Mit Missverständnissen aufräumen

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

wir sollten wohl mit einigen Missverständnissen erst einmal gründlich aufräumen. Das erste ist ein ganz altes Missverständnis, nämlich dass das Volk letztlich Brot und Spiele nicht nur will, sondern braucht, nötig hat. Die Masche ist nicht neu, es gab sie vor, neben und nach Jesus, aber sie ist damals wie heute gleich falsch oder gefährlich. Gib dem Volk nur genügend zu essen und etwas zur Abwechselung und zur Beruhigung, dann ist alles andere egal. So haben schon die alten Cäsaren in Rom versucht, abzulenken vom Unrecht ihrer Herrschaft, in dem sie den Menschen Brot und Spiele gaben und so haben es Herrscher, Machthungrige, Diktatoren aber auch Politiker in Demokratien immer wieder versucht, so das Volk auf ihre Seite zu bringen. Und es hat oft genug funktioniert unter verschiedensten Namen und sei es wie in der ehemaligen DDR als Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik oder in der alten Bundesrepublik als uneingeschränkte Glauber an die Heilung aller Nöte durch Wachstum und Wirtschaftswunder. Wann wird wohl bei uns heute wieder einer auftreten und angesichts der immer drängender werdenden Probleme auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, einer größer werdenden Armut besonders unter kinderreichen Familien dem Volk Brot und Spiele mit einfachen Rezepten und einfachen Antworten versprechen und Menschen finden, die ihm glauben und folgen ? Als Jesus den Menschen in ihrer Not Brot und Fische in Fülle gegeben hat, soviel wie jeder wollte, da hätte er sich sofort, spätestens am nächsten morgen zum König machen lassen können. Das lag in der Luft, das hätte in das alte System gepasst.

Aber Jesus flieht vor dieser allzu menschlichen Versuchung. Das sollte uns für alle Zeit eine Warnung sein.
Mit einem zweiten Missverständnis muss auch aufgeräumt werden, als ginge es bei der Speisung der 5000 nur um einen Appell an unser Gewissen und unsere Bereitschaft, weiter und intensiver bei „Brot für die Welt“ mitzumachen.

Aus einem Wunder eine moralische Anspruchsgeschichte zu machen, wäre der einfachste Weg von der Anstößigkeit einer Geschichte abzulenken, die wir nicht nachvollziehen können, weil in unserem Weltbild für solche Wunder kein Platz ist. „Wenn wir nur wie der Junge alles teilen, was wir haben, dann werden alle satt und es bleiben Reste im Überfluss“ ist zwar zutiefst wahr und evangelisch, steht aber in der Gefahr, christlichen Glauben in Moral aufzulösen, unser Glaube ist mehr als nur eine gute ethische Gesinnung, als Menschen- und Weltfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Aber dazu später mehr.

Aber genauso groß ist das genau entgegengesetzte Missverständnis, dass ich mich mit dem Gedanken beruhigen kann: hier ist für mich doch nichts zu tun. So haben die Jünger gedacht: So viele Menschen, so wenig Möglichkeiten: 200 Silbergroschen, fünf Gerstenbrote und zwei Fische, das ist nichts bei der Größe des Problems. Wir können nichts tun.

Ich denke wir alle kennen den fälschlich beruhigenden Gedanken „ da kann ich doch nichts tun und ändern“
Das Wunder der Brotvermehrung kann uns sehr wohl lehren, das Unmögliche einfach zu wagen und zu tun auf Hoffnung hin und sich mit dem hilfreichen Augenblick zufriedenzugeben, so wie Jesus nicht den Hunger der Welt mit einer Aktion stillt, sondern den Hunger der Menschen, die ihm an einem ganz konkreten Tag an einem ganz konkreten Ort gefolgt sind , egal ob sie morgen wieder hungert oder wieder dürstet.

Was bleibt aber , wenn alle Missverständnisse aus dem Weg geräumt sind?

