Mit unserer Tat und mit unserem Wort …

Liebe Gemeinde!

1994 war’s im brandenburgischen Heiligengrabe. Dort, im Kloster zum Heiligen Grabe kamen dreißig Pfarrerinnen und Pfarrer aus Brandenburg und aus Baden zusammen. Es war das zweite von vier Treffen nach der Wende, in welchem man einander kennen lernen, sich Biographien erzählen, Lebens- und Werdensgeschichten von Menschen und Kirchen in Ost und West verstehen lernen wollten – wir wollten ja nicht nur ein Volk in einem Staat, sondern auch eine Kirche sein.

Das Thema des Treffens "Kirche auf dem Marktplatz der Möglichkeiten." Dabei war nicht an den "Markt der Möglichkeiten" auf unseren Kirchentagen mit ihrem Hin und Her gedacht, sondern daran, dass die Kirchen sich im Konzert der weltanschaulichen Stimmen der Gegenwart positionieren sollten.

Wiewohl in der Idylle Brandenburgs kaum hörbar ist dieser Markt der Möglichkeiten ja durchaus vorhanden – ein Blick in die Fenster von Buchhandlungen, esoterischen Geschäften, das Ende der Anzeigen im Mittwochsmarkt zwischen "Tiermarkt" und "Anette aus Polen" reicht: Von Astrologie über Bibeltelefon bis Zen ist das ganze Spektrum wöchentlich neu abgedeckt. Die VHS in Rottweil – oder war es Balingen – bietet im letzten Herbst ein Seminar über "ayurvedische Weihnachten" an.

Die Konfessionsvermischung in unserer Gemeinde an sich ist nichts Schlimmes, sie kann so sehr bereichern; doch die Sprachlosigkeit beim zumindest gedachten Versuch – in Wirklichkeit findet er ja selten oder nie statt -, über die Herkunft des eigenen Gottvertrauens zu sprechen, ist verheerend. In Heiligengrabe also die Aussage "Wir müssen auf dem Markt der Möglichkeiten – der weltanschaulichen – Möglichkeiten unseren eigenen Stand aufbauen und antreten." –

Unbehagen. Gegenstimmen. Und dann wieder die Meinung "Kirche ist doch kein Nischenprodukt – wir müssen raus aus den Kirchen und zu den Menschen." Die das so sagten, hatten die besseren Argumente auf der Hand – hatte nicht Jesus selbst gesagt "Geht hin in alle Welt, macht zu Jüngern alle Völker, tauft sie auf den Namen des Vater und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie halten alles, was ich Euch befohlen habe." – ?

In mir selbst bei aller Einsicht – und der Frage: "Wer geht denn dann tatsächlich raus aus der Kirche? Der Pfarrer mit einer Handvoll Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – mehr sind’s doch nicht, die sich dann wirklich trauen." Na, das kann ja was werden.

Das Bild von einem Marktstand tauchte vor meinem inneren Auge auf. Neben unserer Kirche rechts eine östliche Religion, der Geruch von Räucherstäbchen in der Luft und eine Buddhastatue im Blickwinkel des Auges, auf der anderen Seite ein amerikanisch eingefärbter Strang der Charismatiker, rosa und mit Glitzer aufgepeppt, gegenüber stehen zwei Zeugen Jehovas mit dem Wachtturm in der Hand zwischen zwei Ständen – und da unser Stand in dezenten Grautönen. Marktschreier wie die Fischverkäufer auf den Märkten "… und hier noch etwas gutes Karma drauf" – und nun erheben wir auch unsere Stimme und buhlen um die Gunst der Kunden.

Das soll’s sein? – Das kann’s doch wohl nicht sein. Die Einladung in die versöhnende Liebe Gottes kann doch nicht herausgebrüllt werden. Und wenn ich brüllte, was sollte dann so laut rausgeschrien werden: Das Gericht – das kann ich mir vorstellen – aber das Kind in der Krippe? Der Mann, der sich anderen freundlich zuwendet? Das Licht der Welt – wie soll’s denn im Gelichter der Spots und der Lichterketten sichtbar werden?

Gott selbst – unter allen Göttern dieser Welt der lebendige Gott, so jedenfalls sagen’s die Christen, wenn sie’s denn sagen, geht da einen anderen Weg: "Mein Knecht – ich halte ihn – und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. 2 Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen."

Er, Gott, nicht im Chor der Schreihälse. Er, Gott, weil er Gott ist, verzichtet auf Zeitungsbeilage, bunte Deko, Werbespots im Fernsehen und einen möglichst schrägen Stand, um sich von der Konkurrenz abzusetzen. Ganz klein und am Rande kommt er zur Welt – ein Kind, dass noch keine Worte machen kann, angewiesen. Ein bescheidenes, ein ruhiges Licht, dieses Licht der Welt – und der Stern: nicht zu vergleichen mit den Sternchen und blinkenden Standbeleuchtungen. Und dann lebt dieses Kind, wächst, wird zum Mann, stellt sich in der Taufe allen sichtbar zu Gott, geht seinen Weg, sucht, findet, beruft Menschen, die den Weg ein Stück weit mit ihm teilen, lebt ein Christsein der Tat, wird so bekannt als der, der heil macht, der Heiland – und dann, auf sein Leben befragt, die Worte: "Freuen können sich, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, die Leid tragen, …" "Gleich wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich Euch …" Eine ganz andere Werbestrategie: Gewaltlosigkeit "das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen ", behutsam-zärtliche Achtsamkeit "den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen", Treue und Belastbarkeit "In Treue trägt er das Recht hinaus." Am Kreuz – und ist ins Leben auferstanden und zum Vater aufgefahren.

Er ist das Vorbild – und er hat Sie und mich bevollmächtigt, Abbilder zu sein, wie Menschen seit der Schöpfung dazu gedacht sind, Abbild Gottes zu sein – einerlei, was sie daraus gemacht haben: Abbilder behutsam-zärtlicher Liebe, Treue, Achtsamkeit.

Und wir? Sind eingeladen, uns an seinem Licht zu wärmen, es uns hell werden zu lassen – und das Licht dann weiter zu tragen mit unserer Tat und mit unserem Wort – und mit dem Vertrauen auf seine feste Zusage: "Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen." Und so gehen wir aus diesem Gottesdienst und leben diese Woche. Das lassen wir uns nicht nehmen – und geben es mit unseren Leben weiter.

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