Mit der Pubertät am Ende

Liebe Gemeinde,

Wüstenzeiten kennen wir alle. Eine davon liegt auf dem Weg vom Kleinkind zum Erwachsenen: die Pubertät – Zeit der Anfechtungen und Fragen, Zeit der Rebellion und Erforschung der Grenzen – Wüstenzeit. In unserer heutigen Pfingstgeschichte geht es um die Wüstenzeit – wenn man es so nehmen will die Pubertät der Gemeinde, um neue Lösungen und Strategien auf dem Weg des Erwachsenwerdens. Hören wir den ersten Teil der Geschichte:

[TEXT: V. 11-12.14-15]

Hier sehen wir den großen Mose völlig am Ende. Ausgebrannt. Lieber will er sterben als sich weiter für die Gemeinde aufarbeiten. Die benehmen sich doch wie Kleinkinder, beklagt er sich bei Gott. "Ich kann nicht mehr, ich mag nicht mehr, ich geh keinen Schritt mehr, tragt mich Mama, Papa." Kleinkinder rufen so etwas, aber ich bin weder ihre Mutter noch ihre Amme; was soll ich die Gemeinde noch vorwärts schieben und tragen? fragt er Gott, warum legst du mir solche Last auf? Bis jetzt hat Mose die Gemeinde nach Gottes Anweisungen brav angeführt. Sie sind weite Wege in die Wüste vorangegangen, Feuer- und Wolkensäule vor Augen, Tag für Tag, Nacht für Nacht, Jahr um Jahr. Und plötzlich will Mose den ganzen Krempel einfach hinschmeißen? Was ist passiert? Irgendeiner hat angefangen laut zu denken – an Fleisch. Nicht, dass es nicht genug zu essen gäbe, täglich genug Manna abends und morgens und Wasser zu trinken. Aber einer hat angefangen laut zu denken – an Fleisch. Und plötzlich hat es alle angesteckt. Mmhh, Fleisch, Fisch, Knoblauch, Zwiebeln, Gurken, Melonen. Wir wollen Fleisch wie in Ägypten, Eintopf, Suppe, Fisch in der Wüste ist irgendwie utopisch, aber Fleisch, Mose, das muss doch machbar sein, wir ziehen mit Gott! Fleisch, Fleisch muss her! Und Mose denkt sich: können sie nie zufrieden sein; ich gebe doch schon mein bestes: ich murre nicht ich bemühe mich darum ein gutes Vorbild zu sein, stehe jeden morgen auf und sammle die Mannschaft zum Weiterziehen, baue mit ihnen das Lager auf, kämpfe selbst mit meinen körperlichen Problemen, aber es geht doch ins gelobte Land, in die Freiheit, wir wollen doch ganz neu anfangen. Wie können sich die anderen wegen des Essens in die Sklaverei zurückwünschen. Sind sie so kurzsichtig? So vergesslich? Bedeutet es ihnen nichts in Zukunft als Gottes freies Volk zu leben? Ich kann nicht mehr, wie soll ich so einen kindischen Haufen leiten, du bist doch unser Vater, unsere Mutter, Gott, tu mal was, sonst gehe ich drauf!

Ich denke, liebe Gemeinde, wir können beide Seiten gut verstehen. Es gibt Zeiten, in denen wir uns einbilden ohne einen gewissen Luxus nicht anständig leben zu können. Irgendeiner setzt uns den Floh ins Ohr und es geht um wie ein Lauffeuer. Wir sind versorgt, uns geht es nicht schlecht und doch wollen wir mehr und immer mehr. Ein riesiger Industriezweig lebt davon – die überall präsente Werbung. Manche Lebensmittel werden sogar nach Marktbedürfnissen erfunden, manches aus Abfällen gebasteltes als Designerprodukt hochgelobt. Man gönnt sich ja sonst nichts… Und schon steckt man drin im Teufelskreis des Konsums. Wieviel Freiheit ist uns das wert? Lohnt es sich deswegen große Perspektiven aufzugeben? Denken wir nur daran wieviel Menschenwürde durch den Markenterror an den Schulen verletzt wird. Die Kinder wollen mehr und mehr und nur vom Feinsten, Klamotten und Handys und noch so manches, weil es ihnen eingeredet wird. Einer fängt an – ein sogenannter Trendsetter – und alle wollen mitmachen. Gerade in der Pubertät ist Dabeisein in der Gruppe der peers, der Gleichaltrigen unheimlich wichtig. Eltern gehören da schon in die zweite Reihe. Für die Gier, die entfacht wird, müssen viele teuer bezahlen, die den Spagat zwischen Können und Wollen nicht mehr halten können. Wer ertappt sich nicht auch mal bei dem gedanken: alle haben das, das muss auch mir zustehen. Ich will das auch haben. Manchmal sind auch wir noch ziemlich pubertär … Selbst Kirche heute kommt um diese Thematik nicht herum. Sie "muss" ihr Produkt so verpacken, dass wieder Sehnsucht aufkommt, braucht ein neues Logo, das zieht, muss ihr Gesicht aufpolieren und sich nach Marktumfragen den Wünschen anpassen. Sonst geht das Volk nicht mehr mit. Alles muss schöner und moderner sein, in Konkurrenz zu den Veranstaltungen der Firmen und Verbände. Wenn ein einmaliges Superspectakel geboten wird lassen sich gern noch ein paar Kirchgänger mehr gewinnen … Doch die Gemeindemitglieder, Mitarbeiter, Pfarrer Gemeindeleiter, sind oft vom Typ Mose. Sie warten auf Weisung von oben. Sie arbeiten zäh und oft geduldig, jahrelang. Opfern ihre Zeit und Energie in der Hoffnung auf eine sinnvolle gemeinsame Gestaltung für die Zukunft; auf erwachsenes Miteinander gleichwertiger Partner. Wenn die anderen sich dann nur bedienen lassen, immer nur unzufrieden nörgeln, dass es anderswo besser ist, dass ein Laden, der immerhin zu Gott gehört doch besseres zu bieten haben sollte als das, was da so kommt, dann ist der Ruf: "ich kann das nicht allein tragen" keine Seltenheit. Viele sind daran ermüdet und haben aufgegeben, sind daran krank geworden.

