Mit dem Herzen sehen

Liebe Gemeinde,

vielleicht hat sich auch von Ihnen schon jemand den neuen Luther-Film angeschaut. Da sieht man auch immer wieder den junge Luther alleine in seiner Mönchszelle und auch auf der Wartburg, wie er verzweifelt damit ringt, dass er sich nicht gut genug findet, dass er sich vom Teufel angefochten fühlt, wie er zittert vor der ewigen Strafe. Und wir verstehen, wie befreiend und unendlich zentral für ihn die Erkenntnis war, dass es nicht die guten Werke sind, die ausschlaggebend sind für das Bestehen im Gericht, sondern allein der Glaube an den dreieinigen Gott. Was aber sucht dann ein Text wie dieser im Evangelium, ein Text, der uns das Fürchten lehrt.

Ausgerechnet Jesus, der Erlöser, der, der für uns gestorben ist, schildert hier eine beeindruckende Szenerie. Nicht sein Vater, er selbst wird es sein, der die Völker vor sich versammelt und die Böcke von den Schafen trennt. Und alle müssen antreten, nicht nur die, von denen wir gemeinhin denken, die haben es nötig.

Wir neigen ja manchmal gerne dazu, selbst ein bisschen Weltenrichter zu spielen. Da gibt es Kandidaten, von denen wir ganz sicher zu sein glauben, dass das ewige Feuer für sie gedacht ist: nicht nur so grauenhafte Diktatoren wie Hitler oder Stalin, nein, vielleicht auch dieser oder jener Mitläufer, Spitzel, den wir kannten. Jener Großfinanzier oder Rüstungshändler, naja und vielleicht jemand, den wir ganz privat kennen und glauben, um seine abgrundtiefe Schlechtigkeit zu wissen.

Und Leute wie Bonhoeffer und Albert Schweitzer haben natürlich nichts zu befürchten. Der Dalai Lama oder Ghandi? Für die kommt das Ganze doch sowieso nicht in Frage – oder?

Solche Überlegungen widersprechen diametral dem, was Jesus hier meint. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen, sagt er. "Ein Fremder", also nicht einer, den wir erkennen. Und genau hier liegt die Schlüsselstelle zum Verständnis dessen, was gemeint ist mit den Taten der Liebe, von denen Jesus so ausführlich spricht. Nicht, weil es uns die christliche Botschaft vorschreibt, sollen wir Menschen helfen. Nicht, weil wir glauben, nur so "zur Rechten Gottes" sitzen zu können, sollen wir teilen. Es ist ganz anders.

Luther war gewiss: Aus einer lebendigen Bindung an Christus, aus dem Vertrauen auf meinen Herrn wachsen gute Werke – ohne große Anstrengung, ohne Berechnung, ohne eine Sicherheit, die ich mir selbst damit schaffen will. Nicht ein gutes Werk kann ich aus mir selbst hervor bringen. Vielmehr gilt: Christus tut sein Werk an mir, und so wächst Glaube, und so wächst Liebe, und so kann ich ihm dienen in den Menschen, die mir begegnen.

Die, die Gutes tun, wissen nichts davon – und die anderen meinen, sie seien in Ordnung, während sie mit dem Feuer spielen und dann verurteilt werden. So sehr Christus unsere guten Werke will und sich daran freut – uns sollen sie fremd und unbewusst sein. Wenn ich meinen kranken Arbeitskollegen besuche und denke: das bringt mich dem Himmel einen kleinen Schritt näher – dann wird es falsch. Wenn ich die Spende für „Brot für die Welt“ oder das Diakonische Werk etwas größer werden lasse und dabei rechne: wieder ein wenig Platz zwischen mich und das ewige Feuer gebracht – dann wird es schief. Wenn ich die Türken freundlich grüße, ihre Kinder mit meinen spielen lasse und erwarte: wieder ein Stück dem Himmel näher, dann irre ich mich ganz gewaltig.

Es lohnt sich auch, ein bisschen darüber nachzudenken, was damit gemeint ist. "Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen." "Ich bin in meinem ganzen Leben noch nicht im Gefängnis gewesen und habe jemanden besucht. So etwas kann ich gar nicht", wird vielleicht jemand sagen. Und vielleicht hat er damit sogar Recht. Nicht jeder ist geeignet für Gefängnisseelsorge. Aber manchmal sitzt man selbst doch in einem inneren Gefängnis, in einer totalen Zwangslage – und dann kann es unwahrscheinlich befreiend sein, wenn ein guter Freund zuhört, einem hilft, die Gedanken und manchmal auch die Papiere, die man angesammelt hat und durch deren Inhalt man nicht durchblickt, zu sortieren. Der andere merkt es wahrscheinlich gar nicht, wie hilfreich und befreiend diese Tat war.

Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben, spontan denken wir an "Brot für die Welt" oder an andere Hilfsaktionen. Mir fällt dabei etwas ganz anderes ein: Es ist ungefähr ein Jahr her, da hatte ich an einem Sonntag zwei Gottesdienste direkt hintereinander, und danach musste ich noch ganz schnell in die Lokalredaktion der Zeitung, um einen Artikel über eine Veranstaltung zu schreiben, die sich ebenfalls am gleichen Tag abgespielt hatte. Es war Sonntagnachmittag, und irgendwie war mir auf einmal total schlecht. Ich saß vor dem Computer und nichts ging mehr.

Ein Redakteur, der schon den ganzen Tag im Innendienst war, schob mir sein belegtes Brot zu: "Essen Sie erst mal was – dann wird Ihnen sicher besser." Tatsächlich war ich überhaupt nicht zum Essen gekommen. Ich wehrte erst mal ab, weil ich wusste, der Mann war seit morgens im Dienst und musste noch ein paar Stunden bleiben. Aber er nötigte mich mit sanftem Nachdruck, sein Salamibrot zu verzehren. Das brachte mich wieder zum Leben …

Bestimmt hat er das nicht getan mit irgendeinem Gedanken an "gute Werke" – und bestimmt hat er es längst vergessen.

"Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient?" – ich glaube, es ist diese Frage, die Jesus so aufbringt gegen die Selbstgerechten. Sie haben nicht begriffen, was es heißt, mit dem Herzen zu sehen.

Ihnen fehlt das Feuer der Liebe, das diejenigen wärmt, die mitten im Wohlstand so frieren, als wären sie nackt. Aber wer "in Christus" ist, kann eigentlich gar nicht anders als mit solchen Augen sehen. Und wer in Christus lebt, mit seinen Augen sieht, wird ganz unbewusst viele, die hungern und frieren in einer lieblosen Welt aus ihrer ganz privaten Hölle befreien können. Gott gibt die Kraft dazu. Seine Liebe strahlt aus denen, die ihn lieben. Das Reich Gottes ist mitten unter uns, das haben wir am letzten Sonntag gehört, und das können wir uns gar nicht oft genug sagen. Unsere guten Werke sind die Werke, die Gott in uns angerichet hat: Durch sein gutes Werk nämlich, dadurch, dass er uns seinen Sohn geschickt hat . Durch ihn sind wir neu geboren, nur durch ihn sind wir fähig, etwas zu tun, was uns eigentlich Gott geschenkt hat. "Durch Gnade seid ihr selig geworden" heißt es, aber uns selbst bleibt bis zu jenem Tag völlig verborgen bis zu dem Tag, wo er sagen wird Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!

Als wir es nicht wussten, haben wir ihn gespeist und getränkt oder von uns gestoßen, wir sind also in dieser Hinsicht Unwissende – und es ist völlig sinnlos und widersinnig, irgendwelche Taten in eine eigene Waagschale zu werfen. Wenn uns Christus selbst die guten Werke offenbart, wird das große Wundern einsetzen. Dann werden wir erkennen, dass es nicht unsere guten Werke sind, die hier bestehen, sondern das Werk, das Gott – ich zitiere hier Dietrich Bonhoeffer – "zu seiner Zeit ohne unser Wollen und Mühen durch uns getan hat. "Ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt".

So bleibt uns jetzt und in Ewigkeit schlichtweg nichts, als von uns wegzusehen von uns, hinzusehen auf Jesus Christus, der alles für uns schon vollbracht hat, und ihm bedingungslos nachzufolgen. "Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn" heißt es im 1. Korinther 1,31,30. Die Erlösung der Welt beginnt dann, wenn sich ihr Blickwinkel, unser Blickwinkel, unsere Optik wandelt. Sie beginnt dann, wenn wir aufhören zusagen, "Diese Welt ist ja nicht mehr zu retten. Der Zustand unserer Kirche, der Zustand in der Polituik, die Schlechtigkeiit der Menschen, das ist ja alles so gottlos und fürchterlich". So lange wir so reden, haben wir Zweifel am "Guten Werk Gottes."

So lange wir so reden, sind wir weg vom Glauben, abgekommen von der Nachfolge. Nachfolge auf dem Weg zur Erlösung beginnt da, wo wir jedem Einzelnen Einsamen und Verloreren eine andere Sichtweise eröffnen, ihn aus seiner selbstgeschaffenen Hölle herausholen, an seiner Fassade aus Angst und Unsicherheit kratzen, ihn in seiner Verzweiflung aufsuchen. Denn die Angst, Einsamkeit, Verlorenheit und die Verzweiflung jedes einzelnen Menschen, das ist doch die Atmospäre, die dazu führt, dass insgesamt die Welt das Bild bietet, das uns Angst machen kann um ihre Erlösung. Jesus hat sich jedes Menschen, der ihm begegnete, in Liebe angenommen und ihn aus seiner Hölle sozusagen herausgeliebt – und was könnten Glauben und Nachfolge anderes sein als in ihrem bescheidenen Rahmen ganz angstfrei und völlig selbstverständlich, sozusagen "mühelos" das Gleiche zu tun. Das heißt, hinschauen auf Christus, den Anfänger und Vollender des Glaubens.

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