Mit Augen, Herz und Händen sehen

Liebe Gemeinde,

bevor ich den für heute vorgeschlagenen Predigttext verlesen kann, muss ich seine Vorgeschichte erzählen. Vielleicht erinnern Sie sich daran. Pastor Wulff hat vor einigen Wochen über die Heilung eines blind Geborenen gepredigt.

Ein Mensch, der nie in seinem Leben sehen konnte. Jesus öffnet ihm die Augen. Ein ganzes Kapitel widmet der Evangelist Johannes dieser Heilung. Und das aus gutem Grund. Die Heilung ist nur der erste Schritt, sozusagen die Einleitung. So spektakulär sie ist, der eigentliche Schwerpunkt der Erzählung folgt erst später.

Erinnern sie sich? Die Jünger fragen Jesus, wer denn schuld sei, dass dieser Mann blind geboren wurde. Wer so schwer gestraft wurde, muss eine schwere Schuld abtragen, so ihre Vermutung. Doch Jesus weist die Frage nach der Schuld zurück. Niemand ist schuld an dieser Krankheit! Seine Krankheit soll die Augen für Gott öffnen.

Das geschieht dann auch. Mit der Heilung beginnt dieser Mann nicht nur Farben und Formen zu unterscheiden. Die Menschen um ihn herum zu sehen. Er fragt nach Gott. Beim Lesen bekommt man den Eindruck, er sei nun der einzige der sehen kann. Alle anderen vermögen ihn nicht einmal mehr wieder zu erkennen. Die Freunde nicht, die Pharisäer im Tempel nicht, vor denen er doch jeden Tag gesessen hat. Man holt seine Eltern. "Ja, dies ist unser Sohn, der blind war! Aber dass er sehen kann, das können wir selber noch nicht glauben. Damit haben wir nichts zu tun!"

Da verlässt einer die vertrauten Pfade. Die Schublade, in der er doch so gut gepasst hat. Das kann ja nicht gut gehen. Der Hilflose wird auf einmal zum Helfer. Der Blinde zeigt den Weg zu Jesus. Doch diese Hilfe will keiner annehmen. Alle möglichen Einwände bringen die Pharisäer vor. "Wer am Sabbat heilt, kann nicht von Gott sein! Du bist gar nicht blind gewesen!" Auch die Eltern wollen mit der Heilung nichts zu tun haben: "Fragt ihn selbst!"

Und noch einmal wird der Geheilte selbst befragt. Der kann das gar nicht fassen. Wie können Menschen, die ihr Leben lang sehen konnten so blind sein? Ich soll euch auch zu Jesus führen?, so fragt er sie. Ihr wollt ihn auch verehren? Nein, wir halten uns an das Vertraute. Wir haben das Gesetz des Mose. Das ist von Gott. Diesen Jesus kennen wir nicht. Den wollen wir auch nicht.

Noch einmal hakt der Geheilte nach: "Warum verschließt ihr eure Augen? Nur Gott sieht so auf das Leid. Nur Gottes Liebe konnte mich sehen lassen!" Ich denke, es verwundert niemanden, dass die Pharisäer, den Geheilten schließlich vor die Tür setzen. Einen Blinden, dem man ab und zu eine milde Gabe zusteckt, den konnten sie dulden. Einen Lehrer, der mehr weiß als sie? Nein das passt nicht. Der Geheilte wird ausgeschlossen. Er kann jetzt sehen. Dafür ist er allein. Nicht sehr ermutigend, dieser erste Ausflug in die Welt der Sehenden!

Liebe Gemeinde, mit wem in dieser Geschichte können sie sich identifizieren? Mit dem Geheilten, der zum Glauben findet. Der zum Tempel geht, um in der Gemeinschaft mit anderen Gott zu loben. Oder bleiben wir nicht lieber auf der Seite derer, die Menschen in klare Kategorien einteilen: Dem oder der muss geholfen werden. Nach 2000 Jahren Theologie und Kirchengeschichte wissen wir, wer und was Gott ist. Da macht uns keiner mehr was vor.

Hier erst, liebe Gemeinde, setzt der Predigttext für heute ein. Ich lese aus dem 9. Kapitel des Johannesevangeliums:

[TEXT]

Jesus hat von dem ganzen Streit zunächst gar nichts bemerkt. Erst später erzählen ihm die Jünger davon. Jesus sucht den Mann noch einmal auf. "Glaubst du an Gottes Sohn auf dieser Welt?" so fragt er ihn ganz direkt.

Erst jetzt darf der Geheilte seine Last ablegen. "Ich habe so viel neues gesehen. Wer ist denn nun Gottes Sohn." Nicht der vortragende Lehrer erscheint hier, sondern ein Mensch, der um sein Nicht-Sehen-Können weiß. Ich möchte an ihn glauben. Aber wer ist es denn? Jesus antwortet. "Du hast in meiner Hilfe Gottes Tun erkannt. So spricht dich nur Gott an."

Der Glauben entsteht durch die Begegnung mit Jesus. Diese Begegnung kann im Beten sein, sie kann durch Heilung entstehen, sie kann durch Bibellesen, durch das geschriebene Wort geschehen. Ich vermute, auf häufigsten geschieht sie heute durch Vermittlung anderer Menschen. Dadurch das Christen an ihrem Ort etwas von Gottes Liebe verschenken. Indem sie nicht nur nach ihrem persönlichen Vorteil fragen, weil sie sich bei Gott aufgehoben wissen. Indem sie von dem Lebensmut erzählen, den sie durch ihren Glauben gewonnen haben. Indem sie von der Freude erzählen, die sie in der Gemeinschaft um Jesu Tisch erfahren durften.

Die Begegnung mit Jesus kann auf verschiedene Weisen erfolgen – und dadurch entsteht der Glaube. Der Glaube ist ein Geschenk Gottes. Wenn man dieses Geschenk erhalten hat, braucht man nicht zu versuchen, ein Gläubiger zu sein, man braucht nicht die Taten Gottes im tagtäglichen Leben zu suchen. Der Glaube hilft, die Realität anders zu sehen.

Jesus macht die Blinden sehend und die Sehenden blind. So vertraut der erste Teil ist, so ärgerlich ist der Nachsatz. Er ärgert mich, weil ich meine, ein Sehender zu sein. Ich sehe, was gut und schlecht ist. Ich weiß, was ich tun uns lassen muss. Ich habe "alles im Blick". Und das soll verkehrt sein? Dafür soll ich blind werden? Auch die Pharisäer sind empört: "Wir bemühen uns mit aller Kraft, Gottes Willen zu erkennen. Ganz genau haben wir die Gesetze der Thora gelesen. Und wir halten uns daran!"

Noch einmal erfolgt eine überraschende Antwort Jesu. "Wenn ihr nur blind wäret, wäre das kein Problem. Dafür kann keiner etwas. Aber weil ihr meint, alles zu wissen, bleibt ihr schuldig. Ihr seid blind für Gottes lebendiges Handeln. In eurem Streben nach Selbständigkeit hat Gottes Handeln keinen Platz mehr. Ihr verschließt die Augen vor Gott." Johannes beschreibt, dass Jesus dem Blinden nach geht. Jesus lässt ihn nicht allein. Jesus hilft ihm zu sehen, mit Augen, Herz und Händen.

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