Eine Geschichte mit der wir gar nichts mehr anfangen können, weil alle Brücken, sie in der Gegenwart zu lesen und zu verstehen abgebrochen wurden? Das glaube ich nicht. Es bleibt die Einsicht, dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen, sich nicht mit dem ersten Eindruck zufrieden zu geben.

Natürlich thematisiert Johannes das Problem „Hunger“ auf ganz besondere Weise und wie soll ich daran vorübergehen, dass die ältere Generation unter uns sehr wohl weiß, was Hunger bedeuten kann, wie das ist, wenn sich alle Gedanken und alles Handeln reduzieren auf das eine Stück Brot in der Hand, während wir Jüngeren Hunger uns überhaupt nicht vorstellen können. Wie soll ich daran vorübergehen, dass wir in der reichen westlichen Welt den Überfluss verwalten und vernichten, während an vielen Orten das alltägliche Brot fehlt, eine Handvoll Reis, wenn es denn viel ist, das ganze Auskommen eines Tages ist.

Aber das ist noch nicht alles. Gerade in unserer reichen Überflussgesellschaft entdecken immer mehr Menschen, dass Wohlstand allein kein ausreichender Lebensinhalt ist. Die Bibel weiß das schon lang, Menschen müssen es immer erst wieder entdecken: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes kommt.

Letztlich geht es genau darum und es geht um entscheidende Lebensfragen. Es sind Kleinigkeiten, kleine Beobachtungen am Rande. Ich will nur zwei herausgreifen:
Es ist also Abend geworden, Jesus hat die Not der Menschen und die Ratlosigkeit der Jünger gesehen. Die Menschen sollen sich lagern und dann nimmt Jesus das Brot und die Fische und genau wie er es bei seinem letzten Mahl mit den Jüngern tun wird, dankt er Gott für das Wunder des Brotes, für das Wunder , das die Arbeit der Menschen Brot aus der Erde wachsen lässt und teilt aus, so als ob er der Gastgeber ist. Wenn es also ein Wunder zu bestaunen gibt, dann ist es das Brot an und für sich, das Wunder des Wachsen und Gedeihens – und wie Jesus dieses Brot in seinen Händen hält und wie er es in diesem Augenblick den Menschen weiter gibt.

Am nächsten Tag stellt er sich den Leuten, die ihn so gerne zum König machen würden, weil er Brot in Fülle verkörpert und dann sagt er ihnen, worum es eigentlich gilt: Ich bin das Brot des Lebens, wer zu mir kommt, wird nie mehr hungrig sein und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.

Lebenshunger ist sein Thema, dieses Gefühl, da muss es doch irgendetwas geben, was mein Leben ausmacht, was meinem Leben Sinn gibt, was es unverwechselbar macht. Lebenshunger ist das Thema unsere Zeit, nur dass er bestenfalls oberflächig gestillt wird und in Augenblicken der Stille schnell zurückkommt. Jesus verheißt dem, der glaubt, der mit seinem Leben Vertrauen auf ihn setzt, dass dieser Hunger gestillt wird, dass das Leben selbst zur Ruhe kommt. Wenig später sagt er noch einmal: ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot ist, der wird in Ewigkeit leben.

Es geht also um noch mehr als um den Lebenshunger, es geht um die letzte Frage, die sich uns stellt, die alles entscheidende und letztgültige Frage nach unserem Leben im Angesicht des Todes: du wirst leben über den Tod hinaus. Das ist die letzte Antwort unseres Glaubens jenseits aller Moral, die uns geschenkt und anvertraut wird.
Und zwar genauso wie damals am Ufer des Sees von Tiberias, wenn wir heute Abendmahl miteinander feiern.

Anvertraut in der Gestalt eines Stückes Brot und den Worten desjenigen, der es austeilt: ich bin das Brot des Lebens, ich stille Lebenshunger, ich schenke Leben, das mehr ist als die Zeit zwischen Geborenwerden und Sterben – ewiges Leben.

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