Mittelpunkt des Lobens

Ein Loblied aus einer nicht gerade angenehmen Zeit des judäischen Volkes, als dieses im babylonischem Exil lebte und diese Jahre als Zorn Gottes und des Gerichtes ansah. Das Volk Israel war entwurzelt worden und mußte in der Fremde leben. Ein Loblied aus einer nicht gerade angenehmen Zeit des judäischen Volkes. Ein Loblied zur Ehre Gottes erklingt inmitten einer unangenehmen Zeit, von der niemand weiß, wann sie zu Ende ist. Der Autor dieses Lobliedes hat kein eigenes Gotteswort zu Verfügung und er erwähnt auch nicht im Geringsten, dass ihm diese Prophezeiung aufgetragen wurde.

Liebe Gemeinde, auch in unserem Leben dreht sich vieles um das Thema Loben und Danken. Das Preisen und Singen, das Loben und Danken ist niemals ausgestorben. Und es wird auch niemals aussterben, denn es gibt keinen Sieg ohne ein anschließendes Lob. Und es gibt kein Ende von Krieg, einer Hungersnot, ganz gleich von welchen Schwierigkeiten auch immer, ohne dass ein Dank, ein Lob, ein Preisen über die Überwindung ausgesprochen wird. Ein echtes Lob kann nur dann erfolgen, wenn die Zeit der Bedrückung, der Trauer, der Verzweiflung einen Hintergrund hat. Und aus einem schweren Schicksal erfolgt doch eine Wende zum Gutem.

Es gibt tausend Dankbarkeiten, in denen wir leben und jeder von uns kann diese mit Sicherheit aufzählen. Und doch, kann die Dankbarkeit jetzt, in diesem Augenblick verschwinden. Ein Unglück kann alles zerstören. Leid kann sich häufen, Angst schleicht sich in die kleinen Dankbarkeiten des Alltags. Die Resignation lähmt all unsere Träume. Dann kann ein Lob- oder Danklied auf die Nerven gehen. Ein Lob und Dank an Gott gerät dann außer Sicht. Und wenn alles zu Ende ist, dann ist auch der Dank und das Loben am Ende. Und wenn der Zorn eines anderen über uns hereingebrochen ist und wir am Boden zerstört sind, wie reagieren wir dann? Werden wir etwa aggressiv oder fallen wir noch tiefer in Depressionen? Oder suchen wir dann die Ablenkung im Danken und Loben?

Können wir für eine Strafe dankbar sein? Diesen Eindruck vermag ich nicht ganz wegzuwischen. Ich denke hier an den winselnden Hund unserer Nachbarn, der sich in dem Moment des Bestraftwerdens unterwirft und doch seine Trauer und auch Liebe zeigt. Und wir liebe Gemeinde? Was machen wir, wenn uns ein Unglück aus unserem gewohnten Leben reißt? Uns fehlen dann buchstäblich die Worte, wenn wir von unserer eigenen Lebenssituation gefangen sind. Wir verstummen. Wir verschwenden nicht mal einen Gedanken daran, die Situation positiv einzuschätzen. Denn Danken oder Loben zu müssen ist peinlich und eine Instanz, die dann das Lob und den Dank entgegennimmt ist einfach lächerlich. Dankenmüssen ist Unsinn. Sind wir etwa mit unserem Danken am Ende? Es kann zu einer Krise kommen, in der dann alle Werte und Sicherheiten ins Wanken geraten. Dann versuchen wir zu retten, was zu retten ist. Und viele von uns wenden sich von Gott ab. Braucht Gott unsere Dankbarkeit, unseren Dank, unser Lob? Wozu denn danken und loben für etwas, was wir uns verdient haben? Wozu danken und loben für etwas, was wir uns sich nicht verdient haben, was wir umsonst bekommen? Geraten wir dann nicht in eine Abhängigkeit vom Anderen, müssen wir da nicht wieder geben?

Liebe Gemeinde, wir müssen Gott für alles dankbar sein – für jeden neuen Morgen, für das Gespräch, welches wir gestern hatten, für eine bestandene Prüfung und da wir uns nie ganz so sicher sind, für die Gesundheit, für das Leben, für die Eltern, für die Kinder, für die Freunde, für die Liebe, das Glück und für das Wissen und Nichtwissen. Ja, auch für das Nichtwissen, denn daran erkenne ich, dass ich nur ein Mensch bin. Das Loben und Danken gehört zu meinem Leben. Wo geschieht Danken und Loben? Ganz sicher dort, wo etwas geschehen ist und das Danken und Loben hervorbringt. Eine kritische Situation hat sich zum Guten verändert. Dies ist ein Anlass für Dank und Lob. Der Zorn ist vorübergegangen, sagt uns der Predigttext heute. Die Bedrohung ist vorbei und die Angst überwunden, dass Dank und Lob nicht nur aus der Erinnerung lebt. Lob und Dank leben, weil etwas Neues begonnen hat.

Liebe Gemeinde, oft erkennen und verstehen wir Gottes Wege nicht. Besonders dann nicht, wenn diese ins Dunkle führen. Dann stehen wir, wie vor einem verschlossenem Vorhang. Die einen von uns wenden sich dann von Gott enttäuscht ab. Andere aber von uns kämpfen dann mit allen Mitteln dagegen an und andere wiederum werden sich zu stiller Duldung mahnen lassen: Gib dich zufrieden und sei still! Wo bleibt da noch Platz für einen Dank, für ein Lob für Gottes Zorn? Viele von uns vergessen ja schon den Dank für Gottes Güte. Und wenn Gott im Zorn straft, dann sind alle Dank- und Loblieder zu Ende. Ist es nicht so, dass Gottes Zorn etwas mit Schuld zu tun hat? Ist es nicht so, dass Gottes Zorn etwas mit unserer ganz persönlichen Schuld zu tun hat, die wir gerne bei Seite schieben und auf andere abwälzen? Jesaja reagiert anders, er kann Danken und Loben. Denn sein Lob und Dank kommt daher, weil ihm der Vorhang beiseite geschoben wurde. Was er da sieht, das wird und nicht berichtet. Vielleicht sieht Jesaja, dass Gottes Zorn berechtigt ist, und er beugt sich unter diesem. Jesaja kann ja sagen zu den Heimsuchungen Gottes, weil er dahinter die heimsuchende Liebe Gottes erblickt. Ich kann mir auch denken, dass da Jesus am Tempelfest auftritt, als gerade dieser, unser heutiger Predigttext oder ähnliche Texte aus Jesaja verlesen werden. Und Jesus ruft: Her zu mir! Wer Durst hat, soll trinken!

Seit Jesu Auftreten muss nicht mehr in den Quellen der Väter das Heil gefunden werden und die Prophezeiungen Jesajas müssen nicht wiederholt werden. Wer Jesus kennt, liebe Gemeinde, weiß es besser als Jesaja: unsere Schuld ist am Kreuz bezahlt und gelöscht worden. – Danke dafür! Jesus ist der neue Mittelpunkt des Lobens und des Dankens geworden. Durch ihn, mit ihm und in ihm geschieht nun alle Ehre und Verherrlichung des Vaters.

drucken