Mit Gott im Gespräch bleiben

"Und dann kannst du dich zu Hause beruhigt zurücklehnen und weißt, du hast ja ganz heilig gelebt", ein junger Mann aus unserer Region berichtet von seiner Reise durch Nepal und von den vielen Gebetsmühlen, die er dort in Bewegung versetzt hat, ohne den Inhalt der Gebete, die sich da abgespult haben, überhaupt zu kennen. Ihn hat es fasziniert, sagt er, dass Buddhisten Gebete auf Fähnchen aneinander reihen und im Wind flattern lassen – jede Bewegung zähle als "einmal beten". Diese lockere Praxis habe ihn, einen Kirchenfremden, weit mehr angesprochen als die Religion hier, wo alles mit Distanz, Kühle und einer Menge "Aufriss" verbunden zu sein scheine. Besonders fasziniert hat ihn eine Gebetsmühle, die mit Wasser angetrieben wurde: "Da brauchte man nicht einmal mehr zu drehen".

40 Tage und 40 Nächte ist Mose auf dem Berg Sinai gewesen, als Gott ihn gerufen hatte, um mit ihm zu reden. In der Tat, eine Menge "Aufriss" – unterdessen hatte sich das wartende Volk bereits einen bequemeren Gott gesucht und einen goldenen Stier gebaut, Symbol für den Baalskult. Einen Gott, den man sehen und anfassen konnte und der nicht eiferte oder sie am Feiern gegen den Frust der langen Wüstenwanderung hinderte.

Was aber tut Mose, der von Gott selbst diese Nachricht erfährt? Er bittet für sein Volk, er bittet so lange, bis es ihm gelingt, Gott umzustimmen. Ein kühnes und mutiges Unterfangen.

"Wir wollen Fürbitte halten", in jedem Gottesdienst erklingt dieser Aufruf. Und vor unseren Augen sind auch die Bilder derer, die sich in der letzten Woche zusammengefunden haben zum Gebet für die Opfer in Erfurt, auch die Fürbitt-Gottesdienste nach dem 11. September sind uns noch in lebhafter Erinnerung. "Aber das ganze Beten nutzt doch nichts, wenn man betrachtet, was für schreckliche Dinge immer wieder geschehen", das sagen resigniert viele Menschen in diesen Tagen. Ein ganz ernsthafter Christ rechnete mir gar die Zeichen dafür vor, dass Gott nun endlich unerbittlich Schluss machen werde mit der Menschheit, alles deute darauf hin. Gemessen an dem, was Gott von uns heutzutage zugemutet wird, so dachte ich mir beim Nachdenken darüber, gemessen daran war das Goldene Kalb ja wirklich noch harmlos. Autohäuser und Versicherungskonzerne sind die neuen Tempel, Jugend und Schönheit, Tempo und Aktienkurse die Götter, denen wir uns unterwerfen.

"Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir". Und: "Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!", ich glaube, von allen Geboten verstoßen wir dagegen am leichtfertigsten und oft ganz unbewusst. Es liegt im Menschen begründet, dass er sich von allem und jedem ein Bild machen will, und was er nicht sehen und greifen kann, kann er nicht glauben. Dabei müssten wir langsam wissen, wie wenig wir doch unseren eigenen Augen trauen können und wie oft der Schein trügt.

Umso faszinierender finde ich den Dialog des Mose mit Gott auf dem Sinai. Er spricht mit dem Allmächtigen, den er nicht sehen kann wie mit einem Menschen.

HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und laß dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst.

