Weisheit uns Erkenntnis.

Nun, dann müsste doch die logische Schlussfolgerung heißen: „mach’s wie Gott ­ werde Mensch!“ Das soll jetzt nicht heißen, dass wir sein sollen, was wir schon sind. Nein. Es geht nicht um eine Selbstverwirklichung durch das, was schon in uns steckt. Letztendlich kann ich mich gar nicht selber verwirklichen. Denn die wichtigsten Dinge, von denen wir leben, können wir uns nicht selber machen, sondern verdanken wir anderen. Die Zuneigung von Menschen z.B., die Liebe, die Achtung, das Vertrauen, die Hilfe und Unterstützung.

Nein, es geht nicht um Selbstverwirklichung, es geht darum, es so zu halten wie Gott: „Werde Mensch!“ Gott hätte sich ja auch auf seinen Privilegien ausruhen können. Aber er tat es nicht. Er gab sie um unseret Willen auf, dass er uns nahe sein kann.

Mensch sein heißt: das, was ich kann, nicht für mich selber behalten um mich zu ­ wie auch immer ­ verwirklichen, sondern meine Fähigkeiten einzusetzen für andere. Weihnachten heißt: Gott sucht die Menschen, er geht auf sie zu. Und wir sollen’s ihm nachmachen, oder wie Luther einmal gesagt hat: „dem Nächsten ein Christus werden“.

Wenn uns das als Christen bewusst ist, dann bekommt das Weihnachtsfest eine noch tiefere Bedeutung. Dann können wir uns alle Jahre wieder an dem Gedanken freuen: Du bist Gott so viel wert, dass er, um dir nahe zu sein, sich mit Haut und Haaren dieser Welt verschrieben hat. Das ist der Schatz der Weisheit und der Erkenntnis. Und der liegt für uns in der Krippe in einem Stall in Bethlehem. Das Christkind. Jesus Christus.

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