Mit sechs Handgriffen in den Himmel?

Liebe Gemeinde,

<b>- Mt 25 als Patentrezept? -</b>
In meinem Briefkasten liegen immer wieder allerlei seltsame Werbeprospekte: Der eine möchte mir ein Buch verkaufen, in dem 1000 ganz legale Steuertricks stehen.
Der andere verspricht mir 50 Tips für mehr Erfolg bei den Frauen. Und noch einer machts ganz kurz: In zehn Schritten zum Millionär! Unser Predigttext schaffts noch kürzer: Mit sechs Handgriffen in den Himmel.

Am Montag wird ein Hungriger gespeist. Am Dienstag bekommt ein Durstiger etwas zu trinken. Am Mittwoch lasse ich einen Fremden auf meinem Sofa übernachten. Am Donnerstag bekommt die Altkleidersammlung einen Pullover für das nackte Negerkind. Am Freitag schau ich kurz im Krankenhaus vorbei und besuche meinen Nachbarn
Und am Samstag zappe ich zur SAT1-Serie "hinter Gittern", und absolvierte damit meinen Besuch im Gefängnis.
Guten Mutes kann ich dann am Sonntag meinem Gott sagen: Ich habe alles getan, was im Predigttext bei Matthäus verlangt ist. Hiermit beantrage ich den Stammplatz im Himmel.

So einfach wäre es doch wunderbar. Mit sechs sozialen Kleinigkeiten wäre die Frage mit Himmel und Hölle, wäre die ganze Unsicherheit, ob mein Leben vor Gott Bestand hat, elegant gelöst. Ich merke: So eine Theorie hat sehr viel schönes und beruhigendes an sich. Dummerweise hat sie einen Makel: Sie stimmt und vorne nicht.

<b>- Der ent-scheidende Punkt -</b>
Werfen wir einen Blick auf diese Szene, die Jesus hier erzählt: Da kommen die Völker zum Gericht. Alle wissen: Jetzt ist die Stunde der Wahrheit. Und so mancher wird sich überlegt haben, was er vor dem Richterstuhl vortragen könnte. Vielleicht hat der eine oder andere auch schon ein kurzes anwaltliches Plädoyer in der Hosentasche. Aber dann kommt es anders: In dieser Erzählung Jesu gibt es keine Anhörung in der ausführlich das Für und Wider, die guten und schlechten Taten, die Spenden, die Opfer oder der Gottesdienstbesuch gezählt wird. Vielmehr wird einfach zwischen zwei Gruppen geschieden: Die einen zur Rechten, die anderen zur Linken. Und der Weltenrichter, der Menschensohn, blickt in fragende Gesichter: Warum sind gerade wir auf dieser Seite gelandet und nicht auf der anderen? Wir hätten doch gerne auch ein Wörtchen mitgeredet!

Die Antwort des Weltenrichters ist eine scheinbar banale: „Ich bin euch einmal begegnet – In der Form der Hungrigen, der Durstigen, Fremden, Nackten, Kranken und Gefangenen. So habe ich euch besucht. Und entsprechend eures Verhaltens habe ich euch jetzt auseinander sortiert.“ So einfach geht’s!

Geht es wirklich so einfach? Ist unser Evangelium von heute wirklich die Anleitung: „Mit sechs Handgriffen in den Himmel?“

Ich glaube nicht: Der springende Punkt liegt in dem kleinen Sätzchen derer, die gerettet werden: "Wann haben wir dich denn hungrig gesehen und dir zu essen gegeben?…" Ja: Sie haben es da nicht gemerkt! Die Geretteten hatten keine Liste mit den sechs Handgriffen um den den Himmel zu kommen. Sie haben einfach ihr Leben so geführt, wie sie es als Christen als richtig und sinnvoll erachtet haben. Und darum unter anderem eben auch Hungernde gespeist, Kranke besucht und Fremde aufgenommen. Die Schlüsselfrage in diesem Gericht hatte keiner vorher auch nur erahnt!

<b>-Worauf kommts an: Mein Tun oder mein Glaube ? -</b>
Liebe Gemeinde, wonach hat der Richter entschieden? Ich möchte behaupten: Es ist nicht das allgemeine soziale Handeln gewesen. Sondern es war das Verhältnis zu Jesus Christus. Denn er sagt in seinem Urteilspruch: „MIR habt ihr gegeben, MICH habt ihr besucht. Nicht Hinz und Kunz, sondern MICH selbst habt ihr durch euer Verhalten versorgt . Und das ist dadurch geschehen, dass ihr den Hilfsbedürftigen zur Seite gesprungen seid.“ Offensichtlich kann ich die Liebe zu Jesus Christus und die Liebe zu den andern Menschen nicht trennen. Ich kann nicht zu Jesus sagen: "Komm Herr Jesus, sei du unser Gast" und zugleich einen Hungernden eine Mahlzeit verwehren. Denn damit hätte ich diesen Herrn Jesus eben wieder ausgeladen. Mein Verhältnis zu Jesus und mein Verhalten gegenüber den Menschen gehören zusammen. Das wird hier ganz deutlich.