Das sind fast kindliche Argumente, so, als müsse Gott um sein Ansehen vor den Ägyptern besorgt sein. "Steige hinab, Dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schädlich gehandelt", hat Gott in seinem traurigen Zorn gesagt, nicht "mein Volk". Mose aber gibt ihm die Verantwortung zurück: Er sagt Gott, dass doch er es gewesen ist, der das Volk herausgeführt hat und dass es sein, Gottes, Volk sei. In diesem Moment denkt Mose kein bisschen an sich selbst, sonst hätte er ja bitten können: "Aber verschone mich, ich habe ja nicht mit gesündigt". Er nutzt seine privilegierte Position, die ihm Gott zugeteilt hat, nicht zu seinem persönlichen Wohl, sondern macht sich zum Vermittler und bittet für die, die schwach geworden sind. Sein Bitten ist dabei durchaus selbstbewusst, er redet mit Gott wie mit einem Partner, ein zähes Ringen. "Lass mich…"sagt Gott, und am Ende des Textes kommt dann der erlösende Satz "Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte." Ich stelle mir vor, dass Mose völlig erschöpft und schweißgebadet aus diesem Dialog herausging, ein Mensch, der zwischen Gott und "seinem" Volk fast zerrieben wird, der aber nicht aufgibt, auch wenn beide Seiten auseinander zu driften scheinen und er dazwischen zerrissen wird. Dürfen wir denn so mit Gott reden? Gehört es sich, Gott an etwas zu erinnern, ihn, der alles weiß? Ich denke, wir dürfen nicht nur, sondern Gott fordert das geradezu, er fordert uns dazu heraus. Er möchte wissen, und zwar von uns selbst, was wir ihm zu sagen haben. Unbedingt.

Ich denke an Hiob, den Menschen im Leid. "Ich will zum Allmächtigen reden, mit ihm zu rechten ist mein Wunsch", sagt er. Ihn hat Gott letztendlich rehabilitiert allein darum, weil er mit ihm gesprochen hat, immer wieder. "Mein Zorn ist über dich und deine drei Freunde entbrannt, denn ihr habt nicht recht zu mir geredet wie mein Knecht Hiob", sagt Gott zu Elifas von Teman in seiner Schlussrede. Natürlich müssen wir auch die Antwort Gottes zu hören verstehen. Denn genau hier liegt der Unterschied zu den eingangs erwähnten Gebetsmühlen, die einen einsamen Monolog herunterleiern. Unser Gott ist ein lebendiger Gott, kein goldenes Kalb und keine Buddhafigur. Gott hört, wenn wir mit ihm sprechen. Und er will, dass wir nicht bloß über ihn sprechen (das wäre gleichzusetzen damit, dass wir uns ein Bild von ihm machen), sondern dass wir zu ihm, in seiner Richtung, reden. Nur dann sind wir auch in der Lage, seine Antwort wahrzunehmen.

Mit Gott reden erfordert also auch Anstrengung, nämlich die, alles andere zumindest für diese Zeit außen vor zu lassen, uns ganz auf Gott zu konzentrieren. "Begnüge dich mit nichts, was weniger ist als Gott", hat Maria Ward die Begründerin eines Frauenordens im 16. Jahrhundert zu ihrer Devise erklärt. Das genau tut Mose, er steigt nicht vom Berg hinab, bevor er eine Antwort hat, die voller Gnade und Liebe ist. Er spürt, dass Gott das "halsstarrige Volk" ebenso liebt wie er selbst, der leidende Vermittler.

"Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte." Und wie ist das nun mit uns? Kann unser Gebet Gott umstimmen? Ich glaube, das ist ein falscher Denkansatz. Die Frage: "Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?" ist durch die Geschichte mit Jesus Christus, durch sein Leben, Sterben und Auferstehen für uns ein für allemal beantwortet – wir sind als Getaufte, um es mit dem Theologen Karl Barth auszudrücken, "begnadigte Sünder". Aber was das für unser Handeln bedeutet, werden wir nicht verstehen ohne das Gebet. Nur, wenn wir mit Gott im Gespräch bleiben und den Dialog nicht abreißen lassen, werden wir lernen, seine Stimme aus den vielen anderen, die uns beeinflussen wollen, herauszuhören. Nur dann werden wir begreifen, wo unser Platz in dieser Welt ist und wohin er uns stellt, welchen Part er uns zugedacht hat, wenn wir ihn bitten "Dein Wille geschehe". Beten und Tun sind schließlich untrennbar miteinander verbunden.

Der schlesische Pfarrer Johann Heerman, der das Ende des schrecklichen 30jährigen Krieges nicht mehr erlebte, hat dies ebenso empfunden. Mit ihm wollen wir bitten:

"Gib, dass ich tu mit Fleiß
was mir zu tun gebühret
wozu mich dein Befehl
in meinem Stande führet
Gib, dass ichs tue bald,
zu der Zeit, da ich soll.
Und wenn ichs tu, so gib,
dass es gerate wohl."

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