Mit Josef mitten in die Heilsgeschichte

Liebe Gemeinde hier am Heiligen Abend,

Josef stand immer schon am Rand. Ist ja auch „nur“ der Stiefvater des Gotteskindes. Aber doch ist er mittendrin im Weihnachtsgeschehen. Matthäus räumt ihm fast sogar eine Hauptrolle ein. Zunächst gibt es beinahe eine menschliche Tragödie. Josef ist zutiefst verunsichert und sicher auch verletzt. Seine Frau wird schwanger und er ist nicht der Vater. Kein Wunder, dass er sich still und heimlich davon machen will. Auch wenn er Skrupel hat, denn eine uneheliche Mutter damals war einfach eine Schande und wurde entsprechend behandelt. Hin und her schwankte er zwischen seinem Stolz und seiner Verantwortung und Liebe. Bis er dann hineingenommen wurde in die weihnachtliche Heilsgeschichte. Gott selbst schickt ihm einen Boten und der überzeugt ihn im Traum vom Kind. Davon, dass es mit diesem Kind nämlich etwas ganz besonderes hat, dass mit diesem Kind das Volk Gottes gerettet wird und dass dieses Kind der Immanuel sei, also der Träger der frohen Botschaft „Gott-ist-mit-uns“. So weiß Josef, was er zu tun hat. Er steht zu seiner Familie, adoptiert das kleine Kind und gibt ihm einen Namen.

Vom Rand in die Mitte des Heilsgeschehens. Ein Weg, der es in sich hat für Josef – und auch für uns. Er lässt seinen Stolz und seine Verletztheit beiseite und stellt sich in den Dienst des Kindes. Und bringt somit das Heil für die ganze Menschheit in die Geschichte.

Zuerst sah es ja gar nicht so aus, als würde Josef wirklich gebraucht. Aber dann wird gerade er ausersehen, dem kleinen Kind den Schutz und die Geborgenheit einer Familie zu geben. Plötzlich wichtig für das Heil der Welt – ein Zimmermann, ausersehen, die Rettung des Volkes Gottes mitzubauen.

Nicht mehr und nicht weniger ist auch das Wunder von Weihnachten, liebe Gemeinde. Was unwichtig erscheint in unserer Welt, ist wichtig bei Gott, was klein ist, wird groß durch Gottes Handeln, wo Menschen am Rand stehen, nimmt Gott sie mitten hinein in sein Heil. Josef ist da das beste Beispiel. Der Evangelist Matthäus braucht also keine Engelschar, die jubilierend vom Himmel singt, keine Krippe, keine Hirten, er braucht nur den Zimmermann Josef, der sich selbst überwindet und dem Gotteskind zum Vater wird, damit es Weihnachten wird. Jenseits allen Glänzens, allen Triumphes, allen Lobgesängen folgt einer dem Ruf Gottes und es wird Weihnachten.

Und wir? Auch wir kommen heute wie Josef ja nicht unbeladen zu Weihnachten. Vielleicht ist ja für manche von Ihnen es das erste Fest, bei dem ein lieber Mensch fehlt und das stimmt sie traurig; möglicherweise hat ja der eine oder die andere von Ihnen Angst vor der Stille, die nach dem Fest eintritt, weil man alleine feiern muss oder weil in Familien das Gespräch sowieso schnell verebbt; oder es könnte sein, dass bei manchen das Fest derart in Traditionen und Erwartungen erstarrt ist, dass sie hoffen, es gehe schnell vorbei.

Und all die Ängste und Sorgen, die uns Tag für Tag eh begleiten, hören mit Weihnachten nicht einfach auf, etwa so: wie soll´s nur weitergehen, bekomme ich Arbeit, wird bald Krieg sein usw. Wie gerne würde mancher da so wie Josef zu Beginn unseres Textes sich still und heimlich aus dem Staub machen, weg von Weihnachten, weg von den Sorgen, weg vom ständigen Streit, weg von der Leere. Und unsere Art und Weise, wie wir das Fest feiern, bietet ja so manche kleine Fluchten, die vollen Reisebüros und Kaufhäuser sind dafür nur ein Zeichen.