Ich könnte es auch so formulieren: Mein Handeln ist immer Ausdruck meiner inneren Einstellung. Darum ist mein christliches, den den Nächsten liebendes Handeln auch Ausdruck meines christlichen Glaubens. Plakativ gesagt: Wo Glaube drin steckt, kommt Nächstenliebe heraus.

Und darum muss ich als lutherischer Theologe auch vor dieser Geschichte keine Angst haben: Denn oft grübeln wir nach, ob in dieser Geschichte vielleicht doch nur das soziale Handeln der Menschen beurteilt wird, und der Glaube plötzlich gar nicht gefragt ist. Nein – der Glaube spielt eine zentrale Rolle in dem Handeln der Menschen vor dem Richter:
Wo der Glaube an Jesus Christus die Menschen dazu angetrieben hat, sich um die andern zu kümmern, da war auch klar, wohin ihr Weg in diesem Gericht sie führen wird.

Unseren wichtigen – lutherischen – Glaubenssatz dürfen wir auch 14 Tage nach dem Reformationstag festhalten: Vor Gott werden wir zu allererst nicht wegen unsere guten Werke, sondern aus unserem Glauben an Jesus Christus heraus gerecht gesprochen.

<b>- Aber aber aber ! -</b>
Aber: Ich möchte dieser biblischen Geschichten nicht dem gewissen Pfiff nehmen, den sie ohne Zweifel hat: Mehr als viele andere stupst sie mich mit meiner Nase auf mein Verhalten. Sie regt mich an, über mein Leben und meinen Umgang mit anderen Menschen nachzudenken, gerade vor dem Hintergrund des Glaubens, der doch mein Leben prägen soll. So können diese sechs Handlungen durchaus ein Spiegel sein, in dem ich nachsehen kann, auch mein Glaube sich denn auch noch angemessen nach außen sichtbar macht und spürbar wird.

Wie ist das mit den Hungrigen und Durstigen? Nehme ich sie noch wahr? Oder bin ich schon abgestumpft gegenüber der Not und dem Leid in vielen Ländern unserer Welt. Lassen mich die Berichte über das Elend mancher Menschen schon richtig kalt? Ist es vielleicht doch allzu abgebrüht, wenn ich manche Spendenbriefe gar nicht erst aufmache, weil ich weiß, das mich darin Bilder von hungernden Kindern ansehen werden?

Wie ist das mit dem Fremden? Bin ich noch bereit, auf Menschen zuzugehen, die mir fremd sind? Weil sie aus anderen Ländern kommen, eine andere Sprache haben oder eine andere Lebenseinstellung besitzen als ich. Sind sie dennoch willkommen, oder lasse ich sie links liegen, weil ich mir selbst genug bin und meine die anderen nicht zu brauchen?

Wie ist das mit den Nackten? Wenn da einer im Gespräch auf der Straße förmlich ausgezogen wird, weil man über ihn herzieht. Weil er gar nicht dabei steht und weiß, was da über ihn verbreitet wird, ist er ja völlig nackt und wehrlos in dieser Situation. Wie oft bin ich bereit, in so einem Gespräch den Mantel der Barmherzigkeit zu ergreifen indem ich den Lästerern Paroli biete.

Wie ist das mit den Gefangenen? Bringe ich die Energie auf, auf Menschen zuzugehen, die in ihren Problemen gefangen sind, die nicht von selbst auf mich zugehen können, sondern wo ich mich mühsamzu ihnen hindurcharbeiten muss. Bin ich geduldig, bis sich vorgelassen werde – oder sage ich vorschnell: Dann eben nicht … dann musst du halt selber schauen wie du zurechtkommst.

Wie ist das mit den Kranken? Habe ich noch das Gespür, zu entdecken, wo Menschen die sonst so stark und selbstständig sind, doch plötzlich meine Hilfe oder ein Gespräch mit mir brauchen? Stehe ich da zur Verfügung? Bringe ich den Mut auf, da ganz viel Energie für einen anderen Menschen zu verwenden. Energie und Zeit, ich auch gut für mich selbst gebrauchen könnte?

Manchmal ist mein Handeln eben auch ein Spiegel meines Innersten. Darauf stoßen mich diese Fragen ganz deutlich.

Ich weiß nicht, wie es genau aussehen wird, wenn der Christus als Weltenrichter sein Urteil fällen wird. Vielleicht wird er auch Fragen stellen, auf die wir gar nicht gefasst sind. Aber aus meiner Bibel ziehe ich die Gewissheit: Wenn ich als Christ mein Leben im Glauben führe, im Vertrauen auf Jesus Christus, dann brauche ich vor dem Gericht eigentlich keine Angst haben: Wo ich aus dem Glauben heraus handle, da ist es eigentlich Jesus selbst, der mein Handeln bestimmt. Da kann es doch keine bösen Überraschungen geben.

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