Liebe Gemeinde, sicher stimmen sie mir zu, dass das nicht die Lösung sein kann. Weder Mose noch die Gemeinde haben hier die Pubertät verlassen. In unserem Predigttext greift Gott, der Vater, die Mutter noch einmal wegweisend ein. Und setzt pädagogische Maßstäbe: Zu ersten erfüllt er den Wunsch nach Fleisch. Diesmal kommt keine wohldosierte Mahlzeit wie beim Manna: soviel wie jeder essen kann, dass es ihm gut tut und nicht mehr – der Rest verrottet – sondern Essen, Fleisch die Fülle. Tonnenweise regnet es Wachteln vom Himmel. Meter um das Lager herum liegen noch die Tiere. Was passiert? Nein kein gemeinsames Freudenmahl, keine Vorratshaltung. Manche von Ihnen kennen das sicher, wie es war – das erste Fleisch nach dem Krieg oder nach einer langen vegetarischen Phase: die Augen sind oft größer als der Mund. Man kann gar nicht so viel essen wie man will… und so mancher Israelit in der Wüstenzeit hat sich schier vor Gier zu Tode gefressen. So grausam kann es sein, wenn man seine Kinder in die Entscheidungsfreiheit entlässt. Doch irgendwann muss jeder lernen seine Bedürfnisse und Möglichkeiten richtig einzuschätzen, seine Entscheidungen selbst zu verantworten und die Konsequenzen selbst zu tragen. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Ein harter Weg in die Freiheit und doch der einzige. Zum zweiten kann eine Gemeinschaft aber nur als erwachsen auftreten, wenn sie auch eine gewisse Struktur für ihr zusammenleben findet. Einen neuen Führungsstil. Hören wir dazu weiter aus dem 4. Buch Mose:

[TEXT: V. 16-17.24-25]

Hier, liebe Gemeinde, finden wir nun etwas, was uns bekannt vorkommen sollte. Hier geschieht Pfingsten: Die Gemeinde erhält in ihrer Orientierungslosigkeit neue Führungsstruktur, Gottes Geist ergreift nicht einen, sondern 70 genauer sogar 72 Leute und versetzt sie in Verzückung. Wie die Jünger Jesu in Jerusalem, als Gottes Geist auf sie herabkommt. Die Leute halten sie für betrunken, völlig abgedreht – auffällig im Verhalten, ausgelassen und sie reden, auch die einfachsten Fischer, voller Begeisterung, ohne Hemmungen, für alle verständlich vor der Menschenmenge. Keine Sprachbarrieren – prophetische Verzückung. Und viele Menschen werden zur Gemeinde Gottes dazugewonnen. Jemand sagte einmal, "wenn man Menschen dazu bringen möchte ein Schiff zu bauen, dann muss man in ihnen die Sehnsucht nach dem Meer wachrufen, alles andere kommt von selbst." Begeisterung wecken und Begeisterung spüren lassen, das ist wichtig damit die Gemeinschaft ihren Weg in das gelobte Land fortsetzen kann. Wege mit Gott sind Wege, wo nicht blind einer hinter dem anderen herläuft um dann zu jammern, wo man ihn wohl hingeführt hat. Wege mit Gott sind Wege der Entscheidung, einer Begeisterung zu folgen, von der man sich hat anstecken lassen.

Mose, der meint allen alles abnehmen zu müssen und allein die Verantwortung zu tragen ist ein Auslaufmodell genauso wie derjenige, der sich nur mittragen lässt, solange es keine Schwierigkeiten gibt. Gemeinde zu sein ist eine Aufgabe für viele. Gemeinsam von Gottes Verheißungen zu erzählen und sich so auf den Weg zu machen ist die erwachsene Antwort der Kinder Gottes auf dessen Liebe und dessen Führung durch die Wüstenzeiten in die Freiheit. Vergessen und Routine erwecken Langeweile und Begehrlichkeiten, die uns gefangennehmen und binden. So bleiben wir leicht auf der Strecke und erreichen nie ein Ziel, eine Zukunft, in der es sich menschenwürdig leben lässt. Deshalb feiern wir jedes Jahr Pfingsten. So ist es kein Zufall, dass die Jünger Jesu gerade an dem Fest ihre Geisterfahrung machen, an dem an Mose in der Wüste gedacht wurde und an die 70 verzückten Väter, die ihm helfen sollten die Last des Volkes zu tragen. Gehen wir mit durch die Wüste in das gelobte Land, wo Milch und Honig fließen! Packen wir Gegenwart und Zukunft miteinander voller Begeisterung an! Der Geist Gottes möge auch auf uns herniederkommen!

"Komm, Heilger Geist, mit deiner Kraft,
die uns verbindet und Leben schafft.
Wie das Feuer sich verbreitet
und die Dunkelheit erhellt,
so soll uns dein Geist ergreifen,
umgestalten unsre Welt.
Wie der Sturm so unaufhaltsam,
dring in unser Leben ein.
Nur wenn wir uns nicht verschließen,
können wir deine Kirche sein.
Schenke uns von deiner Liebe,
die vertraut und die vergibt.
Alle sprechen eine Sprache,
wenn ein Mensch den andern liebt.
Komm, Heilger Geist, mit deiner Kraft,
die uns verbindet und Leben schafft!

drucken