Aber Gott lässt uns einfach nicht los, werte Gemeinde. So wie er Josef nicht einfach ziehen lässt, weil er ihn braucht, so will Gott auch uns nicht ziehen lassen. So wie er Josef überzeugt mit seinem Wort, will Gott auch uns überzeugen. So wie er Josef braucht, um sein Heil alltäglich werden zu lassen, will Gott auch unseren Alltag heil machen. Josef kann uns dafür ein Leitbild werden, damit es auch für uns heute wirklich Weihnachten wird.

Josef glaubt ja, dass das Heil Gottes persönlich ist. In Fleisch und Blut ist der Retter gegenwärtig in Gottes Volk. Gott wird ein Mensch, mit genau den gleichen Bedürfnissen, Freuden und Grenzen, die wir haben. Ja, Gott ist wahrlich mit uns. Er ist begreifbar geworden, er ist kein Gott, der irgendwo oben in für uns unerreichbaren Sphären thront. Mitten unter uns ist er gekommen. Gott ist sozusagen einer von uns geworden und macht uns so frei. Frei von der Angst, im Leben ständig etwas zu verpassen, weil es irgendwann ein Ende hat; frei von der Neigung, sich alles selbst erarbeiten zu müssen, da einem nichts geschenkt wird; frei von dem Drang, jeden Tag Masken tragen zu müssen, um anerkannt zu werden; frei auch von dem Zwang, alles richtig machen zu müssen, weil niemand einem vergibt. Diese Freiheit ist das Weihnachtsgeschenk des Immanuel an alle Menschen. Mit ihm gemeinsam dürfen wir als Kinder Gottes leben, seinem Kommen dürfen wir vertrauen. Ihm können wir alles abgeben, was auf uns lastet – auch heute am Heiligen Abend 2002. Wer dem Kind vertraut, für den wird es Weihnachten – mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele. So wie es Josef tat, er ließ sich von Gottes Engel die Wahrheit sagen und vertraute dem Kind sein weiteres Leben an. Dieses Vertrauen hielt ihn bei der Stange und er konnte tun, was notwendig war für Maria und ihr Kind.

Ja, Josefs weihnachtliches Vertrauen zu dem Kind Jesus ließ ihn Mauern überwinden, die in ihm waren. Aus dem verletzten Mann wurde ein verantwortlicher liebevoller Vater und zugewandter zärtlicher Ehemann. Josef wich eben nicht aus, sondern stellte sich dem Leben und gestaltete es. Was kann es wunderbareres geben? Ein Mensch erkennt was zu tun ist für andere, er überwindet seinen Stolz und seine Bequemlichkeit und ändert sein Leben. Das ganze weihnachtliche Wunder ist in diesem Verhalten zu entdecken, Josef macht´s wie Gott und wird Mensch. So wie Gott zu uns Menschen Brücken schlägt und Gräben überwindet, so tut es auch Josef und so können auch wir es tun. Damit Weihnachten wird – für alle. Was zu tun ist, findet sich ja meistens von selbst. Es muss nichts spektakuläres sein. Manchmal genügt eine kleine Geste, ein zärtlicher Blick, ein offener Händedruck und all das, was Menschen eben so tun und sagen, wenn sie einander näher kommen. Oder man könnte die Kinder nicht nur mit Spielzeuggeschenken überschütten, sondern selber mit ihnen spielen, oder den Partner einfach mal wieder in den Arm nehmen, oder den Besuch bei oder von den Eltern nicht nur als Pflicht sehen, sondern echte Dankbarkeit rüberbringen oder nicht nur am Nachbarn vorübergehen, ihm einen offenen Händedruck zu gönnen oder, oder, oder … Menschsein ist eigentlich ganz einfach. Weihnachten hilft uns dabei.

Ja, liebe Gemeinde, mit Josef mitten hinein in die Heilsgeschichte Gottes. Wir brauchen nicht staunend am Rand stehen bleiben, Gott selbst lädt uns ein, das kleine Kind aufzunehmen in unseren Alltag. Damit es Weihnachten wird und bleibt.

Ihnen allen daher ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.

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